Ausgabe 
30.12.1937
 
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Elftes Kapitel.

Tägliches Leben. Der Abendschoppen. Badepolonoise. Die Prozession. Das Strandbad. Tauchstunde. Spiele Haifischalarm. Sprung aus sechs Meter Höhe. Das Felsen­riff. Siesta. Der silberne Zug.

Die Pflichten der Hauswirtschaft und die der Elternschaft nehmen miteinander die Pinguine während eines erheblichen Teils ihres Aufent­halts auf der Insel in Anspruch. Doch so häuslich veranlagt und so gute Eltern sie auch sein mögen, lassen sie sich diese Dienste doch nicht zu einer Fessel werden, die alles andere ausschließt. Zwar wird sicherlich das Pinguinweibchen zuweilen ihrem Gatten vorhalten, daßeine Haussrau nie eine Minute freie Zeit für sich selbst hat", und sobald sie einmal Mutter ist, steht sie Mutterängste aus, auch während der Spielzeit. Den­noch aber dachte ich. oft, wenn ich die Pinguine bei ihren Alltagsverrlch- tunqen beobachtete, daß viele Menschenmütter sie zweifellos beneiden würden. Wie wenig wissen sie von unfern unliebsamsten Pflichten! Die Instandhaltung der Wohnung zum Beispiel: da genügt es, ein paarmal mit dem Fuß über den Teppich aus Reisern oder Tang zu fahren, und olles ist für den kommenden Tag in schönster Ordnung.

Freilich müssen sie lange brütend auf den Eiern sitzen, was gewiß oft lästig ist, doch bemerkte ich, daß die meisten Weibchen dieses Geschäft im Halbschlaf verrichten, der oftmals in festen Schlummer übergeht.

Ueberhaupt roitb ein erklecklicher Teil des Tages von Pater, Mutter und Kindern schlafend verbracht. Ich kenne kein wildlebendes Tier, das. sich eines gesünderen Schlafes erfreut. Ein weiterer Teil der Zeit wird wie bereits gesagt mit ausführlichen Liebesbezeugungen ausgcfüllt. Auch Krach gibt es nicht selten, und ein ordentlicher Zank gehört ja bekannt­lich zu den Beschäftigungen, denen man sich mit besonderer Leidenschaft hingibt. Worüber die Pinguine so ost in Harnisch geraten, wüßte ich allerdings kaum zu sagen, wenn auch in einzelnen Fällen ein triftiger Grund vorliegen mag wie ein Einbruch ins eheliche Leben oder die Raubzüge von Dieben. Mitunter werden die Rester auch zu dicht bei­einander gebaut, und die Nachbarn streiten sich über die Brandmauer hinweg oder richtiger- hindurch. Abgesehen davon wird viel geklatscht und getratscht, ohne daß man irgend eines jener Dinge dafür verant­wortlich machen könnte. Es ist nichts weiter, als daß die Bügel in ihren kleinen Restlöchern auf der Pinguininsel sich eben nicht immer vertragen.

Helle Begeisterung weckt bei allen Pinguinen stets der Regen. Beim

gehört haben, trotz aller Ungewöhnlichkeit aber komm! dergleichen> v o iv Und zwar ist die Ursache häufmec em gleichzeitiges Mausern als der gleichzeitige Tod beider Eltern. Jeden -alls gibt es aus dem einen »der andern Grunde'zahlreiche verwaiste Pinguinkucken auf der Insel.

Zwei davon interessierten mich ganz besonders. nh

Sie pflegten von Gruppe zu Gruppe zu wandern und sich wahrend der Fütterzerten andern Nestlingen zuzugesellen wobei sie von Muttern, die zu beschäftigt waren, um achtzugebcn, wen sie futterten, etwas abzu- bekommen versuchten. Diel aber kann das keinesfalls gewesen |ein. 3unge Pinguine sind bei der Fütterung sehr gierig und lassen nicht leicht fremde Kücken heran. Und ich denke mir, sobald es fid) einnwl herurn- gesprochen hatte, daß elternlose Junge sich in der Gegend herumtneben wurde sofort Vorsorge getroffen, daß die schwergewonnene Nahrung von der nie zuviel da war, nur in die Schnabel beqentgen floh, denen sie zugedacht wan * halbausgewachsenen verhungerten Jungen ein erschütternder Anblick! von Familie zu Familie wandern, überall obqewiesen und davongejagt, verachtete Bettelkmder mck denen niemand das geringste Mitgefühl zu haben schien. Man sah sie wußten mcht mehr aus noch ein. Die einzige Nahrungsquelle, die sie kannten, waren ihre Eltern, und die waren nicht mehr da, einmal sah ich sie am Rand des Wassers stehen, wie sie verlangend hinausblickten. Sie muhten wohl gewußt haben, daß dort ihre Eltern das Futter zu holen pflegten, den­noch aber machten sie keinen Versuch ins Wasser hineinzugehen. So selt­sam es ist selbst in einem so verzweifelten Falle lvie diesem werden Pinquinkücken sich kaum jemals ins Wasser wagen, wenn sie nicht zuvor von den Alten hineingeführt worden sind. Sie treiben zwar ganz von feldst auf der See, und wahrscheinlich würden sie auch schwimmen kön­nen, ohne doß es ihnen gezeigt zu werden brauchte aber sie tun es so gut wie nie, und wenn doch einmal, gelangen sie bestimmt nicht weit genug, um Fische zu finden. Ganz gelegentlich wagt sich einer einmal gerade ins Wasser hinein, sowie aber die erste Welle ihn erreicht, laßt er sich statt dagegen anzuschwimmen, wieder von ihr an Land spmen. Er macht qar nicht den Versuch, es mit ihr aufzunehmen er wird einfach zu einem Stück Treibgut, das olle Aussichten hat, gegen einen. Felsen geworfen und in Stücke zerschmettert zu werden.

Da den beiden hungernden Kücken ihr verzweifelter Plan, das Meer aufzusuchen, mißlungen war, fing das erschöpfende Herunnrren von einem Nistloch zum andern von neuem an. Von Tag zu Tag sahen sie abgezehrter aus, und immer schwächer wurden die kleinen Beine. .

Es war einer jener hoffnungslosen Fälle, bei denen feine Mst mög­lich ist. Pflegemütter gibt es unter den Pinguinen nur selten: Weibchen, denen die Eicr von Möwe ober Ibis gestohlen wurden, dehnen ihre Mütterlichkeit selten auf fremde Junge aus. Ich glaube nicht, daß solch verwaiste Nestlinge je aufwachsen ihnen ist das Todesurteil gesprochen. Sie verzehren sich allmählich, wie diese beiden es taten, und werden immer magerer solange bis selbst das Herumirren und die Futter- uche bei andern unmöglich wird. So sah ich diese beiden Waisen wie sie, beinahe schon in den letzten Zügen, Obdach suchten, weil sie nicht mehr weiter konnten. Sie stolperten über ein verlassenes Nest, gingen hinein und legten sich zum Sterben nieder. '

Drei Tage danach sah ich, wie der Ibis ihre Knochen blank nagte. ' Man lacht so leicht über die Pinguine, die komischsten aller Vogel, die Komiker der Natur... Vielleicht ist es gut, sich dann und wann einmal klarzumachen, daß ihr Leben auch für anderes Anlaß bietet als zum Lachen.

^^Aiick Verirrte, wie die beiden armen Kücken, von denen ich erzählte, gehen mit, obgleich sie wissen, daß sie den Wogen nicht trotzen können. Sie hoffen wahrscheinlich, dort unten am Wasser ihren Eltern zu begeg­nen. Eine kläglich aussehende Gesellschaft von Mauserern sieht den anderen nach; dann setzen auch sie sich in Bewegung, obwohl sie ja in Mer Zeit nicht zu tauchen vermögen. Der Ruf des Meeres ist.Unwiderstehlich.

Wir wollen einmal die Familie dort begleiten, tue soeben ihr Nest verlassen hat. Die beiden Kücken gehen voran, das lagere ist ganz auf­geregt über die große Begebenheit und mochte anscheinend am liebsten davonstürmen, das andere Penau drei Tage altere zeigt eine zwar gleich­falls erfreute, aber doch e\n klein wenig überlegene Miene Hinterher trotten wachsamen Auges Wster und Mutter Ihr Ausdruck scheint ,edoch zu sagen, daß sie einzig und allein der Kinder halber zum Strand« pilgern, was natürlich der Wahrheit durchaus nicht entspricht.

Durch die vorbeiziehende Familie werden andere Pmgume daran erinnert, welche Tageszeit es ist, und im Ru lassen sie all ihre anderen Beickäftigungen liegen und schließen sich an. .

Die Familie schlägt einen S°nZ bestimmten Weg em. Das tun die Pinguine stets. Auch wenn es anscheinend völlig gleichgültig ist, ob sie hier entlanggehen oder dort, halten sie sich immer auf dem gleichen Pfad, den sie vorher gegangen sind und aus dem alle andern gehen. Ueber die Felsen wie über die Erde führt eine gut ausgetretene Fährte, und die verfolgen sie watschelnd und von Fels zu Fels hinabspringend. Und wählend sie so dahinziehen, kommt es einem vor, als ob sie, obwohl sie keinen Laut von sich geben, miteinander und mit den andern Pmguipen chwatzten, die unterwegs aus ihren Nestern hervorkommen.

An einer Stelle hat Regen die Erde m Schlamm verwandelt, der dem Fuß nicht viel Halt bietet, allein diese Möglichkeit ist vorgesehen worden: die Pinguine haben in den Boden eine Reihe von furchen gekerbt, so daß er fast wie em Rost aussieht. Ganz allein haben die Pinguine das gemacht jedenfalls in Erfüllung ihrer Gemeindepfsicht. Mit den Schna- beln haben sie die schlüpfrige Erde bearbeitet und S" dicht aneinander- liegenden winzigen Erdwällen aufgehäuft. Das war sicherlich eine harte Arbeit für sie. Allein ein Weg ist lebensnotwendig, und em schlupfriger Weg ist schlimmer als nutzlos, folglich muh stets für seinen ordentsichen Zustand Sorge getragen werden. Auf der gefurchten Strafte rutscht man nicht so leicht aus da kann man gemächlich einherstolzieren ober auch einen Wettlauf ansetzen, wenn die Nähe des Meeres gar zu verlockend "'"Inzwischen hoben sich der Heinen Prozession weitere ansehnliche Trüpplein angeschlossen, so daft nun mehr als zwan^g Pinguine mit- lammen dahinwandern; bald stöftt zu ihnen noch eine Gruppe aus einem andern Nistplatz und erhöht die Zahl. .

Die Familie, mit der wir aufgebrodjen sind, hat gegen anderthalb Kilometer Weges bis zum Strand ober (ebenfalls bis zu ber Stelle am Strande, wo die Badepolonaise stattfindet. Täglich wird eine solche Parade am Sandstrand jeder der verschiedenen Jnselbuchten abgehalten, denn wenngleich sich von der Felsküste aus ein fröhliches Treiben mit Tauchen von hoch oben herab entwickeln läftt, besteht doch beim Boden, wie jeder­mann weift, bas halbe Vergnügen im Herumliegen auf bem Sanö

Während des Marsches schwillt die Prozession immer mehr an Hier kommt eine grofte Abteilung aus jenem Teil der Insel, ber so sehr an Cornwall erinnert... Es müssen mittlerweile schon em paar hundert Vögel sein, und dieser weitere Zustrom erhöht die Zahl auf em halbes Tausend Die beiden Ströme fliehen ineinander und vermischen sich, doch die Morjchkolonne wirb streng innegehalten eine Ausbreitung gibt es nicht. (Fortsetzung folgt.)

ersten Schauer sieht man sie aus der Deckung ihrer Nester hervor und ins Freie eilen, in unverkennbarem Vergnügen mit den »(offen schlagend.

Ueberhaupt ist ber qröhte Teil ihrer Erholung auf bte eine ober andere Weise mit dem Wasser verbunden. Von Zeck zu Zeck sieht man, wie Herr Pinguin, während seine Gattin gerade Dienst hat, sich lässig den Schlaf aus den Gliedern schüttelt, die Flossen reckt und. streckst den Kopf auf die Seite legt und zu seiner Eheliebsten hinuberbsickt, als wolle er ihr mitteilen dah er einen kleinen Bummel vorhabe,nur gerade um sich die Füße etwas zu vertreten". Das bedeutet natürlich, dah es ihn ge­lüstet, einen Abendschoppen zu trinken. So watschelt er zum Meer h,ngb und kommt gewöhnlich erst nach geraumer Weile nach Hause. In der Sonne schlafen macht eben durstig! Vielleicht laftt fich grau Pwgum nicht anmerken, wie sie über dieses Alleingelassenwerden denkt, wahrscheinlich aber hat sie im Grunde nichts dagegen: sobald dce Abwsung erfolgt ist, macht sie sich vermutlich selber auf den Weg und beehrt dasselbe Etabliffe- ment mit ihrem Besuch. '

Das Meer ist und bleibt nun einmal für die Pingume die schönste und unerschöpfliche Quelle des Vergnügens; dort genießen sie alle Freu- den eines Ferienaufenthalts unmittelbar vor ihrer Haustur.

Jeden Morgen findet eine regelrechte Badepolonaise statt, °n der ganz selbstverständlich alle außer den Mauserern und den diensthabenden Ellern teilnehmen. Es gelang mir nie herauszufinden ob^ne bestimmte Stunde für dieses Vergnügen festgesetzt war oder niu>-. 3c6enfaU9 konnte man tagtäglich früh am Morgen sehen, wie zum Beispiel auf ienem Teil ber Insel, ben ich wegen seiner langhmgezogenen, mit Strauchwerk und dicht mit Restern übersäten Sanbflachen dieEbene- von Salisbury" getauft hatte Pinguine aus ihren Bauen heraus­kamen und fiel, auf den Weg zum Straube machten.

Aus dieser Nisthöhle kam der Vater, aus jener die Mutter herbei hier und dort gesellten sich ein paar jungverheiratete Paare dazu die noch nicht gelernt hatten, vorsichtshalber immer eine Schildwache zurück- zulasseiy oder auch ganze Familien mit dem Etternpoar und beiden Kindern und gelegentlich auch ein ober zwei Nachbarn, die sich i*)nen offensichtlich angeschlossen hatten hier ein schicker junger Mann, der ersichtlich sehr stolz auf fein Gefieder war, dort ein Bursche mit ver­schlagener Miene, der augenscheinlich zwischen ber

und ber Erwägung schwankte, was er mausen tonnte roenn er zurück- bliebe olle schlugen sie biefelbe Richtung em, bie Richtung nach bem