Ausgabe 
27.12.1937
 
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zurück- ober auswiche, würbe bic Schildkröte beträchtlich viel Zeit brau­chen, ihm zu folgen und ihn von neuem anzugreisen.

Diese Seite der Angelegenheit kam mir eines Tages sozusagen zwangs­läufig zum Bewußtsein, als eine Schildkröte in ein Pinguinnest em- drang wie ich glaube, völlig unfreiwillig. Es war ein ungewöhnlich tiefes Nistloch, dessen weiche Sandwände ein Busch teilweise verdeckte, so dah es durchaus kein Wunder war, wenn eine Schildkröte über den Rand stürzte und bis ans Hintere Ende hinunterkallerte. Das Nest war zur Zeit leer, wenige Minuten darauf aber kehrte der Pinguin zurück und schien erstarrt über die Dreistigkeit dieses elenden Geschöpfes, das gewagt hatte, fein Heim zu betreten. Einmal ums andere umkreiste er das Nest, indem er nach der Schildkröte hinabschielie und überlegte, was zu tun [ei. Eine Lösung für das heikle Problem fiel ihm aber offenbar nicht ums Leben ein. Sicherlich war ihm rechtens in solchem Fall auch eine gewalttätige Wahrnehmung feiner Interessen gestattet, ober wenn nicht das, so doch mindestens sofortige Ausweisung des Sünders. Wie aber das bewerkstelligen? Der Pinguin kann Stöckchen und kleine Kiesel heben, ist aber gänzlich außerstande etwas so Schweres wie eine Schild­kröte fortzuschasfen. Am allerliebsten hätte er, das war ihm anzusehen, die Kreatur am Schlafittchen gepackt und hinausgeworfen; wo aber sitzt bei einer Schildkröte das Schlafittchen, und auf welche Weise gar ver°. mochte man sie daran zu erwischen?

Es war ein komischer Anblick, wie er in offenbarer Empörung und doch so machtlos dastand und zugleich zu sehen, daß die Schildkröte ihrerseits ihr letztes Stündlein gekommen glaubte. Denn voller Entsetzen versuchte sie die glatten Wände hinaufzukrabbeln, rutschte aber nach wenigen Schritten immer wieder auf den Boden herunter. Und die ganze Zeit stand der Pinguin ein Bild ohnmächtigen Grimms am Nest- rand und wartete, ob nicht das alberne Geschöpf endlich die Wand hinauf- ,kommen und sich davonmachen würde. Das dauerte aber noch beinahe zehn Minuten.

Biele,oon den Tieren, die ich auf solch einer Insel zu finden erwartet hatte, waren nicht da zum Beispiel keine Maulwürfe, vermutlich weil es sonderbarerweise keine Würmer dort gibt.

Das Fehlen vierfüßigen Lebens wird indes,reichlich ausgewogen durch die mannigfaltige Vogelwelt der Insel.

Außer den Pinguinen brüten dort zu gewissen Zeiten Tausende von Tauchern, interessante Vögel, die ein wenig wie kleine magere Kor- morane aussehen; dann kommen ein paar große Kormorane mit weißer Kehle; Austernfischer, die in diesem Gebiet der Erde schwarz mit Drange- schnäbeln sind; Hunderte von [Regenpfeifern; ab und zu ein Reiher; und eine Menge Meerschwalben, die sich auf ihrer Wanderschaft etwa vier­zehn Tage auf der Insel aufhalten. Weiße Tölpel finden sich nicht auf dieser Insel, dafür aber zu Tausenden auf einer benachbarten, von der sie zuweilen übers Wasser herübergeflogen kommen. Es find schöne Vögel, die sich glänzend zu phoivgraphischen Aufnahmen eignen. Zu­weilen sieht man eine kleine Gruppe Pinguine neben einer riesigen Schar von Tölpeln, wobei jede Art für sich bleibt und sich sonderbar von der andern abhebt. Der gewöhnlichste Tresfpunkt der Pinguine und Tölpel aber ist das Fischrevier, in das der Tölpel plötzlich herniederzu­stoßen pflegt, nachdem er von hoch oben einen Fisch gesichtet hat.

Die Regenpfeifer sieht man meist am Strande, denn ihre Lieblings­beschäftigung ist der Fang einer bestimmten Art van kleinen Sandaalen. Da diese sich lediglich im ganz nassen Sand zeigen, die Vögel sich anschei­nend aber ungern ihre Füße naß machen, geht ein regelrechtes Spiel vor sich, bei dem all die Hunderte kleiner Regenpfeifer der rückflutenden Welle folgen, rasch ausschnappen, was sie an Sandaalen erwischen können, und dann vor der wieder anflutenden Woge rasch zurückweichen.

Auch zwischen Pinguinen und Meerschwalben und auch mitunter zwischen Pinguinen und Regenpfeifern geht zuweilen eine Art Spiel vor sich obwohl vielleicht nur die Pinguine es als Spiel betrachten mögen. Wenn die kleineren Vogel aus einem Felsen landen, scheuchen eine Anzahl Pinguine als richtige große Quälgeister sie weg. Ratürlich laßen sich die Schwalben oder Regenpfeifer nun auf der andern Seite des Felsens nieder und dann machen die Pinguine kehrt, treiben fie von neuem' fort und behaupten sich sa unzweideutig als die alleinigen Herren dieses Teils ihres Herrschaftsgebiets. Da die Pinguine einen solchen Felsen nur zum Stehen benutzen, konnte sie die Gegenwart der Vogejchen nicht wohl stören; sie hatten also vermutlich hi dem Herum­hetzen der soviel kleineren Geschöpfe eine Annehmlichkeit des Lebens entdeckt.

Die meisten Seevögel, die die Insel besuchen, sind wie die Tölpel schöne Tiere; auf einzelne freilich, jum Beispiel die Taucher, läßt sich dieses Wort kaum anwenden. Den hübschesten Airblick gewähren Vögel aber doch in der Lust, Durch bie'groffen Vogelschwärme, die die Küsten der Pinguininsel überfliegen, bekommt sie etwas ganz Eigenartiges; die ewige Schönheit des Vogellebens liegt über ihr.

In langen Setten schwingen sich Scharen von Tauchern darüber hin. Die Austernfischer kündigen schlechtes Wetter an, wenn sie schreiend über der spitzigen Sandbank in der Bucht hin und her schießen. Ein Reiher (der wohl während eines Sturmes von seinem Kurs abgetrieben worden war) pflegte auf einem hohen Felsen zu stehen und in die fluten­den Meereswogen hinabzuschauen; bann und wann warf er einen Blick auf die Pinguine, als wisse er nicht recht, was von ihnen zu halten sei. Die Meerschwalben kreisen anmutig in den Höhen. Und mittenhinein schießen die Möwen auf ihren Raubzügen nach Pinguineiern, Pin- guinkücken und flaumigen jungen Regenpfeifern; sie schreien beim Kom­men, steigen bann in die Höhe empor, wenden und stoßen von neuem herab.

Es ist immer eine Freude, diese fliegenden Vögel in ihrer Anmut und Behendigkeit zu beobachten. Ein watschelnder Pinguin ist ja sicherlich ein unterhaltendes und fesselndes Tier, eigentliche Schönheit und Anmut aber kann man ihm schwerlich zusprechen. Ihren Schönheitszauber jedoch

erhält die Insel der Pinguine durch die Tausende von Vögeln, mit denen die Pinguine sich in d>«je Heimat teilen.

Zehntes Kapitel.

Ernstere Dinge. Ehelicher Streit. Der Rivale. Sechsstündiger Kampf. Eine Katastrophe. Trauer. Arme Waisen. Die Kehr­seite der Medaille.

Ich möchte nicht den Eindruck erwecken, als seien bas Mausern und die Verteidigung gegen Feinde die einzigen unerfreulichen Vor­kommnisse, von denen die Pinguine in einem sonst paradiesisch unge­trübten Dasein heimgesucht werden. Dafür gleicht ihr Leben viel zu sehr unfern, eignen. Zweifellos erkranken sie wie wir manchmal an Ver­dauungsschwierigkeiten, mit der Folge, dah ihr van Natur liebenswür­diges Wesen zeitweilig in die Brüche gerät. Hin und wieder erleiden auch ihre moralischen Hemmungen eine ernsthafte Störung, so dah Uebeltäter die Insel durchschweisen.

Ich spiele hier nicht auf Diebstahl und dergleichen an denn dafür muh man den Pinguinen mildernde Umstände anrechnen. Die Pinguine ind so neugierig, dah fie der Versuchung nicht widerstehen können, hin- zugehen und zu schauen, was der andere wohl tut, und sobald sie einmal n ein fr e mb es Haus eingedrungen sind (natürlich in der einzigen Ab- icht, es zu bewundern), während die Bewohner ausgegangen sind, find sie im Gewissenskonflikt schon halb unterlegen.

Unglücklicherweise aber gibt es ernstere Dinge. Die Pinguine sind zum Beispiel, wie ich in der Einleitung schon hervorhob, Musterbilder ehelicher Treue und Liebe. Die Männer greifen zu, wo sie nur können, U helfen bei der Hausarbeit, kommen direkt vom Gefchäft (d. h. dem Fischen) heim, und sind jederzeit ohne ein verdrießliches Gesicht zu machen bereit, auch bei der Kinderpflege zur Hand zu gehen. Und die Frauen sind Mustergattinnen; sie erwarten nie, dah der Mann ihnen beispringt, geben ihm stets zu erkennen, wie sie seine fteiwillige Hilse zu würdigen wissen, und finfr nie so beschäftigt, dah sie nicht immer noch Zeit für kleine Liebesbeweise fänden, die im Eheleben alles sind.

Und dennoch geben die Dinge hin und wieder schief.

Ich mochte hier eine Episode erzählen, die sich vor meinen Augen auf der Insel der Pinguine abspielte. Nur sei vorausgeschickt, dah ich um alles nicht den Verdacht erwecken möchte, als hätte sich dieser Vorfall im Leben des reizenden und einander fo herzlich zugetanen Pärchens zu- getragen, dessen Webesgeschichte ich im Anfang geschildert habe. Cs ist daher unbedingt festzuhalten, dah in diesem Kapitel die Bezeichnung Herr und Frau Pinguin" sich auf ein völlig anderes Paar bezieht, das mit dem ersten so wenig wie nur möglich zu tun hat, wenigstens dem Charakter nach.

Die Sache sing, wie das zu geschehen pflegt, wegen ganz unbe- deutender Kleinigkeiten an. Der erste Anstoß war vermutlich, dah Herr und Frau Pinguin (nachdem sie sich altem Brauch gemäß von ihrem letztjährigen Nachwuchs getrennt hatten) bei ihrer Rückkehr auf die Insel ihre alte Wohnung in sehr unsauberem Zustand vorfanden. Der Boden lag noch voller Federn von der vorigen Mauser, und Federn, die ein halbes Jahr lang im Regen gelegen haben, tragen nicht zur Wohnlich­keit eines alten Nestes bei. Abgesehen hiervon hatte jemand und ich fürchte, daß ich selbst es war das Dach des Baues eingetreten, gerade als es sich zu lockern begann, so daß es nur noch halb vorhanden war. Kurzum, der ganze Drt hatte nichts von jener einladenden Gemütlichkeit an sich, die so wohltuend wirkt, wenn man nach langer Reise beträchtlich ermüdet daheim anlangt.

Herr Pinguin begann sich daher ziemlich brummig an die Auftäum- arbeiten zu machen. Und als ihm feine Frau, die ihn natürlich nach einiger Zeit ablöste, eine Ladung Sand und halbverwitterter Federn mitten ins Gesicht pfefferte, nahm er das sehr krumm. Sie fingen an, sich zu streiten, und die Gattin sand den Ton, in dem ihr Mann mit ihr redete, höchst unangebracht. Mit etwas Aehnlichem, denke ich mir, muß die Sache angefangen haben. Jedenfalls hörte ich die beiden Vögel immer, wenn ich voller Gewissensbisse wegen des zerstörten Daches an ihrem Nest vorbeikam, miteinander zanken, und nur selten bemerkte ich einen Versuch, sich mit einem zärtlichen Kuß zu versöhnen. Da es Tag für Tag so fortging, war ich schließlich darauf gefaßt, daß das Familien­leben bald ernstlich' in di« Brüche gehen würde.

Und richtig brach eines Nachmittags der Sturm los. Herr Pinguin .kam auf dem Rückweg von feiner Mahlzeit den 2lbbang heraufgewatschelt. Er sah ein wenig verdrossen aus, doch glaube ich nicht, dah er die min­deste Ahnung von dem Schlag hatte, der ihn erwartete.

Nur wenige Schritt« war er noch von seinem Heim entfernt, als er stehen blieb sprachlos vor Entsetzen.

Seine Frau war nicht allein!

Minutenlang schien er außerstande, die Tatsache zu saßen. Dann ging er ohne weiteres Besinnen auf den Störenfried los und begann ihn wütend mit Schnabel und Flößen zu bearbeiten. Von dem be­dauerlichen Anlaß abgesehen, war es ein wirklich sehenswerter Kamps. Man hätte denken sollen, daß Frau Pinguin sich von Scham und Reu« ergriffen in einen Winkel zurückziehen würde, um zu wehklagen und di« Flößen zu ringen. Doch falls das ihre Absicht war, fo fand sie jeden­falls nicht Gelegenheit, sie auszuführen. Denn ihr Gatt« griff mut un­erschrockenem Mut und blinder Wut an und hackte und hieb unterschieds­los auf alles ein, was ihm in den Weg kam. Der Eindringling hielt dem ersten Anprall wohl stand, nach einer Minute aber wich er flink zur Seite, und plötzlich fand sich das Pinguinweibchen dem Angriff seines Mannes gegenüber. So begann denn auch sie, den Rücken nach der Wand, tapfer zu fechten, bis ihr Liebhaber ihr zu Hilfe kam, indem er Herrn Pinguin von hinten anfiel, wo er ungedeckt war.

(Fortsetzung folgt.)