GiehenerZamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1937 z Hreitag, den 28. Mai Hummer 40
Der GieEtin
I^oman von Theodor Fontane
33. Fortsetzung.
Engelke kam, um abzuräumen. „Is ein schöner Tag heut", sagte Dubslav, „und die Krokusse kommen auch schon raus. Eigentlich hab ich nich geglaubt, daß ich so was Hübsches noch mal sehen würde. Und wenn ich dann denke, daß ich das alles der Buschen verdanke! Merkwürdige Welt! Spanholz hatte bloß immer seine grünen Tropfen, und nu kommt die Buschen, und mit einemmal is es besser. Ja, wirklich merkwürdig. Und nu krieg ich auch noch, wenn auch bloß leihweise, solchen hübschen Brief von einer hübschen jungen Frau. Noch dazu Schwiegertochter. Ja, Engelke, so geht's; nich zu glauben. Und da hättest du vorhin den Buchfinken sehen sollen, wie mich der ansah. Bloß als du kamst, da flog er weg: er muß sich vor dir gegrault haben."
„Ach, gnädger Herr, vor mir grault sich keine Kreatur."
„Will dir's glauben. Und du sollst sehn, heute haben wir nen guten Tag, und es kommt auch noch wer, an dem man sich freuen kann. Wie mir schlecht war, da kam Koseleger und die Prinzessin. Aber heute kam ein Buchfink. Und ich bin ganz sicher, der hat noch ein Gefolge."
Dubslavs Ahnungen behielten recht; und als der Nachmittag da war, kam Lorenzen, der sich, seitdem der Alte seinen Katzenpfötchentee trank, nur selten und immer bloß flüchtig hatte sehen lassen. Aber das war rein zufällig und sollte nicht eine Mißbilligung darüber ausdrücken, daß sich der Alte bei der Buschen in die Kur gegeben.
„Nun endlich", empfing ihn Dubslav, als Lorenzen eintrat. „Wo bleiben Sie? Da heißt es immer, wir Junker wären kleine Könige. Ja, wer's glaubt! Alle kleinen Könige haben ein Cortege, das sich in Huldigungen und Purzelbäumen überschlägt. Aber von solchem Gefolge habe ich noch nicht viel gesehen. Baruch ist freilich hier gewesen und dann Koseleger und dann die Prinzessin, aber der, der so halb ex officio kommen sollte, der kommt nicht und schickt höchstens mal die Kulicke oder die Elfriede mit ner Anfrage. Sterben und verderben kann man. Und das heißt dann Seelsorge."
Lorenzen lächelte. „Herr von Stechlin, Ihre Seele macht mir, trotz dieser meiner Vernachlässigung, keine Sorge, denn sie zählt zu denen, die jeder Spezialempfehlung entbehren können. Lassen Sie mich sehr menschlich, ja für einen Pfarrer beinah lästerlich sprechen. Aber ich muß es. Ich lebe nämlich der Ueberzeugung, der liebe Gott, wenn es mal so weit ist, freut sich, Sie wiederzusehen. Ich sage, wenn es soweit ist. Aber es ist noch nicht soweit."
„Ich weiß nicht, Lorenzen, ob Sie recht haben. Jedenfalls ober befind ich mich in meinem derzeitig erträglichen Zustande nur mit Hilfe der Buschen, und ob mich das nach obenhin besonders empfehlen kann, ist mir zweifelhaft. Aber lassen wir die heikle Frage. Erzählen Sie mir lieber etwas recht Hübsches und Heiteres, auch wenn es nebenher etwas ganz Altes ist, etwa das, was man früher Miseellen nannte. Das ist mir immer das liebste gewesen und ist es noch. Was ich da so in den Zeitungen lese, voran das Politische, das weiß ich schon immer alles, und was ich von Engelke höre, das weiß ich auch. Beiläufig — natürlich nur vorn alleregoistischsten Zeitungsleserstandpunkt aus — ein wahres Glück, daß es Unglücksfälle gibt, sonst hätte man von der Zeitungslektüre so gut wie gar nichts. Aber" Sie, Sie lesen auch sonst noch allerlei, mitunter sogar Gutes (freilich nur selten), und haben ein wundervolles Gedächtnis für Räubergeschichten und Anekdoten aus allen fünf Weltteilen. Außerdem sind Sie Friderieus-Rex-Mann, was ich Ihnen eigentlich am höchsten anrechne, denn die Fridericus-Rex-Leute, die haben alle Herz und Verstand auf dem rechten Fleck. Also suchen Sie nach irgendwas der Art, nach einer alten Zieten- ober Blücheranekdote, kann meinetwegen auch Wränget sein — ich bin dankbar für alles. Je schlechter es einem geht, je schöner kommt einem so was kaoalleristisch Frisches und Uebermütiges vor. Ich spiele mich persönlich nicht auf Heldentum aus, Renommieren ist ein elendes Handwerk; aber das darf ich sagen: ich liebe das Heldische. Und Gott sei Dank kommt dergleichen immer noch vor."
„Gewiß kommt so was immer noch vor. Aber, Herr von Stechlin, all dies Heldische ..." . v ,....
„Nun aber, Lorenzen, Sie werden doch nicht gegen das Heldische sein? Soweit sind Sie doch noch nicht! Und wenn es wäre, da würd :ch ernstlich böse."
„Das läßt Ihre Güte nicht zu."
„Sie wollen mich einfangen. Aber diesmal glückt es nicht. Was haben Sie gegen das Heldische?"
„Nichts, Herr von Stechlin, gar nichts. Im Gegenteil. Heldentum ist gut und groß. Unter Umständen ist es das Allergrößte. Lasse mir atjo den
Heroenkultus durchaus gefallen, das heißt, den echten und rechten. Aber was Sie da von mir hören wollen, das ist, Verzeihung für das Wort, ein Heldentum zweiter Güte. Mein Heldentum — soll heißen, was ich für Heldentum halte — das ist nicht auf dem Schlachtfelde zu Hause, das hat keine Zeugen oder doch immer nur solche, die mit zugrunde gehn. Alles vollzieht sich stumm, einsam, weltabgewandt. Wenigstens als Regel. Aber freilich, wenn die Welt dann ausnahmsweise davon hört, dann horch ich mit auf, und mit gefeilterem Ohr als ein Kavalleriepferd, das die Trompete hört." ,
„Gut. Meinetwegen. Aber Beispiele."
„Kann ich geben. Da sind zunächst die fanatischen Erfinder, die nicht ablassen von ihrem Ziel, unbekümmert darum, ob ein Blitz sie nieder- schlägt oder eine Explosion sie in die Luft schleudert; da sind des weiteren die großen Kletterer und Steiger, [ei’s in die Höh, fei’5 in die Tiefe, da sind 3um dritten die, die den Meeresgrund abfuchen wie ne Wiese, und da sind endlich die Weltteildurchquerer und die Nordpolsahrer."
„Ach, der ewige Nansen. Nansen, der, weil er die diesseits verlorene Hose jenseits in Grönland wiederfand, auf den Gedanken kam: .Was die Hofe kann, kann ich auch’. Und daraufhin fuhr er über den Pol. Oder wollte wenigstens."
Lorenzen nickte.
„Nun ja, das war klug gedacht. Und daß dieser Nansen sich an die Sache ranmachte, das respektier ich, auch wenn schließlich nichts braus würbe. Bleibt immer noch ein Bravourstück. Gewiß, ba sitzt nu so wer im Eise, sieht nichts, hört nichts, und wenn wer kommt, ist es höchstens ein Eisbär. Indessen, er freut sich doch, weil es wenigstens was Lebendiges ist. Ich darf sagen, ich hab einen Sinn für dergleichen. Aber trotzdem, Lorenzen, die Garde bei St. Privat ist doch mehr."
„Ich weiß nicht, Herr von Stechlin. Echtes Heldentum, oder um’s noch einmal einzufchränken, ein solches, das mich persönlich hinreißen soll, steht immer im Dienst einer Eigenidee, eines allereigensten Entschlusses. Auch bann noch (ja mitunter bann erst recht), wenn dieser Entschluß schon bas Verbrechen streift. Ober, was fast noch schlimmer, das Häßliche. Kennen Sie den Cooperschen ,Spy<? Da haben Sie den Spion als Helden. Mit andern Worten, ein Niedrigstes als Höchstes. Die Gesinnung entscheidet. Das steht mir fest. Aber es gibt der Beispiele noch andere, noch bessere!"
„Da bin ich neugierig", sagte Dubslav. „Also, roenn’s fein kann: Name."
„Name: Greeley, Leutnant Greeley; Pankee pur sang. Und im übrigen auch einer aus der Nordpolfahrergruppe."
„Will also sagen: Nansen der Zweite."
„Nein, nicht der Zweite. Was er tat, war viele Jahre vor Nansen." „Und er kam höher hinaus? Weiter nach dem Pol zu? Oder waren seine Eisbär-Renkontres von noch ernsthafterer Natur?"
„All das würde mir nicht viel besagen. Das herkömmlich Heldische fehlt in seiner Geschichte völlig. Was an seine Stelle tritt, ist ein ganz andres. Aber dies andre, das gerade macht es."
„Und das war?"
„Nun denn, — ich erzähle nach dem Gedächtnis, und im einzelnen und Nebensächlichen irr ich vielleicht ... Aber in der Hauptsache stimmt es ... Also zuletzt, nach langer Irrfahrt, maren’s noch ihrer fünf: Greeley selbst und vier seiner Leute. Das Schiss hatten sie verlassen, und so zogen sie hin über Eis und Schnee. Sie wußten den Weg, soweit sich da von Weg sprechen läßt, und die Sorge war nur, ob das bißchen Proviant, das sie mit sich führten, Schiffszwieback und gesalzenes Fleisch, bis an die nächste menschenbewohnte Stelle reichen würde. Jedem war ein höchstes und doch zugleich auch wieder geringstes Maß als tägliche Provision zubewilligt, und wenn man dies Maß einhielt und kein Zwischenfall kam, so mußt es reichen. Und einer, der noch am meisten bei Kräften war, schleppte den gesamten Proviant. Das ging so durch Tage. Da nahm Leutnant Greeley wahr, daß der Proviant schneller hinschmolz als berechnet, und nahm auch wahr, daß der Proviantträger selbst, wenn er sich nicht beobachtet glaubte, von den Rationen nahm. Das war eine schreckliche Wahrnehmung. Denn ging es so fort, so waren sie samt und sonders verloren. Da nahm Greeley die drei andern beifeit und beriet mit ihnen. Eine Möglichkeit gewöhnlicher Bestrafung gab es nicht, und auf einen Kampf sich einzulasfen ging auch nicht. Sie hatten dazu die Kräfte nicht mehr. Und so hieß es denn zuletzt, und es war Greeley, der es sagte: .Wir müssen ihn hinterrücks erschießen’. Und als sie bald nach dieser Kriegsgerichtsszene wieder aufbrachen, der heimlich Verurteilte vorn an der Tete, trat Greeley von hintenher an ihn heran und schoß ihn nieder. Und die Tat war nicht umsonst getan; ihre Rationen reichten aus, und an dem Tage, wo sie den letzten Bissen verzehrten, kamen sie bis an eine Station."
„Und was wurde weiter?"
„Ich weiß nicht mehr, ob Greeley selbst bei seiner Rückkehr nach Neuyork als Ankläger gegen sich auftrat; aber das weiß ich, daß es zu einer großen Verhandlung kam."


