Jahrgang 193Z
Freitag, den 3. September
Nummer 68
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■mMHKii uu feiner Liame nmuoerncy angegaffr, oneo aoer fieijen unu ipiuiy M barschem Ton: „Hier — auf diese Stufen seh' dich hin, Alte, und halt' em mit deinen Reden, die mich toll machen könnten. Es ist wahr, du hast
>ne Zechinen in den Flammengebilden der Wolken gesehen, aber eben deshalb — was schwatzest du von Engeln des Lichts — von Braut — jung- Nulrcher Witwe — von Rosen und Myrten? — willst du mich betören, kwletzliches Weib, daß irgendein wahnsinniges Streben mich in den Ab- lrrnd schleudert? Eine neue Kapuze sollst du haben, Brot — Zechinen — du willst, aber laß ab von mir!" — Antonio wollte rasch fort, q n. bie Alte ergriff ihn beim Mantel und rief mit schneidender Stimme: >svmno — mein Tonino, sieh mich doch nur noch einmal recht an, sonst ß ich ja hin bis an den äußersten Rand des Platzes dort und mich trostlos ! pabstürzen in das Meer." — Antonio, um nicht noch mehr Blicke auf sich üiwhen, als sich aus ihn zu richten begannen, blieb wirklich stehen. „Tonino", Mr d,e Alte fort, „setze dich her zu mir, es drückt mir das Herz ab, ich muß ’ 3lr wgen — o setze dich her zu mir." Antonio ließ sich auf den Stufen so »2er, daß er der Alten den Rücken zuwandte, und zog sein Rechnungsbuch dessen weiße Blätter von dem Eifer zeugten, mit dem er seine wadelsgeschäfte auf dem Rialto betrieb. „Tonino", lispelte nun die Alte
s leise, „Tonino, wenn du so in mein verschrumpftes Antlitz schaust, l lmert denn gar keine leise Ahnung in deinem Innern auf, daß du mich
Doge und Oogaresse
Erzählung von E. T A. Hoffmann.
2. Fortsetzung.
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Meten, statt sie zu heilen. Ich stehe mit dem leidigen Satan im Bündnis, das sprengten sie aus und fanden Glauben bei dem abergläubischen Volk. Bald wurde ich verhaftet und vor das geistliche Gericht gestellt. O, mein Tonino, mit welchen gräßlichen Martern suchte man mir das Geständnis des abscheulichsten Bündnisses zu erpressen! Ich blieb standhaft. Meine Haare verbleichten, mein Körper schrumpfte ein zur Mumie — Füße und Hände erlahmten. — Die entsetzlichste Folter, die sinnreichste Erfindung des höllischen Geistes, war noch übrig; die entlockte mir ein Geständnis, vor dem ich noch jetzt zusammenschaudre. Ich sollte verbrannt werden; als aber das Erdbeben die Grundmauern der Paläste, des großen Gefängnisses erschlitterte, sprangen die Türen des unterirdischen Kerkers, in dem ich gefangen saß, von selbst auf, ich wankte wie aus tiefem Grabe durch Schutt und Trümmer hervor. Ach, Tonino, du nanntest ntich ein neunzigjähriges Mütterchen, da ich kaum über fünfzig Jahre alt. Dieser knochendürre Leib, dieses abscheulich verzogene Gesicht, dieses eisige Haar, diese erlahmten Füße — nein, nicht Jahre, nur unsägliche Martern konnten das kräftige Weib in wenigen Monden umwandeln in ein Scheusal. — Und dieses widrige Kichern und Lachen — die letzte Folter, vor der sich noch meine
„Schweig, Alte«, unterbrach sie Antonio, „schweig, noch etwas ist es, was nur ment Leben verkümmert, mich rastlos verfolgt, was mich über kurz oder lang rettungslos verderben wird. Ein unaussprechliches Verlangen, eine
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»JWin friget, früher Zeit gekannt haben könntest?" - „Ich sagte dir schon«, erwiderte Antomo ebenso leise und ohne sich umzuwenden, „ich sagte dir schon, Alte, daß ich aus eine nur unerklärliche Weise mich zu dir hingeneigt fühle; aber daran ist dem häßliches, verschrumpftes Gesicht nicht schuld. Schaue ich vielmehr deine seltsamen schwarzen blitzenden Augen, deine spitze Nase, deine blauen Lippen, dem langes Kinn, dein struppiges eisgraues Haar an, hör rch dein widriges Kichern und Lachen, deine verworrenen Reden ■ et so möcht' ich mit Abscheu mich von dir abwenden und aar glauben, irgend verruchte Mittel stünden dir zu Gebote, mich an dich zu
~ ° VanesÄp"' *’eulte bie 3(Ite' unsäglichem Schmerz Pietät ' welcher böse höllische Geist gab dir solche Tonino, mein süßer Tonino, das Weib, das und Pflegte, das dich in jener Schreckensnacht gefahr, das Weib war ich.» Im plötzlichen hte sich Antonio rasch um, aber wie er nun Gesicht starrte, rief er zornig: „So gedenkst uchtes wahnsinniges Weib? — Die wenigen seit mir geblieben, sind lebendig und frisch, »e mich pflegte, o, ich sehe sie lebhaft vor Au- , frisch gefärbtes Gesicht — mild blickende
•WW I g ~ es Haupthaar — zierliche Hände — sie mochte und du? — ein neunzigjähriges Mütterchen." e ihm schluchzend in die Rede, „o all ihr inn, daß mein Tonino an mich, an seine treue ’areta?" — murmelte Antonio, „Margareta?
Z/IW ^nger Zeit gehörte, längst vergessene Musik , .. — »st nicht möglich — es ist nicht möglich!" — »^ohl war , fuhr ine Alte ruhiger fort, indem sie gesenkten Blicks mit dem Stabe auf dem Boden hin und her kritzelte, „wohl war der große schöne Mann, der dich auf den Arm nahm, dich abherzte und dir Zuckerwerk in oen Mund steckte, wohl war das dein Vater, Tonino! wohl war es das herrliche, volltönende Deutsch, das wir miteinander sprachen. Dein Vater war ein angesehener reicher Kaufmann in Augsburg. Sein schönes junges Weib starb ihm, als sie dich gebar. Da zog er, weil er sich selbst nicht duiden konnte an dem Ort, wo sein Liebstes begraben lag, hierher nach Venedig und nahm mich mit, mich, deine Amme, deine Pflegerin. In jener Nacht erlag dein Vater einem grausenden Schicksal, das auch dich bedrohte. Es gelang mir, dich zu retten. Ein edler Venetianer nahm dich auf. Aller Hilfsmittel beraubt, mußte ich in Venedig bleiben. Von Kindheit auf machte mich mein Vater, ein Wundarzt, dem man nachsagte, er treibe nebenher verbotene Wissenschaften, bekannt mit den geheimen Heilkräften der Natur. Von ihm lernte rch, durch Wald und Flur streifend, die Abzeichen manches heilbringenden Krauts, manches unscheinbaren Mooses, die Stunde, wann es gepflückt, gelesen werden mußte, die verschiedene Mischung der Säfte kennen. Aber dieser Wissenschaft gesellte sich eine besondere Gabe bei, die der Himmel mir verlieh in unerforschlicher Absicht. — Wie in einem fernen dunkeln Spiegel erschaue ich oft künftige Ereignisse, und beinahe ohne eigenen
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Verschwundenen? Antonio hielt inne, indem er aus tiefer Brust schwer «ufseufzte. Die Alte hatte sich während seiner Erzählung gebärdet wie einer, ist, ganz hingerissen von dem Leid des andern, alles selbst fühlt und jede ■ Bewegung, die diesem der Schmerz abnötigt, wie ein Spiegel zurückgibt. ^Tomno", fing sie jetzt mit weinerlicher Stimme an, „mein lieber Tonino, arum willst du verzagen, weil dir im Leben etwas Hochherrliches begegnet r, dessen Erinnerung dir erloschen? — Törichtes Kind, törichtes Kind — °erk' auf — hi hi hi." — Die Alte begann nach ihrer gewöhnlichen Weise werlich zu kichern und zu lachen und auf dem Marmorboden herumzu- upsen. — Leute kamen, die Alte kauerte nieder, man warf ihr Almosen
„Antonio — Antonio, bring' mich fort — fort ans Meer!" So kreischte ie auf, Antonio wußte nicht, wie ihm geschah, beinahe willkürlos faßte er e Alte und führte sie über den Markusplatz langsam fort. Während sie ngen, murmelte die Alte leise und feierlich: „Antonio — siehst du wohl die nklen Blutflecken hier auf dem Boden? — ja Blut — viel Blut, überall cl Blut! — aber hi hi hi! — aus dem Blut entsprießen Rosen, schöne rote cfen zum Kranze für dich — für dein Liebchen. — O du Herr des Lebens, olcher holde Engel des Lichts ist es denn — der dort so anmutig, so sternen- !4r lächelnd auf dich zuschreitet? ■—■ Die lilienweißen Arme breiten sich aus, dich zu umarmen. O Antonio, hochbeglücktes Kind — halte dich wacker — SBhwfe ! -- 11„S h» eMÄctoi. Mim SWl,« Srnf
SieheimAimlieiibliitter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger


