Aehrenlied.

Von Hermann Claudius.

Sonne über Aehren Du kannst dich nicht erwehren, du mußt voll Andacht sein.

Du siehst des Segens Hände.

Und deines Lebens Ende liegt vor dir wie ein lichter Schein.

Sonne über Aehren Natur nur kann uns lehren und keines Menschen Wort.

Die Aehren all sich neigen. Gott ist das große Schweigen und wandert heimlich mit dir fort.

Deutsche Dichterinnen.

Von Hanns Arens.

Ich lebe mit meinen Büchern wie in einem Kreiseer­lesenster" Menschen, ohne die ich mir mein Dasein nicht mehr vorstellen mag. Margarethe Schiestl-Bentlage.

Wir wollen in dieser kleinen Betrachtung auf einige wesentliche deutsche Dichterinnen Hinweisen, die mit ihren stärksten Werken den besten Dichtern unserer Zeit ebenbürtig an die Seite gestellt werden dürfen. Ricarda Huchs gesammeltes Werk dürfte seit vielen Jahr­zehnten allgemein bekannt sein. So sei nur noch einmal ihr berühm­testes'BuchDer große Krieg" (womit der Dreißigjährige gemeint ist) genannt. Unter den Dichterinnen der Gegenwart ist neben Ricarda Huch unstreitig die stärkste Vertreterin Ina Seidel, deren wunderbarer großer RomanDas Wunschkind" zum bleibenden Besitz der neueren deutschen Dichtung geworden ist. Neben ihren Gedichten, die weniger bekannt wurden, und einigen Romanen, wird dasWunschkind", diese erlebnistiefe Dichtung ihren Namen für immer mit der großen Tra­dition verbinden, die für uns in Annette von Droste-Hülshoff ihren Höhepunkt erreichte. Wie die Droste ist auch eine andere Dichterin ge­bürtige Westfälin: Josefa Berens-Totenohl, von der wir erst in den letzten Jahren Kenntnis erhielten. Diese Frau schrieb die beiden RomaneDer Femhos" undFrau Magdlene", für die sie den ersten westfälischen Dichterpreis erhielt. Die kraftvollen Dichtungen ihrer west­fälischen Heimat, durch die sie würdig das Erbe der Annette von Droste fortführt, werden lange über den Tag hinaus Bestand haben und sind nicht zu verwechseln mit jenen geschichtlichen Romanen aus dem Bauern- 1-eben, an denen sich leider allzu oft eine unberufene Hand glaubt ver­buchen zu müssen.

Mit der gleichen inneren Anteilnahme begrüßen wir das Schaffen nner anderen westfälischen Dichterin, Margarethe Schiestl- Bentlage. Mit ihren beiden ersten BüchernUnter den Eichen" und .Das blaue Moor" errang sie einen überdurchschnittlichen Bucherfolg, >en wir herzlich begrüßen, und der durch ihr neues BuchDer Liebe Leid und Lust" wesentlich erweitert wird. Ihre Dichtungen sind wie bei Josefa Berens-Totenohl der niederdeutschen Landschaft entsprungen; die 10n ihr erzählten Schicksale aus dem Leben eines Stammes in der nord­deutschen Tiefebene zeugen von der Kraft und der Schwere der nieder­deutschen Landschaft, die voll Mythos und Sage ist. Helene Voigt- Riederichs ist in dem anderen niederdeutschen Raume, in Schleswig- Holstein beheimatet. Wenn wir an Helene Voigt-Diederichs denken, so nüffen wir von allen ihren Büchern eines nennen, das vom Leben einer Dlutter erzählt, nämlichAus Marienhoff". Diese wunderbare und gütige Erzählung aus dem Leben eines norddeutschen Bauernhofes, in deren DUtte das Bild einer deutschen Mutter sieht, wünschen wir in die Hand 'äner jeden Frau. Wenn von der Dichterin nur dieses eine Buch künden öürbe, es schiene uns genug, ihren Nstmen immer in Ehrfurcht und Verehrung zu nennen. Neben Helene Voigt-Diederichs müssen wir il g n e s M i e g e l stellen, die große ostpreußische Dichterin, die die Menschen und Landschaft ihrer Heimat in wenigen, aber für die deutsche Mästung wesentlichen Büchern gestaltete. Es sind vor allem ihre Ge- lidjte und Balladen, in denen sich ihre Stammes- und Volksverbunden- !*it machtvoll bekunden. Mit großer sprachlicher Kraft schildert sie auch m ihren Erzählungen das Schicksal Ostpreußens in Vergangenheit und Gegenwart. Allen, denen das Werk dieser Dichterin bisher unbekannt leblieben [ein sollte, möchten wir zwei Bücher besonders empfehlen: »Die deutschen Balladen" undDie Geschichten aus Ostpreußen

Auch ßulu von Strauß und Torney entstammt einem alt- fiedersächsischen Bauerngeschlecht; genau wie Agnes Miegel schilderi sie »chicksalsläufe ihrer Heimat in Vergangenheit und Gegenwart Von wen kulturgeschichtlichen Romanen nennen wir hier die beiden Bucher -Der jüngste Tag" undLuzifer". Aber auch als Balladendichtenn von iberragender Kraft des Ausdrucks wurde sie bekannt; davon zeugt von «llem ihr BandReif steht die Saat". Gerne empfehlen wir auch ihren lösten, spannungsreichen niederdeutschen ErbhofromanJudas und

^eine Erzählung aus dem Dreißigjährigen KriegDer Hof am , Ist die Zahl der bedeutenden Dichterinnen der Gegenwart auch nicht sthr groß zu nennen, so ist es doch erfreulich, zu beobachten, wie sich im raufe der Jahre da und dort junge Kräfte entwickeln und entfalten, wir denken hier etwa an Meta Scheele. Ihre beiden Bucher heißen: Die Sendung des Rembrandt" undStier und Jungfrau. Im ersten

Buch schon zeigte sich ihre große gestalterische Kraft, die es vermochte, das in leder Beziehung außergewöhnliche Leden Rembrandts mit solcher Wahrhaftigkeit vor uns aufzurollen und uns im Tiefsten zu erregen. An diesem schwierigen Stofs können mir ermessen, welche Hoffnungen wir auf Meta Scheele setzen durften. Daß sich diese in ihrem zweien BuchStier und Jungfrau" so schön erfüllten, ist für alle, die Weg und Schaffen dieser Dichterin mit lebhafter Anteilnahme verfolgen, eine große Freude. Ihr neuer Roman aus der Zeit Karls des Kühnen von Burgund (Ende des 15. Jahrhunderts) beschwört mit dichterischer Wortkraft ein Schicksal in so elementarer und urwüchsiger Gegenständlichkeit, daß wir uns beim Lesen immer wieder vergegenwärtigen müssen, daß eine Frau cs war, die diesen ganz im Dichterischen wurzelnden historischen Roman schrieb. Wir begleiten das fernere Schaffen dieser Dichterin mit guten Wünschen und würden uns freuen, wenn uns der Verlag bald auch ihr« Balladen und Gedichte in Buchform übergeben wollte.

Mit wesentlichen Dichterinnen sind roir nicht so reich gesegnet, als daß wir uns erlauben könnten, auch nur eine hoffnungsvolle dichterische Begabung unerwähnt zu lassen. Wer aufmerksam die Bücher verfolgt, die von deutschen Frauen geschrieben wurden, wird bald aus den Namen Agathe Lindner stoßen. Von dieser Dichterin erschien vor nicht langer Zeit der erste RomanMadonna an der Treppe". Wir möchten deshalb auf diese Geschichte eines leidenschaftlichen Lebens mit besonde­rem Nachdruck Hinweisen, da wir glauben, daß in Agathe Lindner im Schrifttum der Frauen unserer Zeit eine Dichterin heranwächst, der wir alle Förderung und Beachtung schenken müssen.

Zum Schluß wollen wir noch einige bekannte Namen nennen. Isolde Kurz, seit vielen Jahrzehnten mit beachtlichen Büchern im Schrifttum bekannt, sei mit ihrem großen und schönen Lebensroman Vanadis" erwähnt. Auch die viel gelesene Anna Schieber wollen wir mit ihrem BuchAlle guten Geister" erwähnen. Ferner die Oester- reicherin Enrica von Handel-Mazetti, an deren großen LiebesromanJesse und Maria" wir erinnern. Sehr beachtlich ist auch die andere katholische Dichterin Gertrud von le Fort, deren be­kanntesten BücherHymnen an Deutschland" und der RomanDas Schweißtuch der Veronika" sind. Gern verweisen wir auf Marie Siers, die mit vielen Romanen und Erzählungen einen Beitrag zu der guten Unterhaltungsliteratur unseres Schrifttums gab. Eine ihrer letzten größeren Erzählungen heißtDie Erbschaft der Magd". Auf dem Wege über die Bühne konnte sich die junge niederdeutsche Dichterin Alma Rogge durchsetzen. Ihr neues BühnenstückWer bietet mehr" (an das Vorbild ihres Landsmannes August Hinrichs angelehnt) hat ihren Namen erneut bekannt gemacht. Auch möchten wir gerne auf ihren neuen NovellenbandLeute an der Bucht" Hinweisen.

Rubens, ein Genie der Arbeit.

Von Dr. C. G u d e n r a t h.

Die führenden Museen der Welt brauchen sich nicht damit zu begnü­gen, zwei oder drei Bilder des großen Rubens zu zeigen, sie haben zumindest einen ganzen Rubens-Saal. Und in welchen Rissenausmaßen sind diese Bilder gemalt! Wie konnte das ein Mensch schassen? Muß man sich nicht staunend diese Frage vorlegen, wenn man noch dazu be­denkt, daß die Gesamtzahl der Rubensbilder über anderthalb Tausend beträgt. Es ist zweifellos, daß in der allgemeinen Bewunderung der Welt für Rubens das Staunen über feine schier übermenschliche Arbeits­kraft ganz wesentlich, wenn auch unausgesprochen, mitwirkt. Wir sehen in Rubens nicht nur den genialen Maler, sondern auch ein Genie der Arbeit.

Wäre uns über das Leben und die Persönlichkeit des Rubens nichts überliefert und wären wir gezwungen, uns aus dem, was er gemalt hat, eine Vorstellung von dem Menschen Rubens zu bilden, so glaubten wir wohl einen in heiterem Lebensgenuß schwelgenden Mann vor uns zu haben. Ein Rätsel bliebe dann nur, wie dieses Riesenwerk zustande kommen konnte. Heiter war Rubens wohl, doch war dieser Maler antiker Bacchanalien ein Mann von großer Mäßigkeit und Selbstzucht. Rubens war ein Frühaufsteher. Er malte, wenn ihn nicht gerade andere Geschäfte davon abhielten, den ganzen Tag bis zur Dämmerung und ritt dann zur Erholung aus. Er kam als berühmter Mann in ehrenvollen diplo­matischen Missionen an die Höfe von Madrid, Paris und London, doch auch dort zog er es vor zu malen, statt sich in seinem Ruhm zu sonnen.

Freilich wurde er auch geradezu zur Arbeit gedrängt. Denn die Kir­chen, die Klöster und die regierenden Fürsten, die seine hauptsächlichen Auftraggeber waren, wendeten schon einige Energie daran, ein Bild von Rubens zu erlangen. Dadurch wurde Rubens aber keineswegs hoch­fahrend, denn er war ein zu guter Geschäftsmann, um nicht stets auf die verbindlichste Weise sich den lohnendsten Ertrag feiner Arbeit zu sichern. Er war aber wiederum nicht so sehr Geschäftsmann, als daß er sein souveränes Künstlertum darunter hätte leiden lassen, und er opferte viel Zeit, um die großen Meisterwerke der Malerei, vor allem die Tizians, wo immer er sie antraf, sorgfältig zu studieren und auch zu kopieren.

Daß Rubens einen eigenen Werkstattbetrieb in Antwerpen unterhielt, war seit den großen Maiern des Spätmittelalters nichts Ungewöhnliches mehr. Sein Ünternehmergeift allerdings hat auch hier dem Betrieb die größten Ausmaße gegeben. Rubens rechnete im Punkt der Eigenhändig­keit seiner Bilder nicht mit der Aengstlichkeit der Museumsleute Er machte den Entwurf und überging bann noch einmal mit eigener Hand bie von dem Schüler besorgte Ausführung des Gemäldes und er äußerte in einer brieflichen Kaufverhandlung selbst, daß solch ein Bild als von seiner Hand stammend gelten könne. Nun ja, wird man jetzt sagen, Rubens hat es eben durch diese rationelle Arbeitsweise geschafft. Man bedenke jedoch, daß dieser Werkstattbetrieb mit seinen Erfordernissen an organisatorischer und erzieherischer Leistung immerhin schon die volle Arbeitskraft eines durchschnittlichen Mannes aufgebraucht hätte. Man muß vielmehr das Geheimnis der Rubensschen Schasfenssülle in dem glücklichen Zusammenwirken besonderer Eigenschaften des Mannes sehen.