Ausgabe 
29.11.1937
 
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feit der Mitmenschen ereifert hatte, waren mit einem Blaustift von der 2lrt wie ihn Viehhändler zur Zeichnung ihrer Tiere benutzen, durch- qest'richen, und darunter stand in einer fremden 9robe.tySingen Sie Ihrem Schutzengel ein Loblied! Der Kellner beichtete, daß er ver­sehentlich unsere Mäntel verwechselte. Wir haben Ihren Brief gesunden und gelesen. Das müssen Sie entschuldigen! Wir luchten bloß nach einem Anhalt dafür, wo Sie wohnen. Aber was Sie da schreiben, das stimmt nicht. Das ist zum mindesten übertrieben. Schauen Sie sich doch einmal in Ihrem Zimmer um! Und bann, um es nicht zu vergessen. Wir gratulieren alle drei zum Geburtstag

Breite und T«efe.

Es ist bekannt, aber wohl von den Zeitungen vergessen worden, setzt wieder daran zu erinnern, daß im Januar 1936 beim Beisetzungszuge des Königs Georg V. von England sich das diamantene Kreuz mitsamt der Kugel, auf der es ruht, von der englischen Königskrone löste. Es war offenbar eine Schraube locker geworden. An der Ecke von Theobalds Road und Southampton Row geschah es, daß das Kreuz zuerst auf den Sarg des Königs fiel, auf ihm weiterrollte, sich in der faltigen den Sarg bedeckenden Fahne zu verfangen schien, und schließlich dicht vor den Füßen des neuen Königs Eduard VIII. liegen blieb. Vor mir liegt ein deutsches Zeitungsblatt von damals wo noch niemand die Kurze und das vielbesprochene vorzeitige Ende der Regierung Edua^s VIII. ahnen tonnte in dem die Geschichte dieses herabgebrochenen Kreuzes erzählt wird Der Aufsatz trägt die Ueberschrift:Em böses Omen für Eduard VIII.?"

Jon Friedrich von Schiller.

Es glänzen viele in der Welt, Sie wissen von allem zu sagen, Und wo was reizet und wo was gefällt, Man kann es bei ihnen erfragen; Man dächte, hört man sie reden laut. Sie hätten wirklich erobert die Braut.

Doch gehn sie aus der Welt ganz still, Ihr Leben war verloren.

Wer etwas Tressliches leisten will, Hält' gern was Großes geboren, Der sammle still und unerschlasst Im kleinsten Punkte die höchste Kraft.

Der Stamm erhebt sich in die Lust Mit üppig prangenden Zweigen, Die Blätter glänzen und hauchen Duft, Doch können sie Früchte nicht zeugen: Der Kern allein im schmalen Raum Verbirgt den Stolz des Waldes, den Baum.

Merkwürdige Zufälle.

Von Wilhelm von Scholz.

Ich behaupte, daß uns die Steckenpferde aufgenötigt werden. Gewiß oibt es Leute, deren Hauptliebhaberei nie lange zu schweigen vermag. Der verstorbene Dante-Forscher Oberstleutnant von Pochhammer gab sich oft wenn er in eine Gesellschaft kam, Mühe, nicht von Dante zu fpres chen; aber das führte zu einem Zustand von unerträglicher atmosphä­rischer Spannung, wie vor einem Gewitter und es war Erlösung durch den ersten Blitz und Regenschauer, wenn unversehens endlich docy ba* WortDante" siel. Aber noch viel öfter fragt man den einen, sobald man seiner ansichtig wird, nach der Briefmarkensammlung, den anderen nach seiner Segeljacht, den dritten nach Schachnachrichten. Sie sind um­stellt, sie können sich und ihren Liebhabereien nicht mehr entfliehen!

Mich fragt man nach Zufällen, als ob ich mich nur mit dem Zufall beschäftigte. Und ich muß erzählen: .

Jemand will im Jahre 1924 die in Berlin zu einem Konzert einge­troffene Opernsängerin Antonine Nefhdanowa sprechen, die eine Freundin seiner Frau ist, weih aber ihre Adresse nicht. Und die Konzert­büros dürfen zwar Briefe für die auswärtigen Gäste annehmen, aber keine Künstleradresse an das Publikum verraten, weil diese ja oft nur verlangt wird, um Autogramme zu erbetteln ober sonst lästige Anliegen an bie Berühmtheiten heranzubringen.

Da gibt ber Betreffende, der die Anfchrift der Neshdanowa sucht, auf dem Postamt in der Prager Straße in Berlin ein beliebiges Telegramm auf bemerkt ein beschriebenes, liegengebliebenes Formular neben sich und traut seinen Augen kaum, als er darauf die Absendevbezeichnung liest:Neshdanowa, Pension Prager Platz".

Der freundliche Zufall liefert ihm also sofort und in der bequemsten Weise die gewünschte Auskunft!

Mit Worten und Daten spielt der Zufall gern und mischt auch ein­mal eine Prophezeiung ein, von der zunächst niemand weiß, daß sie eine ist, wie in dem folgenden Fall, den ein schlesischer Jurist beisteuert: Danach war ein sehr berühmter Breslauer Anwalt, Justizrat St., mit zwei Kollegen, He. und Ha. assoziiert. Im Jahre 1928 schlug er den beiden Sozien eine Ergänzung des Gesellschaftsvertrages vor, der feines Erachtens Lücken für den Todesfall enthielt. Er selbst fertigte den Ent­wurf, der felbstverständlich die Billigung der beiden jüngeren Kollegen fand und der zur Erläuterung der verwickelten Honorarerteilungsver- hältniffe im Falle des Ablebens eines der drei Gesellschafter ein Beispiel enthielt. Das Beispiel lautete:Angenommen, Justizrat St. stirbt am 1. Juni 1929 ..."

Justizrat St. starb an diesem Tage! Der bas Faktum mitteilenbe Jurist fragt mit Recht:Wer halte ihm den Griffel geführt, als er sein eigenes Tobesurteil schrieb unb ein Beispiel wählte, das Wirklichkeit werden sollte?"

Entsernt berührt sich hiermit die Fontane-Erinnerung, die sich an sein bei seiner Theaterkritikertätigkeit oft gebrauchtes WortNach neun ist alles aus!" knüpft. Fontane ging eines Abends nach neun Uhr, wohl um etwas zu holen, vom Wohnzimmer hinter in fein Schlafzimmer und verschied dort, ohne krank gewesen zu fein und ohne Schmerz. Es war für ihn wirklichnach neun alles aus".

Sehr bemerkenswert erscheint, wenn man viele solche Falle überblickt, daß der Kobold Zufall besonders häufig dazu beitragt, daß Verbrecher gefaßt und dem Gericht ausgeliefert werden, ober baß er ihnen selbst 6m Dc^roar Ä^Moabit einmal ein Angeklagter, ber seine Frau und feine Kinber erhängt haben sollte. Der war nicht zu überfuhren, denn bie Toten hatten sich in einem von innen verschlossenen Schrank be- funben. Der mutmaßliche Verbrecher kämpfte einen schweren, aber, wi­es ben Anschein hatte, siegreichen Kampf gegen das Gericht, das ihn ohne sicheren Beweis nicht verurteilen konnte. Da stellte er ben Antrag, daß noch ein Entlastungszeuge geladen werden möge, em Arbeitskamerad des Beschuldigten. Dem Antrag wird entsprochen, der Entlastungszeuge erscheint und (egt einen Raman vor, den er unter dem Arbeitsplatz des Angeklagten gefunden hat, einen Roman, in dem geschildert wird durch welchen Trick man eine Tür von außen so zuschließen kann, datz die Täuschung entsteht, sie sei von innen geschlossen worden. Damit verlor iber Angeklagte Prozeß und Kopf. Sein von ihm selbst oorgetabener Zeuge hatte ihn ans Messer geliefert.

Mit Tieren stellt sich der Zufall meist sehr freundlich und bedien! ich ihrer gelegentlich, um seine merkwürdigen Geschehnisse zustande zu bringen.

Auf dem Wege von Bozen nach dem schönen alten Schloß Runkel- iftein spaziert und rastet eine kleine deutsche Gesellschaft. Auf dem Rück­wege bemerkt eine Dame, daß sie ihr goldenes Armband verloren hat, das zudem ein Andenken der Mutter war. Der Gatte entschließt sich, noch einmal umzukehren und trotz der glühenden Sonne auf ber grellen Straße bis zum Rastplatz zurückzuwandern.

Trotz eifrigsten Suchens findet er nichts. Müde und ärgerlich laß! .er sich auf dem Stein nieder, auf dem feine Frau gesessen hatte. Du «sieht er eine wundervolle große grüne Oleandereidechse vor sich auf dem Wege wie sie ihn mit erhobenem Kops anäugt. Sie verschwindet bann langsam in einem tiefen Loche, das in der Nähe beschäftigte Straßen- larbeiter anscheinend mit einem eingerammten und später wieder ent- isernten Pfahl gemacht hatten. ,

Der Herr verfolgt intereffiert den Weg des Tieres und entdeckt tief ,am Boden des Loches das Armband. Noch bedeutsamer wird das ikleine Abenteuer mit dem Schmuckstück dadurch, daß der glückliche Wieder- -sinder auf ber jetzt einsamen Straße gerade zurecht kommt, um einen in Gefahr geratenen Fuhrmann von dem Uebersahrenwerben retten zu tOn'®in Diplomingenieur erzählt, baß er im Spätsommer 1930 als Schiffspraktikant auf einem Frachtdampfer von Hamburg aus zum Mittelmeer fuhr. Unter den wenigen Passagieren, die an Bord waren, befand sich eine junge Dame, mit der der Ingenieur wahrend der Fahr bekannt wurde. Als sich in einem spanischen Hafenstädtchen wahren»- einer Zwischenlandung Gelegenheit zu einer billigen Autofahrt ms Land- innere bot, nahmen die beiden daran teil. Der vollbesetzte Wagen ra|tc die Landstraße entlang, als plötzlich hinter einer Biegung ein Eisenbahn- übergang austauchte. Statt der sonst üblichen Schranken waren von beim Wärter Eisenketten quer über die Straße gehängt worben. Der Fuhren des Autos zog die Bremsen scharf an, und als der Wagen mit knappen Not in der Kette hängen blieb, raste auch schon ber Zug heran unü» vorbei. ,

Der nachwirkende Schreck lieh während der in langsamerer Faym fortgesetzten Reise ben Ingenieur seiner (Begleiterin bas folgenbe, er­zählen:Im letzten Frühjahr wäre ich bei einer leichtsinnigen Auto» ra erei auch säst zu Schaden gekommen. Das war aber in Deutsch ann in der Prignitz. Da saßen wir zu Dritt im kleinen DKW. unb wollte» ein vor uns sehr schnell fahrendes Auto, welches mit zwei Madels besitz» war, photographieren. Das Nichtfunktionieren unseres Apparates, welchen unsere Aufmerksamkeit ablenkte, brachte uns in größte Lebensgefahr., bis wir schließlich das Rennen ergebnislos abbrachen."

Kaum hatte er das gesprochen, als ihn seine Begleiterin entgelte anstarrte und rief:Pfingsten auf der Landstraße von Karnzow nacip Kyritz?"

Nun war er entgeistert und konnte nur stumm nicken.

Darauf rief sie:Können Sie sich nicht an die Mädchen im Auw erinnern? Eine davon war ich. Jetzt weiß icfjs ganz genau. Sie Jähem hinten im Motorsitz unb fchrien plötzlich: Ein Baum! Da machte Wagen einen großen Satz und blieb quer auf der Straße stehen, w« waren sroh, baß wir Sie los waren!" .

Jeder einzelne dieser Zufälle mag als ein bloßer Zufall angesehen werden. Ich glaube aber, daß schon bie wenigen, bie ich hier aus om großen Fülle meines Archivs nebeneinanberftelle, in ihrem Zusammen wirken ben Leser mit dem Gefühl entlassen werden, daß hier etwas u bas über bem bloßen Zufall liegt. Gleichviel, wie man sie sich erkläre» will sicher ist, baß zwischen allem, was Irgenbroie mitetnanber oer bunben ist, eine Anziehungskraft wirkt. Ich nenne sie dieA n z i e h u n g traft bes Bezüglichen".

Dernntwortlich: Dr. San« Thhrio». Druck unb Verlag: Brühlschr UntversttStSbruckeret R. Lange. Giehen.