engen aufschlägt, aus denen allen der gleiche Glaube zum sonnendurch­strahlten regenbogenbunten Frühlingshimmel blickt, der Glaube, der mein Herz wie ein Bekenntnis spricht in diesem ersten Veilchenstrauß aus meinem Garten: daß in dieser grünen Ebene Raum genug sein wird für mein Alter und deine Äugend und für alle, Kind, unseres Blutes, die aus ihr kamen geweckt wie Blume und Halme, um ihr liebend zu blühnl

Stadt am Morgen.

Von Lina Staab*.

Rosige Muschel, schwankend auf dem Grund der traumbefangenen und frühen Stunde, von Liedern tönend und von dunkler Kunde du öffnest summend den perlmuttnen Mund.

Wie hauchst du zärtlich in den Sonnenduft der Türme blaß verschwimmende Konturen Wie ahnungsvoll des bunten Lebens Spuren in zarter Hülle kühler Morgenluft

Die Schiffe ruhen noch mit Mast und Tau.

In ausgespannten Netzen hängt die Stille, doch hinter ihrem Gitter drängt die Fülle der Stadt heran mit Park und Wunderbau.

Durch träumerisches Blau ein golbner Tag schwingt sich herein auf weißen Taubenflügeln. Schon steht er blitzend auf den runden Hügeln und schlendert lächelnd durch den Rebenhag.

Du weites Jugendtal, festliche Stadt, du schöne Schale meines reichsten Lebens Ich halte dich, ich trinke nicht vergebens du machst die Dürstende aus Zauberbrunnen satt.

Kostbar Gefäß voll neuem Morgentrank Du schäumst und überperlst die Hügelränder, du spiegelst meiner Seele frühe Länder ich trinke dich mit Tränen und mit Dank.

Die Heimkehr.

Erzählung von Johannes Linke.

Es ist immer ein Fest, wenn einer aus der Fremde in die Heimat zurückkehrt, und wenn es nur zu einem Besuche für wenige Tage sein sollte. Selbst die Wiederkunft des verlorenen Sohnes, mit dem doch fein Vater gewiß keine Ehre einlegen konnte, wurde mit einem kräftigen Gastmahl begangen. Auch wenn es ein trauriger Anlaß ist, der einen in die Heimat gerufen hat, eine schwere Krankheit oder gar der Tod eines nahen Verwandten: die Heimkunft wird gefeiert.

Da sind die Berge, die über seiner Kindheit ragten, die Wälder, in denen er spielte, und wo er Beeren, Holz und Pilze suchte» die Felder, die fein Vater ackerte und besäte, die Wiesen, auf denen er im Frühling Heilkräuter sammelte, im Sommer Heu rechte und im Herbst den Drachen steigen ließ; da sind die Bäche und Weiher, wo er planschte und badete, wo die spangeschnitzten Mühlräder sich drehten und die rindenen Schifflein schwammen, die Steige und Wege und Straßen, auf denen er zur Schule, zur Kirche, zum Einkäufen ging, da sind die Einöden, Weiler und Dörfer der Nachbarschaft und endlich die Höfe und Hütten seines Heimatortes, in denen er aus und ein ging, als er noch klein war. Das alles ist noch so, wie es ehedem war, und doch hat sich manches verändert. Dem Heim­kehrer aber entgehen die kleinen Neuerungen und Verwandlungen nicht: er sieht, wie sie hier ein Haus frisch gedeckt, dort eins neu verputzt haben. Der eine Nachbar hat eine Wagenschupfe an fein Haus gehängt, und der andere hat gar eine neue Anfahrt zu seinem Stadel gebaut, daß er nun fein Getreide von oben her abladen kann und sich nicht mehr so zu plagen braucht, wie in früheren Jahren. Die Tannenpflanzung, die er einmal überschauen konnte, ist so hoch geworden, daß sie den Ausblick nach den Bergen versperrt, und dort, wo das Gehölz stand, in dem die vielen Steinpilze wuchsen, breitet sich jetzt ein Haferfeld.

Mit den Menschen ist es dasselbe. Die alten Bekannten, Freunde, Nachbarn und Verwandte gehen immer noch im Dorfe um, aber es sind nicht mehr alle: ein Bauer ist gestorben, eine Hoftochter hat fortgeheiratet, und ein paar Burschen find ausgewandert in eine reichere Gegend, wo es Arbeit gibt, in die Stadt oder gar nach Amerika.

Nun kommen sie alle, einer nach dem anderen aus der Verwandtschaft und Nachbarschaft, um die Mittagsstunde oder auch mitten von der Arbeit weg und zum Feierabend, und begrüßen den Heimgekommenen und wollen von ihm hören, was er in der Zeit, als er draußen war, alles erlebt hat. Die Männer sind wieder ein Stück älter geworden, ihre Runzeln tiefer und ihre Haare weißer. Die Mädchen, die beim letzten Male die Gänse hüteten und mit der Docke spielten, haben sich zu Jungfrauen ver­wandelt, sind scheu und kichern, wenn ein Bursch vorüberkommt, den der Heimkehrer noch als kleinen Schulbuben im Gedächtnis hat. Und die jungen Mädchen, die früher mit ihm zum Tanze gingen und abends vor der Tür standen, haben einen Säugling auf dem Arm, und zwei kleine Kinder hängen sich an ihre Röcke und verstecken sich vor dem Fremden. Was fönst unmerklich wuchs, als er beständig hier lebte, das hat jetzt scheinbar einen Ruck getan, während er in der Fremde war.

* Aus einem Zyklus um Würzburg:Die festliche Stadt".

Nun erzählen Ihm die Daheimgebliebene" was sich derweilen im Dorf ereignet hat. Sie berichten ohne Klatsch und Tratsch und ohne viel Um« schweife die Geschehnisse, die für die Gemeinschaft Bedeutung haben und nicht nur für ihre persönlichen Gedanken und Wünsche.

Ja, ja, mein Lieber", Jagt ihm der Maurer-Ludwig,du glaubst es ja nicht, wie die Hundsgrippe hier bei uns gehaust hat. Das ist eine Krankheit gewesen, wie wir sie noch nicht erlebt haben. Die alten Leute hat sie fast alle zusammen weggeräumt. Den Winter haben sie noch aus- gehalten, aber wie einmal der Saft in den Bäumen in die Höhe gestiegen und der Frühling gekommen ist, da hat fies gepackt. Zuerst den Schuster- Lorenz, und wie der ein paar Tage unter der Erde gelegen ist, den Weber- Johann. Der hat ja auch schon ein hübsches Alter gehabt: dreiundneunzig Jahre ist er alt gewesen. Und wie dem Weber-Johann seine Leiche war, am gleichen Tage ist auch mein Vater gestorben. Ich bin aus der Kirche gekommen da war er schon tot." Er klagt nicht und jammert nicht, und nur feine Mutter, die eben dazukommt, schluchzt einmal auf und wischt sich mit der Schürze über die Augen.Das ist mir hart geworden", sagt sie,bitterlich hart. So schnell hat der Vater sterben müssen, und mich hat er halt allein gelassen. Ich tanns noch gar nicht begreifen."

Und dann kommt eine Bäuerin, die dem Heimgekehrten erzählt, daß ihre Tochter, die Rosel, fortgeheiratet habe, weit, weit fort, in ein Dorf, drüben hinter dem Berge, wohin es gut zwei Stunden Weg sei. Von der Hochzeit berichtet sie, wie stattlich sie gefeiert worden sei, und wieviel Bier die Hochzeitsleut getrunken hätten. Und nun sei die Rosel auf der Hajen­mühle, und bis in zwei, drei Jahren, wenn die Alten übergegeben hätten, fei sie die Mühlbäuerin.

Der alte Benno-Jackel, den die Krankheit verschont hat, und der nicht mehr viel anderes tut, als umhergehen und den Leuten bei der Arbeit zuzuschauen, berichtet von den Kindern, die zur Welt gebracht wurden. Heuer haben wir ein fruchtbares Jahr", meint er bedächtig,weil meine Tochter eine Hebamme ist und überall hingehen muß. Aber das weißt du ja selber, weil sie deiner Mutter auch beigestanden ist in ihrer Not. Drei Alte sind uns gestorben, und auch die Marie hat das Leben lassen müssen, wie sie von der Tenne gestürzt ist aber kleine Kinder sind uns neun geboren worden im Dorfe: beim Wagner ein Bub und beim Schreiner ein Bub, und beim Beck ein Mädel und bei der Wirts-Fanni wieder ein Bub und beim Maurer-Anton ein Mädel und beim Leopold ein Bub und beim Strohmeier wieder einer, aber da wäre die Mutter, die Martha, bald gestorben, so hart ist's hergegangen, und die Schmiedin und die junge Schneiderin haben je ein Mädel gekriegt. Stirbt unser Dorf so leicht nicht aus."

Und hast du denn schon gesehen", fängt ein anderer an,daß sie draußen auf der Stierwiese, wo der Fahrweg zum Pfarrdorf geht, ein Haus gebaut haben? Eine Viertelstunde vom Dorf weg hat sich der Hasel­bauer-Franz sein Häuschen hingesetzt, mitten in der Einöde, wo er keine Nachbarn hat. Er ist ja schon seiner Lebtage ein solcher Einsiedler gewesen."

Einer von den Holzhauern, der seinen Arm in der Binde trägt, begrüßt den alten Jugendfreund und erzählt ihm, wo sie heuer im Walde gearbeitet haben.

Am Hohlweg, wo das fette Kraut wächst, trifft der Heimkehrer die alte Kramer-Anna, wie sie ihre Geißen hütet. Die alten Zeiten tauchen in ihrer Erinnerung auf, als sie ihn sieht, und sie ist die einzige, die sich völlig vor ihm eröffnet.

Leiden muß ich", klagt sie,leiden! Ein Kreuz ifts auf der Welt. Vor drei Jahren hab ich dem Michel den Hof gegeben, wie er geheiratet hat. Du wirst es so noch wissen. Mir hat sie von vornherein.nicht gefa.' n, weil's so eine Stolze gewesen ist, aber ihr Vater und der Bub haben so lange getrieben, bis ich Ja gesagt habe. Und was ist's gewesen? Sie hat so lange hantiert und gekauft und geprangt, bis alles hingewesen ist, und der Michel verkauft feinen Hof, und ich muß auf meine alten Tage unter fremden Leuten sein."

Sie beginnt zu meinen und gibt sich gar keine Mühe, ihren Kummer zu verbergen.Unter fremden Leuten!", wiederholt sie.Auf meine alten Tage! Warum bin ich denn hernach nicht gestorben, wo die Grippe um­gegangen ist? Sag mir das!"

So erfährt er am ersten Tage nach seiner Heimkunft alles, was sich im Dorfe und in der Gemarkung Wichtiges begeben hat.

Der Brand des Leibtumhauses wird ihm geschildert, und der Bau des großen Stadels, der neue Weg zur Staatsstraße wird ihm gezeigt, er hört, wie der Waldbauer den Fleck Feld, den er erst vor zehn Jahren um­gebrochen hat, wieder mit Fichten hat bepflanzen lassen, weil kein rechtes Getreide dort gedieh, er muß sich den Weiher ansehen, den sie nach dem letzten Brande anlegten, und der nun das ganze Dorf mit Wasser ver­sorgt, das sie oft so bitter entbehrten.

Kaum ist er aus der Fremde heimgekommen, so lebt er schon wieder mitten drin im Gemeinwesen, das seine Kindheit und Jugend umschloß. Die Zeit, die er auswärts war, überbrücken die Berichte feiner Landsleute. Sie reden ihm nichts von ihren Gefühlen und inneren Erlebnissen vor, an denen sie reicher sind als irgendeiner in den Städten, und nur selten verrät ein Wort die Stimmung ihres Herzens:Das ist mir hart ge­worden" oderDa hab ich meinen müssen" oberDa hab ich mich gefreut, mie ein kleines Kind". Ihr Inneres zergliedern sie nicht; das ist dafür zu stark. Was sie für erzählensmert halten, das sind die ewig wieder­kehrenden Ereignisse ihrer Umwelt: Aussaat und Ernte, Gunst und Ver­derb der Witterung, Aufbau und Niederbruch, Geburt und Tod. Und diese Dinge sind es wahrhaftig auch wert, berichtet zu werden, denn durch ihre kräftigen Umrisse schimmern verhalten und zart, wie es sich gehört, Freuden und Leiden, Wohlergehen und Not, Liebe und Kummer, Ent­behrung und Leidenschaft, kurzum das ganze Leben der Erzähler, ihrer Sippe und der Dorfgemeinschaft, der sie angeboren. Und das ist nicht immer ein Fest, wenn man mitten in das volle Leben hineingeführt wird ober einen anberen hineinführen barf?

«erantwortlich Dr. Hans Thhrivt. - Druck und Verlag: Drühl'lche Univerlitäts-Vuch. und Steindruckerei, N. Lange, Gießen,