GicheimZamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger
Jahrgang 1937 Freitag, den 27. August Nummer 66
Doge und Dogareffe.
Erzählung von E. T A. Hoffmann.
Mit diesem Namen war in dem Katalog der Kunstwerke, die die Akademie der Künste zu Berlin im September 1816 ausstellte, ein Bild bezeichnet, das der wackre, tüchtige C. Solbe1), Mitglied der Akademie, gemalt hatte und das mit besonderem Zauber jeden anzog, so daß der Platz davor selten leer blieb. Ein Doge in reichen prächtigen Kleidern schreitet, die ebenso reich geschmückte Dogaresse an der Seite, auf einer Balustrade hervor, er ein Greis mit grauem Bart, sonderbar gemischte Züge, die bald auf Kraft, bald auf Schwäche, bald auf Stolz und Uebermut, bald auf Gutmütigkeit deuten, im braunroten Gesicht; sie ein junges Weib, sehnsüchtige Trauer, träumerisches Verlangen im Blick, in der ganzen Haltung. Hinter ihnen eine ältliche Frau und ein Mann, der einen aufgespannten Sonnenschirm hält. Seitwärts an der Balustrade stößt ein junger Mensch in ein muschelförmig gewundenes Horn, und vor derselben im Meer liegt eine reichverzierte, mit der venezianischen Flagge geschmückte Gondel, auf der zwei Ruderer befindlich. Im Hintergründe breitet sich das mit hundert und aber hundert Segeln bedeckte Meer aus, und man erblickt die Türme und Paläste des prächtigen Venedig, das aus den Fluten emporsteigt. Links unterscheidet man San SDtarco2), rechts mehr im Vorgrunde San Giorgio Maggiore. In dem goldnen Rahmen des Bildes sind die Worte eingeschnitzt:
„Ah senza amare
Andare sul mare Lol sposo del mare, Non puo consolare.“ „Ach! gebrich der Liebe Leben, Kann auf hohem Meer zu schweben Mit dem Gatten selbst des Meeres, Doch nicht Trost dem Herzen geben."
Vor diesem Bilde entstand eines Tages ein unnützer Streit darüber, ob der Künstler durch das Bild nur ein Bild, das heißt die durch die Verse hinlänglich angedeutete augenblickliche Situation eines alten abgelebten Mannes, der mit aller Pracht und Herrlichkeit nicht die Wünsche eines sehnsuchtsvollen Herzens zu befriedigen vermag, oder eine wirkliche geschichtliche Begebenheit habe darstellen wollen. Des Geschwätzes müde, verließ einer nach dem andern den Platz, so daß zuletzt nur noch zwei der edlen Malerkunst gar holde Freunde übrigblieben. „Ich weiß nicht", fing der eine an, „wie man sich selbst allen Genuß verderben mag mit dem ewigen Deuteln und Deuteln. Außerdem, daß ich ja genau zu ahnen glaube, was es mit diesem Dogen, mit dieser Dogaressa für eine Bewandtnis hat im Leben, so ergreift mich auch auf ganz besondere Weise der Schimmer des Reichtums und der Macht, der über das Ganze verbreitet ist. Sieh diese Flagge mit dem geflügelten Löwen, wie sie der Welt gebietend in den Lüften flattert — O herrliches Venedig!" Er fing an. Turandots Rätsel von dem adriatischen Löwen herzusagen: „Dimmi, quäl sia quella terribil fera etc.“3). Kaum hatte er geendet, als eine wohltönende Männerstimme mit Kalafs Auflösung einfiel: „Tu quadrupede fera etc.“ Von den Freunden unbemerkt hatte sich hinter ihnen ein Mann hingestellt von hohem, edlem Ansehen, den grauen Mantel malerisch über die Schulter geworfen, das Bild mit funkelnden Augen betrachtend. — Man geriet ins Gespräch, und der Fremde sagte mit beinahe feierlichem Tone: „Es ist ein eignes Geheimnis, daß in dem Gemüt des Künstlers oft ein Bild aufgeht, dessen Gestalten, zuvor unkennbare, körperlose, im leeren Luftraum treibende Nebel, eben in dem Gemüte des Künstlers erst sich zum Leben zu formen und ihre Heimat zu finden scheinen. Und plötzlich verknüpft sich das Bild mit der Vergangenheit oder auch wohl mit der Zukunft und stellt nur dar, was wirklich geschah vder geschehen wird. Kolbe mag vielleicht selbst noch nicht wissen, daß er
2) Karl Wilhelm Kolbe (1757—1835), Radierer und Schriftsteller, wurde 1795 Mitglied der Akademie der Künste zu Berlin. Besonderen Ruhm hatte er sich durch seine landschaftlichen Radierungen erworben.
2) San Marco ist die berühmte Staatskirche der Dogen, das eigentliche Nationalheiligtum der Venezianer; die Kirche San Giorgio Maggiore liegt auf der gleichnamigen Insel der Piazzetta (Verlängerung des Markus- Platzes) gegenüber. . „
3) Eine der wirksamsten Szenen in der „Turandot" des Grafen Carlo Gozzi (1722—1806) ist die, wo Prinz Kalaf drei von der chinesischen Prm- iessin ausgegebene Rätsel löst, um deren Hand zu gewinnen. Ems davon, aas vom Jahre, nahm Schiller in seine Uebersetzung herüber, das von der sonne aber ersetzte er ebenso wie das vom „adriatischen Löwen", dem Wappentiere Venedigs, durch die von ihm selbst erfundenen vom Auge und vom Pfluge. Die Worte „Dimmi“ usw. und „Tu“ usw. sind der Beginn aer Rätselfrage und der Antwort (Sage mir, was das für ein schreckliches Tier ist usw. — Du, vierfüßiges Tier usw.).
aus dem Bilde dort niemanden anders darstellt als den Dogen Marino Falieri4 s * *) und seine Gattin Annunziata." — Der Fremde schwieg, aber beide Freunde drangen in ihn, dies Rätsel ihnen so zu lösen wie das Rätsel vom adriatischen Löwen. Da sprach er: „Habt ihr Geduld, ihr neugierigen Herren, so will ich euch auf der Stelle mit Falieris Geschichte die Erklärung des Bildes geben. Aber habt ihr auch Geduld? — Ich werde sehr umständlich sein, denn anders mag ich nicht von Dingen reden, die mir so lebendig vor Augen stehen, als habe ich sie selbst erschaut. — Das kann auch wohl der Fall sein, denn jeder Historiker, wie ich nun einmal einer bin, ist ja eine Art redendes Gespenst aus der Vorzeit."
Die Freunde traten mit dem Fremden in ein entferntes Zimmer, wo er ohne weitere Vorrede in folgender Art begann:
Vor gar langer Zeit, und, irr' ich nicht, so war's im Monat August des Jahres Eintausenddreihundertundvierundfünfzig, als der tapfere genuesische Feldherr, Paganino Doria3) geheißen, die Venezianer aufs Haupt geschlagen und ihre Stadt Parenzo erstürmt hatte. Im Golf dicht vor Venedig kreuzten nun seine wohlbemannten Galeeren hin und her wie hungrige Raubtiere, die in unruhiger Gier aus und nieder rennen, spähend, wo die Beute am sichersten zu haschen; und Todesschrecken erfaßte Volk und Signorie"). Alle Mannschaft, jeder, der nur vermochte, die Arme zu rühren, griff zur Waffe oder zum Ruder. In dem Hafen von San Nicolo') sammelte man die Haufen. Schiffe, Bäume wurden versenkt, Kett' an Kette geschlossen, um dem Feinde den Eingang zu sperren. Während hier in wildem Getümmel die Waffen klirrten, die Lasten in das schäumende Meer niederdonnerten, sah man auf dem Rialto3) die Agenten der Signorie, wie sie, den kalten Schweiß sich von der bleichen Stirn wegtrocknend, mit verstörtem Gesichte, mit heiserer Stimme Prozente über Prozente boten für bares Geld; denn auch daran mangelte es der bedrohten Republik. In dem unerforschlichen Ratschlüsse der ewigen Macht lag es aber, daß gerade in dieser Zeit der höchsten Kümmernis und Not der bedrängten Herde der treue Hirt entrissen werden sollte. Ganz erdrückt von der Last des Ungemachs, starb der Doge Andrea Dandulo8), den das Volk sein liebes Gräschen (il caro contino) nannte, weil er immer fromm und freundlich war und niemals über den Markusplatz schritt, ohne für jeden des Geldes oder des guten Rats Bedürftigen, für diesen Trost im Munde, für jenen Zechinen in der Tasche zu führen. Wie es denn nun geschieht, daß den vom Unglück Entmuteten jeder Schlag, sonst kaum gefühlt, doppelt schmerzlich trifft, io war denn auch das Volk, als die Glocken von San Marco in dumpfen schauerlichen Klängen den Tod des Herzogs verkündeten, ganz außer sich vor Jammer und Betrübnis. Nun sei ihre Stütze, ihre Hoffnung dahin, nun müßten sie die Nacken beugen dem genuesischen Joch, so schrien sie laut, unerachtet, was die eben nötigen kriegerischen Operationen betraf, der Verlust des Dandulo eben nicht so verderblich schien. Das gute Gräschen lebte gerne in Ruhe und Frieden: es verfolgte lieber den wunderbaren Gang der Gestirne als die rätselhasten Verschlingungen der Staatsklugheit, es verstand sich besser darauf, am heiligen Osterfeste die Prozession zu ordnen, als ein Kriegsheer zu führen. Nun kam es darauf an, einen Doge zu wählen, der, gleich hegabt mit mutigem Feldherrnsinn und tüchtiger Staatsklugheit, das in seinen Grundfesten erschütterte Venedig rette von der bedrohlichen Gewalt des immer kühneren Feindes. Die Senatoren versammelten sich; aber da sah man nichts als trübe Gesichter, starre Blicke, zu Boden gesenkte, in die Hand gestützte Häupter. Wo einen Mann finden, der jetzt mit kräftiger Hand das lose Steuer zu ergreifen und richtig zu lenken vermag? Der älteste Rat, Marino Bodoeri geheißen, erhob endlich seine Stimme. „Hier um uns, unter uns", so sprach er, „hier werdet ihr ihn nicht finden, aber richtet eure Blicke nach Avignon, aus Marino Falieri, den wir hinschickten, um dem Papste Jnnocenz Glück zu wünschen zu seiner Erhebung, der kann jetzt was Besseres tun, der vermag es; wählen wir ihn zum Doge, allem Ungemach zu steuern. Ihr werdet einwenden, daß dieser Marino Falieri schon an die achtzig Jahre alt ist, daß Haupthaar und Bart reines Silber geworden,
4) Marino Falieri (geb. 1278) war nach glänzenden kriegerischen und diplomatischen Erfolgen 1354 Doge von Venedig geworden. Eine Beleidigung seiner Gemahlin durch den Patrizier Steno war, wie er glaubte, durch den Senat zu mild bestraft worden. Er verband sich daher mit den Bürgern zu einer Verschwörung gegen alle Senatoren und Nobili, wurde aber verraten und am 17. April 1355 hingerichtet.
s) Paganini Doria vernichtete als genuesischer Admiral am 4. No
vember 1354 die venezianische Flotte fast gänzlich und erwirkte dadurch
einen vorteilhaften Frieden mit dem Gegner.
8) Ministerium des Dogen; Hoffmann versteht aber auch den Adel darunter.
’) San Niccolo del Lido, 2% Kilometer südöstlich von Venedig.
8) Die Hauptbrücke von Venedig.
8) Andrea Dandolo (nicht Dandulo), war seit 1342 Doge gewesen. Er hatte die erschütterten Handelsbeziehungen Venedigs wiederhergestellt und überhaupt so viel für den Staat geleistet, daß sein Tod (7. September 1354) in der Tat einen großen Verlust für die Republik bedeutete.


