Lied zu Weihnachten.

Von Karl Bröger.

Geh nicht vorüber, Mavial Kehr bei uns einl Wir haben noch nicht vergessen: Das Höchste ist: Mutter sein. Geh nicht vorüber, Marial Wir sind so allein.

lieber die Schluchten von Häusern, darin wir verschollen sind, weht doch nur einmal im Jahre köstlicher Weihnachtswind, haucht um uns zärtlich wie Atem von deinem Kind.

Die wir verloren und arm

dutch Schatten urtb Schauer gehn, müssen immer verzückt

nach dem Stern der Verheißung sehn. Wann wird er leuchtend auch uns zu Häupten stehn?

Geh nicht vorüber, Maria!

Kehr bei uns ein!

Wir können nur immer denken:

Das Höchste ist: Mutter fein!

Geh nicht vorüber, Maria! Wir sind so allein.

Schmetterling zur Weihnacht.

Von Hermann Hesse.

(Vroas beklommen sah ich in den Tagen nach dem Weihnachtsfest auf m.mer Kommode die paar Päckchen herumliegen, die mir Sorge machten. Es waren Sachen, die ich geschenkt bekommen hatte, die ich aber nicht brauchen konnte, und die nun umgetauscht werden sollten. Das wird ja immer sck gemacht, und in guten Geschäften haben ja auch die Verkäufe­rinnen sich vom Weihnachtsgeschäft her für diese Umtauschtage so viel strah­lende Freundlichkeit aufbewahrt, daß es zum Erstaunen ist. Aber ich mache trotzdem solche Gänge nicht gern. Schon Einkäufen fällt mir schwer, und ich schiebe es oft lange hinaus und nun gar Umtauschen, in die Laden gehen, die Leute in Anspruch nehmen, sich aufs neue für erledigte Dinge interessieren! Nein, ich tue das gar nicht gerne, und wenn es bloß auf mich ankäme, so legte ich die unbrauchbaren Geschenke lieber in eine Schub­lade und ließe sie da liegen.

Zum Glück war meine Freundin da, die versteht sich auf alle diese Sachen ausgezeichnet, und ich bat sie, sich meiner anzunehmen und mit mir in die drei Geschäfte zu gehen. Sie tat es gerne, nicht bloß mir zu­liebe, sondern auch so, es machte ihr Spaß, es war ein Sport für sie, eine Kunst, deren Ausübung ihr Freude machte. Also gingen wir mitein­ander in das Geschäft mit den Handschuhen, sagten Grüß Gott, wickelten meine Weihnachtshandschuhe aus, und ich drehte nervös meinen Hut in der Hand und suchte nach den Redensarten, mit welchen man solche Trans­aktionen einzuleiten gewohnt ist, aber es glückte mir nicht gut, und ich ließ gerne meiner Helferin das Wort. Und siehe, der Zauder ging leicht Donftatten, man lächelte, man nahm Gott sei Dank die Handschuhe zurück, und plötzlich stand ich vor einer Auswahl farbiger Hemden und durste mir eines davon auswählen. Das paßte mir, ich spielte also den Sachverstän­digen, entsann mich nach einiger Versenkung auch richtig meiner Kragen- nummer, und bald verließen wir mit einem neuen Paketchen den Laden.

Auch mit der neuen Füllfeder ging es recht gut, ich mußte mich in dem überfüllten Geschäft vor einem angenehmen Fräulein niedersetzen, bekam ein Schreibpapier und eine Menge von Federn zur Auswahl vorgelegt, und saß da und schrieb und malte Blumen, Sterne und Initialen auf den BogeN, bis er voll war. Dann nahm ich eine der probierten Federn mit, und wenn nun auch weiterhin das Schreiben mir mühselig werden sollte, so wird die Feder nicht daran schuld sein, es ist eine Goldfeder aus Amerika, man kann sie mit einem goldenen Hebel füllen, und dann ent­strömen ihr die goldenen Worte, daß es eine Freude ist. Ich brauche sie aber mehr zum Zeichnen, weil ich ia bloß noch im Nebenamt Literat bin. Dankbar steckte ich den kleinen Tintenfisch mit der Goldschnauze in die Tcilche und ging weiter, ging den schweren Gang zum Optiker, dem ich ge- ftehen mußte, daß meine neue Lesebrille mir gar feine guten Di en sie leiste, und daß er sie zurücknehmen und eine andere machen müsse. Beschüßt von der Freundin, gestärkt durch die Erfolge mit be'm Hemd und der Feder, trat ich auch in dieser gläsernen Provinz zielbewußt auf. wurde angehört, und wahrhaftig nahm der gütige Mann die Brille zurück. Nie hätte ich das gedacht. Ich hätte es an feiner Stelle nicht getan.

Der Siegeszug durch die drei gefürchteten Geschäfte, der Gang durch den frischen Winterwind mit der Freundin, die Verwandlung dreier Der- legenheitspakete in drei erfreuliche waren Gründe genug, mich froh und dankbar zu stimmen. Beim Umtausch der Handschuhe hatte ich sogar noch einen kleinen Taschenspiegel dreinbekommen, den ich meiner Begleiterin schenken konnte. v .

Bei der Heimkehr war ich sehr vergnügt und machte weder an die arbeit gehen noch mich mit allen den noch ungelesenen Briefen befassen, die sich in den letzten Tagen angesammelt hatten. Ich erinnerte mich der Stuwer«

-eil, und wie es da an den Tagen nach Weihnachten so schön gewesen war, bei jedem morgendlichen Erwachen und bei jeder Heimkehr sich der neuen Geschenke wieder zu bemächtigen und sich ihres Besitzes zu freuen. Einmal hatte ich eine Violine geschenkt bekommen und stand sogar in der Nacht auf, um sie anzusühlen und leise an den Saiten zu zupfen. Einmal hatte man mir den Don Quichotte geschenkt, und jeder Spazier- oder Kirchgang, ja jede Mahlzeit war mir eine widerwärtige Unterbrechung der beglückenden Lektüre.

Diesmal hatte ich so begeisternde Dinge nicht erhalten, es gibt für alte Leute diesen Glanz und Zauber nicht mehr, den einst die Geige, das Buch, das Spielzeug, die Schlittschuhe hatten. Es standen drei Schachteln mit guten Zigarren da, das war tröstlich, und einiger Wein und Kognak damit würde ich mir bann den Abend vertreiben. Der neue Federhalter war köstlich, aber doch nicht recht geeignet, ihn ans Herz zu drücken und sich der Wonne seines Besitzes hinzugeben.

Aber e i n Stück gab es, ein Geschenk, das war wirklich festlich, wirk­lich außerordentlich und zauberhaft, das konnte man in stillen Augenblicken hervorholen und mit Entzücken betrachten, in das konnte man sich ver­gucken und verlieben. Das holte ich hervor, und fetzte mich damit ans Fenster. Es mar, unter Glas und hübsch montiert, ein herrlicher exotischer Schmetterling, er trug den schönen Namen Urania und kam aus Mada­gaskar hergeflogen. Der schön gebaute Salier mit schlanken kräftigen Segler-Flügeln und reichem Zackenwerk am untern Flügel sah leicht schwebend auf einem Zweige, der oben grün und schwarz gestreifte Leib war unten rostrot behaart, goldgrün glänzte das Köpfchen. Grün und schwarz gemustert waren die Oberflügel, und zwar war es auf Schau­felte ein prächtiges, warm und goldig strahlendes Grün, auf der Rückseite aber ein ganz kühles, zartes silbern beflogenes Veronesergrün, fn dem dis kristallenen Flügelrippen edel schimmerten. Die unteren Flügel aber, die phantastisch gezackten, zeigten außer dem grün und schwarzen Muster ein großes strahlendes Feld von tiefem Gold, das im Licht bis ins Kupferrot, ja bis ins Scharlachene spielte, launig gezeichnet von tiefschwarzen Flecken, und zuunterst war der Flügel, wie das Kleid einer Dame, am Saume mit einem feinen, kurzen, aus Blond und Schwarz gemischten Pelzchen besetzt. Außerdem aber hatte dieser Unterflügel noch ein besonderes Spiel und Merkmal: es war durch ihn eine kurze träumerische Zickzacklinie gezogen, aus reinem Weiß, die löste den ganzen Flügel gewissermaßen auf, machte ihn zu einem losen Spiel aus Lust und Goldstaub und schien jene pfjan» tastifchen Zacken wie Strahlen kraftvoll von sich zu stoßen. Etwas Schö­neres, etwas Prächtigeres, Geheimnisvolleres und Liebenswürdigeres als diesen Falter aus Madagaskar, als diesen luftigen afrikanischen Traum aus Grün, Schwarz und Gold hätte man auf den Weihnachtstischen der ganzen Stadt nicht finden können. Zu ihm zurückzukehren war eine Freude, sich in feinem Anblick zu versenken ein Fest.

Eine lange Weile saß ich über den Fremdling aus Madagaskar gebückt und ließ mich von Ihm bezaubern. An vieles erinnerte er mich, an vieles mahnte er mich, von vielem erzählte er mir. Er war ein Gleichnis der Schönheit, ein Gleichnis des Glückes, ein Gleichnis der Kunst. Seine Form . war ein Sieg über den Tod, fein Farbenspiel ein Lächeln der Uebertegen» heit über die Vergänglichkeit. Er war ein einziges vielstrahlendes Lächeln, dieser tote präparierte Falter unterm Glase, ein Lächeln von vielen Arten, bald schien es mir kindhaft froh, bald uralt und weise, bald kriegerisch schmetternd, bald schmerzlich spöttisch so lächelt die Schönheit immer, so lächeln alle Gestaltungen, in denen das Lebendige scheinbar zu einer Dauer geronnen, die Schönheit des ewig Fließenden scheinbar Form ge» woxden ist, sei es nun eine Blume ober ein Tier, ein ägyptischer Kauf ober die Totenmaske eines Genies. Es war überlegen und ewig, dies Lächeln, und war, wenn man sich darin verlor, plötzlich auch spukhaft, wild und irr, es war schön und grausam, sanft und gefährlich, voll höchster Ver­nunft und voll wildester Tollheit. Ueberall, wo bas Leben für einen Augen­blick vollkommen gestaltet erfcheint, hat es diese gegensätzlichen Aspekte. Es gibt keine edle, klassische Musik, die nicht zu manchen Stunden wie Kinderlächeln und zu andern wie tiefste Todestrauer auf uns wirkte. So ist die Schönheit immer und überall: holde Sviegeloberfläche, unter welcher verborgen das Chaos lauert. So ist das Glück immer und überall: ent­zückter Augenblick, im höchsten Strahlen schon erbleichend, hirweweht vom Hauch des Sterbenmüssens. So ist die hohe Kunst, die hohe Weisheit der Auserwählten immer und überall: wissendes Lächeln über Abgründen. Ja sagen zum Leide, Spiel der Harmonie über dem ewigen Todeskampf der Gegensätze.

Süfi blickte aus dem Goldglanz der verfließende Purpur, straff (nannte sich über die Flügelrippen das feste Grün und die schwarze Zeiwnung, spielend zielten die schlanken Farbenzacken ihre Lichtpfeile hinaus. Holder Gast du, entzückender Fremdling! Bist du eigens aus Madagaskar her­übergeflogen, um mir einen Winterabend mit Farbenträumen zu erfüllen? Bist du eigens aus dem großen Farbkasten der ewigen Mutter davon­gelaufen, um mir das alte Weisheitslieb von ber Einheit ber Gegensätze zu fingen, um mich wieder zu lehren, was ich schon so oft wieder ver- gessen habe? Hat dich eigens eine geduldige Menschenhand so zart und sauber präpariert und über deinem kleinen Baumzweig feftgeteimt, um einen kranken Mann eine einsame Stunde lang mit deinen blitzenden Spielereien zu entzücken, mit deinen stillen, glühenden Träumen zu trösten? Hat man dich getötet und unter ein Glas gepreßt, damit dein verewigtes Leiden und Sterben uns tröstlich sei, so wie utfi das verewigte Leiden und Sterben der großen Dichter, der echten Künstler merkwürdiger­weise lieb und tröstlich ist, statt uns mit seiner Verzweiflung die Seele auszuhöhlen?

Ueber die schimmernden Goldslügel spielt blasser das abendliche Licht, langsam erlischt das rötliche Gold, und bald ist ber ganze Zauber, von ber Finsternis geschluckt, nicht mehr zu sehen. Aber er spielt bennoch das Spiel ber Ewigkeit fort, bas tapfere Sünftlerfpiel um bie Dauer bes Schönen in meiner Seele spielt bas Lied fort, in meinen Gedanken zuck->n die Farbenstrahlen lebendig weiter. Nicht vergeblich ist der arme schöne Falter in Madagaskar gestorben, nickst vergeblich hat eine ängstliche Hand feine Flügel und Fühlhörner und Sammet-Pelzchen so sauber präpariert und