Ausgabe 
27.9.1937
 
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glauben zu können.

(Fortsetzung folgt.)

Abbä.Aber Sie machen mich so schlecht, wie es ein Junger Mann von heute ist. Während ich ganz einfach sagen wollte, Sie . . ." .

Wagen Sie es, mir zu sagen, daß Sie nicht daran dachten, mir schlimme Dinge anzuraten! Ist das nicht ganz klar? Wenn dieser junge Mann, der sehr nett ist, das gebe ich zu, mir den Hof macht, wird er mcht »n|« Cousine denken. In Paris, weiß ich wohl, opfern fich manche guten Mutter auf diese Weise für das Glück und das Vermögen ihrer Kmder; aber wir sind hier in der Provinz, Herr Abbe."

Unb"°, ^s'uhr sie^ fort,ich möchte nicht, und Adolph selbst würde es nicht wollen, hundert Millionen um diesen Preis erwerben."

Gnädige Frau, ich habe durchaus nicht von hundert Millionen ge­sprochen. Die Versuchung würde vielleicht, bei beiden von uns, über unsere Kräfte gehen. Nichts anderes, als daß ich glaube, daß eine ehrbare Frau sich im besten Sinne, in allen Ehren, kleine Koketterien ohne Folgen erlauben darf, die einen Teil ihrer gesellschaftlichen Pflichten ausmachen, und die ...

Das glauben Sie?"

Sind wir nicht verpflichtet, gnädige Frau, zu versuchen, uns einander angenehm zu machen? . . . Erlauben Sie, daß ich mich schneuze.

versichere Sie, gnädige Frau", fuhr er fort, daß er Sie mit etwas fchmeichel- hasterem Ausdruck durch sein Lorgnon beguckte, als der war, mit dem er mich ansah, aber ich nehme es ihm nicht übel, daß er mehr als dem Alter der Schönheit Ehre erwies ..." .

Das ist klar", sagte der Präsident mit ferner lauten Stimme,daß Herr Grandet von Paris seinen Sohn in ausgesprochensten Heiratsabsichten nach Saumur schickt..." m

Aber dann wäre bet Vetter nicht tote eme Bombe heremgeplatzt, entgegnete der Notar. .

Das beweist nichts", bemerkte Herr des Grasfms,der Alte ist em Geheimniskrämer." ,

Grassins, mein Lieber, ich habe den jungen Mann für übermorgen zum Essen eingeladen. Du mußt Herrn und Frau von Larsonmere dazu bitten, und die Hautoys, mit dem hübschen Fräulein von Hautoy selbst­verständlich; wenn sie sich nur an diesem Tag hübsch anzieht. Aus Eifersucht kleidet ihre Mutter sie so abscheulich! Ich hoffe, meine Herren, Sie machen uns das Vergnügen, zu kommen?" fügte sie hinzu und blieb nut ihrem Be­gleiter stehen, um fich zu den beiden Cruchots umzuwenden.

Da wären Sie zu Haufe, gnädige Frau", sagte der Notar.

Nachdem sie die drei Grassins gegrüßt hatten, gingen die drei Cruchots heim; unterwegs nutzten sie die Begabung zur Analyse, die Kleinstädtern eigentümlich ist, um unter allen Gesichtspunkten das große Ereignis des heutigen Abends zu untersuchen, das die gegenseitige Stellung der Crucho- tisten und der Grassinisten veränderte. Der bewundernswerte gesunde Men­schenverstand, der die Handlungen dieser schlau berechnenden Leute be­stimmte, ließ beide Parteien einsehen, daß augenblicklich ein Bündnis gegen den gemeinsamen Feind nottat. Mußten sie nicht wechselweise Eugeme hindern, ihren Vetter zu lieben, und Charles, an seine Cousine zu denken? Würde der Pariser den falschen Einflüsterungen widerstehen können, den verzuckerten Bosheiten, den mit Lobfprüchen verbrämten Lästerungen, den offenen Verleumdungen, die fich beständig um ihn drehen würden, um ihn zu täuschen? , , , _

Als die vier Verwandten im Saal allem waren, sagte Herr Grandet zu seinem Messen:

Gehen wir schlafen. Es ist zu spät, um über die Sachen zu reden, die dich hersühren; morgen finden wir hierfür einen geeigneten Augenblick. Wir frühstücken hier um acht Uhr. Um zwölf elfen wir etwas Obst, einen Biffen Brot ans der Hand und trinken ein Glas Weißwein, dann offen wir wie die Parifer um fünf Uhr Mittag. Das ist die Tageseinteilung. Wenn du dir die Stadt und Umgebung anfehen willst, bist du frei wie ein Vogel. Du mußt mich entfchuldigen, wenn meine Geschäfte mir nicht immer erlauben, dich zu begleiten. Du wirst vielleicht hören, daß all die Leute hier zu dir fagen, ich fei reich: ,Herr Grandet hier, Herr Grandet da/ Ich laffe sie reden, ihr Geschwätz schadet ja nicht meinem Kredit. Aber ich habe keinen Pfennig und arbeite in meinem Alter wie ein junger Geselle, der als einziges Gut ein gewöhnliches Schnitzmesser besitzt und zwei gesunde Arme. Du wirst bald an dir selbst merken, was ein Taler kostet, wenn man für ihn schwitzen muß. Mach', Nanon, die Kerzen!"

Ich hoffe, lieber Neffe, daß Sie alles finden werden, was Sie brauchen", sagte Frau Grandet,aber wenn Ihnen etwas fehlen sollte, können Sie Nanon rufen." ,

Liebe Tante, das wird schwerlich nötig sein; denn ich glaube, ich habe all meine Sachen mitgebracht. Dars ich Ihnen eine Gute Nacht wünschen und auch Ihnen, kleine Cousine?"

Charles nahm aus Nanons Händen eine angezündete Wachskerze, eine Wachskerze aus Anjou, von sehr gelblichem Ton, die beim Krämer alt geworden war und dem Talglicht so ähnlich sah, daß Herr Grandet, der unmöglich ihre Existenz im Hause vermuten konnte, diese Großartigkeit nicht merkte.

Ich will dir den Weg zeigen", sagte der Alte.

Statt zu der Tür des Saales herauszugehen, die zu dem gewölbten Hauseingang führte, schritt Grandet feierlich durch den Gang, der den Saal von der Küche trennte. Eine Klapptür, mit einem großen ovalen Glaseinfatz schloß den Gang nach der Treppe zu ab, um die Kälte, die von dort herein- strömte, zu mindern. Aber im Winter blies der Nordwind doch sehr rauh von dorther, und trotz den Auspolsterungen an den Türen des Saales hielt sich die Wärme da kaum auf einem erträglichen Grad. Nanon ging, das Tor zu verriegeln, fchloß den Saal ab und machte im Stall einen Wolfshund los, besten Stimme gebrochen klang, tote wenn er die Bräune hätte. Das Tier von außerordentlicher Wildheit kannte nur Nanon. Diefe beiden ländlichen Geschöpfe verstanden sich. Ms Charles die gelblichen und ver­räucherten Wände des engen Hauses sah, in dem die Treppe mit dem wurm- stichigen Geländer unter dem gewichtigen Schritt seines Onkels zitterte, ging's mit seiner Ernüchterung rinforzando. Er kam sich wie auf einer Hühnerleiter vor. Seine Tante und Cousine, zu denen er fich umtoatibte, um ihre Mienen zu befragen, waren fo sehr an diefe Treppe gewöhnt, daß sie den Grund seines Erstaunens nicht errieten, sondern für einen Aus­

druck der Freundschaft hielten, auf den sie mit einem liebenswürdigen Lächeln antworteten, das Charles außer sich brachte.

Warum, zum Teufel, schickt mein Vater mich hierher?" fragte er sich.

Auf dem ersten Treppenabsatz angelangt, sah er drei Türen, m etrusti» chem Rot gestrichen, die sich glatt ohne Rahmen der grauen Wand em« ügten; sie waren mit hervorstechenden eisernen Beschlagen versehen, die lammenartig ausliefen, ebenso wie jedes Ende des langen Schlüssellochs des Schlosses. Die Türe, die sich gegenüber der Treppe befand und in das über der Küche liegende Zimmer führte, war augenscheinlich zugemauert. Man gelangte dorthin tatsächlich nur durch das Zimmer von Grandet, dem jener Raum als Arbeitskabinett diente. Das einzige Fenster, durch das er Licht bekam, war nach dem Hof zu durch riesige Gltterstangen aus Eisen versichert. Niemand, selbst Frau Grandet nicht, durste da hlnemgehen, der Alte wollte dort allein bleiben, wie ein Alchimist bei feinem Schmelz- ofen. Dort war ohne Zweifel ein Versteck sehr geschickt eingebaut, dort wurden die Besitzurkunden ausgespeichert, dort hingen die Waagen, um die Goldstücke zu wägen, dort entstanden nächtlicherweile und im geheimen die Quittungen, die Empfangsscheine, die Berechnungen; dergestalt, daß die Geschäftsleute, die Grandet für alles gerüstet sahen, sich einbtlben konnten, er habe eine Fee ober einen Dämon zu seiner Verfügung. Kem Zweifel, daß dorthin, wenn Nanon schnarchte, daß die Balken sich bogen, wenn der Wolfshund im Hof wachte und bellte, wenn Frau und Fraulem Grandet fest eingefchlafen waren, daß dorthin der alte Küfer kam, um sein Gold zu hegen und zu pflegen, mit seinen Blicken daran zu Hängen, es durcheinander zu mengen, es zu umfassen. Die Wände waren dick, tue Laden verschwiegen. Er allein hatte den Schlüssel zu diesem Laboratorium, wo er, wie man sagte, die Pläne studierte, aus denen seine Obstbäume verzeichnet waren, und wo er seine Erträge verrechnete, auf einen Ableger, auf em Reisigbündel genau. Der Eingang zu Eugeniens Zimmer befand sich dieser vermauerten Tür gegenüber. Dann, am Ende des Treppenabsatzes, kamen die Zimmer der Ehegatten, die die ganze Front des Hauses emnahmen. Frau Grandets Zimmer stieß an das von Eugenie, in das man durch eme Glastür eintrat. Das Zimmer des Hausherrn wurde von dem feiner Frau durch eine dünne Wand getrennt und von dem geheimnisvollen Kabinett durch eine dicke Mauer. Vater Grandet hatte feinen Neffen m der zweiten Etage einquartiert, hoch in der Mansarde, die über feinem Zimmer lag, damit er ihn hören konnte, wenn es ihm einfiel, auszugehen und zu kommen. Als Eugenie und ihre Mutter in der Mitte des Treppenabsatzes waren, gaben sie sich den Gutenachtkuß; bann nach ein paar Abschrebsworten zu Charles, bie auf ben Lippen frostig, aber sicherlich voll Wärme im Herzen bes jungen Mäbchens waren, zogen sie sich in ihre Zimmer zurück.

Hier wohnst bu, lieber Neffe", sagte Vater Grandet zu Charles unb öffnete ihm die Tür.Wenn du rausgehen mußt, mußt du Nanon rufen. Sonst Gnade dir Gott! Der Hund würde dich verspeisen, ohne dich um Er­laubnis zu bitten. Schlaf wohl. Gute NachtI Ah! sieh an! die Damen haben Feuer für dich gemacht", bemerkte er. ,

In diesem Augenblick erschien bie lange Nanon, mit einer Warme- Pfanne bewaffnet.

Unb ba kommt sogar noch eins!" sagte Granbet.Hältst bu meinen Neffen für eine Frau in ben Wochen? Willst du wohl deine Kohlenglut wegschaffen, Nanon." .. , ,

Aber, Herr, die Bettücher find feucht, unb dieser Herr ist wirklich zierlich wie eine Dame." , .

Also los, mach' zu, weil du es dir in den Kopf gefetzt hast", sagte Grandet und fchob sie bei den Schultern vorwärts,aber sei vorsichtig mit dem

Dann flieg bet Geizhals hinab unb murmelte unvetstänbliche Worte *n ^Charles'stanb verdutzt inmitten feiner Koffer. Seine Augen glitten über bie Wänbe eines Manfardenzimmers, bas mit fo einer gelben Blumen- straußtapete tapeziert war, wie man fie in ben Kneipen hat, über einen Kamm aus Kalkstein mit Riefen, bei dessen bloßem Anblick man fror, über gelbe Holzstühle mit lackiertem Rohriitz, die mehr als vier Kanten zu haben schienen, über ein Ungetüm von offenem Nachttisch, in dem ein kleiner Tembourmajor hätte Platz finden können, über den dürftigen Teppich­streifen am untern Ende des Himmelbetts, beffen völlig mottenzerfressene Tuchseiten zitterten, wie wenn sie herabfallen wollten; bann blickte er die lange Nanon ernsthaft an unb fagte zu ihr:

Jst's möglich, mein gutes Kinb, bin ich wirklich bei Herrn Grandet, dem früheren Bürgermeister von Saumur, dem Bruder von Herrn Grandet aus Paris?"

Ei gewiß, Herr, bei einem sehr netten, sehr guten, vortrefflichen Herrn. Soll ich Ihnen beim Auspacken Ihrer Koffer helfen?"

Wahrhaftig, das wär' mir lieb, mein alter Krieger. Haben Sie etwa bei der Gardemarine gedient?" , ,

Ei, ei, ei, ei", fagte Nanon.Was ist denn das, die Mar,merten der Garde? Ist das salzig? Geht das aufs Wasser?"

Wart', nimm meinen Schlafrock heraus, in btefem Koffer da. Hier i|t der Schlüffe!" , . .

Nanon wurde von Verwunderung überwältigt beim Anblick eines Schlafrocks aus grüner Seide mit goldenen Blumen und antiken Mustern.

Das wollen Sie anziehen, um schlafen zu gehen?" sagte sie.

"Heilige Jungfrau I Die schöne Altardecke, die das für die Pfarrkirche geben würde. Aber, mein liebes junges Herrchen, geben Sie das docy der Kirche, Sie werden Ihre Seele retten, die das hier ins Verderben bringen wird. Oh, wie find Sie doch hübfch so! Ich will unser Fräulem rufen, damit fie Sie ansieht." ., - ,

Halt, Nanon, wollen Sie still sein! Lassen Sie mich schlafen gehen, ich will meine Sachen morgen auspacken, und wenn mein Schlafrock Ztzuen fo gefällt, so sollen Sie Ihre Seele retten. Ich bin ein zu guter Christ, um ihn Ihnen vorzuenthalten, wenn ich weggehe, und Sie können barmt at^ fangen, was Sie wollen." , . .

Nanon stand wie angewurzelt und sah Charles an, ohne fernen -worteu