verantwortlich: vr. HanS Thhriot. — Druck und 'Betlag: Brühlfche Universitätsdruckerei 21. Lange, Sieben.
Melbourne, Millionenstadt Australiens.
Ein Reisebericht von Heinrich Hauser.
In Melbourne suhlte ich mich ganz wie in Europa oder wie in Nordamerika: das war eine Millionenstadt wie andere, mit dem gleichen, brausenden Verkehr, den gleichen Menschenmassen und der gleichen City- Enge. Zu den ersten und stärksten Eindrücken gehörte ein Polizist, der an Reihen parkender Wagen entlangging und an die Reisen einen Kreidestrich zog. Man darf nur kurze Zeit parken, und der Kreidestrich ist eine Zeitkontrolle — Raummangel mitten im Raumüberfluh! Das Gegenstück zu dem ankreidenden Polizisten — die kleinen Jungen, die für ein Trinkgeld den Wagen vor Zeitablauf ein Stückchen weiterjchieben — dies amerikanische Gegenstück fehlte vorläufig, aber es wird wohl nicht lange auf sich warten lassen.
Ein paar Millionen Menschen, die Bevölkerung eines europäischen Kleinstaats, besitzen einen ganzen Erdteil, und was tun sie? — Sie kriechen in der Enge von ein paar großen Städten zusammen, so dachte ich bei mir; aber nachdem ich ein paar Stunden in der City umhergelaufen war, verstand ich auch das Warum. Es soll hier nicht von den natürlichen Gründen die Rede sein, die eine Stadt wachsen lassen: günstige Lage an einer Flußmündung, einem natürlichen Hafen mit gutem Hinterland. Es sind andere Gründe, die eine Großstadt weiter und immer weiter wachsen lassen, über die Grenzen des organischen Wachstums hinaus.
Es war einer der heißesten Sommertage; die Steinmassen strahlten Glut. Aber aus den Tiefen der weit offenen Läden drang ein Strom von eisgekühlter Luft in die Straße. Aus den Läden, aus den Banken, aus d:n Kinos lockten diese erfrischenden, kühlen Schauer der künst- I i c, : n Kälte, die heute in den größten Städten heißer Länder schon fast .oenso verbreitet ist wie die künstliche Wärme bei uns im Norden. „Drinnen ist es kühler als draußen" lockten die Kino-Schilder, und sie lockten fast noch mehr als die großen bunten Reklamebilder der Filme selbst. Ich ging in viele Läden, kaufte Kleinigkeiten, die nicht unbedingt notwendig waren, einfach um der heißen Hölle der Strahenschluchten zu entfliehen; ich ging in drei Tagen dreimal ins Kino, obwohl mich das Programm nicht reizte. Anderen Menschen wird es nicht viel anders gehen. Man drängt sich zusammen in den großen Städten, weil sie uns im Winter vor der Kälte, im Sommer vor der Hitze schützen, weil wir uns künstliche Klimata geschaffen haben, ohne die wir nicht mehr leben wollen, wenn wir einmal an sie gewöhnt sind.
Ich kann mich an die Geschichte von Allaüin mit der Wunderlampe nicht mehr genau erinnern, aber mir schwebt vor, als sei einer seiner Hauptwünsche ein kühles Gewölbe in einem Basar gewesen, wo der Kaufmann geruhig auf seinen Teppichballen sitzt und auf die Kunden wartet, die die Kühle und das angenehme Halbdunkel des Gewölbes ihm zutragen. Alladin oder dieser Kaufmann, sie sind die Vorläufer des modernen Kundenfangs durch Zentralkühlung gewesen.
Eine so große Stadt birgt natürlich auch ganz andere Warenmengen, Auswahl an Waren, Konkurrenz; es war leicht zu sehen, daß die Menge in den Straßen von Melbourne besser gekleidet war als in den kleinen Städten und dort wiederum besser als auf dem Land. In Adelaide war es noch die Weite aller Straßen gewesen, die mir als Gegensatz zu Europa so stark ausgefallen war; Melbourne ist einen Schritt weiter in
der Entwicklung, mit kostbarerem Baugrund, mit mehr Hochhäusern; es hat weite, hat aber auch ganz enge Straßen, ganz wie London. Und genau wie man London in der Erinnerung stets als eine Stadt des Kunstlichts sieht, so glühen auch in Melbourne unter dem Halbdunkel der Arkaden, die die Bürgersteige Überspannen, mitten am Tag die feurigen Schriften der Lichtreklamen.
Eins aber zeichnet diese City vor allen anderen mir bekannten aus: ein unbeschreiblich schöner Dust von Pfirsichen durchwehte sie von einem Ende bis zum andern. Es mußte wohl grade Pfirsichernte sein; auf zahllosen Wagen, in Hunderten von Fruchtläden türmten sich Pfir- ichgebirge, dunkelrot fast schwarz die Glut ihrer Backen, wie ganz dunkle Rosen, und von einer Größe, wie ich sie noch nicht gesehen hatte. Sie kosteten drei oder vier Penny das Pfund.
Wie so viele modernen Großstädte ist auch diese City nach dem Schachbrettsystem angelegt; das hügelige Gelände hätte aber wohl eine mehr dem Boden angepahte Linienführung der Straßen zweckmäßiger und schöner gemacht.
Die City ist nicht Melbourne, sie ist nur Melbournes Arbeitsplatz. Das wahre, das australische Melbourne machen die riesigen Vorstädte, die „Schlafstuben" der Großstadt aus. Ohne viel Ahnung vom Stadtplan, der Nase nach, so wie die Trambahnen mir grade begegneten, fuhr ich kreuz und quer hindurch, staunend über die Weite dieser Bauflächen, wo jedes Haus fast versteckt in seinem Garten gebettet liegt, wo es säst nirgends ein zweites Stockwerk gibt und wo der Bungalow, aus englischen, amerikanischen und australischen Elementen erwachsen, sich in seiner tausendfachen Mannigfaltigkeit zeigt. Wie glücklich sind sie, diese jungen Städte, die erst nach dem Zeitalter der Mietskasernen heran- gewachsen sind. Sie können aufbauen, da, wo wir zunächst die Bausünden unserer Väter abreißen müssen.
Zwischen dem Arbeitsplatz und den Schlafzimmern Melbournes spannt sich ein mächtiger Grüngürtel. Melbpurne hat vielleicht den schönsten und reichhaltigsten botanischen Garten der Welt; es kann ihn haben, weil in diesem Klima beinahe jede Pflanze ohne große Glashäuser und andere Umstände gedeiht. Melbourne hat einige der größten und bestgehaltenen öfsentlichen Parks der Welt. Melbourne hat einen prachtvollen Badestrand, der aber leider durch ein überaus häßliches Amüsierviertel verdorben ist, das sich an ihm entlangzieht. Ein „Lunapark" bei Tageslicht mit seiner grellen, gipsernen Fratzenhaftigkeit ist, vor das Meer gestellt, noch unerträglicher als sonst.
Wie stark Australien im Aufschwung begriffen ist, das beobachtet man am besten an dem Autoverkehr einer Großstadt. Auf einen Wagen älteren Modells kommen fünf Wagen des letzten Modells. Drei Viertel aller Personenwagen mindestens sind Amerikaner, ein Viertel Engländer, meist Kleinwagen. Bei den Lastwagen scheinen englische Modelle besser konkurrenzfähig; hier ist das Verhältnis England : Amerika etwa zwei zu drei. Der englische Personenwagen ist nicht beliebt, weil er verhältnismäßig teuer ist. „Gut für die Stadt, untauglich für schlechtes Gelände, sagt man von ihm. Hier ist ein Punkt, wo vielleicht die deutsche A u t o i n d u st r i e einsetzen könnte, denn sie baut serienmäßig geländegängige Wagen.
Ich ging ins Nationalmuseum, vor allem um die Sammlung der Kunst und der Geräte australischer Eingeborener zu sehen, die aber leider geschlossen war. Eine Bildersammlung australischer Maler war wenig trostreich; es ist wohl verfrüht, von einer australischen Malerei zu reden. Ich glaube, daß sie mehr Motive aus London, aus Italien, Süd frankreich und aus der Mythologie enthielt als australifche Themen. Eine einzige Landschaft von D. Davies gab mir etwas von dem Nie-zuvor-Gesehe- nen, von der stillen Größe und den ganz seltsamen Farben des Landes.
Als die City sich geleert halte, als nur noch Arbeitslose auf den Bänken der Parks und auf den Stufen der Hauptpost faßen, wanderte ich müde zum Hafen und suchte das Schiss, das mich nach Deutschland bringen sollte. Auf hölzernen Piers, zwischen langen Lagerschuppen und Schiffen, die wie Perlen an einer Schnur aufgereiht lagen, ging ich einen weiten Weg. Der grße Anteil der japanischen Flagge sprgng in die Augen (schon in den Schiffahrtsnachrichten, die ich ständig verfolgte, waren mir die vielen japanischen Namen ausgefallen), und die Schisse hoben sich ab von denen der anderen Nationen. Eine Gruppe japanischer Heizer und Matrosen eines Frachtdampsers ging soeben an Land, nicht in dem üblichen Seemannszivil, sondern in strahlend weißen, frischgebügelten Uniformen. Das sah gut aus, machte einen guten Eindruck. Auf einem anderen japanischen' Schiff sah ich die Matrosen spät am Abend mit Signalflaggen üben. Auf Frachtschiffen wohlgemerkt, nicht etwa auf Kriegsschiffen. Mit großem Ernst und Eifer waren sie bei der Sache, und man empfand, wie diese Männer sich als Soldaten fühlten.
Da war sie endlich, die „Hamm", und wie ich die Gangway hinaus- ging, fühlte ich, wie die Lust der Heimat mich umfing. Und dann kam eine Ueberraschung, die zeigte, wie toll der Zufall mit uns spielt — wenn man bei solchen Dingen überhaupt von Zufall reden darf:
„Waren Sie schon einmal früher in Australien?" fragte mich der Kapitän beim Abendbrot.
„Ja, vor fünfzehn Jahren mit der alten „Hannover" von der Deutsch- Australlinie. Damals fuhr ich als Leichtmatrose; es war die erste große Seereise meines Lebens."
Der Kapitän lachte: „Auf der .Hannover'? Wirklich auf der .Hannover'? Kennen Sie die denn nicht wieder?"
„Wieso?" . ,, .
„Da sind Sie jetzt. Die ,Hamm' ist die alte .Hannover'. Sie ist bloß umgetauft. Wenn Sie vorn an den Bug gehen, können Sie noch den alten Namen unter dem neuen eingemeihelt sehen."
Wie seltsam das mar. Wie man zurückkehrt an seinen Ausgangspunn nach fünfzehn langen Jahren. Wie man sich erinnert, wie eine ganze Welt, vergessen, plötzlich wieder in die Erinnerung springt. Und wie man abrechnet mit sich.
Rier darf auch die Geschichte seiner zweiten Ehe nicht außer acht qelanen werden. Der Maler ijeümete nach dein Tode |einer ersten Gattin Isabella, damals dreiundsünszig Jahre alt, die sechzehnjährige Tochter Helene ds» wohlhabenden Antwerpener Teppich- und Seidenhändlers F o u r m e n t. Es wäre aber falsch zu glauben, daß der stets überlegene und überlegende Rubens jemals aus bloßer Leiden- chast sich zu einem Schritt hätte bestimmen lassen. Unter den über 8000 Briesen die er neben ober während dem Malen zu schreiben oder zu diktieren Zeit gesunden hat, ist auch ein Brief, in dem er einem Freunde über seine Eheschließung gewissermaßen Rechenschaft gibt. Als der Mann der Arbeit der er war, gibt er darin einer besonderen Sorge Ausdruck, wenn er schreibt: „Ich habe darum eine junge Frau von vornehmen, aber bürgerlichen Eltern genommen, obschon ein jeder mir riet, eine Dame vom Hos zu wählen. Aber ich fürchtete bei meiner Gemahlin besonders den Hochmut, diese eigentümliche Schwäche des Adels, und darum wählte ich eine, die nicht erröten wurde, wenn sie mich den Pinsel in die Hand nehmen sähe." Bon der gesteigerten Schaffenslust des lebten Jahrzehntes seines Lebens, das ihm für diese Ehe noch bejchieden war, zeugten die reifsten Schöpfungen seiner Malerei, m penen seine Gattin selbst in vielfacher Verwandlung figuriert.
Es leuchtet ein, daß den Anstrengungen des Fleißes niemals ein Lebenswerk von so gewaltigem Umfang gelingen könnte, kämen nicht, wie wir schon anbeuteten, glückliche persönliche Eigenschaften hinzu. Vor allem sianb Rubens eine unerschöpfliche Erfindungsgabe zu Gebote, die sich um so freier auswirken konnte, als sich sein Geist vollkommen in Uebereinftimmung mit ben herrschenben Vorstellungen seiner Zeit wußte. Daher auch bas ganz Unproblematische seiner Schaffensweise, bas Fehlen alles zeitfressenden Grübelns. Dabei nährte Rubens feine Phantasie noch ständig durch eine rege Betätigung feines Geistes; wie man weiß, ließ er sich, während er malte, aus antiken Klassikern vorlesen, was nicht nur zu seiner Unterhaltung dienen sollte, sondern für einen so stark aus der Mythologie und Geschichte seine Stosse wählenden Maler auch sehr förderlich war. Und wenn wir uns die Riesenausmaße der Bilder vergegenwärtigen, dann müssen wir als nicht die geringste seiner Eigenschaften den Mut zur Leistung bewundern. Rubens konnte die stolzen Worte niederschreiben: „Mein Talent ist derartig, daß noch niemals ein Unternehmen, wie unermeßlich an Größe und Mannigfaltigkeit der Gegenstände es auch sein mag, meinen Mut überstiegen hat."


