Ausgabe 
27.8.1937
 
Einzelbild herunterladen

daß sein muntres Ansehen, sein brennendes Auge, das Glührot aus Nase und Wangen, wie Verleumder wollen, mehr dem guten Cyperwem Ms innerer Kratt zuzuschreiben ist, aber achtet das nicht. Erinnert euch, welche glänzende Tapserkeit dieser Marino Falieri als Provebitor") der Flotte aus dem Schwarzen Meere zeigte; bedenkt, welche Verdienste es sem mußten, die die Prokuratoren von San Marco") bewegen konnten, diesen Falieri mit der reichen Grafschast Valdemarino zu belehnen?" So strich Bodoeri Falieris Verdienste wacker heraus und wußte jedem Einwand ,m voraus zu begegnen, bis endlich alle Stimmen sich zu Falieris Wahl einten. Mancher sprach zwar noch viel von Falieris aufbrausendem Zorn, von seiner Herrsch­sucht, seinem Eigenwillen, aber da hieß es:Eben deshalb, weil das alles von dem Greise gewichen, wählen wir den Greis und nicht den Jünglmg Falieri." Derlei tadelnde Stimmen verhallten nun auch vollends, als das Volk die Wahl des neuen Doge erfuhr und ausbrach in ungemessenen aus­gelassenen Jubel. Weiß man nicht, daß in solch gefahrvoller Zeit, in solcher Unruhe und Spannung jeder Entschluß, ist es nur wirklich einer, wie eine Eingebung des Himmels erscheint? So geschah es, daß das gute Gräschen mit all seiner Frömmigkeit und Milde rein vergessen war, und daß jeder tief:Beim heiligen Markus, dieser Marino hätte längst unser Doge sem sollen, und der übermütige Doria säße uns nicht in den Rippen!" Und verkrüppelte Soldaten streckten mühsam die lahmen Arme hoch aus in die Lüfte und schrien:Das ist Falieri, der den Morbasfan") schlug der tapfere Heerführer, desfen siegreiche Flaggen im Schwarzen Meere wehten." Und wo das Volk zusammenstand, erzählte einer von des alten Falieri Helden­taten und, als sei Doria schon geschlagen, erhallten die Lüfte von wildem Jubelgeschrei. Hinzu kam, daß Nicolo Pisani"), der, mag der Himmel wissen, warum, statt dem Doria zu begegnen mit der Flotte, ruhig nach Sardinien gesegelt war, endlich zurückkehrte. Doria verließ den Golf, und was die An­näherung der Flotte des Pisani verursachte, wurde dem furchtbaren Namen Marino Falieri" zugeschrieben. Da ergriff Volk und Signorie eine Art fanatischer Verzückung über die glückliche Wahl, und man beschloß, damit das Außerordentliche geschehe, den neuerwählten Dogen wie den Himmels­boten. der Ehre, Sieg, die Fülle des Reichtums bringt, zu empfangen. Zwölf Edle, jeder von zahlreicher glänzender Dienerschaft umgeben, hatte die Signorie bis nach Verona geschickt, wo die Gesandten der Republik dem Falieri, sowie er angekommen, nochmals seine Erhebung zum Oberhaupt des Staates feierlich ankündeten. Fünfzehn reichverzierte Staatsbarken, vom Podesta") von Chioggia unter den Befehlen seines eigenen Sohnes Taddeo Giustiniani ausgerüstet, nahmen darauf in Chioggia den Dogen mit seinem Gefolge auf, der nun wie im Triumphzuge des mächtigsten siegreichsten Monarchen nach St. Clemens") ging, wo ihn de» SBucentoto10 * 12 * * * 16) erwartete.

Gerade in diesem Augenblicke, als nämlich Marino Falieri den Bueentoro zu besteigen im Begriff stand, und das war am dritten Oktober abends, da schon die Sonne zu sinken begann, lag vor den Säulen der Sogana17 *), auf dem harten Marmorpslaster ausgestreckt, ein armer unglücklicher Mensch. Einige Lumpen gestreifter Leinwand, deren Farben nicht mehr kenntlich und die sonst einem Schifserkleide, wie das gemeinste Volk der Lastträger und Ruderknechte es trägt, angehört zu haben schienen, hingen um den abgemagerten Körper. Vom Hemde war nichts mehr zu sehen als die eigene Haut des Armen, die überall durchblickte, aber so weiß und zart war, daß sie der Edelsten einer ohne Scheu und Scham hätte tragen können. So zeigte auch die Magerkeit nur desto besser das reinste Ebenmaß der wohl­gebauten Glieder, und betrachtete man nun vollends die hell-kastanien­braunen Locken, die zerzaust und verworren die schönste Stirn umschatteten, die blauen, nur von trostlosem Elend verdüsterten Augen, die Adlernase, den feingeformten Mund des Unglücklichen, der höchstens zwanzig Jahre zu zählen schien, so war es gewiß, daß irgendein feindseliges Schicksal den Fremdling von guter Geburt in die unterste Klasse des Volks geschleudert haben mußte.

Wie gesagt, vor den Säulen der Dogana lag der Jüngling und starrte, den Kops auf den rechten Arm gestützt, mit stierem gedankenlosem Blick ohne Regung und Bewegung hinein in das Meer. Man hätte denken sollen, das Leben sei von ihm gewichen, der Todeskampf habe ihn zur Bildfäule versteinert, hätte er nicht dann und wann tief wie im unsäglichsten Schmerz aufgefeufzt. Das war denn nun wohl der Schmerz des linken Armes, den er ausgestreckt hatte auf dem Pflaster und der, mit blutigen Lumpen um­wickelt, schwer verwundet zu sein schien.

Alle Arbeit ruhte, das Getöse des Gewerbes schwieg, ganz Venedig schwamm in tausend Barken und Gondeln dem hochgepriesenen Falieri entgegen. So kam es, daß auch der unglückliche junge Mensch in trostloser Hilflosigkeit seinen Schmerz verseufzte. Doch eben als sein mattes Haupt herabsank aus das Pflaster und er der Ohnmacht nahe schien, rief eine heisere Stimme recht kläglich mehrmals hintereinander:Antonio mein lieber Antonio!" Antonio erhob sich endlich mühsam mit halbem Leibe, und indem er den Kopf nach den Säulen der Dogana, hinter denen die Stimme hervorzukommen schien, hinrichtete, sprach er ganz matt und kaum vernehmbar:Wer ist's, der mich ruft? Wer kommt, meinen Leichnam

10) Befehlshaber.

n) In der ehemaligen Republik Venedig die neun obersten Staats­beamten, aus denen der Doge gewählt wurde.

12) Befehlshaber des Emirs von Ionien. Er belagerte die Venezianer und ihre Verbündeten 1344 in Smyrna, wurde bei einem Ausfall der Christen zunächst geschlagen, trieb sie bann aber durch einen glänzenden Sieg wieder in die Stadt zurück.

") Riccolo Pisani hatte den bisher von Marco Ruzini geführten

Oberbefehl über die gegen Genua entsendete venezianische Flotte auf dem Schwarzen Meere übernommen.

") In Italien die höchste obrigkeitliche Person einer Stadt.

16) Eine der Inseln Venedigs.

") Das prachtvolle venezianische Staatsfchiss.

) Zollhaus.

ins Meer zu werfen, denn bald werde ich hier umgekommen sein." Da keuchte und hüstelte sich ein kleines steinaltes Mütterchen am Stabe heran zu dem wunden Jüngling, und indem sie neben ihm hinkauerte, brach sie aus in ein widriges Kichern und Lachen.Töricht Kind", so lispelte dann die Alte,töricht Kind, willst hier umkommen, willst hier sterben, we,l das golbne Glück bir aufgeht? Schau nur hin, schau nur hin dort im Abend die lodernden Flammen, das sind Zechinen für dich. Aber du mußt essen, lieber Antonio, essen und trinken; denn der Hunger nur ist es, der dich zu Boden geworfen hat, hier auf dem kalten Pflaster! Der Arm,st schon heil, schon wieder heil!" Antonio erkannte in dem alten Mütterchen das seltsame Bettelweib, das aus den Stufen der Franziskanerkirche die Andächtigen immer kichernd und lachend um Almosen anzusprechen pflegte, und der er manchmal, von innerm, unerklärlichem Hange getrieben, einen sauer verdienten Quattrino"), den er selbst nicht übrig, hingeworfen.Laß mich in Ruhe", sprach et,laß mich in Ruhe, altes, wahnsinniges Werb, wohl ist es der Hunger mehr als die Wunde, der micht kraftlos und elend macht, seit drei Tagen hab' ich keinen Quattrino verdient. Hinüber wollt ich nach dem Kloster und sehen, ein paar Löffel Krankenfuppe zu erhafchen, aber alle Kameraden sind fort keiner, der mich aus Barmherzigkeit auf­nimmt in die Barke, und da bin ich hier umgesunken und werde wohl niemals wieder aufstehen."Hi hi hi hi", kicherte die Alte,warum gleich ver- zweifeln? warum gleich verzagen? Du bist durstig, du bist hungrig, dafür hab' ich Rat. Hier sind schöne gedörrte Fischlein, erst heute aus der Zecca") eingetauft, hier ist Simonienfaft20), hier ein artig weißes Brötlem; ,ß, mein Söhnlein, und trink, mein Söhnlein, bann wollen wir nach bem rounben Arme schauen." Die Alte hatte in der Tat aus bem Sack, bet ihr tote eine Kapuze auf bem Rücken hing und hoch hinüberragte über bas gebückte Haupt, Fische, Brot unb Simonienfaft hervorgeholt. Sowie Antonio nut bte bren­nenden verschrumpften Lippen genetzt hatte mit dem kühlen Getränke, erwachte der Hunger mit doppelter Gewalt, unb er verschlang gierig Fische unb Brot. Die Alte war inbessen darüber her, ihm die Lumpen von dem wunden Arme abzuwickeln, und da fand es sich denn, daß der Arm zwar hart zerschlagen, die Wunde aber schon in voller Heilung war. Indem nun die Alte eine Salbe, die in einem kleinen Büchschen befindlich und die fte mit dem Hauch des Mundes erwärmt, darauf strich, frug sie:Aber wer hat dich denn so arg geschlagen, mein armes Söhnlein?" Aritomo, ganz erquickt, von neuem Lebensfeuer durchglüht, hatte sich ganz aufgerichtet; mit blitzenden Augen, die geballte Rechte erhoben, rief er:Ha! Nicolo, der Spitzbube, wollte mich lahm schlagen, weil er mich um jeden elenden Quattrino beneidet, den mir eine wohltätige Hand zuwirft! Du weißt, Alte, daß ich mühsam mein Leben dadurch erhielt, daß ich die Lasten aus den Schiffen unb Barken in bas Kaufhaus ber Deutschen, in ben sogenannten Fontego") du kennst es ja wohl, bas Gebäube schleppen half." Sowie Antonio bas WortFontego" ausfprach, kicherte unb lachte bie Alte recht abscheulich auf unb plapperte immerfort:Fontego Fontego Fontego."Laß bein tolles Lachen, Alte, wenn ich erzählen soll!' rief Antonio erzürnt; ba würbe bic Alte gleich still, unb Antonio fuhr fort: , Run hatte ich einige Quattrinos verdient, mir ein neues Wams gekauft, sah ganz stattlich aus und kam in die Zahl ber Gonbolieres. Weil ich immer frohen Mutes war, wacker arbeitete unb manch schönes Lieb wußte, ver- biente ich manchen Quattrino mehr als bie anbern. Aber ba erwachte ber Reid unter ben Kameraben. Sie verschwärzten mich bei meinem Herrn, ber mich fortjagte; überall, wo ich ging unb stanb, tiefen sie mir nach: .Deutscher Hunb, verfluchter Ketzer!' unb vor btei Tagen, als ich bei San Sebastian eine Barke ans Lanb rollen half, überfielen sie mich mit Stein- würfen unb Prügeln. Wacker wehrte ich mich meiner Haut, aber ba traf mich ber tückische Nicolo mit einem Ruberschlage, bet, mein Haupt streifend unb ben Arm schwer vetletzenb, mich zu Boben warf. Nun, bu hast mich satt gemacht, Alte, unb in bet Tat fühle ich, baß beine Salbe meinem tounben Arm auf tounberbare Weife wohl tut. Sieh nut, wie ich den Arm schon zu schwingen vermag nun will ich wieder tapfer rudern!" Antonio war vom Boden aufgestanden und schwang ben wunden Arm krästiy hin und her, aber die Alte kicherte und lachte wieder laut auf unb rief, inbem fie ganz wunberlich, wie in kurzen Sprüngen tänzelnb hin unb her trippelte:Söhn­lein, Söhnlein, mein Söhnlein, rubere tapfer er kommt er kommt, das Golb glüht in lichten Flammen, rubere tapfer, tapfer! aber nur noch einmal, nut noch einmal! bann nicht toieber!"

Antonio achtete nicht auf ber Alten Beginnen, benn vor ihm hatte sich bas allerhetrlichste Schauspiel aufgetan. Bon San Clemens her fchwamm der Bucentoro, den adriatifchen Löwen in bet flatternben Flagge, mit tönenbem Ruberschlage bähet wie ein kräftigbeschwingter golbnet Schwan. Umringt von tcmsenb Barken unb Gonbeln, schien er, sein fürstlich kühnes Haupt erhoben, zu gebieten über ein jubelndes Heer, bas mit glänzenben Häuptern aufgetaucht wat aus bem tiefen Meeresgründe. Die Abendsonne warf ihre glühenden Strahlen über bas Meer, über Venedig hin, so baß alles in lobemben Flammen staub; aber wie Antonio in Vergessenheit alles Kummers ganz entzückt hinschaute, würbe bet Schein immer blutiger unb blutiger. Ein bumpses Sausen ging burch bie Lüste, unb wie ein furchtbares Echo hallte es toiber aus ber Tiefe des Meeres. Der Sturm kam bähet gefahren auf schwarzen Wolken unb hüllte alles in bi die Finsternis ein, währenb aus bem brausenben Meere höhet unb höher bie Wellen wie zischende, schäurnenbe Ungeheuer ernpotstiegen unb alles zu verschlingen drohten. Gleich zerstäubtem Gesiedet sah man Gondeln unb Barken hier unb bort auf bem Meere treiben. Der Bucentoro, mit seinem flachen Boben unfähig, bem Sturme zu wibetstehen, schwankte hin unb her. Statt bcs fröhlichen Jubels ber Zinken unb Trompeten hätte man burch ben Sturm bas Angstgeschrei ber Bedrängten.

(Fortsetzung folgt.)

le) Hellet.

*) Die ehemalige Münze.

,0) Zitronensaft.

) Fandaco dei Tedeschi, urkunblich schon seit 1228 vom Staat unter­haltenes Kaufhaus unb Herberge ber Deutschen; biesen wat es nicht ge­stattet, an einem anbern Ort Hanbel zu treiben ober Aufenthalt zu nehmen.