Ausgabe 
27.12.1937
 
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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 193Z Nontag, -en 11. Dezember Nummer M

Die Insel Ser fünf Millionen Pinguine Von Cherry Kearton

Deutsche Rechte durch 3. Engelhorns Nachf., Stuttgart

Nachdruck verboten

' 6. Fortsetzung.

, Persönlich möchte ich den Hai mit dem Löwen vergleichen. Diese Aehnlichkeit beziehe ich freilich nur auf einen einzigen Punkt: eben diese Veränderlichkeit. Denn während der Löwe «in^herrliches Geschöpf ist, das man stets von neuem bewundert, ist der Hai, den man sich immer schleichend vorstellt, ekelhaft. Findet man sich aber einem Löwen gegen­über, dann ist man darauf gefaßt, daß er Menschen frißt, wenn auch die Wahrscheinlichkeit nicht besonders groß ist. Mit dem Haifisch scheint es mir nun genau dasselbe zu sein. Manche Löwen, die sich ihr Lebtag von Böcken und anderen Tieren genährt haben, greifen im Alter, wenn sie nicht mehr die Behendigkeit besitzen, um ihrer gewohnten Beute nach­zusetzen, zu Menschenfleisch und sobald sie einmal Geschmack daran gewonnen haben, mögen sie kaum mehr etwas anderes. Andere Löwen werden durch Hunger dazu getrieben, den Menschen anzufallen, und sind sie einmal zu Menschenfressern geworden, dann erziehen sie auch ihre Jungen dazu. /

Normalerweise lebt der Hai von Fischen. Doch ein sechs bis neun Meter langer Hai wird nicht' leicht satt werden, und ich denke mir, wenn ihm etwas in den Weg läuft, das größer ist als die meisten Fische, nimmt er es nur zu gern- zur Stillung seines Hungers mit. Man hat beobachtet, wie große Haifische junge Seelöwen auf einen einzigen Bissen verschlangen. Zahlreiche Menschen haben beim Schwimmen durch sie genau wie die Pinguine ihre Beine eingebüßt. Einmal wurde bei Dur­ban ein Schwimmer von einem Hai angefallen, und als zwei Männer aus einem Boot ihn festhielten, sahen sie, daß der Hai ihn in der Mitte des Rückens gepackt hielt und ein riesiges Stück Fleisch einfach herausriß.

Die Haifische jagen zum Teil dem Geruch, zum Teil dem Gesicht nach. Sie vermögen Blut zu riechen, und ein Kampf zwischen Fischen bringt sie immer rasch auf den Schauplatz, wo ~fie den unterliegenden Teil verschlingen. Sie sind auch Kannibalen: sobald ein Hai getötet worden ist, nehmen viele andere die Blutsährte auf, kommen herbeigeschossen und verzehren ihn. Sie haben sehr scharfe Augen gelb wie die einer Katze und unter Wasser phosphoreszierend und sobald ein Hai Beute findet, folgen ihm sogleich die andern. In dieser Art und Weise zu jagen gleichen sie den Pinguinen. , , , .

Es scheinen heutzutage zwei Ansichten darüber zu herrschen, wie em Hai zubeißt. Bekanntlich befindet sich seim scheußliches Maul wohlgebov- gen an der Unterseite seines Kopses. Früher glaubte man daher, er werfe sich immer zuerst auf den Rücken, ehe er zuschnappe, das wird aber heute bezweifelt. Selber meine ich. daß hier wieder ein Fall vorliegt, wo man nicht verallgemeinern darf. Sehr wahrscheinlich beißt der Hai immer gerade in der Sage, die für ihn die bequemste ist. Will er unter Wasser einen Fisch verschlingen, dann dreht er sich nicht um, well er es nicht nötig hat, denn er kann ja leicht über den Fisch hinwegschwimmen. Ver­folgt er aber einen schwimmenden Menschen oder irgendetwas anderes, was sich dicht an der Oberfläche hält, bann müßte er den.Körper aus dem Wasser heben, um darüber wegzuschwimmen, was ihm sedenfalls zu gefährlich ist und deshalb dreht er sich in solchen Fällen auf den Rücken und fällt feine Beute von unten am _

Allabendlich pflegten sich große Fischschwärme in der Bucht der Pinguininsel einzufinden, und bann gab es immer roafyrenb einer Stunde ober länger ein großes Schwimmen und Tauchen, dessen Lärm hundert Meter weit zu hären war. Lange war ich mir über die Ursache all dieser Erregung im unklaren. Endlich ging mir auf, was da geschah. Die Hai­fische benutzten die Bucht die dank dem Riff so etwas wie einen Flaschenhals hatte als Falle für die Fische, die sie fangen wollten Sie trieben den Schwarm vor sich her in die Bucht hinein, und dort war er ihnen erbarmungslos ausgeliefert. - _.

Um diese Annahme zu überprüfen, versah ich mich mit einem Eimer voll toter Fische und kletterte eines Abends spät, nachdem der Lärm oer= stammt war, zwischen den abschüssigen Felsen soweit hinaus, wie ich konnte. Dann warf ich die toten Fische ins Meer. Sie gingen sofort unter, und im selben Augenblick entstand im Wasser plötzliche Bewegung. Ein häßlicher schwarzer Kopf stieg im Dunkel auf und ich . "uhte, was geschehen wäre, wenn nicht ein Eimer voll Fische, sondern ich selbst

dort unten im Wasser gewesen wäre. Ich dachte an den Jungen, der versucht hatte, zur gegenüberliegenden Landzunge zu schwimmen, in wahnwitzigem Schrecken vor dem Hai hinter ihm und es war nicht nur ein einzelner Hai, denn wie ich so ins Wasser hinabschaute, kam einer nach dem, andern an ein Wasserstrudel ... die See wimmelte von dunklen grauen Gestalten.

Mich schauderte.

Nun wußte ich, warum bei Tagesanbruch manchmal zerfetzte Kor­moranleiber in der Bucht trieben, wußte auch, daß kein Zweifel mehr möglich war über die Art des Todes, den der Junge aus Kapstadt gefunden hatte.

Grauenhaft ist der Hai. Ich für mein Teil kann Schlangen nicht ausstehen. Dennoch kann ich begreifen, daß jemand sie sich zum Liebling wählt. Ich finde bas Krokodil scheußlich, llnb kann boch verstehen, baß manche diese Tiere ohne wirklichen Widerwillen betrachten, während sie auf einer Schlammbank liegen und in der Sonne dosen. Haifische aber nein! Es übersteigt meine Begriffe, wie jemand sie ohne Angst und Abscheu ansehen kann. Ich weiß nicht genau, mit wieviel Wahrscheinlich­keit darauf zu rechnen ist, daß ein Haifisch auf einen Menschen losgeht, ebensowenig wie ich dies beim Löwen zu sagen wüßte. Aber ich möchte lieber einem Dutzend Löwen gegenüberstehen, als es mit einem einzigen Hai zu tun zu haben. Und tarne es zum Schlimmsten, so würde ich, obwohl es gewiß qualvoll genug ist, unendlich viel lieber mich von einem Löwen zerreißen lassen, als den grimmen reißenden Zähnen im Wasser zur Beute fallen.

Neuntes Kapitel.

Freunde. Schildkröten. Der Sturz in das Nest. Regen­pfeifer- Weihe Tölpel. Ewige Schönheit des Vogellebens.

Mit Möwe und Ibis liegen die Pinguine zwar fortwährend Im Krieg, doch gibt es verschiedene andere Tiere auf der Insel, mit denen sie in vollster Freundschaft leben.

, Um mit den niedrigeren Gattungen zu beginnen, will ich zunächst die Sandschlangen erwähnen, die nicht ganz zehn Zentimeter lang und ganz harmlos sind, dann Feldmäuse (aber keine Ratten, wofür die Pinguine sehr dankbar fein können,, da sie verheerend in den Nestern hausLN würden) und Schildkröten.

Diese kommen von allen am häufigsten vor und sind zugleich am interessantesten. Merkwürdigerweise sah ich nur selten eine in Bewegung was wohl nur darauf beruhte, daß sie mich kommen sahen und sich, weil sie viel furchtsamer und scheuer finb als die Pinguine, tot stellten, bis sie sicher sein konnten, daß ich ein Freund und fein Feind war. Einmal nahm ich eine auf, setzte sie auf freiem Feld wieder hin und verbarg mich bann hinter einem Felsen um zu sehen, was sie nun an- fangen würbe; ob sie wohl gleich wieher in ihren Schlupfwinkel zurück- kehrte? Es geschah, jeboch nichts bergleichen. Sie schien sich ganz wohl zu fühlen in ihrer neuen Umgebung, unb (obalb sie sich vergewissert hatte, baß ich nicht in Sicht war, begann sie umherzuspazieren, immer mitten zwischen ben zahlreichen Pinguinen hindurch, die sich ringsumher auf- bielten. _ , ,

Die Schildkröten leben ausschließlich in den Teilen der Insel, wo die Pinguine offene Nester für sich bauen statt Höhlen. Zum Teil kommt dies zweifellos daher, daß Schildkröten, obwohl sie sich langsam bemegen* nicht sehr sicher auf ihren Beinen sind und leicht über solcheAbgründe stürzen, wie sie in Massen dort vorkommen, wo der Grund und Boden ganz von Hohlen durchwühlt ist; zum Teil aber auch daher, daß sie von den verkümmerten Büschen leben, die sich nur in jenem Teil der Insel befinden. * , , , _

Pinguine und Schildkröten scheinen sich sehr gut zu vertragen. Damit will ich nicht sagen, daß sie miteinander spielen, jedenfalls aber kennen fie nicht die mindeste Angst voreinander, und es scheint als ausgemacht zu gelten, daß die Schildkröten umherwandern dürfen, wie und wo es ihnen bel ebt, solange sie nur nicht in Pinguinnester einbringen. Es machte mir immer Spaß, wenn ich sah, wie eine Schilbkröte behaglich an einem Busch knabberte unb bann plötzlich von einem Pinguin gestört mürbe ber ein Zweiglein besselben Buschs für seine häusliche Aus­staffierung nötig hatte. Eine Weile fuhren dann gewöhnlich beide um bekümmert nebeneinander fort; der Pinguin aber rüttelte in seinem Bemühen den begehrten Zweig abzureißen, zu heftig an dem Busch, so daß dieser der Schildkröte, die gerade ein Blatt benagte, wild vor der Nase hin und her schwankte. Das konnte fie auf die Dauer nicht aus­halten und fo kroch fie denn würdevoll zu einem andern Busch mit einer Miene, als wollte sie sagen:Der Klügere gibt nach."

Ich wüßte auch nicht recht, wie diese beiden Geschöpfe miteinander kämpfen könnten, wenn sie es sollten. Es würde dem Pinguin wenig nutzen, wollte er die Panzerrüstung der Schildkröte mit den Flossen bearbeiten, und wenn der Pinguin seinerseits gegenüber einem Angriff