Ausgabe 
28.5.1937
 
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recht haben".

39. Kapitel.

Dubslav hatte nach Lorenzens Besuch eine gute Nacht.Wenn man mal so was anders hört, wird einem gleich besser." Aber auch der Katzen­pfötchentee fuhr fort, feine Wirkung zu tun, und was dem Kranken am meisten half, war, daß er Sie grünen Tropfen fortließ.

Hör, Engelke, am Ende wird es noch mal was. Wre gefallen dir meine Beine? Wenn ich drücke, keine Kute mehr."

, Gewiß, gnädger Herr, es wird nu wieder, un das macht alles der Tee'.' Ja, die Buschen versteht es, das hab ich immer gesagt. Und gestern abend als Lorenzen hier war, war auch lütt Agnes hier und hat unten in der Küche gefragt, wie's denn eigentlich mit dem gnädigen Herrn stürm? Und die Mamsell hat ihr gesagt, ,es stünde gut'."

Na, das ist recht, daß die Alte, wie n' richtiger Doktor, sich um einen tümmert und von allem wissen will. Und daß sie nicht selber kommt, ist noch besser. So'n bißchen schlecht Gewissen hat sie doch wohl. Ich glaube, daß sie viel auf'm Kerbholz hat, und daß die Karline so is, rote sie is, daran is doch auch bloß die Alte schuld Und das Kind wird vielleicht auch noch so; sie dreht sich schon wie ne Puppe, und dazu das lange, blonde Zoddelhaar. Ich muh dabei immer an Bellchen denken, weiht du doch, als die gnädge Frau noch lebte. Bellchen hatte auch solche Haare. Und war auch der Liebling. Solche sind immer Liebling. Krippen­stapel, hör ich, soll sie auch in der Schule verwöhnen. Wenn die andern ihn noch anglotzen, dann schießt sie schon los. Es ist ein kluges Ding."

Engelke bestätigte, was Dubslav sagte, und ging dann nach unten, um dem gnädgen Herrn sein zweites Frühstück zu holen: ein weiches Ei und eins Tasse Fleischbrühe. Als er aber aus dem Gartenzimmer auf den großen Hausflur hinaustrat, sah er, daß ein Wagen vorgefahren war, und statt in die Küche zu gehen, ging er doch lieber gleich zu seinem Herrn zurück, um mit verlegenem Gesicht zu melden, daß das gnädge Fräulein da sei.

Wie? Meine Schwester?"

3a, das gnädge Fristen."

I, da soll doch gleich ne alte Wand wackeln", sagte Dubslav, der einen ehrlichen Schreck gekriegt hatte, weil er sicher war, daß es jetzt mit Ruh und Frieden auf Tage, vielleicht auf Wochen, vorbei sei. Denn Adelheid mit ihren sechsundsiebzig setzte sich nicht gern auf eine Kleinig­keit hin in Bewegung, und wenn sie die beinahe vier Meilen von Kloster Wutz her herüberkam, so war das kein Nachmittagsbesuch, sondern Ein­quartierung. Er fühlte, daß sich sein ganzer Zustand mit einem Mal« wieder verschlechterte und daß eine halbe Atemnot im Nu wieder da war.

Er hatte aber nicht lange Zeit, sich damit zu beschäftigen, denn Engelke öffnete bereits die Tür, und Adelheid kam auf ihn zu.Tag, Dubslav. Ich muß doch mal sehn. Unser Rentmeister Fix ist vorgestern hier in Stechlin gewesen und hat dabei von deinem letzten Unwohlsein gehört. Und daher weih ich es. Eh du persönlich deine Schwester so was wissen läßt oder einen Boten schickst ..."

Da muh ich schon tot sein", ergänzte der alte Stechlin und lachte. Nun, lah es gut sein, Adelheid, mach dir's bequem und rücke den Stuhl da heran."

Den Stuhl da? Aber, Dubslav, was du dir nur denkst! Das ist ja ein Grohvaterstuhl oder doch beinah." Und dabei nahm sie statt dessen einen kleinen, leichten Rohrsessel und lieh sich drauf nieder. ,/ich komme doch nicht zu dir, um mich hier in einen großen Polsterstuhl mit Backen zu setzen.

Ich will meinen lieben Kranken pflegen, aber ich will nicht selber eine Kranke sein. Wenn es so mit mir stünde, wär ich zu Hause geblieben. Du rechnest immer, daß ich zehn Jahre älter bin als du. Nun ja, ich bin

zehn Jahre älter. Aber was sind die Jahre? Die Wutzer Luft ist gesund,

und wenn ich die Grabsteine bei uns lese, unter achtzig ist da beinah

keine von uns abgegangen. Du wirst erst siebenundsechzig. Aber ich glaube,

du hast dein Leben nicht richtig angelegt, ich meine deine Jugend, als du noch in Brandenburg warst. Und von Brandenburg immer rüber nach Berlin. Na, das kennt man. Ich habe neulich was Statistisches gelesen/

Damen dürfen nie Statistisches lesen", sagte Dubslav,es ist entweder zu langweilig oder zu interessant, und da? ist dann noch schlimmer. Aber nun klingle (verzeih, mir wird das Aufstehn so schwer), daß uns Engelke das Frühstück bringt; du kommst ä la fortune du pot und mußt fürliebnehmen. Mein Trost ist, daß du drei Stunden unterwegs gewesen. Hunger ist der beste Koch."

Beim Frühstück, das bald danach aufgetragen wurde die Jahres- it gestattete, daß auch eine Schale mit Kiebitzeiern aufgesetzt werden

Und in dieser ..." . . , . ,

In dieser wurde er freigesprochen und un Trmmph nach Haufe getragen."

Und Sie sind einverstanden damit?

Mehr; ich bin voll Bewunderung. Greeley, statt zu tun, was er tat, hätte zu den Gefährten sagen können: .Unser Exempel wird falsch, und wir gehen an des einen Schuld zugrunde; töten mag ich ihn nicht, sterben wir also alle'. Für seine Person hätt er so sprechen und handeln können. Aber es handelte sich nicht bloß um ihn; er hatte Die Führer- und die Befehlshaberrolle, zugleich die Richterpslicht, und hatte die Majorität von drei gegen eine Minorität von einem zu schützen. Was dieser eine getan, an und für sich ein Nichts, war unter den Um­ständen, unter denen es geschah, ein fluchwürdiges Verbrechen. Und so nahm er denn gegen die geschehene schwere Tat die schwere Gegentat auf sich. In solchem Augenblicke richtig fühlen und in der Ueberzeugung des Richtigen fest und unbeirrt ein furchtbares Etwas tun, was Etwas, das, aus seinem Zusammenhänge gerissen, allem göttlichen Gebot, allem Ge­setz und aller Ehre widerspricht, das imponiert mir ganz ungeheuer und ist in meinen Augen der wirkliche, der wahre Mut. Schmach und Schimpf, oder doch der Vorwurf des Schimpflichen, haben sich von jeher an alles Höchste geknüpft. Der Bataillonsmut, der Mut in der Maste (bei allem Respekt davor), ist nur ein Herdenmut."

Dubslav sah vor sich hin. Er war augenscheinlich in einem Schwanke­zustand. Dann aber nahm er die Hand Lorenzens und sagte:Sie sollen

konnte verbesserte sich die Stimmung ein wenig; Dubslav ergab sich in fein Schicksal, und Adelheid wurde weniger herbe.

Wo hast du nur die Kiebitzeier her?" sagte sie.Das ist was Neues. Als ich noch hier lebte, hatten wir keine."

Ja, die Kiebitze haben sich feit kurzem hier eingefunden an unferm Stechlin da, wo die Binsen stehn; aber bloß auf der Glodsower Seite. Nach der andern Seite hin wollen sie nicht. Ich habe mir gedacht, es [ei vielleicht ein Fingerzeig, daß ich nun auch welche nach Friednchsruh schicken soll. Aber das geht nicht; dann gelt ich am Ende gleich für ein» geschworen, und Uncke notiert mich. Wer dreimal Kiebitzeier schickt, kommt ins schwarze Buch. Und das kann ich schon Woldemars wegen nit^3s auch recht gut so. Was zuviel ist, ist zuviel. Er soll sich ja mit der Lucca zusammen haben photographieren lasten. Und wahrend sie da oben in der Regierung und mitunter auch bei Hose so was tun, fordern sie Tugend und Sitte. Das geht nicht. Bei sich selber muß man anfangen. Und dann ist er doch auch schließlich bloß ein Mensch, und alle Menschen­anbetung ist Götzendienst. Menschenanbetung ist noch schlimmer als das goldene Kalb. Aber ich weiß wohl, Götzendienst kommt jetzt wieder auf, und Hexendienst auch, und du sollst ja auch fo wenigstens hat mir Fix erzählt nach der Buschen geschickt haben."

Ja, es ging mir schlecht."

Gerade, roenns einem schlecht geht, dann soll man Gott und Iesum Christum erkennen lernen, aber nicht die Buschen. Und sie soll dir Katzen­pfötchentee gebracht haben und soll auch gesagt haben: Master treibt das Wasser ' Das mußt du doch heraushören, daß das ein unchriftticher Spruch ist Das ist, was sie .besprechen' nennen ober auch ,böten'. Und wo das alles herstammt, ... Dubslav, Dubslav ... Warum bist du nicht bei den grünen Tropfen geblieben und Spanholz? Seine Frau war eine «Pfarrers» iochter aus Kuhdorf."

Hak ihr auch nichts geholfen. Und nu sitzt sie mit ihm in Pfäffers, .einem Schweizerbadeort, und da schmoren sie gemeinschaftlich m einem

Backofen. Er hat es mir selbst erzählt, daß es ein Backofen is.

Der erste Tag war immer hin ganz leidlich verlaufen. Adelheid er­zählte von Fix, von der Schmargendorf und der Schimonski und zuletzt auch von Maurermeister Ledenius in Berlin, der in Wutz eine Ferien­kolonie gründen wolle.Gott, wir kriegen dann so viel armes Volk in unfern Ork und noch dazu lauter Berliner Bälge mit Plieraugen. Ader die grünen Wiesen sollen ja gut dafür fein, und unfer See soll Jod haben, freilich wenig, aber doch so, daß mans noch gerade finden tarnt Adelheid sprach in einem fort, derart, daß Dubslav kaum zum Wort kommen konnte. Gelang es ihm aber, so fuhr sie rasch dazwischen, trotz­dem sie beständig versicherte, daß sie gekommen sei, ihn zu pflegen, und nur wenn er auf Woldemar das Gespräch brachte, hörte sie mit einiger Aufmerksamkeit zu. Freilich, die italienischen Reisemitteilungen als solche waren ihr langweilig, und nur bei Nennung bestimmter Namen, unter denenTintoretto" undSanta Maria Novella" obenan standen, er­heiterte sie sich sichtlich. Ja, sie kicherte dabei fast so vergnügt wie die Schmargendorf. Ein wirkliches, nicht ganz flüchtiges Interesse (wenn auch freilich kein freunblidjes) zeigte sie nur, wenn Dubslav von der jungen Frau sprach und hinzusetzte:Sie hat so was Unberührtes."

Nu ja, nu ja. Das liegt aber doch zurück."

Wer keusch ist, bleibt keusch."

Meinst du das ernsthaft?"

Natürlich mein ich es ernsthaft, lieber solche Dinge spaß ich über­haupt nicht." , , , .

Und nun lachte Adelheid herzlich und sagte:Dubslav, was hast du wieder für Bücher gelesen? Denn aus dir selbst kannst du doch so was nicht haben. Und von deinem Pastor Lorenzen auch nicht. Der wird ja wohl nächstens ne .freie Gemeinde' gründen.

So war der erste Tag dahingegangen. Alles in allem, trotz kleiner Aergerlichkeiten, unterhaltlich genug für den Alten, der, unter feiner Einsamkeit leidend, meist froh war, irgendeinen Plauderer zu finden, auch wenn dieser im übrigen nicht gerade der richtige war. Aber das alles dauerte nicht lange. Die Schwester wurde von Tag zu Tag rechthaberischer und herrischer und griff unter der Borgabe,daß ihr Bruder anders ver­pflegt werden müsse", in alles ein, auch in Dinge, die mit der Ver­pflegung gar nichts zu tun hatten. Vor allem wollte sie ihm den Katzen­pfötchentee wegdisputieren, und wenn abends die kleine Meißner Kanne kam, gab es jedesmal einen erregten Disput über die Buschen und ihre Hexenkünste.

So waren denn noch keine acht Tage um, als es für Dubslav fefk- ftanb, daß Adelheid wieder fort müsse. Zugleich sann er nach, wie das wohl' am besten zu machen sei. Das war aber keine ganz leichte Sache, da dieKündigung" notwendig von ihr ausgehen mußte. So wenig er sich aus ihr machte, [o war er doch zu sehr Mann der Form und einer feineren Gastlichkeit, als daß ers zuwege gebracht hätte, seinerseits auf Abreise zu bringen.

Es war um die vierte Stunde, das Wetter schön, aber auch frisch. Adelheid hing sich ihren Pelzkragen um, ein altes Familienerbstück, und ging zu Krippenstapel, um sich feine Bienenstöcke zeigen zu lassen. Sie hoffte bei der Gelegenheit auch was über den Pastor zu hören, weil sie davon ausging, daß ein Lehrer immer über den Prediger und der Pre- diger immer über den Lehrer zu klagen hat. Jedes Landfräulein denkt so. Die Bienen nahmen sie fo mit in den Sauf.

Es begann zu dunkeln, und als die Domina schließlich aus dem Herren­haufe fort war, war das eine freie Stunde für Dubslav, der nun nicht länger fäumen mochte, feine Mine zu legen.

, Engelke", sagte er,du könntest in die Küche gehn und die Marie zur'Buschen schicken. Die Marie weiß ja Bescheid da. Und da kann sie denn der alten Hexe sagen, lütt Agnes solle heute abend mtf herauf­kommen und hier fchlasen und immer da fein, wenn ich was brauche."

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