GiehenerLamiliendMer
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Alizeiger
Jahrgang 195Z , Donnerstag, den ZV.Dezember Nummer <02
Die Insel öer fünf Millionen Pinguine
Don Lherrg Kearton
Deutsche Rechte durch 3. Engelhorns Nachf., Stuttgart Nachdruck verboten
7. Fortsetzung.
Es ist schwer, wenn nicht unmöglich, dies« dreieckige Schlacht in ihren Einzelheiten zu beschreiben, um so mehr als alle drei Teilnehmer genau gleich gekleidet waren. Jedenfalls dauerte sie so lange, daß ich allmählich genug bekam und zum Mittagessen heimging. Als ich aber eine Stunde später zum Nest zurückkehrte, um zu sehen, wer Sieger geblieben war, sah ich zu meinem Erstaunen, daß der Kampf nicht weniger heftig tobte als zuvor. Dann und wann ließen die beträchtlich zerzausten Kämpfenden einen Augenblick lang voneinander ab, um Luft zu schnappen, doch gleich ging es wieder von vorn los. Sonderbarerweise hatten sich keine Zuschauer eingefunden, obwohl die Pinguine sonst oft lebhafte Neugier für die Streitigkeiten und Kämpfe anderer Tiere zeigen. In diesem Fall aber gingen die Insassen der benachbarten Nistlöcher gleichgültig ihren häuslichen Geschäften nach oder sahen uninteressiert und gelangweilt zu.
Noch immer waren keinerlei Zeichen schwindender Kampfesbegeiste- rung bei den dreien zu sehen, und ich muß sagen, daß ich von tüchtigem Respekt vor dem Schneid des Pinguins erfaßt wurde, der so wacker in der Schlacht gegen eine doppelte Ueberlegenheit durchhielt.
Doch als ich genauer hinsah, merkte ich plötzlich, daß eine wichtige Veränderung vor sich gegangen war.
Ob das Pinguinweibchen bereits von derselben Bewunderung für die Tapferkeit ihres Mannes-ergriffen worden war wie ich und infolgedessen Gewissensbisse über ihr Verhalten zu fühlen begann, weiß ich nicht, jedenfalls aber stand sie nicht mehr eindeutig auf feiten des Ehebrechers; wie ich annehmen möchte, hatte der lange wütende Kampf sie etwas unzurechnungsfähig gemacht. Einmal sah ich genau, wie sie mit verzweifelter Wut auf ihre eigene Flosse einhackte; ein Zufall zweifellos, aber auch ein Beweis für die Wildheit des Kampfes. Auf alle Fälle teilte sie nun ihre Hiebe mindestens gleichmäßig an ihren Bundesgenossen und iyren Feind — ihren Magn — aus.
Das war wohl das Zünglem an der Waage, das schließlich und endlich den Kampf zugunsten des rechtmäßigen Ehemannes entschied. Mit frischen Kräften drang er aufs neue aus den Gegner ein, und als der Nachmittag zu Ende ging, war es nicht mehr zweifelhaft, daß er den Sieg davontragen würde. Und ebensowenig war daran zu zweifeln, daß es ihm irgendwie gelungen war, sich die Gattin zurllckzuerobern. Sie focht jetzt kaltblütig an seiner Seite und setzte ihre Hiebe mit wohlberechneter Wirksamkeit immer an die ungeschütztesten Körperstellen ihres verflossenen Liebhabers. Und dieser Gentleman ließ erkennen, daß er nachgerade genug hatte, was nach sechs Stunden kein Wunder war. Man konnte sein Gesicht kaum sehen, so blutüberströmt war es; nur noch steif bewegten sich die Flossen, und die eine schien tatsächlich halbgelähmt.
So zog er denn bei anbrechender Nacht vor, die zweiundneunzigste Runde — sooiele mögen es gewesen sein — nicht mehr anzunehmen. Er machte sich still davon und hinkte jämmerlich nach dem Djeer hinunter.
Zweifellos war es nicht recht von mir, daß ich irgendwelche Sympathie für den arg zerrauften Kerl empfand, der die Lektion gewiß reichlich verdient hatte. Allein ich seh« nun einmal Tiere nicht gern in Not, was auch der Grund sein möge, und so folgte ich ihm, um zu sehen, was aus ihm würde.
Er war übel zugerichtet. Vom Hals bis üreioiertels zu den Beinen hinab war fein' Gefieder buchstäblich in Blut getränkt, und schrecklich sah sein Kopf aus; aus klaffenden Wunden kam das rohe Fleisch hervor. Und beide Augen waren so zerschunden, daß er so gut wie blind sein mußte.
■ torkelte den Weg vom Nistplatz zum Meer hinab — eine in den Erddooen getretene Spur — und irrte ab und zu, weil er nicht zu sehen vermochte, wohin er trat, und auch keinen geraden Kurs zu steuern vermochte, ins offene Land ab. Merkwürdig war aber, daß er, obzwar er die Spur offenbar nicht sehen konnte, doch sofort merkte, wenn er davon abgekommen war, und dann vorwärts und rückwärts lief, um sie wieder- zufinden.
Schließlich tat er mir so leid, daß ich ihn aufhob, unter den Arm nahm und zum Wasser hinuntertrug. Ein paar Augenblick« blieb er n«hen — augenscheinlich im Zweifel darüber, wo er sei. Dann wittert«
er wohl die See oder er hörte die Brandung und ging stracks ins Wasser, um sich zu waschen. Er tauchte mehrmals und spritzte sich Wasser über das Gefieder, das von Minute zu Minute wieder mehr seine natürliche Färbung annahm. Und endlich schwamm er Hinaus ins Meer und „verschwand im Dunkel der Nacht", wie der Bösewicht in einem alten Roman
Ich ober als Zuschauer des Dramas begab mich zurück, um zu sehen, was Herr Pinguin und Frau Gemahlin nach dieser traurigen Störung ihres Ehelebens wohl beginnen mochten.
Diese Augenblicke, denke ich mir, waren sicher entscheidend für das weitere Leben jenes Paares. Eine falsch angebrachte Zurechtweisung seitens des Gatten, ein Vorwurf seitens der Frau — und alles war wieder in Frage gestellt. Doch zum Glück war keines von beiden in der Verfassung etwas zu sagen. Eine ganz« Weile waren alle beide wohl mit der Behandlung ihrer Wunden beschäftigt gewesen. Und dann hatten die beiden beschlossen, die Sache „auf sich beruhen zu lassen" — genau in derselben unverständlichen und geheimnisvollen Weise, in der auch bei uns Menschen manches scheinbar schlecht zusammenstimmende Paar es immer wieder fertigbringt, seine halbzerrüttete Ehe frisch zusa-mmen- zuflicken. Und so habe ich nur hinzuzufügen, daß bei meiner Rückkehr Herr und Frau Pinguin einträchtig Kops an Kops in ihrem Nest lagen und alles Geschehene offenbar vergeben und vergessen hatten.
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Von dieser Episode mit ihrem unerwartet glücklichen Ausgang muß ich zu einer andern übergehen, die notgedrungenermaßen tragisch endete.
Nicht weit von meinem Zelt hatten zwei Pinguine ihr Heim, das wenigstens in einer Peziehung allen andern Nestern im Umkreis überlegen war: es hatte ein steinernes^Dach. Dieses Dach hatten die Pinguine natürlich nicht selbst gebaut; sie hatten nur geschickt den Boden unter dem Dach ausgehöhlt, wobei sie die Erde und den Sand, die das Felsstück trugen, nicht anrührten. Da die Gegend aber sehr beliebt war, wurden in der Nähe zahlreiche apdere Baue dicht nebeneinander gegraben. Ständig trafen neue Familien ein, um sich ihr Haus zu bauen, fein beträchtlicher Teil des Bodens wurde aufgewühlt, und wie bei allen größeren Tiefbauten lockerten sich dadurch allmählich die Fundamente der umliegenden Häuser. Keiner der Pinguine merkte, was vorging, bis endlich im gegebenen Augenblick die Erde unter dem einen Ende des großen Steindachs nachgab und das Ganze einstürzte.
Unglücklicherweise geschah das gerade zu einer Zeit, als sich einer der beiden Pinguine, denen das Nest gehörte, darin befand. Und so konnte ich nur noch den zerquetschten, verstümmelten Tierkörper hervorziehen.
Als ich auf den Schauplatz kam, gelang es mir mit Mühe, den heruntergebrochenen Stein wegzuschieben; für das arme Pinguinweibchen darunter aber vermochte ich nichts zu tun. Es mußte im Handumdrehen getötet worden sein, während es.da faß und auf die Rückkehr des Männchens vom Fischen wartete.
Ich holte einen Spaten aus dem Zelt und grub ein Grab. Was würde wohl das Männchen denken, wenn es zurückkam und das eingestürzte Rest fand, aber kein Zeichen von seiner Gefährtin? ... Allein es schien mir besser so, als sie dem Aasvertilger der Insel, dem Ibis, zu überlassen. Als ich mit dem Begräbnis fertig war, schaute ich auf einem nahen Stein einen Pinguin sitzen, der unverwandt auf die Trümmer des Rests und das frische Grab blickte.
Jeder, der nicht gut mit wilden Lebewesen vertraut ist, jeder der gewohnt ist, den Menschen als die einzige fühlende Seele auf Erden zu betrachten, jeder, der nichts weiß von der Liebe, di« manche dieser wildlebenden Geschöpfe für einander hegen, wird dieses Geheimnis widersinnig oder unglaubhaft finden. Und doch ist es Tatsache.
Der seines Weibchens beraubte Vogel blieb sechs volle Tage auf jenem Fleck, indem er sein zerstörtes Heim betrachtete und — daran vermochte ich nicht zu zweifeln — auf di« Rückkehr seiner Gefährtin wartete.
Was diese ununterbrochene Wacht ihn gekostet haben muß, tarm man daran ermessen, daß er während ihrer Dauer ohne Nahrung und Wasser blieb. Man sah ihm an, daß er langsam verhungerte, bis er endlich am Abend des sechsten Tages langsam zum Meer hinabging. Doch selbst da war die Hoffnung noch nicht erstorben, denn nach zwei Tagen erschien er von neuem und blieb wiederum fünf Tage an dem Grabe.
Obwohl man also oft über die Pinguine lachen muß, hat die Medaille sicherlich auch ihre Kehrseite. Als jenes Dach einstürzte, war zufällig nur das eine Pinguinweibchen zu Hause, und soweit ich entdecken konnte, waren di« Eier noch nicht gelegt. Wären aber schon Kücken dagewesen und auf irgendeine Weise dem fallenden Stein entronnen, dann wären sie mit ihrer Ernährung gänzlich von ihrem Vater abhängig gewesen. Und wäre ihm etwas zugestoßen oder er hätte zu mausern angefangen ... __
Dazu würde allerdings «in« ungewöhnliche Reche von Mißgeschicken


