Die Fabel des Schauspiels „Reims" ist einfach und schlicht wie die Durchführung: ein Soldat hört, daß im Heimatdorf seine Frau ihn mit einem russischen Kriegsgefangenen betrüge. Er desertiert, um nach dem Rechten zu sehen. Er wird vor ein Kriegsgericht gestellt. Die Aussagen, die er macht, zunächst bezweifelt, bewahrheiten sich durch das Zeugnis seines Leutnant. Der Soldat hört im Prozeßverfahren, daß während feiner Abwesenheit sein Regiment fast restlos vernichtet wurde. Er erkennt seine Schuld und kehrt mit diesem tiefsten menschlichen Schuld- gefühl an die Front zurück, wo ihn vor Reims neuer Kampf und Erlösung erwartet.
So schlicht wie dieser Borwurf ist auch die Gestaltung, die aber doch das eiserne Lied des Krieges einfängt. Eine nüchterne Tatsachenmeldung ist Bethge Anregung zu seinem Kriegsepos gewesen. Die Wirklichkeit brachte dem Soldaten zehn Jahre Zuchthaus — der Dichter, Soldat eben, schenkt ihm Begnadigung. Ernst Jünger schreibt: „Die kräftigste Erdluft, die daran haftet, rief in mir lebhaft die Erinnerung an die Gräben wach, daneben fehlt es nicht an Stellen, die beweisen, daß uns während dieser Zeit nicht wie den Maulwürfen die Augen zugewachsen sind." Bethge vermochte einen durch und durch heroischen Stoff heroisch zu gestalten. Seinem eigenen Grundsatz gemäß mied er jedes Pathos. Darum war „Reims" ein mythisches und zugleich naturalistisches Bild vom Kriege.
Im „Marsch der Veteranen" erfüllte Bethge dann am schönsten das Vermächtnis der Front. Er hat die Heimkehrer gesehen, denen einmal gesagt wurde, daß ihnen der Dank des Vaterlandes gewiß sei. Er hat erlebt, wie der Soldat des Krieges in einer schmachvollen Zeit ohne Dank blieb. Der Dichter las im April 1932 in den Zeitungen von dem Hungermarsch amerikanischer Kriegsteilnehmer zum Weihen Haus in Washington. Die Veteranen schlugen vor dem Regierungssitz ihr Lager auf und schaufelten mit Blumen geschmückte Gräber, auf denen Kreuze die Namen der Regierungsmitglieder nannten. Entgegen den Abmachungen des Führers der Veteranen mit dem Chef der Regierungstruppen, die freien Abzug garantierten, werden sie mit Tanks und Tränengas vertrieben. Für den nationalsozialsozialistischen Dichter, so sagt Bethge selbst, mar hier der Stoff und die Art der Gestaltung gegeben. Um zeitlichen und künstlerischen Abstand zu gewinnen, verlegt er das Ereignis in das napoleonische Rußland. So läßt Bethge seine Veteranen in Petersburg einmarschieren. In der Auseinandersetzung mit dem zaristischen Regime verherrlicht Bethge den soldatischen Geist schlechthin, der sich in Disziplin, Gehorsam und dem festen Glauben an das gegebene Wort erweist. Die über alles siegende Kameradschaft, tausendmal unter Kanonendonner bewährt, glorifiziert Bethge. Wie er dieses Lied vom Soldatentum singt, ist es ein Schulbeispiel, wie der dichterische Mensch Themen der Gegenwart in die Historie zu verlegen vermag, um sie in der Ebene gleichnishaft zu gestalten.
Gerade in „Reims" und im „Marsch der Veteranen" ist das formelle Vermögen Bethges zu erkennen. In knappster Sprachführung und diszipliniertem dramaturgischem Aufbau löst er den Konflikt. Bethge spricht selbst oft davon, daß bester Lehrmeister des Dramatikers das Schachspiel sei. Und wie bei diesem baut er auf. An seinen beiden Dichtungen ist beispielhaft die sichere dramaturgische Lösung aufzuzeigen, wie sie die große Dichtung enthalten muß. Diese dramaturgische Kraft des Dichters paart sich mit der zuchtvollen Sprache, die mit balladeskem Wort bei aller Schlichtheit immer transparent bleibt. So finden sich in Friedrich Bethge alle die Mittel vereint, die Rüstzeug des großen Dramatikers sind. Jetzt wurde ihm auch die Anerkennung gegeben, die sein Werk verdiente, und alle, die Bethge kennen, freuen sich mit dem Manne, der durch alles Leid ein Kinderherz behielt. Gerade die Jugend bekennt sich rückhaltlos zu ihm, weil er ihr vieles von dem sagte, was sie als Ideal zu leben sich bemüht. Die Millionen Soldaten des Krieges aber erfahren in der Ehrung eines ihrer Kameraden auch den Dank und die Anerkennung, an der sie, wie er, berechtigten Anteil haben.
Brockenbesteiaunq.
Eine Jugenderinnerung von Paul Ernst.
Heute ist der Brocken ohne alle Schwierigkeiten durch die Brockenbahn zu erreichen: schon lange vorher aber bot eine Brockenbesteigung keine besonderen Aufgaben, denn eine bequeme Landstraße führte bis zum Gipfel. Etwa um die Mitte des siebzehnten Jahrhunderts beginnen die ersten Beschreibungen von Brockenbesteigungen, von denen aus der des Fürsten Friedrich von Anhalt-Bernburg einige Sätze folgen mögen: „Wären (von Rübeland) nach dem Brockensberge zugegangen, und hätten ihn durch einen morastigen, steinichten und sonsten bösen Weg eine Meile hinanbestiegen, die Bäume sich aber in der Höhe immer oergeringert, und endlich gar verloren, also, daß oben der Platz, einer guten halben Meile groß ganz kahl mit Haide bewachsen, teils morastig, teils felsig und hart wäre gewesen. Anfangs hätten sie auf offenem Platz ihnen zur linken Hand sich aufeinander gefügte sehr große Steine gesehen, welche daselbst des Königs Kapelle genannt wurden, besser hinauf über ihnen zur Rechten wäre ein ziemlich tiefer und großer Teich gewesen, ungefähr zwei oder drei Morgen groß, der Zauberteich genannt, und weiter fort ein schöner großer Quell guten Wassers, an welchen ein Stein gelegen mit einem Loche, worin eine eiferne Stange gestanden daran eine eiserne Kelle mit einer Kette angeheftet gewesen, welcher Quell der Zauberbrunnen (heute Kellwasser) genannt wurde. Der Wegweiser hätte, weil es sehr neblich gewesen, sich nicht getraut, den Weg nach Andreasberg zu finden, hätten also die vorige Beschwerde wiederholen und mit Gefahr Menschen und Tiere herabziehen müssen. Sie hätten hernach zur rechten Hand auf einem hohen Berge, die Höhe genannt, viel Felsen und Steinklippen, fast wie eine Mauer liegen lassen, und wären endlich an etliche aufeinander geschichtete Felsen, so auch die Königskapelle wäre geheißen worden und am Wege gelegen, gekommen."
Wer wirklich Freude an dem Besuch des Brockens haben will, wird auch heute noch lieber zu Fuß aufsteigen als sich der Bahn anoertrauen,
deren Rauch und Geräusch häßlich die Ruhe der Berge und Täler stört. Merkwürdig, wie die Menschen heute immer durch das Mittel den Zweck verjagen; wer mit der Harzquerbahn und ihrer Abzweigung auf den Brocken fährt, der sucht die einsamen grünen Täler mit dem rauschenden und kalten, klaren Wasser, in welchem die Forelle springt, und die Waldeseinsamkeit der runden waldbedeckten Höhen, der weiten dunkeln Hochebenen, aber der Eisenbahnzug, der ihn durch diese Herrlichkeit trägt, zerstört die Einsamkeit ja gerade; was der Mensch fliehen will, das bringt er mit an den Ort, wohin er flieht.
Der Aufstieg auf den Brocken ist so wenig mühsam, daß wir als Schüler von Clausthal aus in etwa sechs Stunden den Brockengipfel erreichten; mir gingen die Nacht durch, daß wir zum Sonnenaufgang oben waren und kehrten bann wieder zurück. Ein solcher nächtlicher Weg gehört zu meinen schönsten Erinnerungen. Wir gingen über Altenau und Torfhaus; erst die schöne Altenauer Chaussee, die durch Fichtenhochwald führt, in welchem nächtliche Stille herrschte; am Polstertal schnitten wir leichtsinnig die Windungen der Chaussee ab, indem wir in der Dunkelheit den schmalen Fußweg einschlugen, der oberhalb der Altenauer Hütte herauskommt; wir gingen einer hinter dem andern tappend den steilen Hüttenberg zwischen den Fichten auswärts, bis wir auf der Hohe an» tarnen, wo von der andern Seite der Berge der Hüttenrauch den Baum- wuchs vernichtet hat, und wir nun nicht mehr die dunkeln Zweige über uns hatten, sondern die Wolken, die zogen und sich drängten; und bald ging dann auch der Mond auf, der die weitläufige Hütte unter uns, das sich windende Tal, den kahlen Bergzug gegenüber fo hell beleuchtet«, daß man glaubte, die Steine einzeln unterscheiden zu können. Es war gegen Mitternacht, und die Häuser von Altenau waren dunkel, aber die Hunde hatten uns gewittert und bellten schon von weitem; und einmal drang auch wohl der Laut einer klirrenden Kette nach oben, wenn eine Kuh im Stall sich bewegte. Dann ging es im Mondschein weiter durch die Waldwege, wo nun die Zweige der Bäume phantastische Netze auf den Boden malten; die Kühle des Morgens kam zu der Kälte der größeren Höhe, welche wir allmählich erreichten, schweigend, ohne die vielen Gespräche, mit denen sonst Knaben ihre Ausflüge begleiten. Wir tarnen in die Gegend der Torfmoore, wo verkrüppelte weißfchalige Birken vereinzelt aus der trügerischen Decke aufwachsen zwischen dem dichten Heidel- beerfraut; wunderliche Gestalten nehmen in dem phantastischen Mondlicht die Birken an. Zuweilen begleitete uns ein heimlich rauschendes Wässerchen, aus dem es hier und da widerblitzte durch den Mondschein; in plätschernder Eile schoß es roegab. Dann kam wieder Wald, wo sich das Mondlicht zwischen den hohen Stämmen verlor, ein Hai mit abgeblühten Kerzen des Fingerhuts, wo man weit über den schweigenden Wald blicken konnte; vor uns stand der Gipfel des Brockens, der sich ruhig erhebt aus den weiten Wäldern. Nun wurde der Anstieg steiler, noch freier und frischer die Lust; große Granittrümmer lagen verstreut zwischen den Stämmen, in Mondlicht und Schatten wunderliche Gestalten bildend. Mit der Zeit wurde der Wald immer dünner, verloren die Fichten ihre gerade Gestalt; zeigten sonderbare Kämme und verwachsene Formen; die Spuren des pflegenden Menschen verschwanden; umgestürzte Stämme, die feit Jahren gelegen hatten und ihre rindenentblößten Aeste wie weiße Knochen zeigten, lagen zwischen den Felsen; die Kronen waren bei vielen Stämmen abgebrochen; die Bäume wurden auch immer kleiner und kleiner, immer phantastischer die greifenden und klammernden Wurzeln. Es kam die Gegend der fast gestrüppartigen niedrigen Stämme, die viele hundert Jahre lang so niedrig und zäh in den heulenden Stürmen stehen sollen; an einer Stelle waren die Stämme abgestorben und der Rinde beraubt und sahen weiß und knöchern in die mondbeschienene Nacht.
Wir hatten keinen Nebel auf dem Wege gehabt, und auch am Fuße des Brockens die Spitze ganz klar gesehen; aber jetzt, eine halbe Stunde etwa vom Gipfel und Haus entfernt, war urplötzlich alles von Nebel eingehüllt, ohne daß wir vorher eine Ahnung gehabt hatten. Es war ein Glück, daß wir uns auf dem Wege befanden, nur einer von uns war wenige Schritte zur Seite gegangen, um eine ganz merkwürdig verkrüppelte Zwergfichte zu betrachten; trotzdem er uns fo nahe war, gelang es ihm doch nicht gleich, uns wieder zu finden, denn auch die orientierenden Rufe scheinen bei dem dichten Nebel zu äffen. So fliegen wir die letzte Höhe, welche ganz kahl ist, eilig hinauf, bis zu dem gastlichen Brockenhaus, wo wir uns ausruhen und aus den Sonnenaufgang warten konnten.
Der Blick vom Brocken ist sehr schön bei klarem Wetter, wenn man über die steinige nächste Umgebung fort die weiten Wälder übersieht mit den einzelnen Hais und jüngeren Beständen, den einsamen Forsthäusem; weiterhin die versteckten Orte des. Harzes, und dann die flache Ebene mit ihren vielen, vielen Städten, Flecken und Dörfern in ihren Fluren. Ein solcher Blick gibt ein Gefühl der Weite und Freiheit in die Seele, eine Luft zu fliegen und zu herrschen, eine Ungebundenheit und Leichtigkeit, ein Vergessen allen bürgerlichen und trägen Lebens im Behagen der Städte und Häuser. Aber seinen Reiz hat auch der Nebel und die Wolkenhülle, welche meistens den Gipfel umgibt. Auch da ist nichts Träges, Schweres oder Gleichgültiges. In dem Nebel wirbelt und brodelt es, zieht und flattert, ballt sich und türmt sich. Der Sturm legt sich in-bie Wolke und zerreißt sie, und ein Blick auf bie Wälder und die Ebene wird frei; Fetzen der Wolke hängen sich am Felsen, an Baumspitzen, und ziehen leidenschaftlich den Entflohenen nach; da stürmt wieder ein neuer Wolkenwall herbei, wälzt sich und ballt sich in die Lücke, im Nu alles verdeckend und verfinsternd; an einer anderen Stelle wird plötzlich durch einen Riß die Bläue des Himmels sichtbar; dann entsteht an einer ganz anderen Stelle eine neue Öeffnung mit einem neuen Blick, und die Wolken fliehen eilfertig wie ein geschlagenes Heer; aber wieder verfolgt von neuen Geschieben, Ballen, Mächten und treibenden Zügen. Und nichts scheint spielerisch bei diesen Bewegungen, alles ist Leidenschaft. Ernst, Sehnsucht, Verlangen, Haß, und düstere, furchtbare Schwermut. Stundenlang, tagelang konnte einer diesem Kampf der Wolken zufchauen, und immer neue Arten der Leidenschaft in ihnen finden. Das Meer ist einförmig gegen diese Wolken.
Verantwortlich Dr. Hans Thyriot. — Druck und 15 er lag: Brühl'sche Universitäts-Buch- und Steindruckerei, B. Lange, Gießen.


