Wie ein Lamm ...
Von Ruth Schaumann.
Wie ein Lamm, vom Hirten aufgehoben, Wie im Wipfel eines Vogels Loben, Wie die Kerze auf dem Silberhalter, Auf der weißen Rose Rand der Falter, Auf der Welle eines Schiffleins Schweben, Auf der Schwelle eines Mittags Leben, Auf dem Grabe eines Kreuzes Trösten, Aus dem Berge Wolken, die gelösten, Auf dem irdnen Teller goldne Birne, Ein Gedanke hell auf dunkler Stirne, Sternenbild auf eines Weihers Spiegel, Auf dem Erbebrief das rote Siegel, Auf den Lippen Beten und Erbarmen — Ist ein kleines Kind auf Mutterarmen.
Kinder und Blumen.
Von Agnes Miezel.
Am grünen Lattenzaun des Vorgartens steht ein kleiner Junge. Sehr winzig ist er, drollig sitzt dem kleinen rundlichen Körper der weiße gestrickte Anzug mit dem blauen Jäckchen. Das rosige kleine Gesicht preßt sich in den Spalt zwischen die grünen Stäbe, schief fitzt das blauweiße Mützchen auf dem Flachsschopf. Unbemerkt stehe ich hinter ihm und sehe mit in das Gärtchen. Ein Rasenfleck, stisch begrünt, breitet sich wie ein Teppich um die eben wieder aus ihrer Wintersruhe aufgerichtete, mit hellem Bast an den Bambusstab gebundene Hochstammrose. Sie ist noch kahl, aber in den breiten Rabattenbeeten um den Rasen grünen die Schilfblätter der gelbknospenden Tazetten, öffnen die Hyazinthen rote und weiße Glocken, recken die Tulpen rötliche Blattspitzen empor — und dicht vor dem Zaun, in seinem streifigen Schatten, blüht es von hellem Blau über Indigo und Enzianblau bis zum leuchtendsten Lila zwischen grünen Herzblättern; die großen Kissen der Leberblümchen, die zierlichen Sterne der Scylla und das holde Gewirr der Veilchen, deren Duft süß in der erdhaft feuchten Luft steht ...
Nun wendet sich der kleine Junge. Eine Bewegung von mir, mein Schatten muß mich verraten haben. Er seufzt tief und blickt auf. Ganz ernsthaft ist das kleine weiche Gesicht. Aber in den Augen, die leuchtend blau sind wie die Sterne der Scylla, steht etwas, was tiefer und schöner ist als ein Lächeln: der Glanz eines überwältigenden Be- glücktseinsl
Einmal, ein einziges Mal, habe ich noch diesen Ausdruck tn einem Kindergesicht erblickt. An einem Abend im Frühherbst war's, wieder unten in der alten Stadt, an einem Samstag — denn das verhallende Glockengeläut vom Dom mischte sich mit dem letzten Rufen der Kinder, die vom Spiel unter den Linden über den Domplatz nach Hause liefen. Da fand ich auf der Vortreppe eines alten Hauses ein kleines Mädchen fest eingeschlafen, wie sie sich da müde vom Spiel und der schweren Septemberluft hingelegt hatte auf die Steinstufen. Die kleine braune Hand hielt noch den bunten Ball. Ich weckte sie — aber so vorsichtig ich es auch tat, sie zuckte doch zusammen und seufzte so tief wie heute der Kleine am Zaun. Dann richtete sie sich auf. Und auf ihrem Gesicht, in ihren großen Augen, die seltsam hell zwischen sehr schwarzen Wimpern in dem bräunlichen Gesicht standen, war der Ausdruck eines seligen Entrücktseins, der ferne gesunde und ein wenig flache Alltäglichkeit zu überirdischer Schönheit verklärte. Es mußte ein besonderer Traum gewesen sein, der sie noch erfüllte. Und wie ich mich vorneigte, um sie nach ihrer Wohnung zu fragen, ob wir wohl den gleichen Weg hätten, sagte sie nun richtig lächelnd, aber noch ganz mit dem verhaltenen Ausdruck des im Schlaf Redenden in Haltung und stimme: „Blumen!" . ,
Dann aber erwachte sie ganz über die eigene Stimme, richtete sich auf, ein wenig verwundert, ein wenig beschämt, sich da zu finden und ein liebes, artiges und sehr vernünftiges Schulmädchen, viel zu vernünftig als die Aeltefte von vier Geschwistern, viel zu viel wissend van allen Mühen und Kümmernissen des Lebens, rote sich herausstellte, trabte neben mir durch die von Laternenlicht und Schaufensterbeleuchtung grell erhellten Straßen und musterte mit blanken Augen die Strahenübergänge, um Radlern und Autos zu entgegen.
So wie sie, frisch und gescheit sich ins Leben schickend, wird mein kleiner Freund vom Zaun auch einmal werden. Aber tn beiden liegt doch verborgen wie das Senfkorn die läuternde Gewalt dieses einen Augenblicks wo alle Unschuld, alle Glut, alle Andacht ihrer Seele einmal die irdische Form durchleuchtete und verklärte — eine tform, die noch weich und zart genug war, dies Wunder zu zeigen, wie es dte lebenserhärtete des Erwachsenen nicht mehr kann — bis fie 3um ®leid)ni5 höchster Schönheit wurde wie das, was dieses Wunder weckte: die ^Richt' ganz so groß wie die Siebenjährige auf der Vortreppe des alten Giebelhauses war ich, aber aus derselben Stadtgegend, erfüllt vom den gleichen Heimatbildern: den schmalen, fchachtdusteren, von Wagen Markt und Menschengewühl schwirrenden Gas en, von klinenben Brücken, blitzendem Wasser, Segeln und Dampferschloten — als $ zum erstenmal bewußt einen Frühlingstag auf bem Lande erlebte^ Nichts mehr weih ich von der Fahrt, Nichts mehr von »"Ig dort. Auch nicht mehr, wie mir das helle Holzhaus erMen, in dem ich dann mit den Meinen einen langen Sommer verbrachte wo das g>oße Erlebnis Trennung und Tod mir zuerst b-Segnen sollte Aber dis in jede Einzelheit weiß ich noch heute alle Blumen in öen kleinen, mit verschorenern Buchs eingehegten Beeten, den Edelsteingla^ der Primeln, die Bläue der Vergißmeinnichtstauden auf dem sanft sich
zum Bach neigenden Weg durch den Obstgarten. Weiß kch noch jeden Zweig, jede rosige Blüte des jungen Apfelbaums, der eben über der kleinen Holzlaube feine ersten Knospen öffnete! Nie mehr kann ich heut die Schilderung eines Frühlingstages lesen, von einem Garten auf dem Land um diese Zeit hören — ohne daß jener lag, jener Garten vor mir steht, durchklungen von Finkenruf und unsichtbar doch ganz erfüllt von der Gegenwart meiner Toten. Nein, mehr — von der Gewißheit, sie in Gesundheit und ungebrochener geistiger und körperlicher Kraft mit mir in der Freude an diesem allem vereint zu wissen.
Vielleicht war es diese Freude an allem Blühenden, die mich und einen von jenen Fernen so fest an eins von den Kleinen band, die wir dort in unserer alten Heimatgegend aufwachjen sahen. So ernsthaft fahen uns feine schönen grauen Augen an, so sehr gern wollte er immer artig fein! Keinem fiel es so schwer damit, wie diesem geliebten Apfelgesicht. Aber eins gab’s, womit man seine guten Vorsätze stützen konnte, wobei seine Zorn- und Reuetränen versiegten — einen Blumenstrauß! Er besah eine kleine Vase, die stellte er dann mit dem Strauß mitten auf den kleinen Kindertisch, so zart, so ehrfürchtig — behutsam, mit einem süßen, kleinen, vor Glück halbverlegenen Lächeln. Ich sehe ihn noch mit einem Strauß aus Kornblumen, Maßliebchen und Zittergras in den derben Jungenspfötchen, wie er den Duft schnuppert wie ein kleines Tier — aber auch mit einem grüblerischen Ausdruck, als müßte er sich bei diesem Hauch von Acker Und Wiese auf etwas besinnen — etwas immer ganz genau Bekanntes und Vertrautes, doch unerklärlicherweife Vergessenes! Und etwas von diesem Sichbesinnen steht wieder in den schönen grauen Sinti eräugen, aber ganz Überströmt, überdeckt von Mitgefühl und Liebe, als sie an dem langen braunen Eichensarg vorbei nach mir blicken — nicht einen Augenblick gleiten sie von bem Sarg und von meinem Gesicht, helfen, trösten, geben mir endlich die Sammlung, der müden Stimme zu folgen, die so freundlich von meinem Toten fpricht. Er folgt feinem alten Freund, wie er es sich ausgebeten hat, wirst ihm die Erde nach. Und einen Augenblick lang sehe ich das Apfelgestcht in der hellen Herbstsonne, sehe es über die braune Erde in der Hand und über die Grube geneigt mit demselben versonnenen Ausdruck wie über den Kornblumen ...
Was bet anderen Jungen nur mit Mühe erreicht wird an festlichen Tagen — ihm war es immer das selbstverständliche: sich mit einem Kranz zu schmücken! Unti vor der seligen Bläue der sommerlichen See fehe ich das geliebte rotbäckige Gesicht im Schwarm der andern Kinder singend oorbeiwantiern mit bem breiten Kranz aus weißem Klee und Tausendschönchen über der runden Stirn. Denn das Kinderfest im Hoch- fommer an unserem Stranti — es ist richtig ein Fest öer Kinder und der Blumen. Was da in der Auszeit irgend noch blüht an den Feldrainen, es wird gesammelt und zu bunten Kränzen verflochten für Haupt und Schulter, für Santischaufel und Harke, für die Wägelchen der Kleinsten und für die 'Leiterwagen, auf denen die Großen fitzen, strahlend vor Stolz, von Sonne durchglüht wie Erdbeeren in der Schonung.
Backfische wäret ihr schon, geliebtes Schwesterpärchen, als meines Vaters kleiner Freund im Zug der Kinder durch die Sonne trabte, abends in der lichten Dämmerung im Glühwürmchenschwarm der bunten Papierlaternen durch das Strantiroeitiengeftrüpp der Dünen zog, — aber sind wir nicht so auch neben euch gegangen? Jemand, der nun grauhaarig rote ich in euren großslatitblassen Gesichtern immer noch die lachenden rosenfrifchen Gesichter sucht unter den Kränzen aus Maßliebchen und rotem Feldklee, als mir an der Hecke standen im roeih- qualmenben Staub des langen Zugs und uns versicherten, daß nie» manb (o schön mar wie ihr? Denn wäret ihr nicht wie eure Kranze aus diesem braunen geliebten Heimatboden gestiegen, gleich Halm unö Blüte von ihm geformt, um uns zu formen und von uns geliebt und betreut zu werden? War nicht eure Haut so zart wie die wilden Rosenblüten am Gartenhang des schönsten Gartens, dem Sommerparabies, das uns alle verband?
Immer, wenn ich mitten in der Stabt solchem Blumengesicht begegne, wünsche ich ihm für die Ferien fo einen sonnendurchflimmerten Canti« garten, darin zu blühen. Und bei manchen denke ich, ob der lichte Schatten junger Lindenhecken, gelbblontie Ahornblüte, rosigweiße Halbheit knospender Obstbaumwipfel und erster Narzissen Sternenglanz träumend im Mutterleib so beglückend von ihnen gespürt wurde, daß sie in lichtester Haut, schimmerntistem Haar für immer dieses Tages Glanz bewahren? ,
Sehe ich nicht in einem sehr geliebten Kind meiner nächsten Freundschaft — getragen unter einem Herzen voll Kummer in der schwersten 3eit Deutschlands — die ruhevolle, heitere Stärke des ernteblonticn Landes strahlen, in das damals seine Mutter kam, getröstet und überwältigt von dem Getreideduft der Erntewagen und dem süßen Hauch der Grummetwiesen, der über die Weißtiornhecke in den bienentiurch- Jummten Garten kam, über dessen phloxbunten Rabatten die Frühäpfel re’^n einem Wintertag war es, so dunkel wie die Zeit, die wieder über unser Land ging, als ich müde und gedrückt wie all die Fremden neben mir in bem von tofenbem Lärm, Unrast und künstlicher Helle erfüllten Bahnhof stand. Abgehetzt wie die andern war ich schon daran, wie die meisten von ihnen zu glauben, daß für die nach uns nichts mehr bleiben würde als die Wunderhöhle des Zauberers Technik, der die jungen Kinder dort hinlockt, wo im kalten Schein einer falschen Sonne Stieb fteinblumen aus steinernem Boden blühen und Goldäpsel an Metallbäumen reifen.
Ja unö wie ich bas dachte, rief von drüben, über den Schienensträngen, eine Helle Kinderstimme meinen Namen.
Da standest du, geliebter Junge, unb Dein Haar glänzte flachsen auch in bem elektrischen Licht, auch hier war dein lachendes Gesicht rosig unb meiß wie ber Phlox in den Beeten, beine Augen blau wie der August- Himmel am Morgen. Wärme, Freiüie und Liebe gab dein Lachen und dein Ruf war der Ruf unserer Heimat, der grünen Ebene, die sich von der Nordsee bis ans Kurische Haff breitet! Und die jetzt tausend Blumen-


