holde Annunziata ganz heimlich zu. Als nun der alte Falieri bas Engelsbild erblickte, war er ganz bestürzt über das Wunder von Schönheit und vermochte kaum, unverständliche Worte stammelnd, um sie zu werben. Annun- lidta, wohl von Bodoeri schon unlerrichtel, fcinf, hohe Nöte ouf öen Wangen, nieder vor dem sürstlichen Greise. Sie ergrisf seine Hand, die sie an die Lippen drückte, und lispelte leise: „O Herr, wollt Ihr mich denn würdigen, Euch zur Seite den fürstlichen Thron zu besteigen? — Nun, so will ich Euch aus dem Grunde meiner Seele verehren und Eure treue Magd sein bis zum letzten Atemzuge." — Der alte Falieri war außer sich vor Wonne und Entzücken. Als Annunziata seine Hand ergriff, fühlte er es durch alle Glieder zucken, und dann begann er dermaßen mit dem Kopfe, mit dem ganzen Leibe zu wackeln und zu zittern, daß er nur zu geschwinde sich in den großen Lehnstuhl setzen mußte. Es schien, als solle Bodoeris gute Meinung von dem kräftigen Alter der achtziger Jahre widerlegt werden. Der konnte freilich ein seltsames Lächeln, das um seine Lippen zuckte, nicht unterdrücken, die unschuldige, unbesangene Annunziata bemerkte nichts, und sonst war zum Glück niemand zugegen. — Macht' es sein, daß der alte Falieri, dacht' er daran, sich dem Volke als Bräutigam eines neunzehnjährigen Mädchens zu zeigen, das Unbequeme dieser Lage fühlte, daß fogar eine Ahnung m ihm sich regte, daß man die zum Spott geneigten Venetianer dazu eben nicht aufreizen dürfe, und daß es besser sei, den kritischen Zeitpunkt des Bräutigamsstandes ganz zu verschweigen, genug, mit Bodoerrs Ueber- einstimmung wurde beschlossen, daß die Trauung in der größten Heimlichkeit vollzogen und dann einige Tage darauf die Dogarefse als mit Falieri längst vermählt und als sei sie eben aus Treviso angekommen, wo sie sich während Falieris Sendung nach Avignon aufgehalten, der Signorie und dem Volk vorgestellt werden füllte.
Richten wir unfern Blick aus jenen sauber gekleideten, bildschönen Jüngling, der, den Beutel mit Zechinen in der Hand, den Rialto auf und ab geht, mit Juden, Türken, Armeniern, Griechen spricht, die verdüsterte Stirn wieder abwendet, weiter schreitet, stehen bleibt, wieder umkehrt und endlich sich nach dem Markusplatz gondeln läßt, wo er mit ungewissem, zauderndem Schritt, die Arme übereinandergeschlagen, den Blick zur Erde gesenkt, aus und ab wandelt und nicht bemerkt, nicht ahnt, daß manches Flüstern, manches Räuspern aus diesem, jenem Fenster, von diesem, jenem reich behängten Balkon herab, Liebeszeichen sind, die ihm gelten. Wer würde in diesem Jünglinge so leicht den Antonio erkennen, der noch vor wenigen Tagen zerlumpst, arm und elend auf dem Marmorpslaster vor der Dogana lag! „Söhnlein, mein goldenes Söhnlein Antonio, guten Tag! — guten Tag!" So rief ihm das alte Bettelweib entgegen, die aus den Stufen der Markuskirche saß, und bei der er vorüberschreiten wollte, ohne sie zu sehen. Sowie er, sich rasch umwendend, die Alte erblickte, griff er in den Beutel und holte eine Handvoll Zechinen heraus, die er ihr zuwerfen wollte. „O laß doch dein Gold stecken", kicherte und lachte die Alte, „was soll ich denn mit deinem Golde anfangen, bin ich denn nicht reich genug? — Aber wenn du mir Gutes tun willst, so laß mir eine neue Kapuze machen; denn die, die ich trage, will nicht mehr halten gegen Wind und Wetter! — Ja, das tue, mein Söhnlein, mein goldenes Söhnlein — aber bleib' weg vom Fontego — vom Fontego!" — Antonio starrte der Alten ins bleichgelbe Antlitz, in dem die tiefen Furchen auf seltsame grauliche Weise zuckten, und als sie nun die dürren Knochenhände klappernd zusammenschlug und mit heulender Stimme und widrigem Kichern fortplapperte: „Bleib' weg vom Fontego!" da rief Antonio: „Kannst du denn niemals dein tolles, wahnsinniges Treiben lassen, du — Hexenweib!" Sowie Antonio dies Wort aussprach, kugelte die Alte, wie vom Blitz getroffen, die hohen Marmor- stufen herab. Antonio sprang hinzu, faßte die Alte mit beiden Händen und verhinderte den schweren Fall. „O mein Söhnlein", sprach jetzt die Alte mit leiser, kläglicher Stimme, „o mein Söhnlein, was für ein entsetzliches Wort sprachst du aus! O töte mich lieber, als daß du dieses Wort noch einmal wiederholst. — Ach, du weißt nicht, wie schwer du mich verletzt hast, mich, die dich ja so getreulich im Herzen trägt ■— ach, du weißt nicht." — Die Alte brach plötzlich ab, verhüllte ihr Haupt mit dem dunkelbraunen Tuchlappen, der ihr wie ein kurzes Mäntelchen um die Schultern hing, und seuszte und wimmerte wie in tausend Schmerzen. Antonio fühlte sich im Innersten auf seltsame Weise bewegt, er faßte die Alte und trug sie hinaus bis an das Portal der Markuskirche, wo er sie aus eine Marmorbank, die dort befindlich, hinsetzte. „Du hast mir Gutes getan, Alte", sing er dann an, nachdem er des Weibes Haupt befreit hatte von dem häßlichen Tuchlappen, „du hast mir Gutes getan; dir hab' ich eigentlich meinen ganzen Wohlstand zu verdanken, denn standest du mir nicht bei in der Todesnot, so läge ich längst im Meeresgründe, ich rettete nicht den alten Dogen, ich erhielt nicht die wackern Zechinen. Aber selbst, hättest du das auch nicht getan, so fühle ich, daß ich doch mit ganz besonderer Neigung dir anhängen müßte mein Leben lang, unerachtet du mir wieder mit deinem wahnsinnigen Treiben, wenn du so widerlich kicherst und lachst, ost inneres Grauen genug erregst. In der Tat, Alte, als ich noch mit Lasttragen und Rudern mühsam mein Leben fristete, da war mir es ja immer, als müsse ich schärfer arbeiten, nur um dir ein paar Quattrinos abgeben zu können." — „O mein Herzenssöhnlein, mein goldener Tonino26 * 28)", ries die Alte, indem sie die verschrumpsten Arme hoch emporhob, so daß ihr Stab'klappernd aus den Marmor niederfiel und weit fortrollte, „o mein Tonino! ich weiß es ja, ich weiß es ja, daß du mir, stellst du dich auch an, wie du nur magst, mit ganzer Seele anhängen mußt, denn — doch still — still — still." — Die Alte bückte sich mühsam herab nach ihrem Stabe: Antonio hob ihn auf und reichte ihn ihr hin. Das spitze Kinn auf den Stab gestützt, den starren Blick auf den Boden gerichtet, sprach die Alte nun mit zurückgehaltener dumpfer Stimme: „Sage mir, mein Kind! magst du dich denn gar nicht der früheren Zeit erinnern, wie es ging, wie es war mit dir, ehe du hier, ein armer, elender Mensch, kaum dein Leben sristen konntest?" Antonio seuszte tief auf, er nahm Platz neben der Alten und fing bann an: „Ach, Mutter, nur zu gut weiß ich, daß ich von Eltern geboren wurde, die in dem blühendsten Wohlstände lebten, aber wer sie waren, wie ich von ihnen kam, nicht die leiseste Ahnung davon blieb und konnte davon in meiner Seele bleiben. Ich erinnere mich sehr gut eines großen, schönen Mannes, der mich oft aus den Arm nahm, mich abherzte und mir Zuckerwerk in den Mund steckte. Ebenso gedenke ich einer freundlichen, hübschen Frau, die
26) Koseform für Antonio.
mich aus- und anzog, mich jeden Abend in ein weiches Bettchen legte und mir überhaupt Gutes tat auf jede Weife. Beide fprachen mit mir in xiner remden, volltönenden Sprache, und ich selbst lallte manches Wort in dieser Sprache ihnen nach. Als ich noch ruderte, pflegten meine feindlichen Käme- raden immer zu sagen, ich müsse meiner Haare, meiner Augen, meines gangen Körperbaues halber deutscher Abkunft sein. Das glaub' ich auch, jene Sprache meiner Pfleger — der Mann war gewiß mein Vater — war deutsch. Die lebhafteste Erinnerung jener Zeit ist das Schreckbild einer Nacht, in bet ich burch ein entsetzliches Jammergeschrei aus tiefem Schlaf geweckt würbe. Man rannte im Hause umher, Türen würben aus- unb zugeschlagen, mit würbe unbeschreiblich bange, laut fing ich an zu weinen. Da stürzte die Frau, die mich pflegte, hinein, riß mich aus dem Bette, verstopfte mir den Mund, wickelte mich ein in Tücher und rannte mit mir von bannen. Seit biesem Augenblicke schweigt meine Erinnerung. Ich sinbe mich totebet in einem prächtigen Hause, bas in bet anmutigsten Gegenb lag. Das Bild eines Mannes tritt hervor, ben ich ,Vater' nannte, unb bet ein stattlicher Herr wat von eblem und dabei gutmütigem Ansehen. Et sowie alle im Hause sprachen italienisch. Mehrere Wochen hatte ich den Vater nicht gesehen, da kamen eines Tages fremde Leute von häßlichem Ansehen, die machten viel Lärm im Hause und stöberten alles durch. Als sie mich erblickten, fragten sie, wer ich denn tei, und was ich hier im Hause mache? — ,Jch bin ja Antonio, bet Sohn vom Hause!' Als ich bas erwibette, lachten sie mir ins Gesicht, rissen mir bie guten Kleiber vom Leibe und stießen mich zum Hause hinaus, mit der Drohung, daß ich, wage ich es, mich wieder zu zeigen, fortgeprügelt werden solle. Laut jammernd lief ich von bannen. Kaum hunbert Schritte vom Hause trat mir ein alter Mann entgegen, in bem ich einen Diener meines Pflegevaters erkannte. ,Komm, Antonio', rief er, mbem er mich bei bet Hanb faßte, ,komm, Antonio, armer Junge! für uns beibe ist bas Haus bort auf immer verschlossen. Wit müssen nun beibe zusehen, wo wir ein Stück Brot sinben.' Der Alte nahm mich mit hierher. Et war nicht so atm, als er seiner schlechten Kleidung nach zu sein schien. Kaum angekommen, ah ich, wie er die Zechinen aus dem zertrennten Wams hervorholte und, den ganzen Tag sich auf dem Rialto umhertteibend, bald den Unterhändler, bald ben Hanbelsmann selbst machte. Ich mußte immer hinter ihm her sein, unb et pflegte, batte er ben ©anbei gemacht, noch immer um eine Kleinigkeit für ben Figliuolo28) zu bitten. Jeber, bem ich recht breift in bie Augen sah, rückte noch gern einige Quattrinos heraus, bie er mit vieler Behaglichkeit einsteckte, inbem er, mir bie Wangen streichelnb, versicherte, er sammle bas alles für mich zum neuen Wams. Ich befanb mich wohl bei bem Alten, ben die Leute, ich weiß nicht warum, Väterchen Blaunas nannten. Doch das dauerte nicht lange. Du erinnerst dich, Alte, jener Schreckenszeit, als emes Tages die Erde zu beben begann, als, in den Grundfesten erschüttert, Türme und Paläste wankten, als wie von unsichtbaren Riesenarmen gezogen bie Glocken läuteten. Es sinb ja kaum sieben Jahre barüber vergangen. — Glücklich rettete ich mich mit bem Alten aus bem Hause, bas hinter uns zusammenstürzte. Alles Geschäft ruhte, auf bem Rialto lag alles in toter Betäubung. Aber mit biesem entsetzlichen Ereignis ffmbigte sich nur bas hetannahende Ungeheuer an, bas balb seinen giftigen Atem aushauchte über Stabt unb Lanb. Man wußte, baß bie Pest, aus ber Levante zuerst nach Sizilien ge- brungen, schon in Toscana wütete. Noch war Venebig bavon befreit. Ta hanbelte eines Tages mein Väterchen Blaunas auf bem Rialto mit einem Armenier. Sie würben hanbelseinig unb schüttelten sich wacker bie Hänbe. Mein Väterchen hatte einige gute Waren bem Armenier abgelassen um geringen Preis unb forberte nun bie gewöhnliche Kleinigkeit per il figliuolo27). Der Armenier, ein großer starker Mann mit bickem krausem Bart — noch steht er vor mir —, schaute mich an mit freunblichem Blick; bann küßte er mich unb brückte mit ein paar Zechinen in bie Hand, bie ich hastig einsteckte. Wir gonbelten nach San Marco. Unterwegs forberte Väterchen mir bie Zechinen ab, unb ich weiß selbst nicht, wie ich bat auf kam, zu behaupten, baß ich mir sie selbst verwahren müsse, ba ber Armenier es so gewollt. Der Alte würbe verdrießlich, ober indem er mit mit zankte, bemerkte ich, daß sein Gesicht sich mit einer widerlichen erdgelben Farbe überzog, und daß er allerlei tolles, unzusammenhängendes Zeug in seine Reden mischte. Auf dem Platz angekommen, taumelte er hin und her wie ein Betrunkener, bis er dicht vor dem herzoglichen Palast tot niedetstürzte. Mit lautem Jammergeschrei warf ich mich auf den Leichnam. Das Volk rannte zusammen, aber sowie der fürchterliche Ruf: ,Die Pest — die Pest!' erscholl, stäubte alles voll Entsetzen auseinander. In dem Augenblick ergriff mich eine dumpfe Betäubung, mir schwanden die Sinne. Als ich erwachte, fand ich mich m einem geräumigen Zimmer auf einer geringen Matratze mit einem wollenen Tuche bedeckt. Um mich herum lagen auf ähnlichen Matratzen wohl zwanzig bis dreißig elende bleiche Gestalten. So, wie ich später erfuhr, hatten mich mitleidige Mönche, die gerade aus San Marco kamen, da sie Leben in nur verspürten, in eine Gondel bringen unb nach ber ©iubecca28) in bas Kloster San Giorgio Maggiore, wo bie Benebiktiner ein Hospital angelegt hatten, schassen lassen. — Wie vermag ich dir denn, Alte, diesen Augenblick des Erwachens zu beschreiben I Die Wut der Krankheit hatte mir alle Erinnerung des Vergangenen gänzlich geraubt. Gleich als wäre in die tobstarre Bildsäule plötzlich bet Lebensfunken gefahren, gab es für mich nur augenblickliches Dafein, bas sich an nichts knüpfte. Du kannst es bir benten, Alte, welchen Jammer, welche Trostlosigkeit bies Leben, nur ein im leeren Raum ohne Halt schwimmenbes Bewußtsein zu nennen, über mich bringen mußte! — Die Mönche konnten mir nur sagen, baß man mich bei Väterchen Blaunas gefunben, für besten Sohn ich allgemein gegolten. Rach unb nach fammelten sich zwar meine Gebauten, unb ich besann mich auf mein früheres Leben, aber was ich bir erzählte, Alte, bas ist alles, was ich davon weiß, und das sind doch nut einzelne Bilder ohne Zusammenhang. Ach! dieses troftloie Alleinstehen in der Welt, das läßt mich zu keiner Fröhlichkeit kommen, w gut es mir nun auch gehen mag." — „Tonino, mein lieber Tonino', Hrtflt? die Alte, „begnüge dich mit bem, was bir bie helle Gegenwart schenkt.
(Fortsetzung folgt.)
26) Söhnchen.
2?) Für bas Söhnchen.
28) Zu Venebig gehörige Insel; Kloster unb Kirche San Giorgio Mag giere liegen jeboch nicht auf ihr, sonbern auf einer befonbeten Jnjei (vgl. Anm. 2).


