WeMerZamilienbliitter
Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger
Jahrgang 1957
Hreitag, den 2. April
Nummer 25
Der «Stechlin
Roman von Theodor Fontane
18. Fortsetzung.
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lauter Assessoren und Referendare, ganz junge Herren, die meisten mit nem Kneifer. Kneifer gab es damals auch schon. Und nun kam di« Witwe, wenn man sie so nennen darf, und sah soweit ganz behäbig und beinahe füllig aus, weil sie, was damals viel besprochen wurde, nen Kropf hatte, weshalb auch der Block ganz besonders hatte hergerichtet werden müssen. Sozusagen mit nem Ausschnitt."
„Mit nem Ausschnitt ...; gut, Gundermann."
„Und als Ne nun. ick meine die Delinquentin, all die jungen Refen- oanesZS ( ihr Lehrling einfallen mochte ..."
Picta'QT mfrer Referendare ..."
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eicht ihr Lehrling einfallen mochte, da trat sie ottrand heran und nickte uns zu (ich sage ,uns', ) und sagte: ,Ja, ja, meine jungen Herren, dat Und sehen Sie, meine Herren, dieses Wort, Delinquentin herrührend, bin ich seitdem nicht wenn ich so was erlebe wie heute, dann muß immer wieder in Erinnerung kommen, und ich ! die Alte damals sagte: ,Ja, meine Herren, dat on kommt es? Bon den Sozialdemokraten. Und aldemokraten?"
te Geschichte, kennen wir. Was Neues!"
teues. Ich kann nur bestätigen, vom Fortschritt lommt der? Davon, daß wir die Abstimmungs- 'große Haus mit den vier Ecktürmen. Und wenn
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Die meisten Menschen einen Friseurkopf hätten, sei es eine ordentliche Erquickung, einem Gesicht zu begegnen, das in seiner Eigenart eigentlich gar nicht unterzubringen sei. Dieser von dem alten Zählen, trotz seiner Vorliebe für Dubslav, eindringlich gehaltenen Rede war allgemein zugestimmt worden, und Baron Beetz hatte den götzenhaften Alten-Frie- sacker an seinen Ehrenplatz geführt. Natürlich gab es auch Schandmäuler. An ihrer Spitze stand Molchow, der dem neben ihm sitzenden Katzler zuflüsterte: „Wahres Glück, Katzler, daß der Alte drüben die große Blumenvase vor sich fjat; sonst, so bei veau en tortue, — vorausgesetzt, daß so was Feines überhaupt in Sicht steht —, würd ich der Sache nicht gewachsen sein."
Und nun schwieg der von einem Thormeyerschen Unterlehrer gespielte Tannhäusermarsch, und als eine bestimmte Zeit danach der Moment für den ersten Toast da war, erhob sich Baron Beetz und sagte: „Meine Herren. Unser Edler Herr von Alten-Friesack ist von der Pflicht und dem Wunsch erfüllt, den Toast auf Seine Majestät den Kaiser und König auszubringen." Und während der Alte, das Gesagte bestätigend, mit seinem Glase grüßte, setzte der in seiner aUsr-ego-Rolle verbleibende Baron Beetz hinzu: „Seine Majestät der Kaiser und König lebe hoch!" Der Alten-Friesacker gab auch hierzu durch Nicken feine Zustimmung, und während der junge Lehrer abermals auf den'auf einer Rheinsberger Schloßauktion erstandenen alten Flügel zueilte, stimmte man an der ganzen Tafel hin das „Heil dir im Siegerkranz" an, dessen erster Vers stehend gesungen wurde.
■ i - große Haus nicht geht, weil das Geld für den Staat am Ende bewilligt werden muß — und ohne Geld, meine Herren, geht es nicht" (Zustimmung: „ohne Geld hört die Gemütlichkeit auf") —, „nun denn, wenn es also sein muß, was ich zugebe, was sollen wir, auch unter derlei gern gemachten Zugeständnissen, anfangen mit einem Wahlrecht, wo Herr von Stechlin gewählt werden soll, und wo sein Kutscher Martin, der ihn zur Wahl gefahren, tatsächlich gewählt wird oder wenigstens gewählt werden kann. Und der Kutscher Martin unsers Herrn von Stechlin ist mir immer noch lieber als dieser Torgelow. Und all das nennt sich Freiheit. Ich nenne es Unsinn, und viele tun desgleichen. Ich denke mir aber, gerade diese Wahl, in einem Kreise, drin das alte Preußen noch lebt, gerade diese Wahl wird dazu beitragen, die Augen oben helle zu machen. Ich sage nicht, welche Augen."
„Schluß, Schluß!"
„Ich komme zum Schluß. Es hieß anno siebzig, daß sich die Franzosen als die .glorreich Besiegten" bezeichnet hätten. Ein stolzes und nachahmenswertes Wort. Auch für uns, meine Herren. Und wie wir, ohne uns was zu vergeben, diesen Sekt aus Frankreich nehmen, so dürfen wir, glaub ich, auch das eben zitierte stolze Klagewort aus Frankreich herübernehmen. Wir sind besiegt, aber wir sind glorreich Besiegte. Wir haben eine Revanche. Die nehmen wir. Und dis dahin in alle Wege: Herr von Stechlin auf Schloß Stechlin, er lebe hoch!"
Alles erhob sich und stieß mit Dubslav an. Einige freilich lachten, und von Molchow, als er einen neuen Weinkübel heranbestellte, sagte zu dem
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nicht mit dazu. Seins Mutter war ne Hebamme in Wrietzen. Drum drängt er sich auch immer vor."
Bald nach Gundermanns Rede, die schon eine Art Nachspiel gewesen war, flüsterte Baron Beetz dem Alten-Friesacker zu, daß es Zeit sei, die Tafel aufzuheben. Der Alte wollte jedoch noch nicht recht, denn wenn er mal saß, saß er: aber als gleich danach mehrere Stühle gerückt wurden, blieb ihm nichts anderes übrig, als sich anzuschließen, und unter den Klängen des „Hohenfriedbergers" — der „Prager", darin es heißt: „Schwerin fällt", wäre mit Rücksicht auf die Gesamtsituation vielleicht paßlicher gewesen — kehrte man in die Parterreräume zurück, wo die Majorität dem Kaffee zusprechen wollte, während eine kleine Gruppe von Allertapfersten in dis Straße hinaustrat, um da, unter den Bäumen des „Triangelplatzes", sich bei Sekt und Kognak des weiteren bene zu tun. Obenan saß von Molchow, neben ihm von Kraatz und van Peerenboom: Molchow gegenüber Direktor Thormeyer und der bis dahin mit der Festmusik betraute Lehrer, der bei solchen Gelegenheiten überhaupt Thor- metjers Adlatus war. Sonderbarerweise hatte sich auch Katzler hier niedergelassen (er sehnte sich wohl nach Eindrücken, die jenseits aller „Pflicht" lagen), und neben ihm, was beinahe noch mehr überraschen konnte, saß
ui cn/cuuu;er ziurregung, at|o leyr unkritisch.
Eine kleine Weile verging noch. Dann bat Baron Beetz, dem die Rolle des Festordners zugefallen war, für Herrn von Gundermann auf Sieben« mühten ums Wort. Einige sprachen ungeniert weiter: „Ruhe, Ruhe!" tiefen andre dazwischen, und als Baron Beetz noch einmal an das Glas geklopft und nun auch seinerseits um Ruhe bittend, eine leidliche Stille hergeftellt hatte, trat Gundermann hinter feinen Stuhl und begann, während er mit affektierter Nonchalance feine Linke in die Hosentasche steckte:
„Meine Herren. Als ich vor soundsoviel Jahren in Berlin studierte" („na nu"), „als ich vor Jahren in Berlin studierte, war da mal ne Hinrichtung ..."
„Alle Wetter, der setzt gut ein."
war da mal ne Hinrichtung, weil eine dicke Klempnermadam, nachdem sie sich in ihren Lehrburschen verliebt, ihren Mann, einen würdigen Klempnermeister, vergiftet hatte. Und der Bengel war erst siebzehn. Ja, meine Herren, soviel muß ich sagen, es kamen damals auch schon dolle Geschichten vor. Und ich, weil ich den Gefängnisdirektor kannte, ich hatte Zutritt zu der Hinrichtung, und um mich rum standen


