Ausgabe 
31.5.1937
 
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fttfj Torgelow und Katzenstein (was keinen Unterschied macht) uns nicht erschüttern werde, uns nicht und unsern Glauben nicht und Stechlin nicht und Wutz nicht. Die Globsower, solange sie bloß Globsower sind, tonnen gar nichts erschüttern. Aber wenn erst der Buschen ihre Enkelkinder, denn die Karline wird doch wohl schon mehrere haben, ihre Knopfstiesel und ihre roten Strümpfe tragen, als müßt es nur so sein, ja, Dubslav, dann ist es vorbei. Mit der Freiheit, laß mich das wiederholen, hat es nicht viel auf sich; aber die roten Strümpfe, das ist was. Und dir trau ich ganz und gar nicht, und der Karline natürlich erst recht nicht, wenn es auch vielleicht schon eine Weile her ist."

Sagen wir .vielleicht'."

Oh, ich kenne das. Du willst das wegwitzeln, das ist so deine Art. Aber unser Kloster ist nicht so aus der Welt, daß wir nicht auch Bescheid wüßten."

Wozu hättet ihr sonst euern Fix?"

Kein Wort gegen den."

Und m großer Erregung brach das Gespräch ab. Noch am selben Nach­mittag aber verabschiedete sich Adelheid von ihrem Bruder und fuhr nach Wutz zurück.

Verweile doch! Tod. Begräbnis. Neue Tage.

40. Kapitel.

Agnes, während oben die gereizte Szene zwischen Bruder und Schwe­ster spielte, war unten in der Küche bei Mamsell Pritzbur und erzählte von Berlin, wo sie vorigen Sommer bei ihrer Mutter auf Besuch gewesen war.Eines war da", sagte sie,das hieß das Aquarium. Da lag eine Schlange, die war so dick wie'n Bein."

Aber hast du denn schon Beine gesehn?" fragte die Pritzbur.

Aber, Mamsell Pritzbur, ich werde doch wohl schon Beine gesehn haben... Und dann, an einem andern Tag, da waren wir in einem .Tiergarten', .aber in einem richtigen, mit allerlei Tieren drin. Und den nennen sie den .Zoologischen'."

Ja, davon hab ich auch schon gehört."

Und in dem .Zoologischen', da war ein ganz kleiner See, noch viel kleiner als unser Stechlin, und in dem See standen allerlei Bögel. Und einer, ganz wie'n Storch, stand auf einem Bein."

Als die Mädchen das WortStorch" hörten, kamen sie näher heran.

Aber die Beine von dem Bogel, oder es waren wohl mehrere Vögel, die wären viel größer als Storchenbeine und auch viel dicker und viel röter."

Und taten sie dir nichts?"

Nein, sie taten mir nichts. Bloß, wenn sie so ne Weile gestanden hatten, dann stellten sie sich auf das andre Bein. Und ich sagte zu Mutter: .Mutter, komm; der eine sieht mich immer so an'. Und da gingen wir an eine andere Stelle, wo der Bär war."

Das Kind erzählte noch allerlei. Die Mädchen und auch die Mamsell freuten sich über Agnes, und sie trug ihnen ein paar Lieder vor, die ihre Mutter, die Karline, immer sang, wenn sie plättete, und sie tanzte auch, während sie sang, wobei sie das himmelblaue Kleid zierlich in die Höhe nahm, ganz so, wie sie's in der Hasenheide gesehen hatte.

So kam der Nachmittag heran, und als es schon dunkelte, sagte Engelke:Ja, gnädgcr Herr, wie is das nu mit Agnessen? Sie is immer noch bei Mamsell Pritzbur unten, un die Mächens, wenn sie so singt und tanzt, gucken ihr zu. Sie wird woll auch so was wie die Karline. Soll sie wieder nach Haus, oder soll sie hierbleiben?"

Natürlich soll sie hierbleiben. Ich freue mich, wenn ich das Kind fehe. Du hast ja ein gutes Gesicht, Engelke, aber ich will doch auch mal was andres sehn als dich. Wie das lütte Balg da so saß, so steif wie ne Prin­zeß, hab ich immer hingeguckt und ihr wohl ne Viertelstunde zugesehn, wie da die Stricknadeln immer so hin und her gingen und der rote Strumpf neben ihr baumelte. So was Hübsches hab ich nicht mehr ge­sehn, seit zu Weihnachten die Grafschen hier waren, die blasse Komtesse und die Gräfin. Hat sie dir auch gefallen?"

Engelke griente.

Na, ich sehe schon. Also Agnes bleibt. Und sie kann ja auch nachts mal aufstehn und mir eine Tasse von dem Tee bringen, oder was ich sonst grade brauche, und du alte Seele kannst ausschlafen. Ach, Engelke, das Leben is doch eigentlich schwer. Das heißt, wenn's auf die Neige geht; vorher is es soweit ganz gut. Weiht du noch, wenn wir von Branden­burg nach Berlin ritten? In Brandenburg war nicht viel los; aber in Berlin, da ging es."

Ja, gnädger Herr. Aber nu kommt es."

Ja, nu kommt es. Nu is Katzenpfötchen dran. So was gab es damals noch gar nicht. Aber ich will nichts sagen, sonst wird die Buschen ärgerlich, und mit alten Weibern muß man gut stehn; das is noch wichtiger als mit jungen. Wnd, wie gesagt, die Agnes bleibt. Ich sehe so gern was Zier­liches. Es is ein reizendes Kind."

Ja, das is sie. Aber ..."

Ach, laß die ,Abers'. Du sagst, sie wird wie die Karline. Möglich is es. Aber vielleicht wird sie auch ne Nonne. Man kann nie wissen."

Agnes blieb also bei Dubslav. Sie saß am Fenster und strickte. Mal in der Nacht, als ihm recht schlecht war, hatte er nach dem Kinde rufen wollen. Aber er stand wieder davon ab.Das arme Kind, was soll ich ihm den Schlaf stören? Und helfen kann es mir doch nicht."

So verging eine Woche. Da sagte der alte Dubslav:Engelke, das mit der Agnes, das kann ich nich mehr mit ansehn. Sie sitzt ja jeden Morgen und strickt. Das arme Wurm muß ja hier umkommen. Und bloß alles, weil ich alter Sünder ein freundliches Gesicht sehn will. Das geht so nicht mehr weiter. Wir müssen sehn, daß wir was für das Kind tun können. Haben wir denn nicht ein Buch mit Bildern drin oder so was?" Ja, gnädger Herr, da find ja noch die vier Bände, die wir letzte Weihnachten bei Buchbinder Zippel in Gransee haben einbinden lassen. Eigentlich war es bloß ne .Landwirtschaftliche Zeitung', und alle, die mal neu Preis gewonnen haben, die waren drin. Und Bismarck war auch drin un Kaiser Wilhelm auch."

Ja, ja, das is gut; das gib ihr. Und brauchst ihr auch nich zu sagen, daß sie keine Eselsohren machen soll; die macht keine."

Wirklich, dieLandwirtschaftliche Zeitung" lag am andern Morgen da, und Agnes war sehr glücklich, mal was andres zu haben als ihr »tritt« zeug, und die schönen Bilder ansehn zu können. Denn es waren auch Schlösser drin und kleine Teiche, drauf Schwäne fuhren, und auf einem Bilde, das eine Beilage war, waren sogar Husaren. Engelke brachte leben Morgen einen neuen Band, und mal erschien auch Elfriede, die Lorenzen, um nach Dubslavs Befinden fragen zu lassen, von der Pfarre heruber- geschickt hatte.Die kann sich ja die Bilder ansehn", sagte Dubslav;am Ende macht es ihr selber auch Spaß, und vielleicht kann sie dem kleinen Ding, der Agnes, alles so nebenher erklären, und dann is es so gut wie ne Schulstunde."

Elfriede war gleich dazu bereit. Und nun standen die beiden Kinder nebeneinander und blätterten in dem Buch, und die Kleine sog jedes Wort ein, was die Große sagte. Dubslav aber hörte zu und wußte nicht, wem von beiden er ein größeres Interesse zuwenden sollte. Zuletzt aber war es doch wohl Elfriede, weil sie den wehmütigen Zauber all derer halte, die früh abberufen werden. Ihr zarter, beinahe körperloser Leib schien zu sagen:Ich sterbe". Aber ihre Seele wußte nichts davon; die leuchtete und sagte:Ich lebe".

Das mit den Bilderbüchern dauerte mehrere Tage. Dann sagte Dubs­lav'Engelke, das Kind fängt heute schon wieder von vorn an; es ist mit allen vier Bänden, so dick sie sind, schon zweimal durch; ich sehe, wir müssen uns was Neues ausbaldowern. Das is nämlich ein Wort aus der Diebssprache; soweit sind wir nu schon. Uebrigens ist mir was Gutes ein­gefallen: hol ihr eine von unfern Wetterfahnen herunter. Die stehn ja da bloß so rum, un wenn ich tot bin und alles abgeschätzt wird was sie .ordnen' nennen, dann kommt Kupperschmied Reuter aus Gransee und taxiert es auf fünfundsiebzig Pfennig."

Aber, gnädger Herr, uns' Waldemar ..."

Nu ja, Waldemar. Waldemar ist gut, natürlich, und die Komtesse, seine junge Frau, is auch gut. Alles is gut, und ich hab es auch nicht so schlimm gemeint; man red't bloß so. Nur soviel is richtig: meine Sammlung oben is für Spinnweb und weiter nichts. Alles Sammeln ist überhaupt verrückt, und wenn Woldernar sich nich mehr drum kümmert, so is es eigentlich bloß Wiederherstellung von Sinn und Verstand. Jeder hat feinen Sparren, und ich habe meinen gehabt. Bring aber nich gleich alles runter. Nur die Mühle bring und den Dragoner."

Engelke gehorchte.

Den ersten Tag, wie sich denken läßt, war Agnes ganz für den Dra­goner, der, als man ihn vor Jahr und Tag von feinem Zelliner Kirch­turm heruntergeholt hatte, frisch aufgepinselt worden war: schwarzer Hut, blauer Rock, gelbe Hosen. Aber sehr bald hatte sich das Kind an der Bunt­heit des Dragoners fattgesehen, und nun kam statt seiner die Mühle an die Reihe. Die hielt länger vor. Meistens wenn sie nur überhaupt erst im Gange war brauchte das Kind bloß zu pusten, um die Mühl­flügel in ziemlich rascher Bewegung zu halten, und der schnarrende Ton der etwas eingeroftelen Drehvorrichiung war dann jedesmal eine Luft und ein Entzücken. Es waren glückliche Tage für Agnes. Aber fast noch glücklichere für den Alten.

Ja, der alte Dubslav freute sich des Kindes. Aber so wohltuend ihm feine Gegenwart war, so war es auf die Dauer doch nicht viel was andres, als ob ein Goldlack am Fenster gestanden oder ein Zeisig ge­zwitschert hätte. Sein Auge richtete sich gerne darauf; als aber eine Woche und dann eine zweite vorüber war, wurd ihm eine gewisse Verarmung fühlbar, und das so stark, daß er saft mit Sehnsucht an die Tage zurück­dachte, wo Schwester Adelheid sich ihm bedrücklich gemacht hatte. Das war sehr unbequem gewesen, aber sie besaß doch nebenher einen guten Verstand, und in allem, was sie sagte, war etwas, worüber sich streiten und ein Feuerwerk von Anzüglichkeiten und kleinen Witzen abbrennen ließ. Etwas, was ihm immer eine Hauptsache war. Dubslav zählte zu den Friedliebendsten von der Welt, aber er liebte doch andrerseits auch Friktionen, und selbst ärgerliche Vorkommnisse waren ihm immer noch lieber als gar keine.

Kein Zweifel, der alte Schloßherr auf Stechlin sehnte sich nach Men­schen, und da waren es denn wahre Festtage, wenn Besucher aus Näh oder Ferne sich einstellten.

Eines Tages es schummerte schon erschien Krippenstapel. Er hatte seinen besten Rock angezogen und hielt ein übermaltes Gesäß, mit einem Deckel darauf, in feinem linken Arm.

Nun, das ist recht, Krippenstapel. Ich freue mich, daß Sie mal" nachsehn, ob unser Museum oben noch seinen ,Chef hat. Ich sage .Chef. Der Direktor find Sie ja selber. Und nun kommen Sie auch gleich noch mit ner Urne. Hat gewiß Ihr Freund Tucheband irgendwo ausgegraben. Oder is es bloß ne Terrine? Himmelwetter, Krippenstapel, Sie werden mir doch nich ne Krankenfuppe gekocht haben?"

Nein, Herr Major, keine Krankenjuppe. Gewiß nicht. Und doch is es einigermaßen so was. Es ist nämlich ne Wabe. Habe da heute mittag einen von meinen Stöcken ausgenommen und wollte mir erlaubt haben, Ihnen die beste Wabe zu bringen. Es ist beinah fo was wie der mittel­alterliche Zehnte. Der Zehnte, wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf, war eigentlich was Feineres als Geld."

Find ich auch. Aber die heutige Menschheit hat für fo was Feines gar keinen Sinn mehr. Immer alles bar und nochmal bar. Oh, das gemeine Geld! Das heißt, wenn man teins hat; wenn man's hat, ist es soweit ganz gut. Und daß Sie gleich an Ihren alten Patron ein Wort, das übrigens vielleicht zu hoch gegriffen ist und unser Verhältnis nicht recht ausdrückt gedacht haben! Lorenzen wird es hoffentlich nicht Übelnehmen, daß ich Sie, wenn ich mich Ihren .Patron' nenne, so gleich­sam avancieren lasse. Ja, das mit der Wabe. Freut mich aufrichtig. Ader ich werde mich wohl nicht drüberher machen dürfen. Immer heißt es: ,das nicht'. Erst hat mir Spanholz alles verboten und nu die Buschen, und fo leb ich eigentlich bloß noch von Bärlapp und Katzenpfötchen."

(Fortsetzung folgt.)