Ausgabe 
27.9.1937
 
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schreiten, wo sie alsbald gegen die feindliche Batterie deplatzierten. Während diesem setzte sich der Kronprinz mit gezogenem Degen an die Seite unseres Obersten, und nun folgten die drei cmd^n Schwadronen und hinterdrein die ganze Reiterei, wahrend die Schwadron Raßler

Nun" warfenl^dtti^ftanzösische Reiterregimenter, die- al-Bedeckung hinter der Batterie gehalten hatten, der Schwadron entgegen. Oberst von Reinhardt kommandierte alsobald Marsch-Marsch; es kam zu elnem wilden Handgemenge, bei dem jeder von uns gegen drei stand und sich nach Kräften zu wehren hatte, auch der Kronprinz selbst, den alle an seinem herrlichen Tier und der Tigerschabracke kannten, bis das Jager- Regiment 5 uns zum Succurs herankam und, weil keine Zeit zum De- ployieren war, in geschlossenen Zugskolonnen dem Feind so in d e Flanken ritt, daß er das Weite suchte. Wir verfolg en bis unter die Mauern von Straßburg; ich bin so nahe herangeritten, bis eine So= nonenkugel von den Wällen über mich weg rekoschettierte. Da sagte ich ,u mir' Diese Festung kannst du allein mit deinem Pferd nicht nahmen" und ritt zurück ich wußte aber nicht, daß diesen Tag mein

Wir^bez?gen°chnach Mbak vor Straßburg, bis uns die Oesterreicher ablösten und unser Korps über die Vogesen nach Frankreich emruckte bis an die Loire nach Nevers, wo wir m ziemlich schlechten Quartieren rQQen bis der Friede geschlossen wurde. Die Verbündeten beschlossen diesmal eine längere Besatzung des Landes, denn diese unruhige Nation wollte die Niederlage nicht hinnehmen, auch wenn der Kaiser Napoleon auf die ferne Insel Sankt Helena verschickt war, wo er nach wenigen Jahren gestorben ist.

Das Schneidsrhäusel.

Von Wilhelm Pleyer.

Eines von den Draaschener Häuseln, die mit Schule und Kirche Nach­barschaft halten, ist das Schneiderhäusel. Die Schneiderkinder waren alle sechse recht gelernig, und der alte «chneider ist seit seiner Kindheit in der Kirche dem Herrgott sein zweiter Diener. Erst ministrierte er, nachher half er als Mesner aus, wenn der alte Kirchenvatter Sperk einmal fern Amt nicht versehen konnte, und nach dessen Heimgang übernahm er Am und Würde eines Mesners im Kirchdorfe Draaschen. Als die Blute feiner Jugend, nämlich das braungelockte Haar, anfing, mitunter em bißchen silberig herzuschimmern, wurde auch ihm nach und nach der würdige Titel Kirchenvatter zuteil.

Der Schneidermeister und Kirchenvatter Lorenz bzw. Laurentius Lochner, hinterrücks auch Knopplochner genannt, ist ein stattlicher Mann und einer, der auch weiß, daß er stattlich ist und mit den tanb(aufigen dürren Schneidern nichts gemein hat. Immer einmal soll er sich daheim vor den Spiegel stellen, die fein gescheitelten, vornehm spärlichen Locken und den edel beschnittenen, aristokratisch grauen Schnauzer streicheln, den schwarzen Frack an- und fein Hängebäuchlein einziehen und dabei sprechen: Ein schöner Mann! Ein fescher Mann!" Aber wo dann der Hemes- berger Baron sagt:Nur kein Geld!", soll der Lochner ganz verschmitzt lächeln und sagen:Hak sechs schön versorgte Kinder und immer noch was Erspartes auf die alten Tag!"

Mit eigenen Augen sah und hörte ich einmal soviel: Der vornehme Schneidermeister und Kirchenvatter machte mit der halboffenen Rechten eine leichte, aber fein geschwungene Bewegung von der Nabelgegend weg und sagte mit gemeffner Betonung:Repräsentanz".

Repräsentanz, das ist es. .

Ueber die Schwelle des Schneiderhäusels mag man auch schon seine sieben, acht Geschlechter hinausgetragen haben, und das Häusel könnte ebenso romantisch räubergeschichtlich und ruinenfjaft hersehen wie das Zeidlerhäusel drüben im Stabtet. Aber jeboch! Das Schneiberhäusel ist glatt angeworfen unb schneeweiß gestrichen bis ans Dach unb an ben Giebel, schneeblank finb auch bie Fensterrahmen, und die freundlichen Fenster darin blicken wie leutselig auf den Dorfplatz hinaus. In unauf­dringlicher unb um so eblerer Vornehmheit stehen Dach unb Giebel vom Schneiberhäusel zwischen einem vergrünten Strohgebeck unb einem grellen Kunstschieferbach mit blechbeschaltem Giebel. Unb ber kleine, schmucke ©arten bavor unb bie Stübchen batjinter! Da sieht man so recht, wie bie schwächliche, bescheidene Frau Lochnerin doch zu ihrem Nobelschneider­meister und Repräsentanzkirchenvatter paßt!

So fein wie klein finb Gärtlein unb Behausung. Drei Weißrosenstöcke, viele gelbe unb rosa Pappelrosen am grünen Zaun unb weiße Winben lenkenrepräsentanzig" ben Blick ab von Schnittlauch, Zwiebelschläuchen, Petersilie unb anberen Zeichen ber Küchennotburft kleiner Leute. Drinnen die niebrigen Stüblein haben etwas von ber Märchenheimlichkeit ber Zwergenbehaufung hinter ben sieben Bergen, unb wenn man brinsitzt, unb brausten nicht gerabe ein Fuhrwerk krawallen, Hunbe bellen, Gänse schnattern ober gar ben Nachbar Wirt über den Völkerbund fluchen hört, so kann man sich weit, weit hinweg träumen aus dem böhmischen Sprachengrenzdorfe Draaschen und dem heißen zwanzigsten Jahrhundert, irgend wohin in so ein ganz ruhiges und ganz hübsches Künstlerkartendorf.

Die drei Stüblein sind eigentlich nur ein einziger Raum, denn es gibt keine Türen zwischen Küchel, Werkstatt und Schlafkammer, bloß Vorhänge aus vielen feinen Fleckerln; im Heinersberger Schloß ist das auch so ähnlich, sagt ber Herr Lochner. Die knappen Räumlichkeiten verlangen ihre eigene Einrichtung; unter bem winzigen weißen Kachelherb steht nicht nur bas Holzkastei, fonbern auch bas Schuhbiinklein; das sieht man freilich nur, wenn ber Vorhang aus altem Rockfutter weggezogen wirb. An ber Wcinb über ber Ofenplatte hängt bas blitzblanke Geschirr mit den gutbürgerlichen Kuchen- und Napfgötzenpfannen; daneben birgt eine Mauernische hinter einem Glastürchen das bessere Glas- und Porzellan­zeug; drei böhmische Rubingläser, sogar ein echtes darunter, bunte An­denkentüpfeln mit herzlichen Grüßen aue Karlsbad, Teplih und Reichen-

bera und ein paar gediegene, alte dunkle Teller dahinter. Auf dem alt­väterisch bemalten Schrank stehen die hohen Gläser, gediegenes Blaswerk aus der Tyffer Hütte, und die wildfteinernen Kruge. Ja, ber Herr Lochner ist gar nicht so unbeblngt für bas Neue; das Alte ist eben solider, sagt er sogar, und leistet sich, von seinem Schmerbauchlein aufblickend, unverkennbare Seitenblicke aus naseweise Lecker, wie ich einer bin An dem Zuschneide- und Bügeltisch in der Werkstatt fallt ebenfalls ein Taufendflickenbehang auf: man kann leicht erraten, daß ein Bett darunter steckt Die weiße Wand ist des weiteren noch mit einigen guten Oeldrucken geziert, Heiligenbilder, bie der eine Sohn aus München einmal mit- brachte. Im Herrgottswinkel oder bem höchst säuberlichen Schneiberttschlein fehlen aüerbings bie altbäuerlichen Glasdilber mit dem reichlichen Rausch, golb auf dem Rahmen ebensowenig wie in den anberen Draaschener Stuben Ja, unb bie Diele noch im Schneiberhäusel, die ist sauber, bah man besonders leicht auf das höchste Lob der Hausfrau kommen muh: Man könnte Zucker vom Fußboden auflecken."

Zwischen den beiden Stubenfenstern, die auf ben Dorfplatz blicken, hängen ein Dutzend Lichtbilder, an Hand welcher die beiden Schneider- alten ihre Lebensgefchichte und die ihrer Kinder erzählen.

Da ist einmal das Brautbild von Achtzehnhundertsechsundachtzig. Dann das Bild von der silbernen Hochzeit. Ein schöner Mann, em fescher Mann dieser ältere Herr Nobelschneidermeister und Reprasentanzkirchen- votier! Die Schneidersleute sind übrigens die einzigen (Efjeleute m bet weiten Umgebung, bie regelrecht ihre silberne Hochzeit feierten, mit Fest, tleibern, Kirchgang, Festessen unb anberer Repräsentanz.

Unb ba waren eben auch bie Kinber so ziemlich alle daheim. Sehn Sie das ist der älteste Sohn mitSeiner"; er arbeitet in einem Münchner kunstgewerblichem Salon und hat sich weit genug hinaufgeschneidert; schad, daß keine Zeit ist, sonst könnten wir uns in ber Schublabe bir Proben seiner Kunst ansehen. Unb da ist das Bild des zweiten Sohnes als Feldwebel vor der Verwundung, einer der ganz wenigen verwundeten Feldwebel, mit der großen Silbernen dekoriert; aber jetzt ist er wieder bei der Schneiderei unb arbeitet in Plauen; sobald er eine (reprasen- tationsfähige) Frau hat, wird er Heimkommen unb bas Haus übernehmen.

Dann bie Silber der Töchter, eine an der Seite eines Finanzers, eine mit einem Schandarmeriewachtmeister, bie Jüngste gar mit einem Juns- bottor in Couleur; Repräsentanz.

Ferner hängt ba ein Lichtbild des früheren Heinersberger Barons, für den der Herr Lochner, als feine Schnitte noch modisch waren, zeit­weilig arbeitete. Ohne Erröten erzählt der Meister von den O-Bemen des Herrn Barons, und wie er trotzdem ein schöner, fescher Mann gewesen, und um ein Haar wäre er, der junge Lochner nämlich, fein, des Grafen nämlich, Kammerdiener geworden. Ha Repräfentanz ...!

Das unvornehme Draaschener Erbübel der Sauferei teilt der Herr Lochner natürlich nicht, geht auch sonst wenig unter bie Dorfgesellschast, überaus seitdem ein ganz repräsentationsunfähiger Kerl im unteren Wirtshaus erklärte, ber Knopplochner gehe zwar wenig ins Wirtshaus, aber bie Meßweinstafchen werben schon wissen, baß er auch gerne einen geistigen Tropfen hat. Diese schändliche Erklärung wurde schändlicher» weise mit großem Gaudio aufgenommen; daher und deshalb also.

Dafür geht er an Kirchentagen ein Stündlein eher zur Kirche hinüber, um sich auf bem Kirchenplatz vor allem mit feinen Kundschaften in ein leutseliges Gespräch einzulassen und sich guafi als der Gastgeber eines Festes 'zu zeigen, der seine lieben Gäste freundlich begrüßt und einfuhrt. Sein Anzug ist immer eleganteste Repräsentanz. Wenn auch nicht alles gut sitzt, was ber Lochner ben Leuten macht bas eigene Zeug sitzt immer herrlich!Aus bie Figur tommts halt auch viel an." O bieser! Sommers ber Rock von bunflem Lüster, bie Seibenweste perlgrau, von bem.felben guten unb teueren Stoff wie bem Herrn Oberlehrer feine. bie Halsbinbe felbftoerfertigt, aber gebiegen von Rest unb Gestalt; die Hose blühweist mit einer Falte so scharf, daß auch die tollsten Hunde davor den Schwanz einziehen. Ein edles Bild, wenn der Herr Lochner auf ben Zehenspitzen wippt. Im Winter trägt er einen bunflen Tuch- anzug und einen schweren schwarzen Ueberzieher mit falschem Astrachan, aber echt. An hohen Festtagen trägt er seinen langen Frack, wohinter bie O-Beine so elegant verschwinden. Aber einmal, alswir", nämlich ber Herr Lochner und der Herr Pfarrer, ein Hochamt machten, wozu auch ber Herr Baron erschienen war, mußte ber noble Kirchenvatter noch im letzten Augenblick heim sich umziehen, weil sich sonst ber Herr Baron neben ihm absolut nicht nobel genug ausgenommen hätte. Wie er es mit sich hält, so hielt er es auch mit ben Buben, solange sie daheim waren; wie oft geriet ba eine Hofe ein bißchen kurz ba hatte schon so ein Schneiberpimpes eine elegante Halbweste davon. Ader die Leute kannten bas von früher unb von anbersroo her und gaben feit jeher willig dem Schneider, was des Schneiders ist.

Wie es der Draaschener Kirchenvatter bei all dieser Weltlichkeit m' bem Himmelreich meint, ist nicht ganz klar zu erkennen. Manchmal spielt ein gar verschmitztes Lächeln unter dem aristokratischen Schnurrbart; jo damals, als ber Herr Lochner beim Weihbrunn, wo alle vorbei müssen, bie hölzerne Statue des trantbeinigen heiligen Pilgers Peregrini mit ber Almosenbüchse aufstellte; weil ihm dabei ber alte Kilian wie in frommer Erwartung einiger Sechferln andächtig zuknappte. sagte der Kirchenvatter:No ja, müssen wir es halt wieder einmal aufstellen, das wehleidige Männl, daß etwas einfommt!"

Wir Frommen und Einfältigeren aber bitten den Herrn, daß er dem Nobelfchneldermeifter und Repräfentanztirchenvatter Laurentius Lochner z» Draaschen in Anbetracht ber eleganten Knickser unb bes schwungvollen Weihgeräuchers vor dem Altäre des Höchsten ihn, nämlich ben Herr" Lochner, dereinst aufnehme ins Licht, wenn der Faden reißt, respektive das Weihrauchfaß kalt wird.

Aber zum Kammerdiener wird ihn ber Herr schon machen muffen, wenn nicht gar zum himmlischen Zeremonienmeister; benn er dürfte wirtlich der ewigen Seligkeit keinen rechten Geschmack abgewinnen ohne Repräsentanzt

verantwortlich: Dr. Han« Thhrtvt. Druck und Derlag: Drühlsch« UniversitätSdruckerei A. Langs, Dieb««.