Ausgabe 
27.3.1937
 
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Da geschah es, nach einem besonders kühnen Wurf, den einer getan hatte, daß wir alle den Ball auf einmal nicht mehr sahen. War er so hoch geflogen, daß er winzig entschwand? Oder blendete uns die Sonne, die den Ball mit tausend goldenen Strahlen umfing?

Jedenfalls, alle zwinkerten mit den Augen. Wir spähten, atemlos fast, bis plötzlich einer der versammelten Knaben schrie und gegen den Fluß deutete. Wahrhaftig, der Ball war dort niedergegangen, ganz in der Nahe des Ufers weitergerollt, und in das Wasser gefallen.

Das Wasser war nicht tief hier, es riß nur ziemlich stark um die Steine herum, die auf dem seichten Grund lagen und mit ihrem oberen Ende aus der Flut hervorstanden. So stieß der Ball, von den Wassern getrieben, bald von einem Stein zum anderen.

Ohne zu überlegen, rannte ich gegen das Ufer und stieg auf den hervorstehenden Steinen in den Fluß, um den Ball noch rechtzeitig zu erwischen, bevor er weitergetrieben würde. Aber ich hatte kaum einen dieser herausragenden Steine betreten und war eben zum nächsten gesprungen, um nach dem aus dem Wasser tanzenden Ball zu greisen, da rutschte ich auch schon aus auf dem feuchten Gestein und glitt ins Wasser.

Das machte nun weiter nicht viel, denn ich wollte doch den Ball um jeden Preis erwischen, den neuen, bunten Ball, den mir eben der Oster­hase gebracht hatte. Doch als ich eben wieder nach dem Ball greisen wollte er tanzte unmittelbar vor meinen Händen da riß das Wasser den Ball mit einem Male davon, er trieb auf der Strömung rasch weiter, flußabwärts.

So lief ich denn dem Ball noch hastiger nach, ja, ich lief ihm nach, mitten im Wasser, als stände ich auf einer festen Straße Ich sah nichts mehr als den bunten, leuchtenden Ball vor mir; ihn, ihn wollte ich wieder haben, haben um jeden Preis.

Ich war schon bis zu den Knien im Wasser und die Flut stieg immer höher an mir empor, als mir meine Kameraden, deren Pfeifen längst verstummt war, plötzlich von allen Seiten zuriefen, ich sollte doch ein­halten!Dort ist der Tümpel!" riesen sie.Dort kannst du nicht weiter!"

Der Tümpel! Wie mir dieses Wort entgegenschlug. Ich selbst hätte wohl in meiner blinden Eile ganz vergessen, daß sich die seichten, reißen­den Wasser dort, wohin der Ball jetzt schwamm, in einem dunklen, tiefen Tümpel sammelten, in einem Tümpel, der uns Kindern um so unheim­licher erschien, als davon die Rede ging, daß man in diesem Tümpel den Grund mit keiner, auch nicht mit der längsten Stange erreichen könnte. So grundlos erschien uns Kindern der Tümpel, als hätte die sonst so schöne und feste Welt, die gerade jetzt um Ostern wieder ganz neu wurde, hier ein Loch, durch das man einfach aus dem Leben hin­ausfiel, mitten hinein in den Tod. Es waren ja auch schon viele in diesem Tümpel ertrunken, und so schaute ich mit Grausen nach dem leuchtenden Ball aus, der dort auf der schwarzen Oberfläche des Tümpels da­hintrieb.

Ich, ich schaute wie gebannt und war völlig durchnäßt, als ich wieder an das Ufer stieg. Am liebsten hätte ich zu meinen angefangen, um den verlorenen österlichen Ball.

Doch während meine Kleider noch tropften, als müßten auch sie meinen vor Trauer, da kam auf einmal aus der Ferne ein Knabe daher­gelaufen. Er hielt die Hände hoch und rief, fo laut er konnte:Der Ball! Der Ball!" Und da sah ich auch schon die bunte Kugel, die ich verloren geglaubt hatte, roieöer näher glänzen.

Während ich plötzlich in die Flut gesprungen war und mich bis an den Abgrund hatte locken lassen, ließ der Junge den Ball ruhig über den Tümpel hinweggleiten, um ihn weiter unten, wo die Wasser wieder ihre Gefährlichkeit verloren, an einer seichten Stelle aus der Flut zu holen. Es war für ihn das Einfachste von der Welt gewesen.

Seltsam war nun für mich der Anblick der leuchtenden Kugel, für die ich in blinder Hast beinahe das Leben eingesetzt hätte.Da hast du den Ball wieder", sagte der Junge und gab ihn mir, als wäre nichts, rein gar nichts geschehen.

Ich zitterte noch, ja ich schlotterte in meinen nassen Kleidern, be­sonders, wenn ich auf den Tümpel zurücksah, roo ich den Ball auf der Oberfläche des Todes hatte treiben sehen.

Aus dem Heimweg freilich, da warf ich den bunten Ball plötzlich wieder in die Luft und freute mich, wie er leuchtend und strahlend aus dem Himmel herabkam und wie die Kugel des Lebens selbst in meine ausgestreckten Hände zurückfiel.

Griechische Ostern.

Bon Josef Magnus Wehner.

Eine zauberhafte südliche Nacht. Sterne, süße Lust. Von allen Höhen Gesänge schwärmender Burschen, einfache Osterlieder, einstimmig mit tausend Vorschlägen und Pralltrillern. Man bringt Blumen an unfern Tisch, Eleni hat sich geschmückt. Das Dorf scheint von überallher Besuch zu bekommen. Die Hirten steigen von den Bergen, fremde Burschen suchen ihre Mädchen. Jauchzen und Frohlocken überall. Raketen und Schwärmer fauchen und knattern, von Jubelrufen begleitet:Christes anesti!" Christ ist erstanden ... Es ist unter dem hohen Himmel wie in einem geschlossenen Raum von großer Tiefe. Ganz fern fingen Chöre, und das klingt wie zarte Brandung, Menschenstimmen, die sich aus der Erde lösen, mit sanftem Brausen sich zum Chor verschwistern, fern, ganz fern wie Auferstehende aus dunkelgrünen Inseln. Einige fingen näher; sie scheinen über Höhen zu schreiten, immer im Chor und sich langsam zu nähern wie Wogen, viele Wogen. Dann steigen andere aus dem nahen Berg. In starkem Schritt marschieren sie kriegerisch auf das Dorf zu, als wüßten sie, der Heiland ist dort schon auferstanden aus seinem Grabe. Kräftiger schrägen nun die Chöre durch den Raum, und nun beginnt hie und da bas Dorf zu antworten in stehenden Chören, und bald ist es, als atme die gewölbte Erde rundum Chöre aus von hohen irisierenden Männerstimmen, die gesammelt in Heerzügen gegeneinander gehen. Ein Chor wird die stürmische Synkope des andern, und jetzt braust und schwillt der vielstimmige Jubel in herrlicher Verwirrung

unser den gebrtüiefen Sternen, Teile eines Heeres, das singend nach einem großen Siege in die Heimat eilt. Inmitten des durchtönten Raumes aber steht die Dorfkirche, die arme schmucklose Hütte. Sie hat keine Fenster, doch sind viele Kerzen in ihr entzündet, und ihr Schein bringt burch bie luftige Furche zwischen Mauer unb offenem Dachgebälk. So buntel sie ist, ber Lichtkranz um ihre Stirn teilt sich ber Nacht mit, unb nun glänzen auch in ben Zügen ber Sänger hunbert kleine Kerzen auf, sorglos brennenb im milben Hauche ber Nacht.

Die Kirche war schon eng gefüllt. Unb so feierlich unb fast über» irbisch vorher im Nachtraum biese Menschen sich bewegt hatten, fo mensch­lich unb beutlich bis in bie komischen Züge hinein ftanben sie jetzt vor mir. So mag es mit jeber großen Bewegung (ein: jobalb ber Eros ber Ferne schwingt unb man tritt mitten in bas Gehege ber Massen, in bie Mitte bes menschlichen Herzens, bann zeigt bie Armut ihr gefaltetes Gesicht.

Der Pope war noch im Altarraum hinter ben Vorhängen. Im hinte­ren Teil ber Kirche brängten sich bie Frauen; viele lehnten an ber getünchten Mauer, gelbe bünne Kerzen in ben Hänben. Im Raume vor dem Altar ftanben bie Männer unb Jünglinge. Die Sängergruppen bilbeten einen Kreis. Hochgewachsen an ber Mauer ftanben bie Hirten von ben Bergen. Ihre Augen waren blau unb fremb. Sie brehten bie bärtigen Köpfe unbeweglich auf bas Gewühl zu ihren Füßen. So mögen bie Hirten an ber Krippe geblickt haben!

Ein betäubenber Geruch von starken Frühlingskräutern schwängerte ben Raum. Er war stärker als ber Dust ber Kerzen unb des Weihrauchs und drang wolkengleich von der mit Blumen unb Grün umrounbenen Bahre her, bie in ber Mitte ber Kirche ftanb unb bas Grab bes Heilan- bes barstellte. Auf einem ärmlichen Brett biefer Bahre lag ein Christus- bilb. Vier Holzstäbe an ben vier Enben bes Brettes trugen eine Art bekränzten Himmelbalbachins. Jeber, ber eintrat, bückte sich, brängte sich zwischen Baldachin unb Grad unb küßte bas heilige Bilb. Dann brückte er mit bem Daumen auf bie Hanbstangen ber Bahre, ober wo sonst noch ein Platz frei war, bie weich brennenbe Kerze auf, so baß bas Grab balb einem funtelnben Lichtersarge glich. Nun würbe ber Vor­hang vor bem Altäre aufgezogen, unb der Pope trat mit einem silber- beschlagenem Buche vor bie Gemeinbe. Was nun folgte, ist nur im Süben möglich unb auch nur bort zu verstehen. Kaum hatte ber Priester bie Altarstufen verlassen, ba platzten zwei Bomben zu seinen Füßen. Unb nun brach ein chaotischer Lärm los. Alle Arten von Feuerkörpern knatterten im Gotteshause, meist von ben Jüngeren geworfen. Einige flogen in ben Frauenraum, unb bie Weiber, schreienb unb lachend, hatten genug zu tun, bie zuckenben Frösche von ihren Beinen abzu­wehren. Mit ber einen Hanb hielten sie bie Lichtstümpfe, mit ber anbe» ren preßten sie bie Röcke an bie Knie, boch schien ber Pope bes Lärmes schon gewohnt. Sein gutmütiges slawisches Bauerngesicht lachte, er nickte sogar, unb mit ihm nickte ber lange ungekämmte Zopf in seinem Nacken. Unb währenb Pulverbamps bie Kirche erfüllte unb in Schwaben unter ber Furche bes Dachgebälkes bavonzog, schwang er sein Weihrauchfaß ober besprengte fingenb bie Gemeinbe mit woblriechenbem Kräuter­wasser.

Dann begannen bie Liturgien, ein unendlicher Wechselgesang zwi­schen den Gruppen der Sänger. Auch hier drängte sich Komik vor. Da war eine Gruppe von vier Jünglingen, von denen nur einer schon den Stimmbruch überwunden hatte. Die anderen drei aber krähten nach Herzenslust unb mit übertriebenem Gesicht ihre Stichirien, wobei ihre Stimmen gerabe bei ben zahllosen Pralltrillern in einen wahren Stein» bruch von Ueber= unb Untertönen fielen. Ueberhaupt waren cs, auch bei ben anberen Gruppen, immer bie Jünglinge, bie bie übrigen in Unorbnung brachten, inbem sie entroeber mit bem Text ober mit ber Melobie ben übrigen eilig bavonliesen. Einer von ihnen hatte eine überhohe Fistelstimme, bie in allen Tonarten herumlief wie ein Wiesel auf Geröll; biese Stimme suchte nicht im minbeften Anschluß an bie Tonsäulen ber festeren Gefährten unb fanb sich bennoch am Schlüsse mit einem unerhörten Luftsprung unter bem Dache ber Fermate ein. Ein anberer Junge sang nicht nur bauernb falsch, er konnte auch nicht gut lesen, fing mitte* im Singen an zu buchstabieren, erregte bas Ge­lächter ber Gemeinde und schlug mit einem leisen Fluche fein Buch zu. Ein anderer brach mitten im Gesänge ab, entschuldigte sich laut, er habe bie falsche Stidjirie erwischt unb begann leibenschaftlich zu blättern. Doch blieben auch anbere gleich gruppenweise stecken unb schämten sich, währenb neue Gruppen sofort ehrgeizig einsprangen unb ben Text ber Nachzügler, bie roütenben Blicke warfen, triumptjierenb weitersangen, bis jene ben Pfab nxebergefunben hatten unb nun mit boppeltem (Eifer ihre Helfer zu überholen versuchten.

Doch sah man nirgenbs eine Spur von Spott. Die chaotischen lieber» gärige wechselten traumhaft schnell, unb man war im Nu roieber in ber Anbacht unb im heiligen Text. Die Gesichter glühten, unb vom Antlitz bes Popen wich nie bas ewige Lächeln. Manchmal mürbe ein Knabe, ber es mit seinen Bomben boch zu arg trieb, an ben Ohren gepackt unb ins Freie abgeschoben, von irgenbeinem starken Manne, ber während ber Exekution kräftig weitersang.

Am Schlüsse ber Auferstehung traten vier Männer an bie Heilanbs- bahre, hoben sie auf bie Schultern unb trugen sie, vom Popen unb bem ganzen fingenben Volke gefolgt, burch bie Gassen auf den Berg hinauf zu den Toten. Hier war Ruhe. Kerzen und Sterne brannten, selbst bie Hunbe stellten ihr Bellen ein. Ich sah fern ben Monb auf bem Meere liegen. Von ber Königsstabk Mykene blitzten bie Steine hoch auf bem Hügel. Währenb bie Bauern sich Stücke ber geweihten Kränze von ber niebergesetzten Bahre pflückten unb sie teils auf bie Gräber streuten, teils in ihren Taschen verbargen, um sie zum Schutze gegen finstere Mächte mit heimzunehmen, ging ich mit Eleni unb ben Brüdern den Berg hinab... Eleni schlief auch in dieser Nacht in ihrem Bette vor meiner Kammer. Sie meinte und gab mir eine Blume mit, als ich am nächsten Morgen, am schönen Ostersonntag mit den Freunden im Wagen davonfuhr in den frischen Hauch des Meeres hinein.