GietzenerZamilienbliitter

Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger

Jahrgang 1957 Montag, -en 29. November Nummer 95

Der General

Von Albrecht Schaeffer

Copyright 1934 by Nüttey und Loentng Verlag, Potsdam

3. Fortsetzung.

Nein, sie drehte sich weiter zu mir. Endlich hob sie mit abgewandiem Gesicht wieder die Hand und schob den kleinen weißen Bausch unter den Rockaufschlag aus meine Brust.

Ich denke mir, so muß es sein, wenn es von jemand heißt: er bekam «Inen Herzschlag.

Ihr Kopf senkte sich langsam, mich streifte der halbblinde Seufzer eines Lächelns; ihre Hand fiel. Doch wer den kleinen Vorgang angesehn hätte, dem wäre er fo einfach erschienen, wie wenn wir Eheleute ge­wesen wären oder Geschwister.

Es war aber die letzte Minute: dort kam ihr Schwager, der heiß­bäckige Knirps lief auf sie zu, ich hatte Abschied zu nehmen.

Später stand im Walde ein armer seliger Junge an einem Baunr, nun allein nein, nie mehr allein, die Stirn am Stamm, und ein Schlag durchfuhr ihn:

Sie hatte es getan. Sie hatte das einzige herausgefundsn, was mög- llch war ...

Noch ein Schlag: sie war von der Station mit mir gegangen ... Und noch: den ganzen Nachmittag lang wußte sie, was ich wußte ... Und noch: ich war in ihr, wie sie in mir. Als ich damals ihre Hand umschloß, da war es für sie das gleiche ... Seitdem, in dem halben Jahr, hatte sie an mich gedacht so wie ich an sie. Unaufhörlich, un­aufhörlich.

Ließ es sich denn ertragen?

Klarheit und Nebel.

Ihr, meine guten Kinder wenn ihr an dieser Stelle eure Augen erhebt und über seinen krakligen Zeilen den verschrumpften Alten er­kennt, der sie schrieb da müßt ihr euch baldig abwenden, um nicht in sein respektables Auge hineinzulächeln. Denn nun müht ihr doch beide fragen: Wie? Was soll uns das? Eine sonderbare Historie! So viel Lärm um ein Taschentuch? Die Berge kreißen eine lachhafte Maus wird geboren. So viel Aufregung, so viel Empfindung o seltsames Fähnrichsherz, erfüllt mit Zittern und Zagen endlich eingehüllt in ein Taschentuch ...

Dazu möchte ich wohl etwas bemerken.

Was das Zittern und Zagen angeht, so wage ich es, die Ansicht eines immerhin in dreißig Gefechten Erfahrenen preiszugeben: daß Tapfer- feit keine Kunst ist für den, der nie vor Gruseln zerronnen ist. (Siehe auch Prinz von Homburg!) Nur darauf dürste es ankommen wann und wo man sich fürchtet, und wann und wo man den Mut beweist. Und in diesen beiden Wos, scheint mir, die sich in sehr verschiedenen Bezirken der Seele befinden, sind Grauen und Tapferkeit geheimnisvoll

aneinander gebunden.

Und weiter will ich sagen: , , c , ...

In dem Jugendrevier die großen leuchtenden Schmerzen, und die tiefen sternhellen Seligkeiten; all jenes wilde Wallen, Verzagen oder Erkühnen ja, wo bleibt es einmal? Ist die Jugend verwelkt, stehen Mann oder Weib unter Früchten: spurlos scheint dann alles dahin Bran­dung und ' Stürme. Wir sind uns fremd geworden, und em Lächeln zurück fragt: Wozu? Und Antwort kommt: Illusion.

Kinder, glaubt ihr das wirklich? . .

Dann sagt mir: Wenn ein Gedicht, oder eine Musik, euch bis unten erschütterte; oder wenn nur ein Sommertag euch nicht nur dle Poren der Haut, sondern auch des Herzens austat, d°ß Himmelsbläue und Vogelsang hineindrangen und die tiefe fuße Sattheit von Heu u Eletscherlüften: wo blieb nachher ihre Spur? ,, , , -

Denn in euer Sein ging das aus; es wirkt, es wa tet n euch es erbaut euch, klärt euch, vertieft euch daß ihr nun seid, die ihr seid und wäre an jenem Tag nicht jenes gewesen, so wäret ihr anders. Aber br Uso 7uck die Jugend mit dem Glanz und Klang ihres Aufbruchs - sie säet nicht, sie erntet nicht, sie entfaltet ^ie^enschwiEn es .. orgu'j und sinkt flügellos in den Schlaf. Sie vergeht ohne Wirkung.

Aber dem Geist des Lebens .ft olles ^kannt. Er fieh^vas Heilige wohl durch das Unheilige glanzen rote etn 9 B waches Auge im Zwielicht; und er sagt, was ich sagte. wackken

Zieht eure Herzen groß dann werde» alle Dinge euch uachwachse .

Geschehen kann es freilich auch einem unter den vielen, daß er, was sie nicht wissen, leibhaftig erfährt. Ja, diesem oder jenem mag das Leben so gnädig sein, daß es ihm ein Höchstbegehrtes nicht schenkt, sondern ihn selbst es verdienen läßt. Kommt nun, seht einmal zu.

Als ich mit meinem Schatz in der Brusttasche zum Forsthaus zurück­kehrte, waren die farbigen Lichter erloschen und kein Mensch mehr zu sehn als die Kellner, die das letzte Geschirr forträumten. Daß der letzte Zug schon abgegangen sein mußte, war mir gerade recht. Ein Marsch zur Stadt, für meine Beine nur zwei Stunden und eine halbe noch bis nach Haus mein Körper, der seine Kraft wieder hatte, lechzte nach einer Leistung, und wie frommte mir diese, dieser unendliche Weg durch Nacht und Wald, auf dem die tausendmal ungesprochenen Worte: Ich liebe dich dich, Ulrike, dich, dich! nun tausendmal wiederholt wer­den konnten. Und ich sah sie im Wagen fahren sie dachte an mich; ich sah sie in jeder Stunde des halben Jahres sie dachte an mich. Ich sah sie an jenem Abend bei Tafel sie nahm ihre Hand aus meiner, küßte ihr Taschentuch und legte es mir auf die Brust. Das brannte da Kinder, wenn die Kraft der Klarheit, die mich auf jenem Heimweg füllte, eine Kraft der Klarheit, sage ich, der höchsten Erleuchtung des Lebens, mit einer irdischen Lichtkraft sich ausgewirkt hätte: die Menschen in den schlafenden Dörfern wären an ihre erhellten Fenster gesprungen und hätten da staunend einen wandelnden Leuchtturm erblickt.

Nach diesem Heimweg bei meiner Kaserne anzulangen, war keines­wegs nötig. Trotzdem lenkte ein Trieb mich dahin von der Stätte der alten zu der meiner neuen Gemeinschaft, so daß ich mich unvermerkt in der tiefen Nacht am Geländer der Blumenanlagen befand, die den Platz -inmitten verzierten. Jenseits des Fahrdamms lag in der Laternenhelle dämmrig der lange graue Bau mit seinen Torbögen links und rechts zwischen Hauptbau und Flügeln. Das erleuchtete Zifserblatt unter dem Giebeldreieck wies auf halb drei Uhr der Morgen war schon nahe. Aber der Flur hinter der offenen Tür unten war noch erhellt, auch die Kafinofenster oben waren es noch ich erinnerte mich, daß irgend etwas gefeiert wurde, und einen Augenblick tat es mir leid, in meinem Zivil als Fähnrich mich dort oben nicht gesellen zu dürfen. Auch den Posten vor dem Eingang mit seinem Pallasch im Arm konnte ich leider nicht in die Arme schließen. Aber dann schwoll mir schon die Brust über das kleine Verlangen nach Frohsinn und Herzensberührung hinweg zu einer mächtigen Welle der Zärtlichkeit, die den triften alten Bau mit allem, was drinn und drum war, Mannschaftsstuben, Exerzierplatz und Marstall überspülte. Diese feste, strenge, knochige Gemeinschaft, in der ich diente, durchsonnen und gefügt bis ins kleinste, in keiner göttlichen, aber einer Menschenordnung doch, die soviel wie menschenmöglich war, bedachte, um eine Mauer aus Leibern um Land und Volk zu ziehen, nach Menschenermessen kaum zu sprengen: darin ein Stein zu sein, eingefugt durch Vernunft, aber haltbar aus Liebe: das machte mich hart vor Glück. Er machte mich sehend, daß ich die Mauern durchdrang: da dämmerten lang hingereiht die schlafenden Rosse im Lämpchenschein, und in ihnen glimmten die kleinen Pferdeseelen, gutwillig und ergeben. Und die Jun­gens alle in ihren karierten Betten, im Dunkel der heißen Stuben, im Schweiß ihrer Schlafarbeit Gott, sie leuchteten alle von Dummheit, sie lchliefen alle von Dummheit verklärt, eine unübersehbare Menge, für die es nur die vollkommen schlichte Erklärung gab, daß ich den Verstand für sie hatte: sie wären nicht dumm ohne mich, ich nicht verständig ge­wesen ohne sie. Ach, diese Kinder, beinah ganz ohne Denkvermögen, aber mit offenen Herzen, bereit zu jeder Güte und Niedertracht, je nachdem wie einer sie lenkte aber verführte.'Ich denke, du legtest ihnen da ein Gelöbnis ab. Degen sich nrich.

Schon bewegte ich mich dann, um fvrtzugehn schräg über den Fahr­damm als der erleuchtete Hausflur sich von langen blauen Gestalten verdunkelte Stimmen schollen, der Posten vor das schwarzweiße Schilder­haus trat, und nun das ganze Rudel Offiziere herausspritzte. Sie kreisten da wunderlich rasch umeinander, stießen zusammen, entfernten sich und ließen fröhliche Laute hören. Kein Zweifel, diese befanden sich in einem heiteren Nebel, in den nun die Frische der Nachtluft blies; dach waren sie dazu erzogen, daß sie nicht umfielen.

Während nun die meisten mit rasselnden Säbelscheiden rechtshin in der Nachtstille leiser und leiser wurden, ich selber unschlüssig stand, ob es den beiden, die nicht weit von mir vorbeigingen, gefiele, mich $u er= kennen, denn ihr Heimweg war auch der meine: da waren sie schon vorüber, und ich ging ihnen langsam nach. Beide Sekondeleutnants, der eine um Jahr, der andre nicht älter als ich, waren sie zwar kleiner, aber onft unter Männern beachtlich. Dünn und gerade in langen Röcken, schiefen Czapkas und mit klappernd schleifenden Säbelscheiden, bewegten sie sich derart vorwärts, daß sie drei Schritte machten, dort an einen unsichtbaren Widerstand prallten, sich sammelten und wieder voran­strebten. Dabei führten sie dieses Zwiegespräch, das ich belauschte: