GietzenerZamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger
Jahrgang 195Z , Montag, den 28. Juni Nummer 49
GOYA
UND DAS LÖWENGESICHT
ROMAN VON KARL HANS STROBL
4. Fortsetzung.
Am Abend des achten Tages ritt ich in Bayonne ein. Französische Kriegsschiffe lagen im Hafen, jeder zweite Mann in den Straßen war ein französischer Soldat. Man brauchte kein Feldherr zu sein, um zu sehen, daß hier Kanonen und. Bajonette angesammelt wurden, um'gegen Spanien in Bewegung gesetzt zu werden, wenn es so weit war. Ein Kanonenschuß vor der Festung verkündete die Sperrung der Tore.
Der Gasthof, in dem ich abstieg, hatte früher: „Zum goldenen Herzen Heinrichs IV." geheißen. Die alte Aufschrift schlug noch durch die Tünche. Jetzt hieß er: „Zur Sonne von Austerlitz". Vom Wirt erfuhr ich, die spanischen Herrschaften und der Kaiser wohnten im Schloß Maracq nahe der Stadt. König Ferdinand, der zuerst mit einem recht bescheidenen Quartier habe vorlieb nehmen müssen, sei nun auch dahin gebracht worden, worden.
Es war für heute zu spät, noch etwas zu unternehmen. Ich säuberte mich vom Reiseschmutz und packte mein Hofkleid aus dem Felleisen. Als ich den zusammengefalteten Frack über die Sessellehne legte, fiel ein Zettel heraus, Siebolds Schrift. „Wende dich an Escoiquiz!" stand darauf.
Der Kanonikus Escoiquiz war hier, Ferdinands Erzieher, der Mann, der den meisten Einfluß auf ihn hatte! Nun gut, ich wollte mich an ihn wenden. Vielleicht wäre es angezeigt gewesen, mich schon dem treuen Urquijo zu eröffnen, aber ich hatte mich nicht dazu entschließen können. Ich war meiner selbst nicht so sicher, wie ich bisher immer gewesen war. Seit Isabel Calderana meine Vergangenheit auf so schreckliche Weise gegen mich aufgerufen hatte, war mein Wesen seiner früheren raschen Entschlußkraft beraubt. Und ich muß gestehen, daß ich während meines Rittes weniger an meinen Auftrag gedacht hatte als an diese längst versunkenen und begrabenen Dinge. Und je weiter ich mich von Madrid entfernte, desto mehr hatte sich meiner die Angst bemächtigt, es bereite sich dort irgendein Unheil gegen mich.
Ich stand, diesen Gedanken preisgegeben, noch am Fenster, da sah ich einen späten Reiter in den Hof kommen. Es war schon ziemlich dunkel, aber es war mir doch, als erkenne ich in ihm jenen jungen Mann, den man so ost in Donna Isabels Gesellschaft sah: Argensola oder wie er hieß. Aber es mußte wohl eine Täuschung sein, wie hätte dieser Mann nach Bayonne kommen sollen? Ich war zu müde, um mir den Kopf zu zerbrechen, ich wollte schlafen.
Am nächsten Morgen machte ich mich auf den Weq zum König.
Der Reiter von gestern Abend fiel mir ein. Aber der Wirt wußte nichts weiter über ihn, er war schon vor mir aufgebrochen, ohne etwas über sein Ziel zu sagen. _ ,,,
In einem Mietwagen fuhr ich zum Schloß Maracq. Es lag am Ufer des Adour und stieß mit seinem Park an den Fluß, nach der Straße umgrenzte ein hohes, lanzenspitzes Eisengitter den Borhof. Links von der Einfahrt erschlug Herakles die lernäische Hydra, rechts erwürgte er den Niesen Antatos in der Luft. Außerdem standen zwei französische Posten da. Sie traten mir in den Weg. Ich wolle zum König? Nein, niemand dürfe zum König! Ich sei der Hofmaler Goya? Nein, auch der Hofmaler Goya nicht! Diese Idioten hatten offenbar noch nie meinen Namen gehört.
Zum Glück schlenderte ein Sergeant über den Vorpsatz. „Was gibt 5? Was es gab? Nun, dieser Mann wolle zum spanischen König. Zu welchem . Die Soldaten grinsten. Ich zwang den Zorn zurück, der sich in mir ausbäumte, und bat, mich dem Kanonikus Escoiquiz zu melden.
Der Sergeant betrachtete mich mit dem Hochmut eines tletnen Despoten, der seine Machtfülle aus der eines größeren ableitet. Ich möge warten, entschied er und bummelte gelassen wieder ins Schloß Zurück.
Nach geraumer Zeit kehrte er wieder. „Eintreten lassen! befahl CT tUKX
Auf der Freitreppe stand Escoiquiz und streckte mir die magere, Heine Hand hin. Er war wie immer kühl, fern und gemessen: „Ich habe erst beim General Savary um Erlaubnis nachsuchen müssen, daß Sie v r- gelassen werden. Savary ist hier so was wie Kerkermeister «sie s h . , wie man hier bewacht ist. Ja, es wird einem Spanier nicht leicht gemacht, vor seinen König zu kommen. Was bringen Sie?
„Ich komme, um zu malen", sagte ich. . . f„ mrifa
Aus den kleinen Augen des Kanonikus fuhr ein kleiner scharfer Blitz in die meinen. „Kein sehr günstiger Zeitpunkt, teuerster Meister , sag
er. „Ich möchte Ihnen Vorsicht empfehlen. Gehen Sie jedenfalls zuerst zu Karl." >
Wir durcbschritten einige Säle und traten in eine Veranda, die sich auf den Schloßpark öffnete. „Warten Sie", sagte Escoiquiz, „Sie sollen wissen, wie die Dinge hier stehen, ehe Sie — zu malen beginnen." Er hielt die Hände über dem Loch gefaltet, wo andere Leute den Bauch haben, seine Augen zwinkerten, als blende sie grelles Licht. Dann seufzte er, und der dürftige, dürre Körper schien noch mehr zusammenzufallen, ganz demütig und armselig stand der Mann vor mir. „Der Kaiser hat mir die Ehre erwiesen, sich mir gegenüber rückhaltlos auszusprechen. Er meinte, daß Karls Abdankung null und nichtig sei, da man sie ihm abgezwungen habe. Ferdinand könne das Königreich Etrurien haben und die Hand einer der Nichten des Kaisers. Damit müsse er sich begnügen. Und als ich mit Gegenvorstellungen kam, da sagte er mir, ich spreche zwar beredt wie Cicero, aber alle Beredsamkeit der Welt sei nicht imstande, daran etwas zu ändern. Und bann nahm er mich am Ohr und sagte wörtlich: .Kanonikus, Kanonikus! Die Interessen meines Hauses und meines Reiches fordern, daß die Bourbonen aufhören, über Spanien zu herrschen/"
Er seufzte wieder, aber ich merkte ihm an, daß er vor Stolz ganz außer fick war, vom Kaiser einer solchen Vertraulichkeit gewürdigt worden zu sein.
„Ja, so steht es, und es wird uns wohl nichts anderes übrig bleiben, als den Dingen ihren Lauf zu lassen. Jeder Versuch, sie aufzuhalten, wäre umsonst und gefährlich." Er legte die Fingerspitzen aneinander und zwinkerte heftig mit den Augen. „Und nun gehen Sie nur zuerst zu Karl."
Seine gelbe Hand wies in den Park hinaus. „Da finden Sie alle beisammen."
■ Unter den Bäumen auf grünem Rasen saßen sie beim Kartenspiel um den Tisch. Das Kleeblatt Karl, Maria Luise und Godoy. Des Königs Bruder Antonio hatte sich einen Stuhl herangerückt und sah, rittlings sitzend, zu, der Prinz Don Carlos kaute gelangweilt an einem Grashalm. Grüne Laublichtflecken flirrten über Karten und Gesichter, auf des Königs Bauch lag praller Sonnenschein, als wäre er mit Goldblech ausgeschlagen. Wenn man noch die zwei französischen Soldaten hinzunahm — starkes Blau und Rot der Uniformen — die in einiger Entfernung unter den Büschen standen: ein gutes Bild!
Als ich den Park betrat, schien sich eben ein Kartenstreit erhoben zu haben. Ich glaubte zu verstehen, daß Maria Luise einen Stich gemacht zu haben behauptete,. und daß die zwei anderen ihn nicht gelten lassen wollten. Die runden Eulenaugen der Königin funkelten, ihre Raubvogelnase hackte in die Luft, sie stritt mit schriller Stimme auf Tod und Geben. Die zwei anderen hielten gegen sie zusammen, und der Schwager, der an dem Gezänk offenbar unbändiges Vergnügen fand, schürte 'es noch, indem er bald der einen, bald der andern Partei recht gab.
„Halt's Maul!", fuhr ihn die Königin wutentbrannt an. Der König lachte, daß ihm der sonnengoldbeschlagene Bauch wackelte. Godoy grinste und benützte die Unaufmerksamkeit der Königin, um eine seiner Karten gegen eine bessere des Talons umzutauschen.
Er war wieder obenauf, der schöne Mann, stattlich und strahlend wie nur je. Es ist wahr, sein Gesicht war etwas gewöhnlich — ich habe ihm auch auf meinem Bild kein anderes geben können — aber feine Gestalt noch immer jugendlich und kraftvoll. Der König und die Königin halten um ihn gezittert und gemeint, mehr als um das eigene Leben und um den Thron, sie hatten sich seinetwegen gebemütigt. Nun hatten sie ihren Godoy wieder und waren glücklich, und Godoy sonnte sich in diesem Uebermaß von Zärtlichkeit. Es war ihm nichts davon anzumerken, daß er vor kurzem noch vor dem Volk um Gnade gebettelt und gewinselt hatte, daß er blutüberströmt in einen Stall gesperrt morden mar. Die zweiundzwanzig Wunden durch Messerstiche und Quetschungen durch Pferdehufe waren verheilt, der lange Bart, den er sich im Gefängnis hatte wachsen lassen müssen, roar wieder gefallen. Nur die hellrote Wundnarbe unter dem rechten Auge zeugte von Mißhandlung und Lebensgefahr.
Ganz unverschämt zog er eine Karte aus dem Talon und steckte sie in seine Blätter.
Don Carlos nahm den Grashalm aus dem Mund. „Godoy hat eine Karte vertauscht!" sagte er skandalsüchtig.
Dem Zerspringen nahe, sah die Königin um sich und suchte ein Opfer; alle freuten sich offenbar ihres Aergers, das brachte sie außer sich. Plötzlich zuckte ihre Hand auf und klatschte schallend auf des Königs dicke Wange. r
„Ohohohoho!" lachte der König, „Donnerwetter, heute bist du wieder schlagfertig, meine Siebe!"
Godoy fing die Hand der Königin ab und drückte das Gelenk zu- [ammen.


