Ausgabe 
29.11.1937
 
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,as fürn scheußliches

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auswachen!

(Schluß folgt.)

zier ist verpflichtet außer bei Selbstbeschießung

,Selbstbeschießung! Mensch, was'n Wort! Was fürn scheußliches Wort! Nu beschieß dich mal selbst! Bitte, beschieß dich mal selbst!

Wir waren stehengeblieben, und ich drehte mich unschlüssig um. Die Sonne mußte schon im Aufgehen sein, die graue Helle begann, laut war im Schweigen der Straße das Tschilpen der Sperlinge. Sonst kein Laut.

Einer der beiden kommandiert«Weitergehen! Aber nur sie gingen weiter, und während ich mich nun bewegte und von ihnen entfernte, hörte ich das Geklapper ihrer Säbelscheiden ferner und leiser werden, bis es erstarb. * ... .

Langsam ging ich di« Sttaße hinunter bis zum Ende, wahrend es immer heller wurde, an den Fensterwänden emporblickend, und drehte um und ging wieder zurück und sah nun aus der anderen Straßenseite in einem zweiten Stockwerk die matte Helle eines erleuchteten Fensters. Ein letztes Zaudern ich rief:Hallo!"

Unter diesem erleuchteten stand ein Fenster halb offen. Hier waren wie überall Vorgärten, aber dazwischen lag eine Einfahrt zu zwei Toren zweier aneinanderstoßender Häuser, die gleichförmig und aus gelben

Ziegeln gebaut waren.

Nun klang oben ein Fensterriegel, das erleuchtete Fenster wurde ge- öffnet von einer Gestalt, nur im Hemd, mit schlafwirren Haaren, die fragte mit ängstlicher Männerstimme:Was ist denn los?"

3ft hier geschossen worden?" fragte ich dagegen.

Herrgott haben Sie's gehört? Wir sind davon aufgewacht. Dann war es doch unter uns."

Auf meine Frage, wer dort wohn«, erhiett ich keine Antwort, sondern die Gegenfrage, wer ich sei, worauf ich mich präsentierte und jener sagte, er komme herunter.

Das Fenster oben war leer. Erst in diesem Augenblick, wo ich die Straße hinuntersah, spürte ich die Veränderung. Nicht als ich den Schuß hörte, als ich mich von den Kameraden trennte sondern jetzt erst, in

Wer waren denn die da stn Rinnstein die zwei langen Grauen? Kamen mir so bekannt vor." »

Kamen die dir bekannt vor? Mensch dann waren s du Krosigks.

Wasn für Krosigks?"

,Na die vom Rernent. Neue Fähnriche Krosigks.

Mensch, das ist doch bloß einer."

Du sagst doch, es waren zwei." ..

3a, gesehn hab' ich zwei. Aber Krosigk ist einer wenn er auch besonders lang ist."

Aber wenn es doch zwei waren.

Denn waren's edent nicht Krosigks." e

Nee, denn warens vielleicht doch nicht Krosigks.

Sie verstummten. Endlich bemerkte der eine:

Er könnte jan Zwilling haben."

Wer?"

,Krosigk." t

Mese^Erkmntnis"lieh sie lange verstummen. Aber die Frage ruhte noch ungeklärt in ihnen. Prächtige Burschen, sie gaben nicht nach m ihrem Nebel immer noch methodisch halsen sie sich vorwärts. Sie sagten.

Wenn es aber Krosigks waren warum haben die nicht gegrüßt?

Gegrüßt? Mensch, wie konnten die grüßen? Sie hatten ja keinen abfiatten die keinen Säbel? Nee, dann konnten sie nicht."

Aber Mensch, wenn bas Krosigks waren warum hatten die denn keinen?" . , . _ .,. ..

Stille trat ein; endlich kam es im Erzton der Gewißheit:

Also waren's doch keine Krosigks." _

Wie ich aber nun grüßend zwischen sie trat, weil unser aller Weg um die Ecke zu biegen hatte, sie aber geradeaus roeiterfteuerten da erstaunten sie sehr. Sie faßten mich an, betasteten mich und riefen ver­wundert:

Mensch, der ist ja zivil!" .

3d) hab' einen hast du auch einen?

Mensch, das ist ja bloß einer!"

.Abern richtiger Krosigk!"

Aber doch ohne Säbel!"

Ueber dies Wunderwerk der Aufklärung wollten sie nun bersten vor Lachen und hätten mit immer neuen Anfeuerungen:Zivil!" undKem Säbel!" niemals aufgehört, wenn ich sie nicht mit eisernen Klammern meiner Hände davongeführt hätte. Ueber sie kam Stille; kaum daß einer nochmals kicherte:Zivil", und der andre Echo gab:Kem Sabel .

Der Morgen graute nun schon, die Laternen brannten blasser, in den Vorgärten tschilpten die Sperlinge. Die Straße lag in ihrer Stille, graue Säulenveranden rechts, links die häßlichen roten und gelbem Backstein­fronten 3d) sah unweit die Erker und Balkons meines Hauses bt« beiden wohnten noch tiefer unten, als hinter uns ein Schuß fiel.

3ch jage: Es fiel ein Schuh. Genau genommen hatte ich sagen sollen: 3ch hörte einen Knall, allein: den Knall hörend, wußte ich, daß es em Schuh war, hinter mir; und wenn man mich nach der Waffe gefragt hätte, so wäre meine Antwort gewesen: Ein Karabiner.

Denn die Klarheit und die Sttlle, die in dem Augenblick aus dem Kern meines Wesens bis an den äußersten Rand meiner Welt sich dehnte die war von dem Knall so zerrissen, wie nur ein Schuß es vermochte. Ich war im Mark verletzt von dem Tödlichen und blieb stehen und sagte:

Es hat geschossen.

Du haft geschossen? Mensch, wie kannst du jetzt schießen?"

3ch sah in dem Morgengrauen die beiden schlaftrunkenen Gesichter und sagte:Ich nicht jemand hat geschossen. Es war hinter uns."

Denn geht uns das gar nichts an."

,,3d) glaube, es geht uns doch an."

Fähnrich du hast hier nichts zu glauben. Kern preußischer Offt-

dem Stillstand des Wartens zog es sich um mich jufammen, twßich auf einmal fror. Da lag diese Sttaße, mir, solange ich denken konnte, vertraut bie grauen Säulenveranden zur Rechten, d« roten Hauser mit gelben dazwischen links, ihre Erker Übereinander und die Balkon« oben nun ging eine schreckliche Fremde und Bedeutsamkeit von ihr aus, wie sie dalag in der Stille der grauen Luft. Sie senkte sich etwas vor mir, an der tiefsten Stelle kreuzte eine Ouerstrahe, und pnseits links waren an der Hauswand undeutlich zwei bläuliche Gestalten. Aber im nächsten Nu waren sie nicht mehr da. Die Beklemmung einer unendttchen Verlassenheit schloß sich um meine Brust. Ja, mir war, als war« ich aus dem Leben herausgenommen und sähe es von außen an ...

Da klirrte ein Schlüssel in einem Schloß; der Türflügel bewegte sich.

3n ber Türöffnung erschien ein kleiner, blasser und blonder Mensch, mit Hose und Nachthemd bekleidet, der vor Angst stotternd hervorbrachte, da müßte ein Unglück geschehen sein er wäre der Hauswirt unter ihm wohne Rittmeister v , ,. . .

Er nannte den Namen des Mannes, mit dem sie verlobt sein sollte.

Darauf raffte ich mich zusammen, schaltet« mein« eigene Person und damit die letzt« Unsicherheit aus unb trat ein.

Aus dem Torweg führten einige breite Stufen rechter Hand in das Treppenhaus. Das war noch dunkel. Im ersten Geschoß strich ich ein Streichholz an und erkannte bei der rasch verlöschenden Flamm« das Namensschild und daß bie Wohnungstur Hande breit offenftanö. Der Hauswirt wollte nicht vorangehn; to betrat ich ta. »lur.

3d) will uns nicht lange aufhalten. Hinter M«, reich ausgestatteten Räumen sand ich im Schlafzimmer den Toten im Bedh das breit und prunkvoll inmitten stand - für meine zweiunbzwanzig ^^e kein ttich er Anblick. In dem fahlen Morgenlicht hing der Leichnam kopsunter über einer Blutlache; aus der Halswunde tropfte es noch. Ich hatte bis dahm keinen Toten, geschweige einen Ermordeten gesehn und weilte nicht langer als bis zu einem Blick in bi« gläsernen Augen.

Der Hauswirt, der nur bis zur Tür gekommen war, fing so an zu schlottern und zu schluchzen, daß er M nichts zu gebrauchen war Ws ich mich selber leidlich gefaßt Hatte und den Gedanken aussprach, daß wo ein Ennordeter auch ein Mörder sein muffe (prang et vorn Stuhl, fdirie:3d) lauf weg!" undPolizei!", und ich konnte ihn kaum fest­halten, um ihn zu bewegen, daß er statt zur Polizei zur Kasern« liefe, deren Hinterseite ganz nah war.

Dann kaum daß ich allein mar überkam mich das ©rauen. Dieser Wechsel in meinem Innern, die Vertauschung von Lebenshohe und Todesab gründ war zu jäh. Eine Minute mag ich noch standgehalten haben; dann verlieh ich die Wohnung und stieg langsam treppunter.

Plötzlich war mein Denken erloschen. 3ch setzte Mich auf ben tn bie Torfahrt führenden Stufen, legt« den Kopf in die Hande und wollte das Vergessen« herausfinden, was ich zu tun hatte. Im Schädel dräust« «s, ich konnte mich erinnern, daß mir am vergangenen Tage etwas Un- glaubliches widerfahren war; ich wußte es nicht mehr. Und auf einmal erschreckend, erkannte ich, daß ich geschlafen hatte, und wußte nun, daß jenes Unglaubliche, Wunderbare nur Traum war.

Aber nach diesen Schlafsekunden war mir nun besser. Ich stand aus und da sehe ich zu meiner Rechten im Hof einen Lichtschein. Das Frühlicht schimmerte oben über den Dächern; in dem kleinen Hof» raum stand noch das Dunkel. Ich wußte, dieser Lichtschein dort be­deutete etwas; habe mich dann mit Namen und Rang angeherrscht, meine Pflicht zu tun, und bin hingegangen.

Manern und Stallgebäude umschlossen den Hof. Das Licht fiel aus einem offenen Fenster zur ebenen Erde. Hingehend erkannte ich drinnen geweißte Kammerwand, an der Photographien hingen; weiter eine Kom­mode auf der das Kerzenlicht brannte. Dann stand ich vor dem Fenster und vor einem Mann in schwarzer Uniformhose und Hemd, der «men Karabiner auf mich anschlug kein« drei Schnitt entfernt; so schmal war di« Kammer.

Was folgt, ist mir unvergessen.

3d) kannte den Mann vor meiner Avantageurszeit her; nun war er zweifellos Bursche des erschossenen Rittmeisters und sem Mörder. Er sagt« nichts, blickte nur auf mich aus kleinen, bos« entschlossenen Augen. Er war nicht groß und rotblond.

Auf einmal wußte ich seinen Namen und fugte:

Rudolf du hast deinen Rittmeister erschossen.

Er zwinkerte mit den hellen Wimpern und sagte:

3a. Und nun werde ich dich erschießen."

Wahnsinn ober die letzte Verzweiflung? Ich sagte:

Rudolf das wirst du nicht tun."

Er zwinkerte und flüstert« bann:Warum nicht r

Da^mirbelte alles in mir und um mich her. Das Licht verviel- fachte sich und flog als schräge Lichtergarbe nach oben und zuckte wieder herab. Allmählich glättete es sich, die Dinge ruckten an ihren Ort ich sah die Kommode, den Mann an der Wand und das Bett mit blaugewürfelten Kissen. Darüber hing ein Bild; es war nicht zu erkennen, aber darunter standen lesbar die Worte:Jfelm ab zum G^Rudolf", sagte ich, ,chu wirst mich nicht niederschiehen wie einen Hund. Du läßt mich erst beten."

3awohl", sagte er,beten. Aber nicht zu lange.

Drei Minuten."

Woll, drei Minuten." ,

3d) fing wirklich an, lautlos im Innern: Vater unser, der du Mit Aber das flog mir davon. Du muht denken, sagte ich zu mir, oemen, denken Aber bann war ich wieder leer und nun wußte ich wieder, daß in) träumte. Hilf Gott aufwachen auswache«! Du mußt