GieheimZamilieilbMer
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1957
Zreitag, den 30. Juli
Nummer 58
GOYA
UND DAS LÖWENGESICHT
ROMAN VON KARL HANS STROBL
13. Fortsetzung.
Wenn dies wirklich alles auf das Löwengesicht zurückging, so war KCr n teuflisch genug. Aber ich war noch von dem Anblick
der Kleidungsstücke Martinas, von all den Anzeichen ihrer Anwesenheit verwirrt, ich konnte nicht glauben, daß sie nicht noch vor kurzem hier geatmet und gesprochen habe.
lri "Nein", sagte Siebold, „laß dich nicht betrügen, armer Freund. Es ist kein -auch von Martina hier. Ich wüßte es. Ich verspüre hier nichts als die Singdogmo. Ich habe sie gespürt, seit wir das Hans betreten haben.
„Und wer soll diese Tat verübt haben?" fragte Miguel, indem er nach der Kiste deutete, über deren Rand die Beine des Erwürgten hingen. ”
„Sie hat Werkzeuge genug, deren sie sich bedienen kann. Wir wissen davon zu erzählen, Francesco! Brave Messer, feste Stricke gehorsamer Patrioten, denen sie bloß gesagt zu haben braucht, Avila sei ein Feind des Vaterlandes und seine Beseitigung eine gute Tat. Avila hat die Ausrufe der Franzosen gedruckt. Run aber steht es so, daß der Verdacht auf dich gelenkt ist, Francesco, und das war ihre Absicht."
„Aber der Mozo und die Alte", warf Miguel ein, „die müßten doch sagen können ..."
„Sie werden nichts sagen können, denn die Singdogmo wird dafür gesorgt haben, daß sie außer Haus gewesen sind. Ihr dürft mir glauben, es ist alles so bedacht, daß es prächtig ineinandergreift.
„Sollten wir nicht .. ."zögerte Miguel stirnrunzelnd.
„Nein, wir sollen gar nichts. Wir wollen nur sehen, schleunigst fortzukommen. Wir wollen nichts berühren, nichts verändern, wir wollen keine Spur unserer Anwesenheit zurllcklassen. Es könnte sein, daß hier noch andere Fallen für uns aufgerichtet sind. Es würde mich wundern, wenn wir das Haus unangefochten verlassen können."
Es sollte sich zeigen, daß Siebold die Kampfesweise unserer Feindin, an deren Wirken ich nach allem Geschehenen zu glauben nicht mehr umhin konnte, richtig eingeschätzt hatte.
Er schob uns vor sich her aus der Kammer, wir durchschritten das Wohnzimmer, aber in dem Augenblick, als wir die Tür öffnen wollten, ging sie aus, und in ihrem Rahmen stand Avilas Mozo. Das Haar hing ihm wirr ins Gesicht, als fei er eben aus dem Bett gekommen und in fein verschlafenes, mürrisches Gesicht trat ein entsetztes Staunen, da er uns so plötzlich vor sich sah.
Siebold stieß ihm den grellen Strahl seiner Laterne in die Augen, er sie geblendet schließen mußte, und da stand auch schon der Doktor unmittelbar vor ihm und blies ihm seinen Atem zwischen die Augenbrauen. Der Mann taumelte zur Seite und gab uns den Weg frei.
„Jetzt fort!", sagte Siebold, „er wird nichts erzählen können. Ich habe ihm das Gedächtnis nicht völlig nehmen wollen. Was kann der mme Teufel dafür. Aber für einige Wochen ist er unschädlich, es mag mistweilen genügen, um den Dingen eine andere Wendung zu geben. So zäh sie ist, bis dahin kann manches geschehen fein."
♦
Die Ermordung des Buchdruckers Avila erregte weniger Lärm als swir befürchtet hatten. In dieser Zeit wildester Aufgewühltheit, in der leoer Tag Morde brachte, machte der einzelne Fall kein sonderliches Auf- leyen, wenigstens drang nichts davon in die Abgeschlossenheit meines Landhauses. Vielleicht auch war es Siebold gelungen, die Tat als einen Rachemorfp spanischer Patrioten so geschickt hinzustellen, daß feder andere Verdacht im Keim erstickte.
Der Besuch der Polizei, dem ich nach Siebolds ersten Andeutungen eigentlich mit Bestimmtheit entgegengesehen hatte, blieb aus. Die Pläne aer Singdogmo, wenn wir auch in dieser Tat ihre Hand zu erkennen ?er“en't roaren "b^rnals durchkreuzt, ich blieb von dem Verdacht un-
Daß aber die Ermordung Avilas dennoch im Mund der Leute umging, erfuhr ich durch Josepha.
.. Sie war eines Tages so scheu und seltsam unruhig, daß es mir auf« !<el. Ihr Blick verfolgte jede meiner Bewegungen, ich sah sie von Fragen ^drängt, die sie nicht an mich zu richten wagte. Aber erst als sie ab« pywdnehmend unter dem Tor stand, wurde mir ganz klar, in welchem «uftanb sie sich befand. Ihr Gesicht war ganz fleckig, rot und blaß, ihre
uns wußten nicht, wie wir einander helfen könnten, jeder vön^uns Tin (Befangener fernes Schicksals.
„Bayeu ist sehr krank", sagte Josepha nach einer Weile, als gehöre das irgendwie zu dem Tod des Buchdruckers Avila und all dem anderen.
^b^Arte,L Mantille. Sie konnte es nicht länger ertragen: »Set Siu^raild Avila ist ja ermordet worden", sagte sie.
. Zch Dc«ßan? die Fragen, die geheimen Fragen, die sich unter den bebenden Worten verbargen. Was weißt du davon? lautele bie eine poft du einen Anteil daran? Und: was wird nun geschehen, da Mar- tina ganz frei ist?, lautete die andere.
Ja, was würde nun geschehen? Gar nichts würde geschehen, was wußte ich denn von Martina? Gar nichts wußte ich von ihr! Der Mann der mir es hatte sagen können, war tot, sie befand sich irgendwo in' einem Gewahrsam, der sich nach seinem Tod nicht öffnen würde; wo aber war eine Behörde, die jetzt Zeit gehabt hätte, sich um den Aufenthalt einer Frau zu kümmern? 1
Hellauf brannte ja dir Krieg durch ganz Spanien.
„ AH,.voll Mitleid mit dieser armen Frau, und ich sah, daß sie von Mitleid mit mir grausam zerfleischt wurde. Aber da standen wir und wußten nicht, wie wir einander helfen könnten, jeder von uns ein
2lch ja richtig, Bayeu war krank, das hatte ich vergessen.
„Ich weiß nicht, ob er noch einmal ge und wird", setzte meine Frau traurig hinzu, als sie ging. u
• 9lun °'blleicht würde er sterben. Ich würde über ihn triumphieren roie der Lebende immer über den Toten triumphiert, ein höchst ungerecht- fertigter Triumph. Em Widersacher weniger, der Mann, der Josepha gegen mich beraten hatte, der Feind meiner Wünsche und meiner Liebe
■über was konnte das mir nützen? Was nützte mir der Tod Avilas, was wurde mir der Bayeus nützen? Gar nichts!
Ich war gegen alles gleichgültig geworden.
Siebold versuchte, mich zur Arbeit zu bewegen. „Vorwärts, vor- !L?Lr?nfe?co! darfst nicht schlaff werden. Es ist die Arbeit, die dich schützt, deine Kunst, gegen die das Löwengesicht nichts vermag: sie wirkt und wühlt im Geheimen, ich spüre ihr Bohren und Ragen an beinern Lebensnervs Ich werde sie fassen, aber du darfst nicht schwach werden. Wenn sie dir deine Kunst nimmt, so bist du verloren "
Unlustig saß ich vor meinem Bild und über den Blättern, die ich zu entwerfen begonnen hatte Nichts wollte mir von der Hand gehen lahmend druckte die Gleichgültigkeit, die ich nicht zu überwinden ver- mochte.
Diese Gleichgültigkeit war es wohl auch, durch die es mir .zuerst ent« ging daß Miguel wieder Verbindung mit den Kämpfern für Spaniens Freiheit angeknupft hatte. Unbekannte Leute tarnen und gingen in meinem Landhaus aus und ein, Maultiertreiber, Straßenfänger Bettler sie hatten Unterredungen mit dem Grafen Nächtelang schrieb Miquel hinter verschlossenen Fensterladen Briese, die er den Boten mitaab irgendwie war er wieder mitten in dem Netz der Verschwörung gegen die Herrschaft der Franzosen. y H H
Auch Endeslant kam bisweilen zu mir, ahnungslos, daß der Diener der ihm das Tor öffnete, derselbe Mann war, bei dessen vermeintlicher Hinrichtung er seine Halbkompanie befehligt hatte. Er stand stumm vor dem großen, noch immer unvollendeten Bild der Erschießung er nahm die Blatter zur Hand, auf denen ich die Greuel des Krieges zu schildern unternommen hatte, und fein beklommenes Atmen zeigte mir daß ihm meine Kunst das Gewissen stärker bedrückte als die Wirklichkeit
Wir kämpfen nicht gegen eine Armee", sagte er, „sondern gegen ein Volk, und das ist furchtbar.
„Und dabei geht euch die ganze Sache nichts an", warf Siebold ein besorgen"16 Derbammte deutsche Dummheit, hier Napoleons Geschäfte zu
Wie immer wenn Siebold dem Gespräch diese Wendung geben wollte, lehnte Endeslant eine Fortsetzung ab. Aber er tat es vielleicht bie5ma[ nicfjt mit gleicher Entschiedenheit wie sonst, er mochte doch auch schon selbst darüber nachgedacht haben, was die Deutschen eigentlich in Spanien zu suchen hätten. Westfälische Regimenter hatten beim Sturm auf Valencia furchtbar gelitten. Es hatte den Anschein, als ob die Franzosen sich nicht ungern oon den deutschen Bundesgenossen die Kastanien aus Dem Feuer holen ließen. Sie waren dafür um so freigebiger mit dem L°b ihrer Haltung und ihrer Tapferkeit. Der Schlaumeier Lefebvre ,prach dann sogar Deutsch, und die Truppen, die eben noch über die schweren Verluste gemurrt hatten, jubelten ihm begeistert zu.
„Es f) ei fit , sagte Endeslant, „daß wir nach Zaragossa geworfen werden sollen. Lefebvre wird damit nicht fertig."
„Zaragossa ist eine harte Nuß", meinte Siebold, und Fuentes glühte aus: „Es wird sich halten bis zur letzten Wand des letzten Hauses"
Endeslant sah den Diener, der sich so ungefragt ins Gespräch ge- mischt hatte, erstaunt an. H


