Mein Fluß.
Von Eduard Mörlke.
O Fluh, mein Fluß im Morgenstrahll Empfange nun, empfange Den sehnfuchtsvollen Leib einmal Und küsse Brust und Wange I.— Er fühlt mir schon heraus die Brust, Und kühlt mit Liebesschauerlust Und jauchzendem Gesänge.
Es schlüpft der goldne Sonnenschein In Tropfen an mir nieder, Die Woge wieget aus und ein Die hingegebnen Glieder, Die Arme hab' ich ausgespannt: Sie kommt auf mich herzugerannt, Sie faßt und läßt mich wieder.
Du murmelst so, mein Fluß: warum? Du trägst seit alten Tagen Ein seltsam Märchen mit dir um Und mühst dich, es zu sagen;
Du eilst so sehr und läufst so sehr. Als mühtest du im Land umher, Man weiß nicht wen, drum fragen.
Der Himmel, blau und kinderrein. Worin die Wellen singen, Der Himmel ist die Seel« dein: O laß mich ihn durchdringen!
Ich tauche mich mit Geist und Sinn Durch die vertiefte Bläue hin Und kann sie nicht erschwingen.
Was ist so tief, so tief wie sie?
Die Liebe nur alleine.
Sie wird nicht satt und sättigt nie Mit ihrem Wechselscheine. — Schwill an, mein Fluß, und hebe dich. Mit Grausen übergieße mich!
Mein Leben um das deine!
Du weisest schmeichelnd mich zurück Zu deiner Blumenschwelle.
So trage denn allein dein Glück Und wieg' aus deiner Welle Der Sonne Pracht, des Mondes Ruh! Nach tausend Irren kehrest du Zur ew'gen Mutterquelle.
Wir fischen am Jungsernhaus.
Von Peter Scher.
Im Tau des frühen Morgens treffe ich den Beni dort, wo die kleine Attel sich mit dem mächtigen Inn vereint. Hoch am wolkenlosen Himmel steht die Sonne. In einer flirrenden Wärmewelle tanzen Mucken und Libellen über dem Wasser. Möwen kreischen mit kraftvollem Mißgeton, tauchen einen flüchtigen Augenblick ins Wasser und stürzen sich sonnentrunken himmelan. Vom alten Kloster in der Höhe hallt dunkel Gesang von Mönchen. Ein heiteres Glöckchen bimmelt dazwischen. Am Fuß des Berges neben dem Wirtshaus weiden Rinder.
Wie ich über die Attelbrücke gehe, sehe ich unten den Beni abseits des Flüßchens bis an die Knie im Sumpf waten. Ich rufe ihm zu. Er wirft nur seitwärts einen scharfen Blick, macht eine lässige Bewegung mit der Hand und beschäftigt sich schon wieder mit seinem Angelgerät.
Im Eingang zum Atteltal stehen uralte Weiden. Rundum das sumpfige Wasser wimmelt von kleinem Fischzeug. Kein Lüftchen geht. Die Berge drüben stehen schneeweiß gegen den klarblauen Himmel. Der Sumps liegt still. Wir werden vielleicht Glück haben. Ich steige hinunter.
„Grüß dich Gott, Beni!" sagte ich und lege meine Hand in seine große, schwarze, von hellen Furchen durchrillte Klaue.
„Petri Heil!" erwidert der Beni mit dem alten Fischergruh. Das bedeutet, daß er den Tag nicht verloren gibt. Im andern Fall das heißt, wenn bewegtes Wasser die Fische in der Tiefe halt verschwendet «r nicht so leicht den Gruß.
Ich sehe mir den Beni an. Sein Anzug ist zeitlos. Tausend Jahre zurück, und es wäre kaum ein Unterschied. Ein altes, zerfetztes, lederne Wams, vom Krieg her in seinem Besitz, würde als ^auptbekleidung eine heidnischen Nomaden durchaus denkbar lein. Seine Nase ist ein Adler- lchnabel, der hängende Schnurrbart die Manneszierde eines echten Räubers. Die Brauen sind Büschel, unter denen verschmitzte Luchsaugen ouf Beute lauern. Gleichwohl hat der Mund einen gu mutigen Zug, der überdies Anlage zu Humor verrät — wenn auch gelegentlich mii 2io= lchweifung zu scharfem Spott. , t _. . . „
Der Beni sieht meinen neugierigen Blick nach dem Netz, In dem er
die Fische zu sammeln pflegt. Es liegt im Schilf versteckt. Er wt scheinheilig so, als ob er mißvergnügt sei, weil er nichts gefangen habe. Ich
kenne den Beni und spiele mit. ..
„Du wirst dir für nichts und wieder nichts das schönste Gliederreißen holen", sage ich, auf seine nackten Beine zeigend.
„Oho — einen alten Schuh hab' ich gefangen! .er heuchlerifch grimmig. Aber da verdirbt die Natur ihm das Spiel; ein Hupfen des
Netzes beweist, daß er lügt. Ich ziehe es aus dem Schilf. Ein dreipfündiger Huchen und ein ebenso schwerer Eitel sind darin. Ein silberner Blitz zuckt durch die Maschen.
Der Beni lacht, daß es weithin schallt. „Da muht du früher ausstehen, wenn du mich mit leerem Netz erwischen willst!" sagt er überlegen. „Aber jetzt an den Fluß — du wirst Augen machen, mein Lieber!"
Er nimmt das Netz hoch, und wir waten durch den Sumpf ans Ufer der Attel, schreiten slußauswärts tiefer ins Tal und halten am ersten Gehölz, aus dem es tausendfältig schmettert, jauchzt und {lottert, daß es eine Lust ist. Ein Vogelparadies. Junge Stare machen die ersten Flugversuche. Grasmücken, Finken, Drosseln — alles musiziert wie närrisch durcheinander. Dann und wann taucht schneeweiß eine Möwe auf, Pirole flöten, ein aufgescheuchter Fischreiher hebt sich beleidigt in die Luft. Tiefer im Gehölz hämmern Spechte, ein Kuckuck ruft. Es ist, als ob nie eines Menschen Fuß das Tal betreten hätte.
„So", sagt der Beni, und ich sehe ihm an, wie wohl ihm in dieser Umgebung ist, „jetzt wollen wir einmal fischen, mein Lieber!"
Er hängt das Netz mit den Fischen in ein Wasserloch aus der Sandbank. So bleiben sie lange frisch. Niemals tötet er sie gleich. Wir nehmen die Büchse mit den Ködern und gehen langsam, einer nach dem andern die Angel auswersend, ein Stück flußauf. Die Sonne liegt prall auf dem braunen Moorwasser der Attel, die Fische schmeißen sich wie toll empor. Cs planscht und plätschert, wie wenn übermütige Kinder baden.
„Eine Kleinigkeit, bei solchem Wetter zu fischen!" sage ich vermessen.
„Für mich schon!" knurrt der Beni mit einem verdächtigen Zug um den Mund. „Da — schau her!" Schon hat er wieder einen an der Angel. Er nimmt ihn ab, wirft aus, zieht ein und hat abermals einen. Ihm hilft der Petrus, aber mich läßt er im Stich.
„Zeit lassen!" sagt der Beni. „Du bist immer noch viel zu hastig, mein Lieber!"
Ohne „Zeit lassen" und „Mein Lieber" kommt der Beni nicht aus.
Aber ich bin gar nicht so. Soll er sich nur die Hände reiben. Es genügt, wenn einer für zwei Glück hat. Der Beni ahnt ja nicht, wieviel mehr ich vom Zuschauen und von seiner Freude an der Sache habe.
Auf einmal legt er, der feine Augen überall hat, die Angel hin, tut den Finger an den Mund, daß ich still fein soll, und macht mir ein Zeichen, ihm zu folgen. Wir schleichen zurück nach dem Wasserloch, in dem er seine Fische untergebracht hat. Wir ducken uns und beobachten ein aufregendes Schauspiel.
Ein mächtiger Rabe sitzt am Rand des Wasserlochs und hält sich mit zu Boden geneigtem Kopf mäuschenstill. Da sehen wir einen der beiden Fische silbern an der Oberfläche des Tümpels, und im selben Augenblick hat der Rade mit dem Schnabel wie mit einem Schwert zugestohen. Nun ist der Beni nicht mehr zu halten. Mit einem gewaltigen Fluch springt er auf und stürzt vorwärts Schon ist der Rade davon. Sein Schnabelhieb hat den Fisch auf der Stelle getötet. Hinter den Kiemen klafft die Wunde. Der Beni droht dem Raben, der gar nicht weit weg auf einer Erle lauert, mit beiden Fäusten.
„Du schwarzes Satansvieh!" brüllt er. Seine Augen sind mit einemmal ganz tückisch. Aber gleich bricht er in ein hämisches Gelächter aus und tanzt wie ein Wilder umher. „Bäh!" macht er und streckt dem Raben wie ein höhnender Bub die Zunge heraus. „Gut gearbeitet hast du — für mich! Du Satansrachen, du verdammter!" brüllt und jubelt er, weil er den Raben übervorteilt hat. Es ist sonnenklar, daß der Räuber geschlagen ist. Dem Gegner Arbeit leisten, die Beute nicht bekommen und obendrein sich verhöhnen lassen müssen, ist bitter. Mit heiserem Geschimpf und tiefverstimmt (liegt der Vogel davon
Wir gehen wieder an den Fluß zurück und fischen weiter. Der Beni fängt in zwei Stunden mehr, als er tragen kann — ich nichts. Weiß der Henker, woran es liegt. Aber ich bin keineswegs unzufrieden, zumal mein Kamerad gutmütig fo viel von feinem Ertrag herschenkt, daß ich mehr habe, als ich brauchen kann. Er weiß schon, der Schlaue, daß drüben im Jungsernhaus ein Frühstück folgen wird, für das ich aufkomme.
Nun packen wir unsere Sachen zusammen und suchen uns einen schattigen Platz im Vogelparadies. Wir liegen lang und rauchen unsere Pfeifen. Das Konzert um uns ist mit steigender Sonne noch vielstimmiger geworden. Wie in gotischen Gängen hallt es unter den Erlen.
Wir rauchen und dösen. Manchmal stellt der Beni unvermittelt eine tiefsinnige Frage, wie etwa, ob ich glaube, daß in der Arche Noah auch Gemsen aufbewahrt worden sind, und wenn ja, wie sie unter fo erschwerenden Umständen mit dem Klettern zuwege gekommen sein mögen. Ich beantworte seine Fragen treuherzig und mit tiefem Ernst.
Allmählich kommt er mit Arglist auf das Jungfernhaus zu sprechen, und wenn ich es nicht als selbstverständlich angenommen hätte, jetzt weih ich es sicher, daß er durstig ist. Um ihn zu necken, tue ich aber, als merke ich es nicht, und nun wird er zunehmend begieriger, sich wenigstens im Gespräch mit dem Wirtshaus zu beschäftigen
Jungsernhaus heißt es, weil es von drei Schwestern geführt wird __ eine hübscher als die andere. Kein Wunder, daß die Männer von weit und breit kommen, um sich die bezaubernde Landschaft anzusehen. In seiner quälenden Sehnsucht nach dem Frühstück gibt mir der Beni einen Abriß der Familiengeschichte der drei Schwestern Sie haben einen älteren Bruder, der viele Jahre zur See gefahren ist und die ganze Welt bereist hat. Aber seit zehn Jahren hat er nichts mehr von sich hören lassen. Zuletzt war er drüben in Amerika. Ich höre mit einem Ohr zu und lausche mit dem andern dem Flöten eines Pirols. All- mählich fallen uns beiden die Augen zu.
Ich erwache von einem kräftigen Gerüttel. Der Beni sieht mit vor- wurssvollem Blick auf die Uhr und sagt streng: „Brotzeit!"
„Aus zum Jungftomhaus!" sage ich vergnügt, denn ich fühle mich wunderbar frisch nach dem Schlaf im Freien.


