Ende Die Künstler wurden entlassen, das Orchester aufgelost, nur die vielen fröhlichen, taumeligen und schäumenden Weisen, die es erzeugt, schwirrten mir noch lange im Kopf, und zuweilen, wenn ich eines der Motive vor mich hinsummte, sah ich im Geist den Geiger, wie er die Augen schloß und das Haupt wie verzückt aus den braunen Leib seines Instruments preßte. Ich meinte am Ende, daß ein Künstler wie er mittlerweile in einem berühmten Orchester untergeschlüpft sein würde, und war deshalb nicht wenig erstaunt, als ich ihn eines Tages als Primgeiger eines sogenanntenKünstlertrios" wirken sah. Er sei mir recht gleichgültig geworden, dachte ich da, weil ich inzwischen zu der Aufsagung gelangt war, daß er im Grund ja nichts anderes getan habe, als di« Eingebungen eines Größeren nach bestem Können zu vermitteln.

Nach acht Jahren ist er mir nun, als ich letzthin daheim war, unter merkwürdigen Umständen wieder begegnet. Ich fiel am letzten Urlaubs­abend mit mehreren Freunden in feuchtfröhlichem Zustand in eine Bier­stube ein, die mit gebräunter Decke, darunter dicke schwarze Balken her­laufen, als eine Art Bauernschenke aufgemacht ist. Und mitten in dieser Schenke saß, vor einer mächtigen Konzertzither, mein Geiger und griff mit gewandten Fingern in die Saiten, daß ich gleich aufhorchte, weil er jeden schwierigen Akkord sauber und rein herausbrachte, wie es sich für einen gewesenen Konzertmeister geziemt Und da ich ihn sah und ohnehin einer Stimmung verfallen war, in der man gewöhnlich aus der Jugend­zeit singt, standen mir plötzlich die sorgenlosen, operettenseligen Jahre mit ihren kecken und schmachtenden Liedern erneut und in voller Deut­lichkeit vor Augen. Ich konnte es nicht lassen, ich mußte zu ihm gehen, daß er der Erinnerung mit ein paar Takten nachhelfe, und tat es dem­nach auch. Ob er nicht ehemals Konzertmeister am Operettentheater ge­wesen sei, fragte ich höflich. Er nickte, ein wenig verlegen, wie mir schien. Wenn es ihm keine Mühe mache, sagte ich weiter, so möge er doch einiges aus den alten, schönen Operetten zum Besten geben, er würde mir eine große Freude damit machen. Auch bäte ich ihn, sich zu mir zu setzen, sobald er einmal Pause habe. Er jedoch hatte Bedenken und er­widerte, er glaube, daß es ihm nicht gestattet sei.

Jetzt begann ich denn von der Vergangenheit zu reden, und lobte seine Soli und fragte ihn schließlich, ob ein Zithersolist eigentlich ein besseres Gehalt bekäme als ein Konzertmeister, ich sei der Meinung, daß ihm trotzdem als Primgeiger in einem Orchester andere Erfolge blühen würden als hier. Er senkte den Blick, zwirbelte den Schnurrbart und gab ausweichend zur Antwort: Es wäre nun halt mal sol Dann griff er wieder in die Saiten und spielte mit einer Fingersertigkeit sonder­gleichen die altvertrauten Gesänge, daß alle Leute mitsummten. Und immer, wenn er eine Atempause machte, prostete ich ihm zu, worauf er höflich, aber ein wenig herablassend nickte und jeweils ein frisches Glas Bier heruntergoß. Dann wischte er sich den Mund und Hub abermals zu spielen an, doch in einer Art Ekstase von Stunde zu Stunde schwierigere und ernstere Stücke, bis alle Heiterkeit der Gäste dahin war, weil sie nur noch Ohren für das Spiel und Augen für den Spieler hatten. Das ging so fort, über den Feierabend hinaus. Danach, während wir noch dem Kellner die Zeche beglichen, stand er auf, schob seine Zither in einen Holzkasten und entschritt mit kühlem, hochmütigem Gruß, wie wenn ein Virtuose den Kreis seiner stummen Verehrer durchbricht.

Der Wirt und die Kellner schauten sich erstaunt nach ihm um. Der Grund dieser Verwunderung ging mir erst auf, als mich einer der Kumpane fragte, wieviel Geld ich dem Kerl eigentlich gegeben habe, daß er nicht sammbln gekommen sei wie sonst. Ich glaubte nicht recht verstanden zu'haben.Nun ja, du muht ihm doch etwas gegeben haben!" Ich verneinte. Nun mischten sich die andern ein und gaben mir zu ver­stehen, sie seien erst gestern hier gewesen, und da wäre der Zitherspieler mit einem Teller an den Tischen rund gegangen; ich solle ihnen nichts weismachen. Mit einem Schlag war ich nüchtern. Wo der Mann Konzert­meister gewesen sei, stammelte ich, könne man ihm doch kein Almosen geben, ich hätte geglaubt, er stehe bei dem Wirt im Gehalt, und hätte es ihm gegenüber auch durchblicken lassen.

Wie ich das in meiner erschreckten Hilflosigkeit herausgebracht hatte, fiel ein Schweigen über sie, und als jetzt einer zu lachen begann, taten die andern nicht mit, sondern wandten sich stumm ab. Hernach ging jeder in sich gekehrt nach Hause. Ich selbst wurde von einer gelinden Traurig­keit befallen, die mich tagelang nicht losließ, bis ich mir den Trost ein­redete, daß mich ein gütiges Schicksal als blindes Werkzeug ausersehen habe, einen Menschen, der zu versinken drohte, wieder ans Licht zu holen. Und vielleicht habe ich recht behalten!

Wehrhaftes Wild.

Von Georg Manzer.

Wer hätte sich nicht schon einmal im Zoologischen Garten an dem Muskel­spiel und der verhaltenen Kraft des Königs der Tiere, des Löwen, erfreut? Ihm gilt unsere Bewunderung und Achtung, während wir dem König unserer Wälder, dem edlen Rothirsch, vielleicht weniger Beachtung schenken. Wer ihm aber schon einmal in den freien Wäldern unserer Heimat begegnet ist, dem wird seine Erscheinung ebensolche Bewunderung ausgelöst haben wie die der großen Raubkatze; und er sollte uns auch schon deshalb lieber sein, weil wir ihn in freier Wildbahn beobachten können.

Die Natur vollbringt an ihm ein Wunder in der Gabe seiner Waffe, des Geweihs. Regelmäßig im Februar jedes Jahres wirft der Hirsch seine Geweihstangen ab. Instinktiv bearbeitet er dabei dünnere Stämme solange, bis ihm erst die eine und dann auch die andere Stange abfällt. Das vollzieht sich für ihn schmerzlos. Finden wir aber solche Geweihstangen einmal im Walde, so sorgen wir dafür, daß sie in die Hände des zuständigen Jägers oder Försters gelangen. Er wird sich darüber freuen, denn diese abgeworsenen Stangen erleichtern oft dem Jäger die Beurteilung seines Wildes.

Hat der Hirsch sein Geweih abgeworfen, so beginnt er ein neues zu schieben", wie der Jäger treffend sagt. Das geschieht durch eine Nährhaut, Bast" genannt, die die eigentliche Knochenbildung umgibt und den Aufbau des Geweihes von außen fördert. Das Geweih in diesem Stadium wirkt durch die behaarte Basthaut dick und klobig, deshalb spricht der Jäger bann von einemKolbenhirsch". In dieser Zeit ist das Geweih weich und empsind- lich, also zunächst noch unbrauchbar. Meinungsverschiedenheiten unter den Hirschen werden deshalb durch Schlagen mit den harten Schalen der Vorder- läufe ausgetragen. Nach ungefähr fünf Monaten ist das Geweihaus- gewachfen". Der Hirsch hat fein Geweih Beredt, sagt man in der Jäger- fprache. Je nach Alter weist es dann eine entsprechende Anzahl von Geweih- sprossen auf. Ende Juli beginnt der Hirsch zu fegen, indem er den Bast an dem jetzt harten Geweih abfcheuert. Die schweißigen Bastfetzen hängen ihm dann von den Stangen herab, bis der letzte Rest abgefegt ist. Die von dem Bast befreiten Stangen sind jetzt aber noch verräterisch hell und leuchten weit durch den dunkelgrünen Wald. Der Hirsch versucht deshalb, fein Geweih mit einer dunklen Schutzfärbung zu versehen, stößt es in schlammige Erde, reibt es an Stämmen, bis Pflanzensaft, Erde und andere Einwirkungen den Geweihstangen die fchöne dunkelbraune Färbung mit den weißen Endspitzen geben. Weithin klingt dann dasSchlagen" des Hirsches durch den Wald, und wer ein wachsames Auge hat, findet Schlag- und Fegestellen leicht durch die weißgescheuerten Stämme und den zerstampften Boden.

Dieses Schlagen ist gleichzeitig eine Vorprobe für den Gebrauch feinet Waffe, denn jetzt nähert sich die Zeit der Brunst, in der sich die Gegner oft bittet bekämpfen. Da er in der Brunstzeit fast keine Nahrung zu sich nimmt, äst er sich im August tüchtig satt. Sein Pansen wird prall und feist. Aeußerst vorfichtig zieht et jetzt mit anderen männlichen Tieren feinet Art durch den Wald. Denn die Schonzeit ist nun abgelaufen.. Der Waidmann ist jetzt oft draußen im Revier, beobachtet und bestätigt jedes Stück Wild und trifft seine Vorbereitungen für den Abschuß. In den mondhellen Nächten findet die Jagd auf den Rothirsch ihren Höhepunkt. Ttutzig und rauh klingen die Stimmen des alten Kämpen in die Nacht hinein. Et steht jetzt beim weiblichen Rudel, und wehe dem Rivalen, der sich ihm nähert. Schreiend und röhrend ziehen sie sich entgegen, und nut der von seiner Kraft überzeugte Gegner stellt sich dem Platzhirsch offen zum Kampf. Dann prasseln die Geweihe mit ungeheurer Wucht auseinander. Wieder und immer wieder rennen fie gegeneinander an, bis bet eine röchelnd und mehr oder weniger schwer verletzt durch Flucht den Kampf aufgibt oder mit schweißigen Wunden am Platze bleibt und dort verendet. Der Sieget aber umkreist fein Rudel und stößt lauter denn je feinen Kampfruf aus in den dämmernden Morgen.

Was von unferem Rotwild gesagt wurde, trifft mit geringen zeitlichen Abweichungen auch auf das Rehwild zu. Nut trägt der Rehbock im Gegensatz zum Geweih des Hirsches ein Gehörn. Der Rehbock wirft fein Gehörn schon Ende November ab, um es neu zu schieben. Anfang Mai fegt er dann und ist Ende Juli zur Blattzeit kampfbereit. So schwere Kämpfe wie beim Hirsch -kommen jedoch zwischen Rehböcken selten vor. Doch finden sich auch hin und wieder fchwer gefortelte (mit dem Gehörn verletzte) Böcke im Revier ver­endet auf.

Auch das Wildschwein zählt zu unserem wehrhaften Wild. Es greift in bedrängtem und angeschweißtem Zustand häufig den Menschen an. Mit ungestümer Gewalt versteht es dann der Keiler, feine Zähne, Gewaff ober Gewehre genannt, zu gebrauchen. Oft hat er Jäger schwer verletzt und man­chen treuen Jagdhund in die einigen Jagdgründe befördert. Aber auch die Bache, das weibliche Wildschwein, ist trotz des Fehlens des Keilergewasss recht gefährlich. Besonders in der Zeit, in der sie Frischlinge führt, verteidigt sie mit viel Schneid und Mut ihre Sprößlinge. Als ich einmal auf dem Rade bas Revier abfuhr, fand ich dicht am Wege einen Frischling. Als ich ihn aus den Arm nahm, fing er jämmerlich an zu quieken. Da sauste wie ein Donner­wetter, schnaubend und prustend die alte Bache aus der Dickung heran. Schleunigst Letzte ich den Frischling auf den Boden, schwang mich auf mein Rad und fuqr eiligst davon.

Ich habe auch einmal erlebt, daß mich ein Keiler annahm, lieber Nacht war eine frische Schneedecke gefallen, und fo stellte ich die Fährte eines groben Keilers fest, die durch ein Stangenholz führte. Mit einem Jagdfreund folgte ich der Fährte, und bald fah ich in einem Wurzelgewirr umgebrochener Fichten eine fchwarze Masse. Das mußte der Keiler fein! Wir putschten uns heran fo gut es ging. Plötzlich wurde die Sau hoch und eräugte mich. Im gleichen Augenblick fchoß mein Freund. Und was nun folgte, geschah mit blitzartiger Geschwindigkeit. Der Keiler stürmte auf mich los und war mir schon sehr nahe, als ich mich in meiner Bedrängnis am Ast einer jungen Eiche emporzog. Da raste der Keiler auch schon unter mir durch. Der Ast war aber zu schwach, um mich längere Zeit halten zu können und brach, so daß ich ziemlich unsanft wieder auf dem Boden landete. Das muß sehr komisch ausgesehen haben, denn mein Freund, der den Keiler verschont hatte, bog sich vor Lachen. Das muß aber wohl den Bassen, der in der Dickung verfchwunden war, zu einem neuen Angriff veranlaßt haben. Denn als ich auffah, wälzte sich auch mein Freund im Schnee, und ich sah den Keiler mit befriedigtem Grunzen verschwinden. Alle Achtung, dachte ich, der hat mal mit uns aufgeräumt. Mein Gefährte lag immer noch im Schnee und fah mich verdaddert an. Er war beim Sturz mit dem Kopf gegen eine Wurzel geschlagen und hatte eine ganz nette Schramme am Schädel. Sein linker Stiefelschast war von oben bis unten aufgeschlitzt, und der Seiler hatte ihm eine ganz schöne Wunde am Bein beigebracht.

Nach dem Verbinden konnten wir uns endlich zum Anschuß begeben, wo wir aber weder Schnitthaar noch Schweißspritzer sanden. Der Seilet war also glatt gefehlt und hatte uns dennoch angenommen. Als ich mich von dem Schrecken erholt hatte, mußte ich über dieses Jagderlebnis, las weit gefährlicher hätte ausfallen können, herzlich lachen, und in mein Lachen mischte sich auch Bewunderung und Achtung für den Keiler, der fich lc,n unbestreitbares Recht nahm, fein Leben fo teuer wie möglich zu verkanten.

Verantwortlich: vr. Hans Thyriot. Druck und Verlag: Vrühlfche Universitätsdruckerei A. Lange, Gießen.

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