prall bringen.
(Fortsetzung folgt.)
auf die die An-
Escviquiz erwartete mich hinter einem Vorhang der Gartenveranda. ! Er hielt sich gerade im Hintergrund, er war bei den Dreien im Garten unbeliebt, tmm hielt ihn — ich weiß nicht, ob mit Recht — für einen der Anstifter der Empörung Ferdinands.
„Nun wollen Sie also zum Prinzen!" sagte er. „Zum König! , verbesserte er sich. „Er sitzt auf seinem Zimmer, er hat Zimmerarrest. Ich werd« Sie anmelden." Er machte einige Schritte, kehrte wieder um und sagte augenzwinkernd: „Nehmen Sie Ihre Farben diesmal nur nicht allzu kräftig, Meister! Es scheint, daß Savary auf Ihr Kommen vorbereitet war. Er war gar nicht erstaunt, und es ist sonderbar, daß er Sie ohne viel Umstände vorgelassen hat. Aber — vielleicht will man es nicht mit Ihnen verderben."
Das düstere Vorzimmer, in dem ich zurückblieb, war in pompe- janischem Rot gehalten, ein Gobelin hing an der einen Wand, eine elende Psuscherarbeit, orientalische Waffen kreuzten sich darüber, Posten standen an der offenen Tür. Aus dem Gang war ein unablässiges Kommen und Gehen von Soldaten und Offizieren, manchmal steckte jemand neugierig den Kopf herein, ein staubbedeckter Husar stand unbeweglich unter einer Wafsentrophäe aus Stuck. Vielleicht war hier das Kommando in der Nähe, vielleicht arbeitete in einem der Nachbarzimmer das eiserne Hirn des Kaisers. Armeen warteten auf feine Befehle.
Escoiquiz kam zurück. Ich trat in ein Zimmer mit goldenen Stuckverzierungen auf weißem Grund, auf einem Marmorkamm trug ein Mohr eine runde Bronzeuhr auf dem Rücken, ein großer Schreibtisch stand mitten im Raum. Der Prinz, der daran sah, sah mir erstaunt entgegen: „Ich wundere mich, daß man Sie zu mir läßt."
„Man weiß nicht, warum ich komme."
Das unbedeutende Gesicht des jungen Mannes war schlaff und müde. „Und warum kommen Sie?" flüsterte er beklommen.
Ganz nahe trat ich an den Schreibtisch heran, ganz leise sagte ich: „Ich soll Sie im Namen des Volkes beschwören, nicht nachzugeben. Sie dürsen nicht abdanken, Majestät, das Volk liebt Sie, es will keinen andern König als Sie."
Ferdinand sah den Boten kläglich an: „Das Volk hat keine Ahnung, was hier vorgeht."
„Es weiß sehr wohl, daß man Ihren Rücktritt erzwingen will, und es sendet mich, um Ihnen zu sagen, daß es dies unter keinen Umständen zugeben wird." Der Auftrag, den ich nur ungern und widerstrebend übernommen hatte, war mir aus einmal bedeutsam geworden wie eine eigene Angeiegenheit, jetzt, da ich gesehen hatte, wie man sich hier vermaß, den Willen meiner Nation zu mißachten. Dieser junge Mensch war kein großes Licht, seine Gaben waren gering, aber das Volk hatte ihn einmal zu seinem Helden erwählt, es liebte ihn, es vergötterte ihn, um seinetwillen wagte es, sich gegen den Kaiser aufzulehnen, den Herrn Über Hunderttausende von Bajonetten. Ferdinand sollte seinem Volk nicht zu einer Enttäuschung werden. Ist es nicht gleichgültig, wer und wie der Mann ist, wenn nur ein Volk seine ganzen Kräfte und Hoffnungen in ihm verkörpert? „Sie dürfen nicht zurücktreten, Majestät", sagte ich dringend.
Ferdinand wandte sich von mir halb ab, sein schmächtiger Körper bebte. „Warum sind Sie gekommen?" sagte er weinerlich. „Sie verwirren mir nur alles wieder. Wie stellen Sie sich das vor, wenn man es mit Napoleon zu tun hat? Sie wissen nicht, wie ich behandelt worden bin. Gleich in Madrid hat mir Murat den Titel Majestät erweigert. Und ich habe ihm den Degen des Königs Franz 1. von Frankreich ausliefern müssen, den ihm die Spanier nach der Schlacht
wählen zu, können.
„Emen Brief...?" zitterte Ferdinand .
„Machen Sie keine Umstände, geben Sie den Brief her. Wir wissen, daß" Sie einen Briet bekommen haben. Und Sie wissen, daß es Ihnen untersagt ist, Botschaften und Briefe zu empfangen."
Ferdinand schüttelte den Kopf. Was sollte er tun? Seiner Art nach blieb ihm nichts anderes übrig, als sich aufs Leugnen zu verlegen wie ein Schuljunge, der bei einem Schwindel erwischt worden ist. So langt es irgend angeht, muß man beim Leugnen bleiben.
Aber der Kaiser winkte dem General. Savary hatte diesen Dummkops Ferdinand überlistet, er hatte ihn nach Bayonne gebracht, in die Falle, in der er nun saß, das hatte er ganz zur Zufriedenheit des Kaisers gemacht. Savary war zu allem bereit, auch dazu, diesen Tölpel Ferdmano bis aufs Hemd auszuziehen, wenn es nötig sein sollte.
Aber es war nicht nötig, er hob einfach die Schreibtischunterlage — da lag der Brief. Wie ein eisiger Stempel drückte Schweigen Seelen zusammen, während Napoleon las. Nun senkte der Stier Horner zum Stoß, der nächste Augenblick mußte den brüllenden
von Pavia abgenommen haben. Nichts als Demütigungen! Und hier erst! Oh Er versteht es, einen Willen zu brechen. Ich habe mich nicht gleich ergeben ich habe Widerstand geleistet. Sehen Sie, noch jetzt ... aber das ist das Aeußerste, was ich jetzt noch tun kann."
Er deutete auf einen Bries, an dem er geschrieben hatte, als ich eingetreten war. „Lesen Sie!"
Es war ein Brief, den Ferdinand an seinen Vater richtete, den dicken Karl. Ja, Ferdinand war bereit, abzudanken, aber nur in Gegenwart der Cortes, und sein Vater sollte dabei sein, wenn er vor die Versammlung trat. Er sollte hören, wie sie es ausnahm. Wollte er bas nicht, so würde Ferdinand in des Vaters Namen die Regierung weiterführen. .
Es war ein gedeckter Rückzug. Eine kleine, armselige Schlauheit, die Napoleon auf den ersten Blick durchschauen mußte. Wenn er Ferdinand gestattete, unter irgendeinem Vorwand nach Spanien zuruck- zukehren, zu seinen getreuen Spaniern, dann hatte Napoleon das Racy- schen. Zu wenig, zu wenig! Hier mußte Ferdinand dem.Feind die Stirn bieten, hier mußte er ihm seine Entrüstung ins Gesicht schleudern: Ich bin in deiner Gewalt, aber mein Recht ist bester als deine Gewalt. Ich weiche nicht einen Schritt zurück. Was geht dich, du Räuber, mein Land an und mein Volk?
„Majestät, ich habe einen Brief an Sie , sagte ich.
' Einen Brief? ... so, einen Brief?" Und der junge Mensch, an dem' ein ganzes Volk hing, begann wieder zu zittern. Em Brief war eine gefährliche Sache, Ferdinand konnte sich denken was m diesem Brief stand. Dasselbe, was ich gesagt hatte. Nicht zuruckiretcn! Er nahm den Bries, den ich aus der Innentasche meines Fracks geholt hatte, zögernd in die Hand. Er drehte ihn herum, betrachtete die Siegel konnte ich nicht zum Oessnen entschließen als wäre dieser Br'°f erne Höllenmaschine, die vernichtend ausemanberberften konnte. „Von wem? suchte er fragend die Entscheidung hinauszuschieben.
Ich bin nicht der Mann langer Geduld und geduckter Hosschranzen- demut. lieber das Mitleid, das mich zuerst weich gemacht hatte ftürmte jetzt meine Entrüstung hinweg. Zorn und Empörung eines Volkes hämmerten in mir und ballten mir die Fauste. Ich wollte diesei knappe Kargheit an Mut umstürzen und vorwärtsdrängen in eine freie selbstbewußte
J3hr Volk schreibt an Sie", drängte ich, „es verlangt, daß Sie chm Antwort geben, was es von Ihnen zu erwarten hat. Oeffnen Sie!
Der König schaute scheu zu mir auf. und gehorchte Zaghaft erbrach er die Siegel und wollte eben den Brief aus feiner Hülle nehmen, da kamen draußen Sttmmengemurmel und rasche Schritte heran, Kolben donnerten vor der Tür zu Boden . ... ~
Fort mit dem Brief!" raunte ich, und blaß und zitternd fchob Ferdinand die gefährliche Botschaft unter die Schreibunterlage.
Und schon wurde auch die Tür aufgerissen, ein beleckter kleiner Mann in einer schäbigen Uniform trat rasch ein. Hinter ihm ein General, strahlend von Gold und mit Orden behängt, dahinter die königliche Familie, Karl, Maria Luise und Godoy, alle drei mit ganz verstörten, entsetzten Gesichtern. _, , , „
Der kleine Mann stand mit gespreizten Beinen, die Schenkel prall in weißen Hosen mitten im Zimmer, zwischen Ferdinand und mir, und seine flinken Augen gingen von ihm zu mir. Es bedurfte wohl keines be anderen Scharfsinnes, um zu erraten, daß wir bei irgend etwas ertappt worden waren» allzu kläglich schuldbewußt war der Ausdruck von Ferdinands Miene, und es bedurfte auch für mich keines Scharfsinnes, um zu wissen, daß der Kaiser das erraten hatte.
Der Kaiser! Dieser kleine beleibte Mann mit dem olroenfarbigen Gesicht war der Kaiser.
„Sie sind der Hofmaler Goya?" ,
Ich hatte mich gefaßt und straffte mich, nun war es wieder genau Jo rote in der Arena, wenn der Stier auf einen losftürmt und jeder Muskel in Bereitschaft zum entscheidenden Sprung ist. Nun sah ich wieder so klar und unheimlich scharf wie in einem solchen Augenblick. In dem kleinen Mann kochte Wut, noch hielt er an sich, in seinem Gesicht zuckte es bedrohlich, er hatte das Gesicht eines kranken Mannes, der sehr zornig ist. Siebold hatte wohl recht, wenn er behauptete, in Napoleon müsse eine noch verborgene Krankheit stecken.
„Francesco Goya, Sire!" sagte ich.
Der Kaiser nahm seinen Blick lange nicht von mir fort, es schien, als roolt» er etwas sagen, aber er nickte nur kurz. Dann wandte er sich zum Schreibtisch, an dem sich Ferdinand schlotternd erhoben hat „Geben Sie den Bries her, den Sie soeben erhalten haben." Eine barsche Art, nut einem König zu sprechen, selbst einem gefangenen Prinzen gegenüber zu barsch aber dieser Mann war in der Lage, seinen Ton nach Belieben
, Au!" schrie sie auf und zischte wie eine Schlange in der Gabel. !
Da erblickte der König mich, wie ich über den Rasen daherkam. „Siehe da, unser großer Meister besucht uns! sagte er. Er stand auf und zog die gestickte Weste herab. Die andern wandten die Kopfe, Godoy lieh das Handgelenk der Königin los, und Maria Luise glättete ihr Gesicht sogleich zu einem gnädigen Lächeln.
„Spanien hat seinen König nicht vergessen. Es sendet uns seinen besten Sohn", nickte mir Karl zu. ..... ■
Ich verneigte mich und küßte die Hand der Königin, eine schlanke, wohlgeformte Hand, die in einen wundervollen Arm überging. Er gehörte zu einem vollendet schönen Körper, dem ein abscheulich häßlicher Raubvogeltopf ausgesetzt war. , , .. r
„Ihr Volk wünscht", sagte ich, „daß mein Pmsel diesen geschichtlich bedeutsamen Augenblick des Zusammentreffens seiner königlichen Familie mit Napoleon festhält."
Karl warf einen Blick nach den beiden französischen Posten die halb verdeckt hinter den Büschen standen. Ja, die gehörten auch zu dieser Zusammenkunft, sie gaben ihr erst den rechten Smn. „Soso , sagte er, „mein Volk wünscht das also?" , r r.
Maria Luise musterte mich scharf: aber ich glaube, daß sie auf meinem Gesicht nichts als Ernst und Ergebenheit zu lesen vermocht hat. „Ach , seufzte sie „es ist ia nicht gerade ein besonders erfreulicher Anlaß für Ihren Pinsel, teuerster Meister. Es wird Ihrer ganzen Kunst bedürfen, um ein wenig Heiterkeit auf unsere Mienen zu zaubern. Machen Sie nur kein Capricho aus uns. Wir versuchen nur unseren „Schmerz zu betäuben. Unfern Schmerz um einen ungeratenen Sohn."
.»Zerfleischen Sie nicht das Herz Ihres Volkes", fügte ich, indem ich mich noch tiefer verneigte, „es ist fein Wunsch, ein Bild zu besitzen, * auf dem auch dieser Sohn nicht fehlt zum Zeichen der Wiederherstellung der Eintracht und der gewährten Verzeihung."
„Es wird auf sein Verhalten, ankommen!" warf Godoy ein.
„Gestatten Sie mir, auch Ihrem Sohn den Wunsch des Volkes vorzutragen." Die Königin klappte den Fächer auf und schwang ihn zweimal an ihrem Gesicht vorbei. Dann schlug sie ihn zusammen, ihre Eulenaugen stacken kalt. „Wir haben hier nichts zu gestatten und nichts zu verbieten. Wir find hier ebenso Gäste des Kaisers wie der Prinz. Wenden Sie sich an den General Savary."


