Ausgabe 
30.12.1937
 
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Sie stehen hier als Führer des preußischen Heeres Bleiben Sie in diesem Augenblick neutral, so sieht nicht ein Mann von den fünfhundert­tausend der Großen Armee den Rhein wieder. Stellen Sie sich als Wehr auf, daß Napoleon die zersprengten Truppenteile hinter der Elbe sammeln kann, dann haben wir morgen ein zweites Austerlitz, dann ist übermorgen Deutschland wieder bis zur Memel französische Provinz. Nicht an der Beresina ist die Entscheidung gefallen. Sie fällt in Tauroggen."

Der General stützt sich mit beiden Armen schwer auf den Ratstisch. Da ist er, Yorck, Sohn einer Potsdamer Handwerkerstochter und eines Subaltern'offiziers aus kassubischem Kleinadel, mit einigen zerlumpten Regimentern in einem kurländischen Nesl, auf seinen Schultern ruht die Last der Verantwortung für ein Reich. Wenn nun die mächtige Partei Kutusows am Zarenhofe durchdringt, die den Krieg nicht über Rußlands Grenzen hinaustragen will? Wenn die deutschen Fürsten weiter in rhein- bündischem Denken dahindämmern? Dann wird man sich in Paris nicht mit dem Kopf eines einfachen Brigadiers begnügen, dann wird der Staat Friedrichs des Großen zertrümmert und von der Landkarte gefegt. Den­noch! Der Strom des Blutes, der im Herzen aufquillt, reißt alle Bedenken fort. Er streckt seine Hand über den Tisch:Clausewitz. Ihr habt mich!"

In der Mühle des Dorfes Poscherun, wo die letzten preußischen Posten vorgeschoben sind, unterzeichnen an andern Morgen die Generäle Yorck und Diebitsch ein Abkommen. Das preußische Korps stellt die Kampf­handlungen ein und zieht sich in das Gebiet zwischen Memel, Tilsit und dem Haff zurück. Durch die Fenster sehen Dieditschs Kosaken und Yorcksche Dragoner, wie die Generäle sich umarmen.

Nach Einbruch der Nacht wird der Aufbruch befohlen. In meilen­langem Zuge schleppt sich das Korps durch das hügelige Land. Am Abend des letzten Jahrestages erreicht das Yorcksche Korps die Glacis von Tilsit, wo es von Bürgern mit Pechfackeln empfangen wird.

In der Nacht entwirft der General ein Schreiben an den König. Niemals ist ihm ein Brief so schwer gefallen. Militärisch ist feine Tat nicht zu rechtfertigen. Und wäre sic' es, es wäre keine Tat mehr. An feine Rechtfertigung, die es dem König nur ermöglichen fall, das Dekorum zu wahren, knüpft Yorck die große Rechtfertigung vor der Geschichte: Jetzt oder nie ist der Moment, um Freiheit, Unabhängigkeit und Größe wieder zu erlangen. Ich spreche die Sprache eines alten treuen Dieners, und diese Sprache ist die allgemeine der Nation."

Nation! Gibt es bas? Lebt ein Volk in biefem bunten Mosaik Deutsch- tanb? Wenn bie kleine Flamme, bie hier in ber Mühle an der kurischen Grenze emporschlug, zum Fanal würde für Deutschland!

Glaubensbrünstige Gedanken der letzten Jahresstunde:Ich erwarte nun den Ausspruch Ew. Majestät, und ich schwöre, daß ich auf dem Sand­haufen ebenso ruhig wie auf dem Schlachtfelde, auf dem ich grau geworden bin, die Kugel erwarten werde." Yorck fegt den blauen Streusand vom Bogen.

Eiaentlich kurios, Seydlitz! Da hat man nun an die vierzig Jahre feine Pflicht getan, wie das Gesetz es befahl. Ist alles nichts gewesen, wird mit einem eingescharrt. Keiner fragt danach. Und jetzt, mit grauen Schläfen, da setzt man alles auf eine Karte: Ehre, Pflicht, Gehorsam und Fahneneid. Da wirft man das weg, was Inhalt und Erfüllung eines ganzen Gebens gewesen ist. Und das ist nun vielleicht die große Tat. Das ist das einzige, was die Geschichte aufbewahren wird: das ist eine große Versuchung, Sendlitz."

Der Adjutant sieht von seinen Papieren auf.Vielleicht ist es doch nicht fo, Exzellenz. Ist nicht gerade das der Sinn des Gesetzes, daß es uns reif machen soll für die eine Stunde der Berufung?"

Yorck schweigt. Er steht am Fenster und blickt in die Nacht hinaus, die schwarz hinter den Scheiben hängt. Da klingen alle Glocken auf über der Stadt: 1813. Es hallt und dröhnt über den Dächern wie das Donnern ferner Geschütze.

Der Frosch int Mantel.

Eine Silvestergeschichte von Erich Paetzmann.

Für einen Mann wie Könneke, Oberbuchhalter und Unterbefehlshaber der Kontokorrente K Z, sind Bilanzen und Jahresabschlüsse keine Dinge, die viel Kopfzerbrechen verursachen könnten. Aber in eine Bilanz kann er keine Ordnung bringen, bas ist bie Zwischenbilanz feines Gebens, an ber er heute am Silvesterabend, acht Tage vor seinem vierzigsten Geburtstag, in seiner stillen Sofaecke addiert und korrigiert.

Die äußeren Posten stehen eigentlich alle richtig an Ork und Stelle. Er hat ein gutes Auskommen, sitzt im warmen Zimmer und kann die Beine von sich strecken, hat ein mittleres Sparguthaben auf der Bank und die Aussicht, in Kürze Handlungsvollmacht zu bekommen. Dazu'kann er Asche aus den Teppich fallen lassen, die Gardinen vollräuchern und die Hosenträger baumeln lassen: könnte sogar die Portionen Rum, die er sich aus Anlaß des Tages sparsam in fein Grogglas gießt, ruhig ver­doppeln und verdreifachen, ohne daß er auf die strafenden oder rügenden Blicke eines Eheweibes zu achten braucht.

Das sind gute und gewichtige Posten im einzelnen, aber wenn er sie summiert, klafft ein bitterer Bruch auf im Habensaldo seines Gebens. Herr Könneke ist keine leichtblütige Natur und noch weniger ein fröhlicher Trinker. Er schätzt mehr das ruhige Behagen, das er allabendlich mit feinen Filzpantoffeln anzieht, als die grellen Amüsiergeräusche dieser Welt. Es muß wohl heute der ungewohnte Grog sein, der ihm die Seele so beängstigend entzündet und das Blut an seine Schläfen klopfen läßt wie Sekundenschläae, als klirre bas Geben unwiderbringlich vorüber unb ließe ihn hoffnungslos zurück in feinem Umbaufofa unb feinen Filzpantoffeln unb mit feiner Anwartschaft auf Hanblungsvollmacht.

Es wird ihm so heiß, baß er aufsteht unb das Fenster öffnet. Aber rechtzeitig fällt ihm noch ein, daß plötzlicher Temperaturwechsel gesund­

heitsschädlich ist. Außerdem lassen auf der Straße Jungens ihre Kanonen­schüsse los, jetzt um zehn Uhr, also durchaus vor der Zeit, was Herr Könneke tief mißbilligt. Er fetzt sich wieder auf sein Sofa und grübelt unklar unb gallig in fein Grogglas hinein. Da breht man in ber Wohnung unter ihm das Rabio lauter, lacht unb redet im Chor und läßt über Gebühr die Gläser aneinander klirren Herr Könneke weiß nicht, worüber er sich mehr ärgern soll, über diese wilde Lärmerzeugung oder über das unheim­liche Gefühl des Ausgeschloffenseins, das langsam nach feiner Seele greifen will. Er lehnt sich zurüF und starrt ratlos an bie Decke. Plötzlich sieht er, wie die Campe ansängtzu schwingen, und hört ein rhythmisches Getrappel über sich. Dort oben wohnt ein junges Ehepaar, dort tanzt man also, dieses junge Ehepaar weiß also mit dem Silvesterabend nichts Vernünf­tigeres anzufangen als zu tanzen unb ihm den Hausfrieden zu stören.

Er springt auf, zieht die Schuhe an, fährt in den Mantel und verläßt wütend die Wohnung.

Herr Könneke hat es in der Gewohnheit, sich erst auf der Straße vollständig anzuziehen. Er beginnt auch heute erst vor der Haustür, sich das Jakett zuzuknöpfen, den Schlips zurechtzurücken und den Mantel vorn mit einer weitaushokenden Bewegung zuzufchlagen ...

Da fühlt er in plötzlichem Entsetzen, wie es unter feinem Mantel lebendig wird, sprüht, knallt unb mit höllischem Gefauche rumort. Er reißt den Mantel roieber auf unb fährt zurück, als fei ein Blitz vor ihm ein­geschlagen. Aus ber Straße hüpft ein Knallfrosch krachenb hin unb her unb stirbt bann in Gestank unb Pulverrauch.

Herr Könneke braucht eine Weile, bis der Schrecken so weit sein Herz verläßt, daß die Fülle feines Männerzornes Platz darin findet. Er sucht mit unheilvollen Blicken das Haus ab und sieht auf dem Balkon im dritten Stock eine helle Gestalt stehen. Also, die waren es, die Jungver­mählten, bie Tänzer, die Radaumacher unb Ruhestörer ... Herr Könneke poltert wie ein Chor ber Rache die Treppe empor.

Auf fein Schellen wird es stille in der Wohnung, bann geht eine Tür, unb im Korribor entsteht ein Flüstern. Herr Könneke schellt noch einmal unb dringender. Da nähern sich Männertritte, unb bie Tür wirb geöffnet

Sagen Sie mal, haben Sie sich vielleicht den unverschämten Schern erlaubt, mich mit Feuerwerkskörpern zu bewerfen? Waren Sie das, he?*

Der junge Ehemann hak noch bie Stirn, ihn in guter Gaune anzu- lächeln:Ich weiß zwar nicht ganz ist Ihnen benn etwas passiert?" Das fragen Sie auch noch? Schleudern Explosivkörper auf friedliche Passanten unb haben noch bie Dreistigkeit aber warten Sie, den Mantel werden Sie bezahlen! Jawohl, das werden Sie! Und außerdem werde ich Sie zur Anzeige bringen, wegen ja, wegen"

Aber bitte, wollen Sie nicht hereinkommen, daß wir den Schaden erst mal bei Gicht betrachten können? Hier auf der Treppe geht das doch nicht fo."

Können Sie gern haben, bitte! Das ganze Futter ist angefengt. Pa muß erstens ein ganz neues Futter rein. Unb bann muß"

Er unterbricht sich, denn im Zimmer kommt ihm die junge Frau ent­gegen:Ach, Sie sind ja wohl Herr Könneke, von unter uns, nicht wahr?"

Ja, unb Herr Könneke ist sehr ungehalten, Emmy. Da werben wir wohl tief in die Tasche greifen müssen. Herr Könneke beansprucht einen neuen Mantel."

Mantel nun gerade nicht", erwidert Herr Könneke,dem Mantel direkt ist ja nichts geschehen, nur dem Futter gewissermaßen."

Ja, wahrhaftig", sagt die junge Frau.Paula, komm mal her, sieh, was du hier angerichtet hast, Paula. Meine Schwester war nämlich bie Uebeltäterin."

Die Uebeltäterin kommt herein und versucht, ein schulbbewuhtes Gesicht zu machen:Es tut mir ja nun wirklich von Herzen leid, Herr"

Herr Könneke verbeugt sich:Könneke, wenn Sie gestatten."

Ja, wirklich, Herr Könneke, aber ich hatte den Knallfrosch auf dem Balkon angeftecft und hüpfen lassen, und da ist er bann plötzlich über ben Rand" Unb schilbert bas alles sehr anschaulich, unb Herr Könneke beschreibt es dem jungen Paar auch noch seinerseits unb schlägt den Mantel auf und zu und deutet fein männlich gefaßtes Erstaunen an, bas er bei dem Knall empfand, unb beteuert ber Schwester, daß das ja nur ein kleines Malheur fei, das sie sich nur nicht weiter zu Herzen nehmen solle.

Darauf nötigt ihn ber junge Ehemann aus bem Mantel unb an ben Tisch unb schenkt ihm ein Glas Punsch ein, unb bie junge Frau verurteilt ihre Schwester, sich neben ihn zu setzen unb ihn, für bie erlittene Unbill, recht nett zu unterhalten.

Nach einigen Gläsern beginnt Herr Könneke an ber Seite feiner Nach­barin, die ihm zwar nicht ganz fo hübsch wie die junge Frau dünkt, aber dafür reifer, ruhiger unb weicher, über die Maßen warm zu werden und wird fo gesprächig wie noch nie. Seine Nachbarin wird es nicht minder, unb Herr Könneke erfährt, währenb bas junge Paar bas Grammophon bedient und tanzt, daß Fräulein Paula neunundzwanzig Jahre zählt, als Krankenschwester in einem Nervensanatorium tätig ist, aber auf ärztlichen Wunsch für einige Monate pausieren muß unb biefe bei ihrer Schwester zu verbringen gedenkt. Zumal bas hort Herr Könneke mit tiefer Befriedi- gung unb versucht 'herauszukriegen, ob sie denn unbedingt, vielleicht aus ethischen Motiven, Krankenschwester bleiben wolle, ober ob sie nicht wenn man so fragen bürfe denn das Geben bestehe doch nun mal aus Wechselfällen

Er verirrt sich dabei so tief in ein beschwipstes Dickicht von halben Fragen, fernen Andeutungen und beziehungsreichen Unverständlichkeiten, daß es zwölf Uhr wird und man mit vollen Gläsern aut ben Balkon tritt.

Aber als er bann auf das neue Jahr mit ihr anftößt und ihr dabei länger als nötig in die Augen sieht, als suche er darin einen Ausweg aus allen Zweifeln, scheint sie diesen Blick viel besser zu verstehen als die vielen Worte vorher: langsam und zaghaft leuchtet in ihren Augen ein warmes Gacheln der Verheißung auf.

Verantwortlich: E>r. Han» Thhriot. Druck und Verlag: Brühlfche Universitätsdruckerei A. Lange, Gießen.