Jahrgang 1957
Montag, den 30. August
Nummer 67
GießenerZamilienbliitter
Unterhaltungsbeilage zum Siebener Anzeiger
Doge und Oogareffe.
Erzählung von E. T. A. Hoffmann.
1. Fortsetzung.
Erstarrt schaute Antonio hin: dicht vor ihm rasselte es wie mit Ketten- er schaute hinab: ein kleiner Kahn, der an die Mauer angekettet, wurde von den Wellen geschaukelt; da fiel es wie ein Blitzstrahl in seine Seele. Er sprang in den Kahn, machte ihn frei, ergriff das Ruder, das er darinnen fand, und stach kühn und mutvoll hinaus in die See, geradezu auf den Bucentoro. Je naher er kam, desto deutlicher vernahm er das Hilfsgeschrci auf dem Bucentoro: „Hinan! — hinan! — rettet den Doge! rettet den Doge!" — Es ist bekannt, daß kleine Fischerkähne im Golf, wenn er stürmt, gerade sicherer sind und besser zu handhaben als größere Barken, und so kam es denn, daß dergleichen von allen Seiten herbeieilten, um das teure Haupt des Marino Falierr zu retten. Aber int Leben geschieht es ja immer, daß die ewige Macht nur einem das tüchtige Gelingen einer kühnen Tat als sein eigen zugeteilt hat, so daß alle andern sich ganz vergebens darum bemühen. So war es diesmal der arme Antonio, dem die Rettung des neuerwählten Doge zugedacht war, und deshalb gelang es ihm ganz allein, sich mit seinem kleinen geringen Fischerkahn glücklich hinanzuarbeiten an den Bucentoro. Der alte Marino Falieri, mit solcher Gefahr vertraut, stieg, ohne sich einen Augenblick zu besinnen, rüstig heraus aus dem prächtigen, aber verräterischen Bucentoro und hinein in den kleinen Kahn des armen Antonio, der ihn über die brausenden Wellen leicht weggleitend wie ein Delphin in wenigen Minuten hinüberrüderte nach dem Platze des heiligen Markus. Mit durchnäßten Kleidern, große Meerestropsen int grauen Bart, führte man den Alten in die Kirche, wo der Adel mit verbleichten Gesichtern die Zeremonien des Einzuges beendete. Das Volk ebenso wie die Siguorie, bestürzt über die Unfälle des Einzuges, zu denen es auch rechnete, daß der Doge in der Eil' und Verwirrung durch die zwei ©ernten22) geführt worden, wo gewöhnliche Missetäter hingerichtet zu werden pflegen, verstummte mitten int Jubel, und fo endete der festlich begonnene Tag traurig und düster.
An den Retter des Doge schien niemand zu denken, und Antonio selbst dachte nicht daran, sondern lag todmüde, halb ohnmächtig von Schmerz, den ihm die neuaufgereizte Wunde verursachte, in dem Säulengange des herzoglichen Palastes. Desto verwunderlicher war es ihm, als, da beinahe die Nacht eingebrochen, ein herzoglicher Trabant ihn bei den Schultern packte und mit den Worten: „Komm, guter Freund!" in den Palast und in die Zimmer des Doge hineinstieß. Der Alte kam ihm freundlich entgegen und sprach, indem er auf ein paar Beutel wies, die auf dem Tische lagen: „Du hast dich wacker gehalten, mein guter Sohn; hier — nimm diese dreitausend Zechinen, willst du mehr, so fordere, aber erzeige mit den Gefallen und lafse dich nie mehr vor meinem Angesichte sehen." Bei den letzten Worten blitzten Funken aus den Augen des Alten und die Nasenspitze rötete sich höher. Antonio wußte nicht, was der Alte wollte, ließ sich das auch gar nicht zu Herzen gehn, sondern lastete mit Mühe die Beutel auf, die er mit Fug und Recht verdient zu haben glaubte.
Leuchtend im Glanz der neuerlangten Herrschaft, sah andern Morgens der alte Falieri aus den hohen Bogenfenstern des Palastes herab aus das Volk, das sich unter ihm in allerlei Wasfcnübuugen lustig tummelte. Da trat Bodoeri, seit den Jünglingsjahren in unwandelbarer Freundschaft mit dem Dogen fest verkettet, ins Gemach, und als nun dieser ganz versunken in sich und feine Würde ihn gar nicht zu bemerken schien, schlug er die Hände zusantmen und rief laut lachend aus: „Ei, Falieri, welche erhabene Gedanken mügen brüten und gedeihen in deinem Kopse seit dem Augenblicke, daß die krumme Mütze daraus sitzt?" — Falieri, wie aus einem Traume erwachend, kam dem Alten mit erzwungener Freundlichkeit entgegen. Er fühlte, daß es doch eigentlich Bodoeri war, dem er die Mütze zu verdanken, und jene Rede schien ihn daran zu mahnen. Da nun aber jede Verpflichtung sein stolzes, herrschsüchtiges Gemüt wie eine Last drückte und ec den ältesten Rat, den bewährten Freund nicht abfertigen konnte wie den armen Antonio, so zwang er sich einige Worte des Dankes ab und fing bann gleich an, von den Maßregeln zu sprechen, die jetzt den überall sich regenden Feinden entgegengestellt werden müßten. „Das", fiel ihm Bodoeri mit schlauem Lächeln in die Rede, „das und alles übrige, was sonst noch der Staat von dir fordert, wollen wir nach ein paar Stunden im versammelten Großen 9iat23 21) reiflich erwägen und überlegen. Nicht darum bin ich so früh gekommen, um mit
22) Gemeint sind wohl die beiden Granitsäulen auf der Piazzetta, deren eine Sankt Theodor, den kriegerifchen älteren Schutzheiligen Venedigs, trägt, während die andere mit dem bronzenen geflügelten Markus-Löwen geschmückt ist. Zu den Zeiten Falieris war Sankt Theodor schon an feinem Platze ((eit 1329), von der anderen Säule aber nur der Schaft vorhanden.
23) Die nach manchen Parteikämpfen im Innern und vielen Versuche», die Dogenwürde erblich zu machen, 1172 eingesetzte Korporation der vornehmsten Edlen, die die höchste Gewalt in Händen hatte.
brr bie Mittel aufzufinben, wie man ben kecken Doria schlägt, ober wie man den ungarischen Lubwig, bem es toteber nach unfern balmatischen See- ftäbten gelüstet, zur Vernunft bringt. Nein, Marino, nur an bich selbst hab' ich gebucht unb zwar, was bu vielleicht nicht taten würbest, an beinc Vermählung." — „Wie konntest bu“, erloiberte ber Doge, inbem er ganz verdrießlich aufftanb unb, bem Bodoeri ben Rücken gewendet, hinausschaute durch das Fenster, „wie konntest du nur daran denken. Noch lange ist's hin bis zum Himmelfahrtstage. Dann, hoff' ich, soll der Feind geschlagen, Sieg, Etzre, neuer Reichtum, glänzendere Macht dem meetgebornen Adria- tifchen Löwen erworben sein. Die keusche Braut soll ben Bräutigam ihrer wär big finben." — „Ach", fiel ihm Boboeri ungcbulbig in bie Rebe, „ach, bu sprichst von bet seltsamen Feierlichkeit am Himmelfahrtstnge^), wenn bu, ben golbenen Ring vom Bucentoro hinabschleubetnb in bie Wellen, dich zu vermählen gebenkst mit bem Abriatischen Meer. Du, Marino, du, dem Meer Verwandter, kennst du denn keine andere Brant als das kalte, feuchte, verräterische Element, dem du zu gebieten wähnst, und das erst gestern gar bedrohlich sich gegen dich auflehnte? — Ei, wie magst du liegen wollen in den Atmen einer solchen Braut, bie, ein eigensinnig tolles Ding, gleich, als bu auf dem Bucentoro dahergleitend, ihr nur die bläulich gefrotnen Wangen streicheltest, zankte und tobte. Reicht denn ein ganzer Vefnv voll Glut dazu hin, den eisigen Busen eines falschen Weibes zu erwärmen, bie, in steter Treulosigkeit immer unb immer sich neu vermählend, die Ringe nicht empfängt als teures Liebespfand, sondern hinabreißt den Tribut der Sklaven? Nein, Marino, ich gedachte, daß du dich vermählen solltest mit dem schönsten Etdenkinde, das nur zu finden." — „Du faselst", murmelte Falieri, ohne sich vom Fenster wegzuwenden, „du faselst, Alter. Ich, ein achtzigjähriger Greis, belastet mit Mühe und Arbeit, niemals verheiratet gewesen, kaum mehr fähig, zu lieben" - „Halt ein", rief Bodoeri, „lästere dich nicht selbst! — Streckt der Winter, so rauh und kalt als er auch sein mag, doch nicht zuletzt voll Sehnsucht die Arme aus nach der holden Göttin, bie ihm entgegenzieht, von lauen Wcstwinben getragen? — Unb wenn er sie bann an ben erstarrten Busen brückt, wenn taufte Glut feine Abern dutch- rinnt, wo bleibt ba Eis unb Schnee! Du sagst, bu seiest an die achtzig Jahre alt, das ist wahr, aber berechnest bu das Greistum beim bloß nach ben Jahren? — Trägst bu bein Haupt nicht so aufrecht, gehst bu nicht mit solchem festen Schritt einher wie vor vierzig Sommern? — Ober fühlst bu vielleicht doch, baß beute Kraft abgenommen, baß bu ein geringeres Schwert tragen mußt, baß bu im raschen Gange ermattest, baß bu bie Treppen beS herzoglichen Palastes heranfkeuchst?" — „Nein, beim Himmel!" unterbrach Fa- leri ben Freunb, inbem er mit rascher, heftiger Bewegung vorn Fenster weg auf ihn zutrat, „nein, beim Himmel! von bem allen spüre ich nichts." — „Nun beim", fuhr Boboeri fort, „so genieße als Greis mit allen Zügen alles Erbenglück, was bir noch zugebacht. Erhebe bas Weib, bas ich für bich wählte, zur Dogaresfe, unb bie Frauen von Venebig werben, was Schönheit unb Tugenb betrifft, fo gut in ihr bie erste anerkennen müssen, als die Benetianer in bir ihr Oberhaupt an Tapferkeit, Geist unb Kraft." BoboLri fing nun an, das Bilb eines Weibes zu entwerfen, unb wußte bie Farben so geschickt zu mischen unb so lebenbig aufzutragen, baß bes alten Falieri Augen blitzten, baß er im ganzen Gesicht röter unb röter würbe, baß die Lippen sich spitzten unb schmatzten, als genösse er ein Gläslern feurigen Syrakuser nach bem anbetn. „Ei", sprach er endlich schmunzelnd, „et, was ist denn das für ein Ausbund von Liebreiz, von dem du sprichst?" — „Kein anderes Weib", erwiderte Bodoeri, „kein anderes Weib meine ich, als mein liebes Nichtchen." — „Was", fiel ihm Falieri in die Rede, „deine Nichte? Die wurde ja, als ich Podesta von Treviso war, an Bertuccio Nenolo verheiratet?" — „Ei", sprach Bodoäri weiter, „du denkst an meine Nichts Franzeska, und deren Töchterlein ist es, die ich bir zugebacht. Du weißt, baß ben wilben, barschen Nenolo ber Krieg ins Meer verlockte. Franzeska, voller Gram unb Schmerz, begrub sich in ein römisches Kloster; so ließ ich bie kleine Annunziata erziehen in tiefer Einsamkeit auf meiner Villa in Treviso." — „Was", unterbrach Falieri ben Alten voller Ungebulb aufs neue, „was, bie Tochter beiner Nichte soll ich zu meiner Gemahlin erheben? — Wie lange ist's, baß Nenolo sich vermählte? — Annunziata muß ein Kind sein von höchstens zehn Jahren. Als ich Podesta von Treviso wurde, war an Nenvlos Vermählung noch nicht zu denken, und das sind" — „Fünfundzwanzig Jahre her", fiel Bodoeri ihm lachend in die Siebe, „ei! wie magst bu bich fo verrechnen in ber Zeit, bie bir schnell vergangen! Annunziata ist ein Mädchen von 19 Jahren, schön wie bie Sonne, sittsam, bemütig, in bet Liebe unerfahren; beim sie sah kaum einen Mann. Sie wirb bir anhängen mit kinblicher Liebe unb anspruchsloser Ergebenheit."—„Ich will sie scheu, ich will sie sehen", rief bet Doge, bem bas Bild, das Bodoeri von der schönen Annunziata entworfen, wieder vor Augen kam. Sein Wunfch wurde selbigen Tages erfüllt, denn kaum als er aus dem Großen Rat in seine Gemächer zurückgekehrt war, führte ihm der schlaue Bodoeri, der mancherlei Ursachen haben mochte, seine Nichte als Dogaresse an Falieris Seite zu sehen, die
21) Die bis zum Sturze der Republik alljährlich am Himmelfahrtstage abgehaltene venezianische Nationalfeierlichkeit.


