Ausgabe 
27.3.1937
 
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Der Gtechlin

Roman von Theodor Fontane

(17. Fortsetzung.)

Natürlich gehen wir in den Park", sagte von Gnewkow.Und es ist schließlich immer noch ein Glück, daß man so was hat ...

Unb auch ein Glück", ergänzte von Molchow,daß man solche" Wahltag wie heute hat, der einen ordentlich zwingt, sich mal um Histo­risches und Bildungsmäßiges zu kümmern. Bismarcken is es auch mal jo gegangen, noch dazu mit ner reichen Amerikanerin^, und hat auch gleich (das heißt eigentlich lange nachher) das rechte Wort dafür ge­sunden." _ , . ,,

Der hat immer das rechte Wort gefunden.

Immer. Aber weiter, Molchow."

Und als nun also die reiche Amerikanerin so runde vierzig Jahr später ihn wiedersah und sich bei ihm bedanken wollte von wegen des Bildermuseums, in das er sie halb aus Verlegenheit und halb aus Ritterlichkeit begleitet und ihr mutmaßlich alle Bilder falsch erklärt hatte, da hat er all diesen Dank abgewielen und ihr ich seh und hör chn ordentlich in aller Fidelität gesagt, sie habe nicht ihm, sondern er habe ihr zu danken, denn wenn jener Tag nicht gewesen wäre, so hatt er das ganze Bildermuseum höchstwahrscheinlich nie zu sehen gekriegt. Ja Glück hat er immer gehabt. Im großen und im kleinen. Es fehlt bloß noch, daß er hinterher auch noch Generaldirektor der königlichen Museen geworden wäre, was er schließlich doch auch noch gekonnt hätte. Denn eigentlich könnt er alles und ist auch beinah alles gewesen.

Ja" nahm Gnewkow, der aus Langeweile viel gereist war, seinen Urqedanken daß solcher Park eigentlich ein Glück sei, wieder auf.Ich finde, was Molchow da gesagt hat, ganz richtig; es kommt darauf an, daß man reingezwungen wird, sonst weiß man überhaupt gar nichts. Wenn ich so bloß an Italien zurückdenke. Sehen Sie, da läuft man nu so rum, was einen doch am Ende strapziert, und dabei dieser ewige pralle Sonnenschein. Ein paar Stunden geht es; aber wenn man nu schon zweimal Kaffee getrunken und Granito gegessen hat, und es ist noch nicht mal Mittag, ja, ich bitte Sie, was hat man da? Was fangt man da an? Gradezu schrecklich. Und da kann ich Ihnen bloß sagen, da bin ich ein kirchlicher Mensch geworden. Und wenn man dann so von der Seite her still eintritt und hat mit einem Male die Kühle um sich rum, ja, da will man gar nicht wieder raus und sieht sich so seine fünfzig Bilder an, man weih nicht wie. Is doch immer noch besser als draußen. Und die Zeit vergeht, und die Stunde, wo man was Regu­läres kriegt, läppert sich so heran."

Ich glaube doch", sagte der für kirchliche Kunst schwärmende Baron Beetz,unser Freund Gnewkow unterschätzt die Wirkung, die, viel­leicht gegen seinen Willen, die Quattrocentisten auf ihn gemacht haben. Er hat ihre Macht an sich selbst empfunden, aber er will es nicht wahr haben, daß die Frische von ihnen ausgegangen sei. Jeder, der was davon versteht ..." , ,,,

Ja, Baron, das is es eben. Wer was davon versteht! Aber wer versteht was davon? Ich jedenfalls nicht."

Unter diesen Worten war man, vomPrinzregenten" aus, die Haupt­straße hinuntergeschritten und über eine kleine Brücke fort erst in den Schloßhof und dann in den Park eingetreten. Der See plätscherte leis. Kähne lagen da, mehrere an einem Steg, der von dem Kiesufer her in den See hineinlief. Ein paar der Herren, unter ihnen auch Dubslav, schritten die ziemlich wacklige Bretterlage hinunter und blicken, als sie bis ans Ende gekommen waren, wieder auf die beiden Schloßflügel und ihre kurz abgestumpften Türme zurück. Der Turm rechts war der, wo Kronprinz Fritz sein Arbeitszimmer gehabt hatte.

, Dort hat er gewohnt", sagte von der Nonne.Wie begrenzt ist doch unser Können. Mir weckt der Anblick solcher Fridericianischen Stätten immer ein Schmerzgefühl über das Unzulängliche des Menschlichen über­haupt. freilich auch wieder ein Hochgefühl, daß wir dieser Unzulänglichkeit und Schwäche Herr werden können. Tod, wo ist dein Stachel; Hölle, wo ist dein Sieg? Dieser König. Er war ein großer Geist, gewiß; aber doch auch ein verirrter Geist. Und je patriotischer wir fühlen, je schmerz­licher berührt uns die Frage nach dem Heil seiner Seele. Die Seelen­messen das empfind ich in solchem Augenblicke sind doch eine wirklich trostspendende Seite des Katholizismus, und daß es (selbstver- jtändlich unter Gewähr eines höchsten Willens) in die Macht Ueber- lebender gelegt ist, eineSeele freizubeten, das ist und bleibt eine großeSache."

Nonne", sagte Molchow,machen Sie sich nicht komisch. Was haben Sic für ne Barstellung vom lieben Gott? Wenn Sie kommen und den alten Fritzen freibeten wollen, werden Sie rausgeschmissen."

Baron Bectz auch ein Anzweisler des Philosophen von Sanssouci wollte seinem Freunde Nonne zu Hilfe kommen und erwog einen Augenblick ernstlich, ob er nicht seinen in der Grafschaft längst bekannten Vortrag über dieschiefe Ebene" obercest le Premier pas qui coüte noch einmal zum besten geben solle. Klugerweise jedoch ließ er es wieder fallen und war einverstanden, als Dubslav sagte:Meine Herren, ich meinerseits schlage vor, daß wir unfern Ausflug von dem Wackelstege, drauf wir hier stehen (jeden Augenblick kann einer von uns ins Wasser fallen), endlich aufgeben und uns lieber in einem der hier herumliegenden Kähne über den See fetzen lassen. Unterwegs, wenn noch welche da sind, können wir Teichrosen pflücken und drüben am andern Ufer den großen Prinz-Heinrich-Obelisken mit seinen französischen Inschriften durch- ftudieren. Solche Rekapitulation stärkt einen immer historisch und pa­triotisch, und unser Etappensranzösisch kommt auch wieder zu Kräften."

Alle waren einverstanden, selbst Nonne.

Gegen vier war man von dem Ausflüge zurück und hielt wieder vor

dem ,Prinzregenken", auf einem mit alten Bäumen besetzten Platz, der wegen seiner Dreieckssorm schon von alter Zeit her den Namen Triangelplatz führte. Die Wahlresultate lagen noch keineswegs sicher vor; es lieh sich aber schon ziemlich deutlich erkennen, daß viele Fortschrittler- stimmen auf den sozialdemokratischen Kandidaten, Feilenhauer Torgelow, übergehen würden, der, trotzdem er nicht persönlich zugegen war, die kleinen Leute hinter sich hatte. Hunderte seiner Parteigenossen standen in Gruppen auf dem Triangelplatz umher und unterhielten sich lachend über die Wahlreden, die während der letzten Tage teils in Rheinsberg und Wutz, teils auf dem platten Lande von Rednern der gegnerischen Parteien gehalten worden waren. Einer der unter den Bäumen Stehen­den ein Intimus Torgelows, war der Drechslergeselle Söderkopp, der sich schon lediglich in feiner Eigenschaft als Drechslergeselle eines großen Ansehens erfreute. Jeder dachte: der kann auch mal Bebel werden. Warum nicht? Bebel is alt, und dann haben wir den." Aber Söderkopp verstand es auch wirklich, die Leute zu packen. Am schärfsten ging er gegen Gundermann vor.Ja, dieser Gundermann, den kenn ich. Brett­schneider und Börsenfilou; jeder Groschen is zusammengejobbert. Sieben Mühlen hat er, aber bloß zwei Redensarten, und der Fortschritt ist ab­wechselnd die .Vorfrucht' und dann wieder der .Vater' der Sozialdemo­kratie. Vielleicht stammen wir auch noch von Gundermann ab. So einer bringt alles fertig."

Uock«. während Söderkopp so sprach, war von Baum zu Baum immer näher gerückt und machte seine Notizen. In weiterer Entfernung jtand Werte, schmunzelnd und sichtlich verwundert, was Uncke wieder alles aufzuschreiben habe.

Pyterkes Verwunderung über dasAufjchreiben war nur zu be­rechtigt, aber sie wäre es um ein gut Teil weniger gewesen, wenn sich Unckes 'aufhorchender Diensteifer statt dem Sozialdemokraten Söderkopp lieber dem Gespräch einer nebenstehenden Gruppe zugewandt hatte. Hier plauderten nämlich mehrereStaatserhaltende" von dem mutmaßlichen Ausgange der Wahl und daß es mit dem Siege des alten Stechlin von Minute zu Minute schlechter stünde. Besonders die Rheinsberger schienen den Ausschlag zu seinen Ungunsten geben zu sollen

Hole der Teufel das ganze Rheinsberg!" verschwor sich em alter Herr von Kraatz, dessen roter Kopf, während er so sprach, immer roter wurde.Dies elende Nest! Wir bringen ihn wahr und wahrhaftig nicht durch, unfern guten alten Stechlin. Und was das sagen will, das wissen wir. Wer gegen uns stimmt, stimmt auch gegen den König. Das ist all eins. Das ist das, was man jetzt solidarisch nennt."

Ja, Kraatz", nahm Molchow, an den sich diese Rede vorzugsweise gerichtet hatte, das Wort,nennen Sie's, wie Sie wollen, solidarisch ober nicht; bas eine sagt nichts, und bas anbre sagt auch nichts. Aber mit Ihrem guten Wort über Rheinsberg, ba haben Sie's freilich ge­troffen. Aufmuckung war hier immer zu Haufe, von Anfang an. Erst fronbierte Fritz gegen feinen Vater, bann fronbierte Heinrich gegen feinen Bruber, und zuletzt fronbierte August, unser alter forscher Prinz August, ben manche von uns ja noch gut gekannt haben, ich sage: sron- bierte unser alter August gegen bie Moral. Und bas war natürlich das Schlimmste. (Zustimmung und Heiterkeit.) Und bestraft sich zuletzt auch immer. Denn wissen Sie denn, meine Herren, roies mit Augusten schließ­lich ging, als er durchaus in ben Himmel wollte?"

Nein. Wie war es denn, Molchow?"

Ja, er muhte da wohl ne halbe Stunde warten, und als er nu mit nem Anschnauzer gegen Petrus rausfahren wollte, da sagte ihm der Fels der Kirche: .Königliche Hoheit, halten zu Gnaden, aber es ging nicht anders.' Und warum nicht? Er hatte die elftausend Jungfrauen erst in Sicherheit bringen müssen."

Stimmt, stimmt", sagte Kraatz.So war der Alte. Der reine Deubelskerl. Aber schneidig. Und ein richtiger Prinz. Und dann, meine Herren, ja, du mein Gott, wenn man nu mal Prinz is, irgend was muß man doch von der Sache haben ... Und soviel weiß ich, wenn ich Prinz wäre ..."

20. Kapitel.

Um sechs Uhr stand das Wahlresultat so gut wie fest; einige Mel­dungen fehlten noch, aber das war aus Ortschaften, die mit ihren paar Stimmen nichts mehr ändern konnten. Es lag zutage, daß die Sozial­demokraten einen beinahe glänzenden Sieg baoongetragen hatten; ber alte Stechlin stand weit zurück, Fortschrittler Katzenstein aus Gransee noch weiter. Im ganzen aber ließen beide besiegte Parteien dies ruhig über sich ergehen; bei den Freisinnigen war wenig, bei den Konservativen gar nichts von Verstimmung zu merken. Dubslav nahm es ganz von der heiteren Seite, feine Parteigenossen noch mehr, von denen eigentlich ein jeder dachte:Siegen ist gut, aber zu Tische gehen ist noch besser." Und in der Tat, gegessen muffte werden. Alles sehnte sich danach, bei Forellen und einem guten Chadlis die langweilige Prozedur zu vergessen. Und war man erst mit ben Forellen fertig, und dämmerte der Rehrücken am Horizont herauf, so war auch der Sekt in Sicht. ImPrinzregenten" hielt man auf eine gute Marke.

Durch ben oberen Saal hin zog sich die Tafel: ber Mehrzahl nach Rittergutsbesitzer und Domänenpächter, aber auch Gerichtsräte, die so glücklich waren, denHauptmann in ber Reserve" mit auf ihre Karte - fetzen zu können. Zu biefem gros darmee gesellten sich Forst- unb Steuer­beamte. Rentmeister, Prebiger und Gymnasiallehrer. An der Spitze dieser stand Rektor Thormeyer aiis Rheinsberg, der große, vorstehende Augen, ein mächtiges Doppelkinn, noch mächtiger als Koieleger, und außerdem ein Renommee wegen feiner Geschichten hatte. Daß er nebenher auch ein in ber Wolle gefärbter Konservativer war, versteht sich von selbst. Er hatte, was ober schon Jahrzehnte zurücklag, den großartigen Ge­danken gefaßt und verwirklicht: die ostelbischen Provinzen, da, wo sie strauchelten, durch Gustav Kühnfche Bilderbogen auf den richtigen Pfad zurückzuführen, unb war bafiir befördert worben. Es hieß denn auch von ihm,er gelte was nach oben bin", was aber nicht recht zutraf

(Fortsetzung folgt.)

verantwortlich l)r. Hans Thhriot. Druck und Verlag: Drühl'sche Univerlitäts-Duch. und Steindruckerei. A. Lange, Gießen.