Altes Jahr und nrues Jahr.
Von Karl Bröger.
Nun ein junger Tänzer tritt in den alten Reigen ein, neigen sich dem ersten Schritt Gläser mit dem heißen Wein.
Feuer fallen himmelan, » Glockendonner von dem Dach, Des gelassnen Zeigers Bahn hält noch alle Augen wach.
Altes Jahr und alte Zeit, Haß und Liebe dieser Welt schwindet, bleicht und wandert weit wie ein Schatten überm Feld.
Schnee und Sterne trägt der Baum, und die Nacht fällt weih und klar auf den bunten, lauten Traum vom geschenkten neuen Jahr.
als eins, Sturm liefen. Kein Werk meldet das Höchste, feine Zeile erfaßt es. Wir stahlen uns iHugenbliite von drüben!"
„Den Egoismus ganz zu meiden, wird mir nie gelingen."
„Warten Sie, bis Sie zum Sterben kommen."
„Das Leben ist eine Spirale: auf jeder höheren Stufe finde ich den alten Ekel, so wird's auch mit dem Sterben sein."
Gemessen schlug die Turmuhr zwölf. Schiller erhob sich; er streckte die Hände Goethe hin und sagte: „Leben wir ergeben und entschlossen ohne unzufriedenes Suchen, das hienieden nie Sicherheit finden kann, freudig auswärts sehend, zu Ende. Bewußt als Mensch, der die Erds weder vergißt noch verachtet, weil er weiß, unverlierbar ist des Himmels Spiegelbild in uns, wir sind Einheit. Glücklich der, der nimmer zu suchen braucht, weil er überall vergeblich suchte!" > '
Goethes Hand umschloß Schillers Hand. „Es ist alles eine Wandlung", sprach dumpf tastend und tröstend der Weltgeist aus ihm, „eine Wandlung zu neuen Wandlungen. Wer ermißt das?"
IahteSende 1812.
Von Walter Schwerdtfeger.
Der General Yorck hebt den Kops von der Karte Kurlands, die auf dem Tische ausgebreitet liegt. In dem bleifarbenen Licht des finkenden Dezember-Nachmittags steht sein kantiger Schädel mit dem kurzgeschorenen, eisengrauen Haar. Sein Gesicht ist braun gegerbt von der Aequator» sonne, aus jenen Jahren, da der vom Alten Fritz kassierte Leutnant sich im Dienst der holländischen Ostindien-Kompanie zwischen Kapstadt und Ceylon aus dem Ozean umhergetrieben hatte. Die Mühsal vieler Feldzüge und eines schweren Lebens haben ihre Furchen darin eingegraben. „Was erzählen Sie mir da, Seydlitz? Meinen Sie, ich fühle nicht das Entwürdigende für Preußen in diesem erzwungenen Bündnis? Aber ich bin Soldat und habe den Befehlen des Marschalls Macdonald zu gehorchen, dem mich der König unterstellt hat."
„Solche Befehle gibt es nicht mehr." Der Finger des Adjutanten zerschneidet die dünnen Straßennetze auf der Karle, auf der die Standorts des preußischen Korps mit bunten Nadeln abgesteckt sind. „Die Verbindung mit dem Stabsquartier des Marschalls ist unterbrochen, und dis Russen fangen alle Patrouillen und Meldegänger auf."
Eine Ordonnanz übergibt dem General einen Zettel, Yorck überfliegt ihn. „Wer hat das gebracht?" — „Unsere Vorposten bei Poscherun haben einen Hausierjuden aufgegriffen, der aus Tilsit kommt. Er sagt, der französische Marschall habe mehreren Bauern solche Zettel gegeben. Sie sollten versuchen, sich durch die russischen Linien durchzuschlagen."
Schweigend reicht Yorck seinem Adjutanten den Zettel und sieht auf den Marktplatz hinaus. „Nun, Seydlitz", sagt er, ohne sich umzuwenden, „wollen Sie mir immer noch raten, mit den Russen zu paktieren?" Seydlitz hält Den zerknitterten Fetzen grauen Papiers in der Hand. Mit Bleistift, kaum leserlich, sind ein paar französische Worte daraus gekritzelt!' Der General Yorck wird mit Ungeduld in Tilsit erwartet. M. „Tilsit. Ein odioser Name für Preußen feit anno 1807." — „Der König scheint'» nicht zu empfinden. Da auf dem Tisch liegt die Kabinettorder, die Sie aus Berlin gebracht haben. Da steht's: Mein und des Kaisers von Frankreich engverbundenes Interesse ... und so weiter. Friedrich Wilhelm. Da halten Sie den Marschbefehl Macdonalds in der Hand. Wenn das preußische Korps nicht heute nach Tilsit marschiert, kann mich jedes Kriegsgericht wegen Gehorsamsverweigerung vor dem Feind verurteilen."
„Wer will Ew. Exzellenz nachweisen, daß Sie einen solchen Befehl erhalten haben? Ist denn dieser Wisch, den ein Hausierer bringt, ein dienstliches Schreiben?"
Schroff wendet sich Yorck um. „Ich bin kein Advokat, Seydlitz! Ist das eine Order vom Marschall Macdonald oder nicht?" „Und wenn es so ist", wendet Clausewitz ein, „so läßt sich ein solches Vorgehen auch militärisch rechtfertigen. Nach den Dispositionen des russischen (Beneralftabs» chess d'Auoray, die ich Ew. Exzellenz überbracht habe, stehen morgen bereits die gesamten Streitkräfte der Wittgenstein-Armee drei Meilen links des Njemen und sperren die Straßen nach Preußen."
„Blägue, Clausewitz! Ich weiß ganz gut, was die Kälte und die französischen Tirailleurs von Wittgensteins Armee übrig gelassen haben. Hinter seinen Kosaken-Pulks stehen auch nur noch ein paar marode Ba- taillone." — „Exzellenz..." — „Bleibt mir vom Leibe, Clausewitz!" der General stößt hart seine Tabaksdose auf den Tisch, „ich bin zu alt für Seiltänzereien. Das Korps Yorck marschiert in einer Stunde! Ich will nicht mit grauem Haar infam werden."
,Es gibt einen Punkt,' wo die Armee aufhört, nur zu gehorchen, Exzellenz. Es geht jetzt um realere Dinge als Eid und Fahnentuch. Es geht um Preußens Freiheit!"
Dicht tritt Yorck an den Sprecher heran. „Wie schön Ihr das sagt, Clausewitz! Große Worte, Clausewitz! Aber der Soldat hat sich der Pflicht zu beugen. Eine Armee, die das nicht tut, ist eine Räuberbande in Litzen und Montur." Er geht mit heftigen Schritten durch die Ratsstube. ,Lhr habt es Euch leicht gemacht, Clausewitz und Boyen und Gneisenau und all die andern. Als Euch der preußische Kram nicht mehr paßte, habt Ihr dem König den Degen vor die Füße geschmissen und seid mit russischen Pässen nach St. Petersburg gegangen. In den Jahren, als Euch Preußen brauchte! Es ist mir kein Spaß gewesen, das preußische Kontingent zu führen in der Armee Napoleons, aber wir haben noch aus der friberi» zianischen Zeit andere Begriffe von Pflicht und Preußentum als Ihr. Man kann sie nicht ablegen wie Zopf und Haarbeutel. Der Yorck steht, wo der preußische Adler ist, das können Sie dem Generalmajor von Diebttsch melden."
Das Zimmer liegt in blauer Dämmerung. „Ist denn das noch der preußische Adler in Berlin?" fragt Clausewitz bitter. „Der König sieht in seiner Residenz nur die ßegionsabler Napoleons. Inmitten feiner Stabt« nettsräte spürt er nichts von der Stimmung im Volke und sieht nur nach
„Ja, Clausewitz. Sie mögen recht haben. Aber ich kann da nicht mit, Ihr habt Euch einen untauglichen Mann in mir ausgesucht!"
Goethe-Gchiller-Silvester.
Von Walter von Molo.
„Wenn wir die Summe der Ereignisse seit unserer letzten Silvestersitzung ziehen, Freund Schiller", sprach ernst und weltverborgen Goethe, „jo bleibt ein hartes Plus des Gevatters Tod." Der Eiswind sauste an die Fenster. „Äant, die Mutter der Frau von Stein, Klopstvck, Lavctter, der Schauspieler Beck, Jung-Hardenberg, der Musiker Zumsteeg unir Herder schieden von der Gemeinsamkeit, und mancher Gute, den die Geschichte nicht kennt."
Goethes verschleierter Blick fiel von den Steinfammlungtaften, die er traurig betrachtet hatte, zum Scheine des krachenden Buchenholzes nieder im geliebten Kachelofen. Er faß bewegt hn langen Hausrock und hörte die Zeit brausen. Nach einer Weile fuhr er fort:
Hölderlin im Wahnsinn, die Kalb der Erblindung nahe — man lernt sich bescheiden!" Schillers sinnender Blick vereinte sich mit dem des Freundes am Boden. „Bloß Wieland entdeckt noch immer neues Leben", sprach Goethe grimmig und gequält sinnend, „er hat jetzt gerad' wieder einen Shakespeare in einem Freund seines Sohnes entdeckt!"
Mißlaunig fuhr er sich mit der Hand über die großen, vorwurfsvollen Augen, über die mächtige Stirn. Gequält sah er dann Schiller an; er lachte kurz: „Wieland ist spaßhaft!"
Schiller lächelte zart und menschenliebend. „Das ist das Schöne an ihm", sprach er leise, „daß er immer hofft und in alles immer wieder die zerstörte Hoffnung neu gießt; so wird er nie betrogen! Wir vergaßen: mir wurde im vergangenen Jahr das vierte Kind geboren.“
„Es wird irren und sterben wie wir."
Schiller sah Goethes finster kummervolles Versunkenfein; mitfühlend rührte er an des Fremdes Arm. „Denken Sie dessen", sagte er aufridp tend, „was Sie vorhin lasen! Die alte Erde treibt doch immer Schönes." Langsam, tief zerwühlt blickte Goethe ihn an; er hatte nachmittags auf dem Schlittenplatze viele unheilbringende Raben gesehen. „Der Faust?" Ker wegwerfend und starrte durchs Fenster zu den beschneiten
i seines Gartens hinaus, die chn, von der Lampe beschienen, leise schaukelnd grüßten, ,cher ist Witz, den ihr alle nicht verdaut! Es ist unsäglich, wie sich die armen Menschen quälen; jedoch: es muß wohl sein, sonst roär’s nicht." ,
„Wenn wir auch nicht wissen, warum wir hienieden sind , trojtete Schiller, „unser Fühlen vermag die Schönheit allüberall zu finden. Das Fühlen ist des Menschen Seligkeit."
„Sie sprechen wie diese neumodische Kunst, die sich jetzt breitmacht , drohte Goethe. „Sie sind überhaupt in letzter Zeit schrecklich deutsch!"
„Einmal wird auch der Schwade klug. Der Mensch steht auf der Erde er kann nicht los von ihr und darf nie vermeinen, fliegen zu können, well er den Himmel sieht. Doch er muß ihn sehen: 3m ewigen, langsamen Entwicklungsgang der Welten, der ewig ist und uns hienieden drum nicht mehr bekümmert,- als daß er ständig Hoffnung gibt, wird jeder Sprungversuch bestraft; drum müssen wir verantwortungsvolle Kinder unserer Zeit sein, das Fühlen unseres Volkes teilen; nur dann mögen wir führen können."
„Für Philister plag' ich mich nicht!"
„Sie gebaren — uns." . „
„Meinen Sie, die Bande wüßte, daß das em Verdienst fei?
„Es wäre anders übel." . . ,
„Wenn der Deutsche Freiheit sagt, meint er seine Freiheit: Er meint das Recht auf Beschränkung der anderen."
„Sie sind Deutschlands echtester Sohn."
„So? Sehr ehrend!" Goethe sah zum Schreck, in dem seine Schemata lagen, aus denen er die Welt, die Welt vereinfachend, zu verstehen suchte: auch dort gab’s unversöhnliche Verschiedenheiten, ine tm Wettbewerb das Ganze höher sührten. ,Zch goutiere den kurzblickigen Plun- nicf)t’u
„Wir kriechen langsam zu Gott! Selbstloses Begreifen ist langer Weg, er muh begonnen werden. Das Volk ist aber am reifsten und drum zum Führer am ehesten befähigt, das am meisten litt. Unserem Volk ist wie ein Brandmal das Ideal ins Herz gelegt; es wird, es muß führen!
„Die Kerls werden immer nur um ein Stück Land raufen, sie ahnen vom Höchsten nichts!" . , .
„Unser bestes Werk war unser Zweiklcmg, wenn wir sprachen und — schwiegen, weil die Sprache die Hilfen versagte, wenn unsere Geister,


