Jahrgang (957
Montag, den 27. September
Nummer 75
mnöei
«gerne
Bruder, Charles ist ein junger Mann von Rechtschafsenheit und Mut; rüste ihn mit einer kleinen Warenladung aus, so wird er lieber sterben, als Dir nicht zurückzugeben, was Du ihm zum Anfängen geliehen hast. Denn Du mußt sie ihm leihen, Grandet, wenn Du Dir nicht Gewissensbisse schaffen willst. Ach, wenn mein Kind keine Hilfe und Liebe bei Dir sände, so würde ich ewig Gott um Rache für Deine Härte anrufen. Wenn ich einige Werte hätte retten können, würde ich wohl das Recht haben, ihm ejne Summe für das Vermögen seiner Mutter wiederzugeben; aber meine Zahlungen am Monatsende haben alle meine Hilfsquellen erschöpft. Ich wäre lieber nicht in der Ungewißheit über das Schicksal meines Kindes gestorben, es wäre mir lieber gewesen, heilige Gelübde in Deinem warmen Händedruck zu spüren, der mich wieder erwärmt hätte, aber es gebricht mir an Zeit. Während Charles unterwegs ist, muß ich meine Bilanz ziehen. Ich versuche, durch den guten Glauben, der mich bei meinen Geschäften leitete, zu beweisen, daß bei meinem Unstern kein Verschulden und keine Unredlichkeit ist. Heißt das nicht, sich mit Charles beschäftigen? Leb wohl, lieber Bruder. Möge Dir der volle Segen Gottes zuteil werden für die Vormundschaft, hie ich Dir anvertraue, und die Du, daran zweifle ich nicht, hochherzig annehmen wirst. Es wird ohne Unterlaß eine Stimme für Dich beten in der Welt, in die wir alle eines Tages eingehen müssen, und in der ich schon bin.
Victor-Ange-Guillaume Grandet."
„Unterhalten Sie sich gut?" sagte der alte Grandet; er kniffte den Brief genau in die früheren Falten und steckte ihn in die Tasche seiner Weste. Er sah seinen Neffen mit einer unterwürfigen und furchtsamen Miene an, hinter der er seine Aufregung und seine Berechnungen verbarg.
„Hast du dich gewärmt?"
„Sehr gut, mein lieber Onkel."
„Nanu, wo sind denn unsere Frauen?" sagte der Onkel, der schon vergessen hatte, daß sein Neffe bei ihm übernachtete.
In diesem Augenblick kamen Eugenie und Fran Grandet wieder herein.
„Ist alles in Ordnung oben?" fragte der Alte und hatte seine Ruhe wiedergesunden.
„Ja, lieber Vater."
„Na also, Neffe, wenn du müde bist, wird dich Nanon in dein Zimmer führen. Weiß Gott, das ist kein Zimmer für ein feines Herrchen, aber du wirst uns arme Winzer entschuldigen, die wir nie einen Pfennig haben. Die Steuern fressen uns alles auf."
„Wir wollen keine Störenfriede sein, Grandet", sagte der Bankier. „Sie werden vielleicht mit Ihrem Neffen plaudern wollen, wünsche einen angenehmen Abend! Bis morgen." Bei diesen Worten erhob sich die Gesellschaft, jeder verabschiedete sich auf seine Art. Der alte Notar ging vom Eingang seine Laterne holen, zündete sie an und erbot sich, die Grassins nach Hause zu bringen. Frau des Grassins hatte ja den Zwischenfall, der den Abend zu früh beendete, nicht vorhersehen können, und ihr Diener war daher noch nicht da.
„Erweisen Sie mir die Ehre, meinen Arm zu nehmen?" sagte der Abbe Cruchot zu Frau des Grassins.
„Danke, Herr Abbe, ich habe meinen Sohn", antwortete sie trocken. „Aber die Damen kompromittieren sich nicht mit mir", sagte der Abbe. „Gib doch Herrn Cruchot den Arm", sagte ihr Mann zu ihr.
Der Abbe führte die hübsche Frau geschickt so, daß er sich mit ihr ein paar Schritte vor der Karawane befand.
„Sehr nett ist dieser junge Mann, gnädige Frau", sagte er zu ihr und drückte ihren Arm. „Nnn heißt es, Fräulein Grandet Valet sagen. Eugenie gehört dem Pariser. Falls nicht dieser Vetter in eine Pariserin vernarrt ist, findet Ihr Adolph in ihm einen Widersacher von größter ..."
„Lassen Sie nur, Herr Abbe. Dieser junge Mann wird schnell genug bemerken, daß Eugenie eine Gans ist, ein Mädel ohne jede Frische. Haben Sie sie angesehen? Sie war heute abend quittegelb."
„Sie haben vielleicht schon den Vetter daraus aufmerksam gemacht?" „Ich habe mich nicht geniert."
„Halten Sie sich nur immer neben Eugenie, gnädige Frau, und Sie brauchen diesem jungen Mann gar nicht viel gegen seine Cousine zu lagen, et wird von selbst einen Vergleich anstellen, der —"
„Er hat mir bereits versprochen, übermorgen zum Essen zu mir zu kommen."
„Ah, wenn Sie nur wollten, gnädige Frau . . ." sagte der Abbe.
„Und was wollen Sie, daß ich will, Herr Abbe? Denken Sie, mir auf diese Weise schlechte Ratschläge zu geben? Ich bin nicht neununddreißig Jahre alt geworden mit einem Gott sei Dank tadellosen Ruf, um ihn zu kompromittieren, selbst wenn es sich um das Reich des Großmoguls handeln würde. Wir stehen beide in dem Alter, Sie und ich, in dem man weiß, was Worte sagen wollen. Für einen Geistlichen haben Sie wahrhaftig recht unpassende Ansichten. Pfui, das ist ja eines Faublas würdig."
„Sie haben also Faublas gelesen?"
„Nein, Herr Abbe, ich wollte sagen ,die Liaisons dangereuses’." »Ah, dies Buch ist allerdings unendlich moralischer", sagte lächelnd der
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ROMAN
von Honore de Balzac
4. Fortsetzung.
Und jeder kann sich ein Bild von der erzwungenen Fassung des Mannes machen beim Lesen des verhängnisvollen Briefes, der so lautete:
„Lieber Bruder, wir haben uns jetzt seit fast dteiundzwanzig Jahren nicht mehr gesehen. Meine Verheiratung wat der Anlaß unserer letzten !Zusammenkunft, nach der wir uns beide befriedigt getrennt haben. Wahr- laftig, nie hätte ich gedacht, baß Du eines Tages die einzige Stütze der familie fein würdest, über deren Blühen und Gedeihen Du Dich damals reutest. Wenn Du diesen Brief in der Hand hältst, bin ich nicht mehr. In meiner Stellung wollte ich die Schande eines Bankrotts nicht überleben. Ich habe mich bis zum letzten Moment am Rande des Strudels gehalten, in der Hoffnung, wenigstens nach oben zu schwimmen. Ich sollte hineinstürzen. Der Bankrott meines Wechselmaklers zugleich mit dem von meinem Notar Roguin hat meine letzten Hilfsquellen versiegen lassen, und mir bleibt nichts. Ich habe das Unglück, fast vier Millionen fchuldig zu sein und dagegen nicht mehr als fünfundzwanzig Prozent Aktiva bieten zu können. Die Weine in meinen Lagerhäusern spüren in diesem Augenblick die verhängnisvolle Baisse, die durch den Ueberflnß und die Qualität Deiner Ernten verursacht wird. In drei Tagen wird Paris sagen: ,Herr Grandet war ein Schuft.' Ich bette mich, der ich rechtschaffen bin, in ein Leichentuch von Schande. Ich raube meinem Sohn sowohl seinen Namen, den ich beflecke, wie das Vermögen seiner Mutter. Er weiß nichts davon, das unglückliche Kind, das ich abgöttisch liebe. Wir haben uns zärtlich Lebewohl gesagt. Er ahnte zum Glück nicht, daß die letzten Flutungen meines Lebens sich in diesen Abschied ergossen. Wird er mich nicht eines Tages verwünschen? Bruder, Bruder, der Fluch unserer Kinder ist entsetzlich. Sie können gegen den unsern Vorstellungen erheben, aber der ihre ist unwiderruflich. Grandet, Du bist mein älterer Bruder, Du bist mir Deinen Schuh fchuldig: sorge dafür, daß Charles mir kein bittres Wort in mein Grab nachschickt. Lieber Bruder, wenn ich Dir mit Blut und Tränen schreiben würde, wären es nicht so große Schmerzen, wie ich sie bei diesem Brief erdulde: denn ich würde weinen, ich würde bluten, ich würde sterben und nicht mehr leiden; aber ich leide und sehe den Tod trockenen Auges an. Du mußt also jetzt Charles' Vater sein. Er hat keine Verwandten mütterlicherseits, Du weißt warum. Warum bin ich nicht den sozialen Vorurteilen gefolgt? Warum igab ich der Liebe nach? Warum habe ich die natürliche Tochter eines Aristo- Iraten geheiratet? Nun hat Charles keine Familie. Ach, mein Sohn, mein unglücklicher Sohn. Höre, Grandet, ich komme nicht, um Dich um meinet« willen anzuflehen. Zudem würde Dein Reichtum vielleicht nicht groß genug jein, um eine Hypothek von drei Millionen zu vertragen; aber um meines Sohnes willen. Merke dies wohl, lieber Bruder, meine flehenden Hände falten sich in Gedanken an Dich. Grandet, sterbend vertraue ich Dir Charles cm. Und jetzt blicke ich ohne Gram auf meine Pistolen in dem Gedanken, daß Du ihm Vater sein wirst. Mein Charles, er liebt mich sehr: ich war so gut zu ihm, ich war ihm nie im Weg; er wird mich nicht versluchen. Im übrigen, Du wirst ja sehen; er ist sanft, er ähnelt seiner Mutter, er wird Dir nie Kummer machen. Das arme Kind; er ist an das Schwelgen im Luxus gewöhnt, er hat keine einzige Entbehrung kennengelernt, wie sie uns beiden unsere anfängliche Armut aufgezwungen hat. Und nun: ruiniert vazustehen und allein! Denn sicher, alle seine Freunde werden ihm ausweichen, und ich bin es, ich bin die Ursache feiner Demütigungen. Ach, ich wünschte, ich hätte einen Arm, stark genug, ihn mit einem Muck in den Dimmet zu entführen, an die Seite seiner Mutter. Törichte Rede. ^zch lehre zu meinem Unglück zurück, zu dem von Charles. Ich schicke ihn Dir •Ifo, damit Du ihn in angemessener Weise sowohl von meinem ^.od unterrichtest wie von seinem Los in der Zukunft. Sei sein Vater, aber sei ein tutet Vater. Entreiße ihn nicht auf einmal seinem bequemen Leben, Du bürdest ihn töten. Ich bitte ihn kniefällig, aus die Schuldforderung zu ver- «iichten, die er als Erbe seiner Mutter gegen mich anstrengen könnte. Aber las ist eine überflüssige Bitte. Er hat Ehrgefühl; er wird selbst fühlen, daß •j sich nicht mit seinen Gläubigern verbinden darf. Laß ihn auf meine Erbschaft zu gegebener Zeit verzichten. Mache ihn mit den harten Lebens» [ebingungen bekannt, die ich ihm schaffe; und wenn er mir seine Liebe i^wahrt, dann sage ihm in meinem Namen, daß für ihn noch nicht alles ''«loten ist. Denn die Arbeit, die uns beiden geholfen hat, kann 'hm das Setmögen wiedergeben, das ich ihm nehme; wenn er auf das Wort seines Aaters hören will, der seinetwegen gern für einen Augenblick aus dem cirab steigen möchte, so soll er fortreisen, soll er nach Indien gehen. Lieber
Siebener ^amilienblättcr
Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger


