Im Wirtshaus begrüßen uns die drei Schwestern. Zwei sind blond, eine ist schwarz. Der Iägersepp ist auch da. Er scheint, daß er es mit der jüngeren Blonden hat. Ein großes Hallo ist zwischen ihm und dem Beni, der vielleicht die Schwarze nicht ungern sieht. Möglich, daß sie noch einmal verschwägert sein werden. Einstweilen trinken sie die erste Halbe auf die fröhliche Begegnung.
Wie ich in der Wirtsstube das Bild des verschollenen Seemanns betrachte, erfahre ich eine große Neuigkeit. Ein Brief ist gekommen — vor drei Tagen — aus Amerika. Der Bruder hat sich wiedergefunden. Endlich! Er ist gesund und es geht ihm gut.
Die ältere Blonde erzählt mir, wie es war. Da am Schanktisch, haben sie gestanden, als der Brief mit der freinden Marke kam. Die Hände haben allen dreien gezittert, als ihn die eine geöffnet hat. Und dann haben sie laut geweint vor Freude — alle drei.
Nun also — schön. Ich gratuliere.
Ja, auch von der Schwägerin fei ein Bries dabei. Aber den könne niemand lesen, nicht einmal der Herr Pfarrer — weil er englisch geschrieben sei. Die Schwägerin sei Amerikanerin und könne gewiß nicht Deutsch. Ich lese den Brief deutsch vor, und alle drei Mädchen staunen mich wie ein Wunder an.
Auch der Fischerbeni und der Iägersepp haben Respekt vor meiner Weisheit. Ja, meine Herren — unsereiner kann auch aufwarten, und wenn er zehnmal ein schlechter Fischer ist!
Gebläht von Hoffart stehe ich da Nun werden wir sehen, ob ich nicht doch ein Fischer bin. Ich werde meine Angel auswerfen. Soll es die junge Blonde, soll es die Schwarze sein? Ich denke, ich werde es am besten bei allen dreien versuchen.
Wir machen nun Brotzeit, wie es Männern ziemt, die der Fischerei und Jagd obliegen Wir trinken, daß es eine Art hat, und singen dann alle zusammen das schöne Lied:
„Mariechen saß einsam im Garten, Im Schoße, da schlummert ihr Kind, In ihren schwarzbraunen Locken Spielt säuselnd der Abendwind."
Der säuselnde Abendwind ist ja recht schön, aber doch zu angreisend wehmütig. Der Iägersepp stimmt darum ein anderes Lied an, und das geht schon besser:
„Schätzers, i sieh es scho', du magst mi nimma, Du host an andern Schatz in deinem Zimma, Du tuest» aus lauta Lieb herzn und küssn, Gibst ihm, wennst essn tuest, den letzten Bissn, Du wirfst di wegn seiner halt immer in Putz, I siehs, du tuest ma grob alles zum Trutz.
Glaubst denn, jo wos ton mi kränka? Nöt? Gott bewahr, nöt amol denka.
Glaubst denn, so was ton mi kränka? Nöt?
Gott bewahr, gar nöt denka."
Trinken und Singen macht warm. Der Iägersepp und der Fischerbeni bemühen sich handfest um ihre Schönen. Doch siehe da, sie zappeln an meiner Angel — eine nach der anderen. Aber ich nehme sie behutsam von der Angel und lasse sie in ihr vertrautes Element zurückgleiten. Ich will ja nicht den bösen Raben spielen.
Grüß euch Gott, ihr Mädchen!
Wie ich mit dem Beni den Inn entlang heimwärtsgehe, sind wir nach allen diesen Taten und Erlebnissen munter wie junge Hunde.
An einer Wegbiegung verabschiedet sich der Beni, und ich sehe noch lange seine hohe Gestalt gleich der eines sagenhaften Nomaden bergan und immer weiter aufwärts steigen, bis sie, mit grüßend emporge- worsenem Arm auf der Höhe angelangt, ganz plötzlich in den Horizont hinein verschwindet.
Ein Schulfreund.
Von Hermann Claudius.
Kolluhn hieß er, Max Kolluhn. Ich besuchte die dritte VolksschuMasse in der Osterstraße, als Kolluhn hinzukam. Er war so mager und blaß wie ich und etwas kleiner. Sein Haar hing ihm wie ein hellgelbes Strohdach über die Stirn und in den Nacken. Seine Augen lagen tief. Ulenogen — Eulenaugen — sagten die Mitschüler dazu.
Ich kümmerte mich zuerst wenig um den Neuen, saß auf der ersten Bank und wußte, was das bedeutete.
Dann kam die Zeichenstunde, und jemand sollte eine Milchkarre an die Wandtafel zeichnen. Herr Sierck meinte, die ewigen Tabellen seien langweilig, und versuchte es auf seine Art.
Ich hielt meinen Finger hoch, obwohl die Milchkarre eine heikle Sache war. Unser Milchmann Sellhorn fuhr einen Milchwagen mit einem falben Roß davor. Den kannte ich gut und wollte ihn wohl hinkriegen. Aber die Karre?
Da sagte Herr Sierck: „Sieh da, der Neue, Kolluhn, nimm die Kreide!" Und Max Kolluhn, der Neue, geht an die große schwarze Tafel, vor der die meisten von uns einen Heidenrespekt hatten, und sängt an zu malen.
Ich wartete mit heimlicher Genugtuung, daß es nichts werden würde und daß ich dann herankäme, es richtig zu machen. Aber der kleine Kolluhn stand und führte das weiße Stück Kreide mit seinen hageren Fingern Strich um Strich und wischte nichts wieder weg, was falsch geworden war, und malte die Räder und die beiden langen Tragstangen mit den Haken und den Eimern und Kannen daran und malte den Flaschenkasten mit dem Deckel und ja — wahrhaftig — er malte jetzt den Hund, der die Karre zog. Man sah ordentlich, wie er sich ins Geschirr legte und wie ihm die Zunge yercmslstng.
„Und der Milchmann?" — sagte Herr Sierck und hatte leuchtende Augen wie immer, wenn er sich freute. \
Haha! dachte ich noch einmal — das kann er nicht! Aber siehe: auch der Milchmann kam Strich um Strich auf die Tafel, wie er sich in den weißen,
ausgekrempelten Hemdärmeln halb auf die Karre stützt und halb die Beine nachbaumeln läßt.
„Das ist aber fein!" sagt Herr Sierck und streicht dem Neuen über seinen hellen Haarschopf. Der behält aber fein trauriges Gesicht, als sei nichts geschehen. Ich saß und fieberte.
Im Zeichnen — aber im Rechnen? — Ich erlebte, was ich hernach hundertmal erleben mußte: daß mich einer in meinem Lieblingsfach überrannte und gar nicht einmal zu merken schien, daß ich am Boden lag.
Ich sah seither Max Kolluhn böse an und mied ihn. Heimlich aber gingen meine Blicke immer wieder aus sein schmales Eulengesicht zurück.
Ich hatte den Kolluhn lieb; ich wußte es nur noch nicht. Danach kam bald der Tag, der es mich lehrte. Weil der Neue still und verschlossen war, und weil seine große Gabe, alles, aber auch alles hinmalen zu können, den Mitschülern unheimlich wurde, so befehdeten sie ihn, wenn nur irgendein Grund dazu vorhanden fein mochte. Namentlich seit er Barbarossa in seiner Höhle gezeichnet hatte samt den Zwergen und den schlafenden Rittern und den schwarzen Raben, die um den Berg herumflogen — und seit alle Lehrer der anderen Klassen hereingekommen waren und sein Werk gebührend bestaunt hatten, waren sie ihm spinnefeind. Eines Tages — es war an einem Sonnabend eben vor Schulschluß — hörte ich, daß einige dem Kolluhn aus dem Nachhauseweg auflauern und ihn gehörig durchprügeln wollten. Warum? Den Anlaß habe ich vergessen; aber der wahre Grund war seine sonderliche Art und seine immer traurigen Augen, die den anderen unverständlich waren und sie reizten.
Ich weiß nicht, wie ich dazu kam. Ich mochte doch den Kolluhn nicht. Ich haßte ihn doch, meinte ich. Aber ich hielt mich auf dem Heimwege, den wir einen Teil gemeinsam hatten, an seiner Seite. Und richtig. An der Ecke vom Hinschgang ging es los. Steine flogen. Und als wir uns nicht darum kümmerten, trat der lange Festing heran und warf Kolluhn die Mühe vom Kopf. Kolluhn sah den Festing mit seinen traurigen Augen an und hätte am Ende die Mütze gar nicht wieder aufgehoben. Ich bückte mich und hob sie auf und sagte mit der Gewalt eines, der auf der ersten Bank faß: Sie jollten Kolluhn in Ruh lassen. Da lachten sie alle miteinander los und fingen eine lange Hänfelei an, immer dicht hinter uns beiden her. Ich wäre meiner Natur und der Schnelligkeit meiner Seine nach am liebsten ausgerückt. Aber Kolluhn ging seinen gewohnten Schritt mit vorgeschobenen Knien weiter.
Da gab ihm der lange Festing, unser Stärkster, einen harten Knuff in den Rücken, daß dem Kolluhn seine Schulsachen, die er lose unter dem Arm trug, auf die Straße folterten.
Ich bin nie mutig gewesen, was körperliches Sichwehren angeht; aber diese offenbare Herzlosigkeit der Bande fetzte mich fo in Wut, daß ich meine eigenste Natur vergaß, meine Butterbrotdofe vom Hälfe riß und damit wie rasend auf den langen Festing und die sonst noch in seiner Nähe waren, loshieb.
Ich hatte Glück und traf Festing so, daß ihm das Blut gefährlich aus der Nafe schoß und er sich um feine blutende Nase und zunächst nicht um mich kümmern mußte. Sonst wäre es mir sicher schlecht ergangen. Zu meiner großen Verwunderung blieben auch die übrigen Helden plötzlich zurück, so daß Kolluhn und ich bald aus Sichtweite und geborgen waren.
Von jener Stunde an waren wir Freunde, ohne daß es eines Wortes bedurfte. Kolluhn — ich blieb merkwürdigerweife bei feinem Nachnamen — besuchte mich seitdem oft. Seltener ging ich zu ihm. Sein Vater war Schuster und wohnte in einem tiefliegenden Keller, der feucht und dunkel war und mir wie ein Gefängnis vorkam.
War Kolluhn bei mit, so hockten wir eng beieinander und malten. Lange Jahre habe ich dicke Rollen weißer Papierbogen aufbewahrt gehabt, die auf beiden Seiten mit allem Möglichen und Unmöglichen bemalt waren. Mein guter Vater brachte sie uns heimlicherweise aus feinem Büro mit — wahrscheinlich, weil ihm unfet Eifer sonst zu teuer gekommen wäre. Auch rote und blaue Kreidestifte gab er uns. Sie waren fehr fchwierig anzuspitzen und brachen oft im letzten Augenblick wieder ab.
Bei diesem gemeinsamen Zeichnen war ich es, der die Einfälle hatte, was wir malen wollten, war es Kolluhn, der unentwegt loszeichnete und um jede Einzelheit — auch in den verwickelsten Dingen — Bescheid wußte.
Ich muß sagen, daß ich immer weniger zeichnete und immer mehr nur angab und in Worte über das ausbrach, was Kolluhn malen sollte oder sertig- gebracht hatte.
Plötzlich blieb Max Kolluhn weg. Er blieb in der Schule weg. Er kam nicht mehr zu Besuch. Max Kolluhn — hieß es — läge krank. Er lag lange krank. Ich weiß nicht, warum ich ihn all die Zeit nicht besucht habe. Aber ich habe es nicht getan. Ich war nun wieder Held in der Klasse, der alles zeichnen konnte. Und ich spürte wohl, wieviel ich hinzugelernt hatte. Aber ich muß dennoch sagen, daß es mir wenig Freude gemacht hat, wenn auch Herrn Siercks Augen mich anstrahlten.
Und bann hieß es: Max Kolluhn ist gestorben. Wir sammelten in der Klasse zum Totenkranz. Auch die ärgsten Schreier hatten ein stilles und ungewisses Gesicht. Als der Tag war, da sie ihn hinaustrugen, war ich nicht dabei. Ich lag zu Bett und fieberte und phantasierte — ob es schon unmittelbar mit dem Kranksein und Sterben des Max Kolluhn nichts zu tun haben mochte. Als ich nach vier Wochen wieder in die Klasse kam, war Max Kolluhn schon längst vergessen. Und wenn es etwas Besonderes an die Wandtafel zu zeichnen gab, fo rief Herr Sierck wieder wie früher meinen Namen.
Sobald ich aber vor der schwarzen Tafel stand und die weiße Kreide in der Hand hielt, war es mir immer, als stände Max Kolluhn neben mit und ich müßte ihm sagen, wie ich es mir dächte und ihm die weiße Kreide in feine Hand drücken, daß er es zeichne. Und ich hatte eine große Sehnsucht nach seinem schmalen Eulengesicht mit den traurigen Augen und sah sie nachts im Traum und sprach mit ihm und war traurig, wenn ich aufwachte.
Und zeichnete immer weniger und weniger auf die Tafel oder auf das Papier hinauf — und malte mit alles nur im Kopfe aus. Und diese Bildet waten die allerschönsten, und ich trug sie fröhlich und heimlich mit mit herum. Und hinter manchem von ihnen sahen wie durch einen Nebel zwei traurige Eulenaugen hervor: die meines Freundes Max Kolluhn, der gestorben war.
Verantwortlich: vr. HansThyriot. — Druck undBerlag:VrühljcheUniverfitätsdruckereiR.Lange, Gießen.


