Ausgabe 
30.8.1937
 
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Reisefkizzen.

Von Gerd Kauter.

2mZuge nach Müllheim. Magische Landschaft: der Frllh-Rhein in der Morgensonne. Im Osten steigen gegen die noch tiefe Sonne flache glanzende Weinberge mit gewundenen Wegen. Ein Feld von weißem Mohn leuchtet silbern. Wenn es auf dem Monde Blumen gäbe Das macht der bläulich-schwarze Grund des Blütenkelches. Im Westen der junge und schon große rasche Rhein zwischen Pappeln in wunderbarer lockerer Wildnis aus Büschen, Bäumen und Kies. '

DieAlpen. Das Großartige geht an mir vorüber, weil es zu deutlich ist. Gefühle lassen sich nicht kommandieren. Aber die Blumenwiesen, der starke Wind vom Tal, der die Blätter stürmisch wendet, kleine Buben oben aus der hohen Brücke.

Mailand. Hinten die riesigen schwarzen Bögen der Einfahrt in die Halle, dunstverhangen, unter bleigrauem Himmel. Vorn die vielen Geleise zwei langsam fahrende Züge. In der Mitte aber, vorn, zwischen den Schienen, ein Weichenstellerhäuschen, aus Wellblech ursprünglich nun aber grün umwuchert von Wein, der in großen Ranken ausschweift Umgeben von sieben kindlich kleinen Blumenbeeten mit Astern und Dahlien bis hart an die Schienen. Wie eine Kajüte auf kleinem Floß, wie ein leuchtender Arion schwebt es grün auf dem grauen Dunstmeer der Zivili­sation. Wie ein Künder der ungebrochenen Raturhaftigkeit dieses Volkes

Pavia. Aus den unendlichen Weingärten der Po-Ebene beginnen die Zikaden. Dies schlug an die Heimweh-Saite, die frühere Reisen in mir eingespannt haben. Das ist es, dies und anderes. Vielleicht ist es den Italienern soviel wie uns das Rauschen unseres Waldes.

Chiavari. Du willst noch einen Brief an die Bahn bringen, damit er noch mit dem Schnellzug um 10 nach Genua kommt. Du bist zwar müde vom Vormittag im Meer und dem Nachmittag auf den Bergen, aber es dauert ja nur eine halbe Stunde hin und zurück. So denkst du aber was wird daraus? Du mußt schon auf der Brücke stehenbleiben, um den Frösche zuzuhören, die in dem fast trockenen Flußbett Hausen, und mit den Grillen vom Ufer um die Wette singen. Die Hauptstraße ist voller Leben, das kennst du vom vorigen Jahr, aber da sind an den Kolonnaden Säulen, die dir auffallen, schwarze Säulen, jede anders, sehr einfach und alt. Du suchst, wo die Bar Italia ist dort soll es guten Kaffee geben, und deine Blicke bleiben hängen an einem alten beschwingten Relief mit Centauren und Palmen. Du siehst den Bahnhof schon, da lockt die große Kirche, der Duomo, mit ihren offenen Türen. Ein erstarrtes Feuerwerk von vielen tausend Kerzen steht über der Gemeinde, ganze Ketten von Kronleuchtern streben in äußerster Höhe zusammen in dem leuchtenden Doppel-M der Maria Mater. Und dann singen sie, immer dasselbe, wohl zwanzigmal, eine doppelte Strophe, unendlich beruhigend.

Du reißt dich los, zum Bahnhof, wirfst den Bries ein, trittst erleichtert wieder ins Freie, siehst die kleinen braunen Knaben vor dem Zeitungs­ständer auf dem Boden hocken und die Illustrierten betrachten. In den Anlagen am Bahnhof hängen bunte Lampen an gewundenen Wegen. Auf allen Bänken sitzen plaudernde, freundliche Menschen, und zarte Kinder in weißen Kleidern spielen fließend Ball mit leisen Rufen. Die Kirche strahlt wieder. In der Hauptstraße begegnet dir ein Mädchen so schön und lieblich, daß du weinen möchtest, denn das Vollkommene lebt nur eine kurze Zeit. Du wirst müde, suchst die Nebenstraßen, da hörst du sie singen: An der Hausecke, fast im Finstern, sitzt eine dunkle Familie, die Frauen auf niederen Schemeln selbstgemachten, sie leben vom Stllhle-Flechten, die Knaben auf dem Boden, Männer lehnen an der Wand. Wie der Wind durch Bäume fährt, so singt es aus ihnen, in vielen Stimmen und ohne feste Bahn. Kommen Männer, Freunde des Wegs, so mündet es in ein Gespräch und schallendes Gelächter. Sie schütteln sich vor Lachen und fallen fast auf den Rücken, aber nach einer Pause hebt das Singen ernst und leise wieder an.

Du reißt dich los und gehst den schmalen Pfad zurück zwischen den Mauern. Der Sängerkrieg der Kröten und Grillen hält noch an. Ein Glühwurm treibt vor dir her: auch er ein wenig anders im Temperament als die zu Hause: nicht gleichmäßig leuchtend, sondern bei jeder Kurs­änderung seines Zickzackweges aufblitzend und verlöschend. Du wolltest einen Brief zum Kasten bringen und bist zwei Stunden fortgewesen.

Wenn du aber einige Zeit hier bist, überfällt dich manchmal Stumpf­heit. Du hast den überall dich umdrängenden Kräften des Meeres, der Sonne, der Pflanzen, der immer dir hold entgegenkommenden Anmut dieses Volkes zu wenig Stille, Kraft und Ruhe entgegengesetzt. Du mußt es erst lernen. In der Gegenwehr hast du dich verzettelt und ver­pufft, wirst leer und siehst aus einmal dieses Land wie ein buntes Post­kartenbild, das Meer wie blaues Glas, die Berge wüst. Du hast dich gewöhnt an die ewig dich umsingende Melodie dieser wunderbaren Sprache, hörst die Zikaden nicht mehr und erkennst nicht den fremden Baum mit den seltsamen weißen großen Blüten. Du möchtest etwas tun, doch fehlt dir die Kraft. Ein Heimweh ist auf einmal da, nach Kälte, Regen, Wind, Stube, Dünung, Pflicht. Aber auch dies nur wie hinter der Glasscheibe dieser tödlichen Stumpfheit.

Dagegen hilft: Schlafen, im Freien aber, im leichten Wind und im Lichtgitter der Oelbäume. Oder Steigen, anfangs gegen alle Neigung, auf die Berge, bis das gewölbte Meer mit dir auffteigt und der Kranz des graugrünen Gebirges, auf das der Abend seine blauen Schatten legt. Da hörst du die Grillen wieder, siehst das Gras vor dem fernen Ge- dirgsrand, und unten, aus den Höfen durch die große Stille kommt die Stimme eines Kindes, eines siebenjährigen Mädchens vielleicht, das P ia ruft, weithin tragend, metallisch glänzend, mit vielen ^Ober- lönen, etwas klagend wie ein Raubvogelruf, sehnend, und soviel «pan- nung ist in dem langgezogenen Bogen dieser zwei Laute, und soviel Lust also, soviel unbewußtes Leben. Oder du hörst sie gemeinsam fingen. Die Musik löst den Tod deiner Sinne Du wirst einbezogen in hr gemeinsames Leben, das sich am Abend entfaltet in den Straßen, »nb das wie ein Echo ist, wie ein verwandeltes Wiederkommen des mächtigen Einflusses der Natur, dem der südliche Mensch am Tage stand- 1 ä>t in weisem Ertragen.

Pisa So wird es immer schwieriger, Entschlüsse zu fassen. Zum Veispiel den, nach P,sa zu fahren, was uns von Deutschland aus als eine lockende und selbstverständliche Unternehmung angezogen hatte. Aber in den letzten Tagen kam es immer wieder vor, daß einer zum anöern Jagte, im Meer, wenn wir nebeneinander schwammen oder auf einem Berge liegend und zeichnend: Schließlich kann uns niemand (jmingen, nach Pisa zu fahren! Und eben deshalb taten roirs denn heute Dod), ganz freiwillig, mit größter Ueberwindung, richtig mit dem Willen Unö es ging dann natürlich sehr gut. Wir bekamen wieder Zutrauen in unsere nördliche Aktivität. Und nun tragen mir in uns das Bild dieses marmornen Traumes.

Wir kannten Biüer des Domes und desschiefen Turmes", aber sie wv gegen die Wirklichkeit, denn jeder sieht eine andere, seine Wirklichkeit. Nicht kalkweiße Gebäude unter ewig blauem Himmel und vernichtende Sonne aus versengtem Platz. Vor gewitterfahlem Himmels- 9* sehe ich zuerst das zwischen Grau und Honiggelb schwebende Licht des Steines und die ungeheure Größe der drei Gebäude. Dann bleibt mein Blick am Baptisterium hängen. Es steht da wie eine unge­heure runde Döse, nichts anderes ausdrückend, als daß sie ein kostbares Geheimnis bewahrt. Und dies Geheimnis ist zugänglich, sagt ein brauner Vorhang am Eingang. In weitem Umkreis nichts als steppenhafter grau­grüner Rasengrund; das Geheimnis ruht auf der Natur. Dahinter eine hohe dunkle Mauer, die alles Gewöhnliche ausschließt.

Auf der anderen Seite der Kirche ich sage nur was mir auffiel derschiefe Turm". Wie genial edel und einfach feine Gestalt ist, Zeigt auch das Bild. Aber nicht, was diese Schiefheit [ein kann für den der ihn wirklich ins Licht ragen sieht ungeheuer hoch und um >hn herum und auf ihn hinauf geht. Ich hatte diese Schiefheit immer gering geschätzt, als eine physikalisch-architektonische Rarität und fade Touriften-Sehenswürdigkeit", am besten noch zu brauchen, um einem Tertianer die Sache mit der Standfestigkeit klar zu machen, die gesichert ist, wenn das Lot vom Schwerpunkt noch innerhalb der Bodenfläche auftrifft. Aber es ist mehr. Ich merkte es zuerst, als ich um das Haupt- gebaude herumbog und ihn hinter dessen senkrechten Linien sich oor- schieben sah. Da sah ich ihn fallen, sah ihn im Sturz, und im Sturz sich halten, spürte die Mühe, die Spannung, die es ihn ständig kostet. Stoch mehr, als wir auf der Spiraltreppe in der Mauer hinaufgingen, und nun spürten, daß diese Treppe nicht gleichmäßig steil ansteigt wie sie müßte, wenn der Turm gerade stünde sondern abwechselnd es einem leichter und schwerer macht, indem sie diesem ständigen Bergauf noch ein geringeres periodisches Aus und Ab überlagert, das dir den Fuß bald nach unten zieht, bald die Knie nach oben drückt, ganz zu schweigen davon, daß immer wieder eine Stelle kommt, wo eine geheime Zentrifugalkraft dich gegen die Außenwand drängt. Dies alles erzeugt das Gefühl, daß die Schiefheit in dem Turme lebt, spiralig, wechselnd, treibend, spannend wie in einem Pflanzenstamm, der schräg aus der Erde wächst und im Winde schwankt. Schief ist eben gar kein Wort dafür, und die Italiener sagen auch bessertorre pendente" (hängender Turm). Und wenn du wieder unten stehst, siehst du ihn leise vor den grauen Wolken schwanken und zart damit prunken, daß Gerade- Stehen keine Kunst ist!

Oer Konzertmeister.

Von Hermann Bredehöft.

Mit siebzehn Jahren erfaßte mich nach dem Besuch einer Operetten« Vorstellung eine jähe und heftige Leidenschaft zur Musik, und zwar, wie nicht anders denkbar, zu der leichten, tänzelnden, teils luftigen, teils lyrisch-sentimentalen Operettenmusik, die ich fortan gegen aufgeblasene Widerfacher, also gegen diejenigen unter meinen Bekannten, die sie in Bausch und Bogen alseine Konzession an die Lüsternheit" verdammten, mit Feuereifer zu verteidigen begann.

Während dennoch meine Altersgenossen sonntags auf die Tanzböden gingen ober sonstwie auf eine frische und kühne Weise nach Bräuten fahndeten, hockte ich im dritten Rang des Operettentheaters und tanzte in Gedanken die ganze bunte Tanzkarte des Stückes herunter und fahn­dete mit dem Helden der Operette nach der ihm höhernorts zuerkannten Geliebten; aber während die Altersgenossen häufig genug kummer- defchwert und mißmutig ob der Launen und Unbeständigkeit ihrer Mäd­chen Heimkommen mochten, ging ich selbst nie anders als fröhlich zur Ruhe, und zuweilen hielt die Freude an einer Tanzweife die ganze nächste Woche über an.

Nun spielte man zu meiner Zeit neben klassischen Operetten mehrere Werke von Lehar, die sich durch eine besonders schillernde Instrumentie­rung auszeichnen, wobei zuweilen aus dem Orchestergewoge eine einzelne Geigenstimme auffteigt, die, von Holzbläfersiguren anutig umspielt, wer­bend oder schluchzend der Singstimme sich vermählt. Diese Manier ent­zückte mich derart, daß es mir zuweilen heiß ins Auge stieg, und weil ich solche Operetten, die mich irgendwie mitrissen, gern ein zweites, ja ein drittes Mal anhörte, so begann ich allmählich auch auf den Musiker zu achten, der mit einigen kunstvollen Bogenstrichen mein Herz so in Wallung brachte. Es war dies ein schlanker, dunkler Mensch mit einem spitz gezwirbelten Schnurrbart, welcher, so oft ich ihn ein Solo spielen sah, auf eine innige Weife die Augen schloß und seinen Kopf liebevoll auf die Geige preßte. Ich erkundigte mich gelegentlich nach ihm bei einem, der das Theater näher zu kennen vorgab, der jedoch mit einer abfälligen Handbewegung nichts weiter über ihn ausjufagen wußte, als daß er ein Trinker wäre. Das versetzte meiner Zuneigung nun einen harten Stoß, aber ich erzählte niemand von dieser Leidenschaft des Gei­gers, aus Angst, so etwas möchte dem Ansehen des Theaters schaden. Und als er wieder einmal eine Solostelle zu aller Ergriffenheit gemei­stert und während einer Vogelhändler-Aufführung gar noch auf der Bühne die Zither geschlagen hatte, da verzieh ich ihm gern sein Laster.

Das war aber schon einige Monate später, als die Stadtverwaltung das Theater verpachtete an einen Unternehmer, welcher ein Kino daraus machen wollte. So nahm die Herrlichkeit denn ein jähes und betrübliches