Jugendstilzierde von Fassade und einer garstigen

Le Geburtstagsüberraschung

Von Hans Ulbricht.

Von der Vackkunst.

Kleine Hausmusik auf der Spieldose.

Don Otto Brües.

Wie düstet doch der Tannenzweig, Fürsorglich angebranntl

Die Mutter rollt den gelben Teig Mit ihrer flinken Hand.

Sie reichert ihn mit Milch und Mehl, Nun ist er fest und zäh. Die Kinder stehen meiner Seell Großäugig in der Näh.

Und aus dem Teig wächst Herz und Stern, Das Förmchen sticht schnipp-schwappl Zieht neue Wesen aus dem Kern. Fällt denn kein Teilchen ab?

Ach, ad) ... wer sagt denn, lieber Freund, (mit ziemendem Respekt) Daß gar gebacken und gebräunt

Die Masse besser schmeckt?

Die Kleinen, nach der Kindernorm, Denken: jetzt oder niel

Nur Ungesormtes wird zur Form, Sagt die Philosophie.

Die Mutter lächelt ... rollt vom Brett Zerzauste Schnitzel... lacht.

So schnell härt' Fips, das Möpschen fett, Die Schüssel nicht leer gemacht.

Wie unsere Kinder ihren Teig Verschlingen kurzerhand!

Wie duftet doch der Tannenzweig, Fürsorglich angebrannt.

Albert wohnte in der Mansarde eines vierstöckigen Hauses, das als Spekulationsbau an den Stadtrand gesetzt war und mit zwei kahlen lZiebelwänden, einer Jugendstilzierde von Fassade und einer garstigen Kiichenbalkonseite sich wie ein Ungeheuer vor der offenen Landschaft er­hob. Durch sein Fenster sah Albert an diesem Abend den Vollmond über den Horizont in das Zwielicht der Dämmerung steigen. Doch er­weckte das in ihm keine poetischen Gedanken, vielmehr verspürte er beim Anblick der goldgelben Scheibe einen jähen Appetit auf eine Honig- Ichnitte. Er war gerade mit dem Abschluß eines Briefes beschäftigt, der an einen guten Freund gerichtet war, und worin er sich bitter beklagte, daß er morgen zu seinem Geburtstage nicht einmal etwas zu essen habe. Dieser Brief war ein grimmiges und herzerweichendes Pamphlet gegen die Unbarmherzigkeit der Mitmenschen. ,

Angesichts des appetitanregenden Mondes behagte ihm das Grübern nicht sehr, er holte furzentschlossen Mantel und Hut aus dem Schrank, «och besaß er einige Groschen. Er hatte sie aufbewahrt für unerwartete Ereignisse, die er, ein sorgenvoller Mann, sich nur vorstellen konnte Mls aus dem Ungewissen der Zukunft dräuende Gespenster. Diese schien er nun geradezu herauszusordern. Denn er hatte sich plötzlich vorge­nommen, für das letzte Geld Wein zu trinken, um dann m gehobener Stimmung den Bries zu vollenden. Er raffte die Briefblätter zusammen nnd steckte sie in die Manteltasche. .

Am Markt angelangt, entschloß sich Albert, Nicht m denReichs- ibkr zu gehen, wo Handlungsreisende sich an den berühmten Menus xibten, sondern lenkte seinen Schritt nach dem GasthausZum tollen Achsen" hin. Die Sandsteinstufen zum Eingang des ^altersgeschwarz ten Eckhauses waren von vielen Tritten ausgehöhlt, und Albert wußte, daß viele hier im geselligen Tumult den Abendschoppen emzunehmen be­lebten. Als er die Türe aufstieß, zog chm ein Schwall TabaksqnMm entgegen, und er war zuerst ganz benommen von dem Gedröhn und Ge- «chwirre der Reden und Gelächter. Der eilfertige Kellner nahm ihm Hur xni) Mantel fort, schob ihn zu einem Tisch hin und brachte den -Usern, 'och ehe die Bitte darum richtig ausgesprochen war.

An seinem Tisch saßen drei Männer, die sich m ein heftiges Ge- vräch eingesponnen hatten. Sie erhoben grollende Sttmmen, hämmerten

Tisch mit geballten Fäusten und verschoßen unter den gespanntsn Augenbraue» hervor ihre Blick wie Pfeile. Ihren neuen Tlschgenos en -orderten sie mit drohenden Gebärden zur Bei ttmmuna au Em Un­echt schien ihnen widerfahren zu sein. Verdutzt lauschte Alberi vernahm ;'as WortVerbrecher" und hörte sie weiterreden vonHangen von -Vierteilen" und anderen qualvollen Hinrichtungsarten, mit welchen, die xuttelalterllche Justiz schlimme Vergehen sühnte. Es chauerteA^bert -m« Gänsehaut Überlief ihn. Ob er wollte oder nicht, sein« vom Wein ungeregte Phantasie gaukelte ihm greuliche Bilder vor, m dewen die iirvusamen Henker jener Zeit Menschen zersägten oder $u Br- schlugen.

»Ein infamer Schurke!" begann der ein« der M°nner wi^er. Einen neuen Hut zu stchlen!" pflichtete der zweite entrüstet bei.

.LlufhängenN schrie der dritte, und der Mette nlckie ,.Me» zuvor rädern!"

,Lch hab's euch sofort gesagt", schnaubte der erste weiter, ,chi« ganze Stadt hier hockt voll Diebe! Sie stehlen euch noch das Hemd vom Leibe, wenn ihr nicht aufpaßt!"

Es soll uns einer unter die Hände kommen . .!* knirschte der dritte und zermalmte bedeutungsvoll eine leere Streichholzschachtel.

Albert erfuhr, daß diesen aus der Durchreise begriffenen Pferde- inti> Viehhändlern in einer Wirtschaft ein Hut vom Garderobenhaken ge­stohlen worden war. Erbittert erwogen sie nun die Wiedereinführung schrecklichster Strafen für Diebe. Sie erhitzten sich für dieses Thema. Alle Zeiten und Zonen durchschnüsselten sie nach den blutrünstigsten Hin­richtungsarten. Als sie mit wahrer Wollust bei der Geschicklichkeit der chinesischen Scharftichter verweilten, wurde es Albert schlecht. Er rief nach dem Kellner, und seine Stimme klang, als flehte sie um Erbarmen.

Noch ein anderer Grund machte seinen Aufbruch begrüßenswert. Die drei Gläser Wein, die er getrunken hatte, begannen sich verdächtig in ihm auszuwirken. Für Alberts Augen fingen die von der Decke hängen­den Lampen an, seltsame Pendelbewegungen auszuführen, und ein Rest von Vernunft in ihm kämpfte mit der verrückten Vorstellung, daß die Glatzköpfe der Nachbarschaft sich anschickten, als lustig glänzende Kinder­ballons in die Luft zu steigen. Er zahlte, erhob sich und war glücklich, daß der dienstbeflissene Kellner seine schwankende Gestalt im schon be­reitgehaltenen Mantel auffing. Donnerwetter, dachte Albert, als er auf die Straße mehr taumelte als trat, nun trage ich plötzlich auch Pelz am Mantel oder bin ich nur so sehr b«[offen?

Albert atmete aus, als er in die Dunkelheit und Wärme seiner Kammer tappte. Schnell riß er sich die Ueberkleidung ab, fühlte sich gleich behaglicher, und als er seine alte Petroleumlampe anzündete, lichtete sich auch der Nebel seines Rausches. Es fiel ihm ein, daß er den Brief vollenden wollte. Er hatte nun Grimm und Abscheu genug angesammelt, um die Epistel über die Grausamkeit der Menschen schön abzurunden. Wo waren die Blätter? Richtig, er hatte den Brief in den Mantel ge­steckt! Albert wühlte im Lampendüster des Zimmers in seinem Mantel und wunderte sich, woher die Brusttaschen plötzlich Knöpfe bekommen hatten. Und was er hervorzog, waren keine Briefblätter, sondern fremde Papiere, davon er unter der Lampe die Adresse einer Postkarte zu ent­ziffern versuchte. Er las: Alois Bautzenklapp, Pferdehändler.

Wäre ihm in diesem Augenblick ein wilder Tatarenhäuptling als Geist erschienen, Albert hätte nicht heftiger erschrecken können. Er wurde bleich und wankte. Er schlug sich an die Stirn. Hatte er wirklich einem der Händler den Mantel gestohlen? Sie würden ihn psählen, aufschlitzen, ihn stückweis an ihre Hunde verfüttern, wenn sie ihn erwischten, ihn, Albert, den Dieb, für den sie ihn halten muhten.

Es war zuviel für Albert. Zum Glück kam ihm der Schlaf zu Hilfe. Todesmatt sank er in fein Bett. Am späten Morgen fuhr er jäh auf. Es hatte an die Tür geklopft. Wie einem Verstorbenen am Jüngsten Tag schon beim ersten der Fanfarenstöße, die den Ewigen Richter an­kündigen, seine sämtlichen Sünden einfallen, so kam bei dem Geräusch an der Tür Albert die volle Einnerung an den letzten Abend. Er ver­hielt sich mäuschenstill. Es klopfte wieder. Stimmen wurden laut. Albert hörte, wie noch mehr Schritte die Treppe heraufkamen. Heiß fiel ihm ein, daß er ganz vergessen hatte, den Riegel vorzuschieben. Er kroch unter die Decke und ergab sich seinem Schicksal. Energisch wurde die Tür jetzt aufgerissen. Ein kräftiger Mann mit weißer Schürze und bar­haupt trat ein und sah sich um. Albert, der durch einen Schlitz die Vor­gänge beobachtete, dachte: das ist der Henker! Er erkannte in ihm einen Metzgerburschen und sah, wie er nach anscheinend vergeblicher Aus­schau nach einem geeigneten Ort herantrat und etwas an den Bett- psosten hängte. Wurstringel, stellte Albert staunend fest. Wurstringel? Aber er hatte keine Zeit, das genauer zu erkunden. Seine kleine Dach­kammer füllte sich nut Gestalten. Es gab ein richtiges Gedränge. Und jeder war mit irgend etwas bewaffnet. Ein kleiner dicker Mann mit Kappe und Lederschurz trug Weinflaschen. Ein Bürschchen, dem der Ladenschwengel sofort anzusehen war, stellte rasch eine Zigarrenkiste und kleinere Kästchen auf einen Stuhl und verschwand. Eine grämliche Figur, die ein barmherziger Gärtner wohl für Austragdienste ange­worben hatte, suchte das ganze Zimmer nach einem Platz ab, wo sie ihren buschigen Blumenkorb lassen konnte. Und die fünfte Gestalt Albert traute seinen Augen nicht. Das mar, wenn er nicht träumte, das schöne zierliche Mädchen aus der Konditorei, In das er sich verliebt hatte und das ihm in sichtlicher Erwiderung solcher Gefühle gelegentlich des Einkaufs von Schlagsahne noch einen großen Löffel voll über den Preis hinaus zugeschlagen hatte. Mit großen Augen sah er zu, wie das Mädchen Tintenfaß, Vase, Campe, Photographien von seinem Tisch räumte, ei» schneeiges Tuch ausbreitete und einen Kaffeetisch aufbaute mit einer qamen Tort«. Allerdings, und das betrübte ihn gleich sehr, deckte sie nur für eine Person. Und was noch betrübender war, sie verschwand mie die andern Uebrig geblieben war nur eine vierschrötige Gestalt, die als einer der bref Männer aus demTollen Ochsen" wiederzuerkennen Albert keine Mühe machte. Ganz und gar nicht. Bedeckt mit Gänsehaut schrumpfte Albert zu einem Häuschen ängstlicher Erwartung zusammen. Aber fein Unheil drohte mehr. Herr Alois Bautzenklapp, denn dies war er, erblickte befriedigt feinen Mantel auf einem Bügel am Schrank auf« gehängt. Er vertauschte ihn gegen einen schäbigen Umhang, der eher hierher paßte und der zudem des unschuldigen Alberts Eigentum war. fierr Bautzenklopp machte sich noch am Tische zu schaffen.^ Es klirrte. Er zählte Fünfmarkstücke hin. Dann schloß sich die Tür, und es wurde still. _ _ , ... ,

Albert lugte mit dem Kopf unter der Decke hervor. Er kmfs sich kräftig in die Nase und zauste sich an den Haaren. Nein er träumte nicht. Es war kein Spuk, fein Trug. Die Kaffeekanne auf dem Tisch TaUmtt einem Satz war Albert aus dem Bett und am Tisch. Dort sand er zwischen Kaffeetasse, Torte und dem Silbertmm des Selbes den un­vollendeten Brief vor. Die Seiten, darauf er sich über die Unbarmherzig-