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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang |937 Samstag, den 21. März Nummer 2\

Die Osternacht.

Von Ruth Schaumann.

Auf Grabes Schwelle schlummert der Wächter Schar ' Nacht wuchs aus Helle, Helle, die Trauer war, Mond rann vom Berge. Dunkel wie vom Altar Blut in die Gräser und Halme fließt.

Von allen Tieren gibt keines einen Laut Lämmer, die frieren, vom Monde übertaut, Widder, die stehen, vom Dornenwall verbaut, Der einer Amsel Nest umschließt.

Nie eine Stunde, wie diese, seit der Zeit!

Jählings im Grunde des Nestes ein Vogel schreit Zart barst die Schale. Auf eines Hüters Kleid Wächsernes Siegel wie Träne fließt.

Deutsches Ostererlebnis.

Von Otto G m e l i n.

Womit beginnt das Fest? Es beginnt damit, daß die Vögel morgens einen Heidenlärm machen, morgens in aller Frühe. Man erwacht daran; man erwacht in einer seltsam erneuten Frische; man taucht auf in eine erneute Welt. Wann war das so? Wie lange ist es her? Kindheitsträume sind das wohl und Jugendträume und Erinnerungen an andere Tage, an ein jüngeres Herz, an jüngere Sinne; Erinnerungen wohl auch an ein Mädchen mit dunklen Flechten, an ein Kleid, an einen Duft, einen Glanz, eine ferne Heiterkeit. Vieles, vieles ist zusammengeflossen, umschienen, umläutet vom Silber ferner Zeit. Ach ja, das alles tun die Vögel, die Spatzen mit ihrem Geschrei und die Finken mit ihrem Geschmetter. Aber auch Drosseln jubeln dazwischen, deutlich unterscheidbar, locken mit tieferen, klangvollen Tönen, manchmal an Geigentöne mit dampfenden Sordinen gemahnend. Man liegt ganz still, noch halb im Traum. Man hört und denkt kaum, schwimmt in die neue Welt hinein; erst allmählich findet man Gedanken. Was ist das nur? Die Vögel, weiß Gott, die Vögel sind es! Was haben nur die Vögel? Und man öffnet die Augen, langsam. Es ist früh, es ist still im Haus. Aber da fließt eine Fülle Licht durch das Fenster, der Himmel ist angezllndet, er loht gelb und golden, und sogar der Mond steht noch da, bleich und rein, silbern im lodernden Frühhimmel. Ja, wirklich, das Fest beginnt. Die Himmelsglocke klingt in Gold, und wenn man ans Fenster tritt, steht ein hauchzartes Glüh­wölkchen neben dem Mond und überglüht selbst den lodernden -Gold­himmel noch.

' So ungefähr ist der Anfang des Festes. Es gibt sich bald auch den Allzucifrigen und Eilfertigen zu erkennen: Es hängen sich überall blühende Wimpel heraus; es zünden sich überall blühende Feuer an, Ampeln und ; Kerzen und Flimmcrlichter. Die Magnolien sind die ersten. Sie sind noch ohne Grün; ihre Blattknospen sind noch ganz geschlossen; aber ihre Blutenknospen sind lange vorbereitet. Sie springen nicht auf, langsam I falten sie ihre großen Blätter auseinander, die weißen Tulpenkelche mit den flamingoroten Spitzen und Rändern. Sie stehen ein wenig steis, ein wenig fremd in unseren Gärten und Anlagen, als hätten sie immer noch nicht ganz ihre ferne östliche Heimat vergessen. Sie breiten ihr Geäst weit; in . sanften Bögen, in höflicher Stille, leise, tragen sie, reichen sie ihre weißen Flämmchen uns entgegen, strecken sie in die lauen Tage. Kurze Zeit nur, doch maßvoll, unaufdringlich. Ungefähr gleichzeitig flammt aber der gelbe Feuerbusch der Forsythilia ganz verschwenderisch. Der ganze kleine Busch ist besetzt mit spitzen, stiellosen gelben Zipfelkelchen, 7 und da er auch noch kein Grün hat, ist alles eine einzige sonnengoldgelbe s Flamme, weit, weithin leuchtend, ein wahres Geschmetter von Gelb. In den Gärten wetteifert nur noch ein kleiner Strauch mit der Forsythia, der korallenrote Pirus. Auch er noch fast ohne Blattwerk, schmückt sich uach langer Vorbereitung plötzlich mit einem Sprühregen rundlicher Btü'en. eine grelle, lohende rote Flamme, neben der gelben eine tolle ausb chende Lust am Dasein, an Sonne, Luft, Licht, ein Spiel und Wurf aus der Kraft der Erde.

Während nur langsam, nur in Abständen sich an den Bäumen die irllnen, rostroten, gelbgrünen Blättchen entfalten, oft die braunen häutigen - Öüllchen in den Wind streuend, bricht am Hag die weiße Vogelkirschblüte | ®uf, an den Waldrändern, an den sanften Hügeln, an den Steinbrüchen, h sw Park, im Garten, schlanke Aestchen tragen an dünnen Stielchen lose-

> tattrige, zarte, stotternde Blütchen von reinem Weiß oder auch mit einem

rosa Schimmer. Es folgt das Orchester der Obstbäume, in Gärten, auf Feldern, an Straßen, auf Bergen, an den einsamen Höfen aus rotem Klinker und Backstein in Westfalen und im Hannöverschen und Braun­schweigischen, zwischen den weiß-grlln-schwarzen Fachwerkhäusern des Ruhrlandes, der Wupper, zwischen den getünchten Rheinlandhäusern: Beuel, Pappelsdorf, Mehlem, Honnef, Andernach, Aßmannshausen, Rüdesheim. Zuerst die sanften, zierlichen Pfirsichbäumchen, rötliche, lachs­rote kleine Blütchen an schlanken Zweigen, einzeln oder zu ganzen Pflanzungen gereiht; noch vereinzelter, nur als Zierbäumchen, die mit gefüllten, ungestielten, flamingofarbenen Rosetten besteckten Mandel­bäumchen. Die Frühkirschen sind buschige weiße Köpfe, die Reineklauden, Quitten, Zwetschen, Pflaumen scharen sich dichter, hüllen die Berge in weiße Hermelinmäntel, umleuchten die Aecker, verstecken die Häuschen, bekränzen die saftigen, grünen, gelben, weißen Wiesen, zieren die Gärten. Und dann erst fallen die Birnen in den Chor, die späteren Kirschen, die sauren, die späteren Pflaumen und Zwetschen. Die Birnbäume haben schon mancherlei Grün an ihren Pyramiden, ihrem hochgetürmten Ast­werk, und das Grün mischt sich mit dem überschüttenden Weiß zu einer schillernden Farbe ohne Namen. Die alten Bäume, einzeln in Gärten, man hat sie des Holzes wegen oder auch aus einer leisen Ehrfurcht stehen gelassen sind ganze Fontänen von weißen Flocken, Kaskaden von weißem Schaumgeriesel, die den lichtblauen Himmel umschwingen und sich in ihn hineinsingen. Denn auch der Himmel hat sich jetzt wiederum verändert; nichts mehr vom silbernen Lichtgeslimmer der frühen Tage; jetzt ist das Blau wie das Blau eines Marienmantels auf manchen alten Bildern Altdorfers, Dürers oder mancher Italiener, beinahe schon tizianisch zu nennen. Es ist ein Seidenblau, nachts ein Samtblau, ohne verwirrendes Silbergeflute; es steht stiller, weicher, reiner über den Bergen, zwischen den weißbesteckten Blütenzweigen als das Blau eines italienischen ober spanischen Himmels, denn dieser ist tiefer, schwerer, unentwegter, unser Blütenhimmel aber ist leichter, luftiger. Auch an den Wolken siehst du den Wandel des Jahres. Jetzt nähern sie sich ihren sommerlichen Schwestern, segeln weiß und bauschiger, wenig zerfließend, scharf umrandet, ja, manchmal häufen sie sich, ballen sich, beginnen sich zu türmen, stehen dann auch goldumrandet ober mit karminschimmernden Glasrändern im abendlichen Blau, das nach dem der Kornblumen hin­schimmert.

Jetzt, in die jubelnde Welt hinein naht das Fest der Auferstehung, unsere fröhlichen, hellen Ostern. Zuvor aber holt uns der Wagen der Freunde in die Stadt, wo sie im alten gotischen Saale unseres Meisters Johann Sebastian Bachs Große Passion nach Matthäus spielen. Wenn wir aus der erwachenden und jubelnden Fülle des Landes, durch die wir gefahren find, in den von Lampen erhellten, dach im Vergleich zum Frühlingslicht immer noch düsteren Saal treten, zwischen die Menge der Menschen aus unserer kleinstädtisch-ländlichen Stille, will es erst wie eine Verirrung und Vergeudung erscheinen, daß wir diese und seien es noch so wenige Stunden dem Himmel und dem Lande rauben. Kaum aber find die ersten Rhythmen der Flöten und Oboen und die sanfte Trauer der Geigen und Celli über uns hingeweht, so wendet sich gleichsam das Herz, das noch voll ist von der Hellen Musik der freien Natur, jener ernsten und tiefen Feierlichkeit zu, die das unsterbliche Werk unseres Meisters durchzieht. Hier ist in Wahrheit kein Gegensatz zwischen Natur und Versenkung, hier ist nur plötzlich aus der sinnlich bunten Außenwelt des Alltags der Schritt getan zu dem, was hinter dieser Welt steht, zum göttlichen Geheimnis selber. In der Innigkeit der Arien, in der dröhnenden Feierlichkeit der Choräle, in der hinreißenden Gewalt der dramatischen Chöre ebenso wie in der schlichten und tiefen (Betragen» heit und Trauer des Rezitativs des Evangelisten lebt unsere eigene West, aus der allein Alltag und Natur ihre Kraft und ihren Sinn erhalten. Hier wird in Tönen hörbar, was draußen in Farben und Glanz sichtbar ist. Das Kleine lebt neben dem Großen, und der Himmel, der sich draußen sichtbar über allem einzelnen segnend spannt, der ist auch hier im Ton und überwölbt das Werk. Und das Geheimnis der Natur, das Werden und Vergehen, Blühen, Reifen und Welken, dieses selbe Geheimnis ist hier Ton geworden im Leidenswege des Erlösers. Hier ist es uns, auch uns Zweiflern und Schweigern von göttlichen Dingen noch einmal ver­gönnt, durch die Feier der Musik, fromm zu fein, Geschöpf und Schöpfer, Demut und Gnade zu fühlen. Während wir draußen die sonnenbeglänzte Welt, Grün und Blüte wissen über Feld und Flur, umrauscht uns hier dies alles in Ton und Stimme und bindet uns und das Draußen an die unergründlichen Dinge. Als sich uns wieder das Tor öffnet und wir durch die Nacht fahren, durch lange Straßen, wo unser Scheinwerfer sich durch die Dunkelheit bohrt, die Bäume vorüberhuschen, die stillen Dörfer und die einsamen Gehöfte, unter dem feierlichen Glanz der ewigen Sterne, da sind wir schweigsam. Jetzt erst kann sich uns das Fest der Auferstehung nahen. Der Frühling wird kommen und der Sommer. Wir sind wie durch eine Läuterung gegangen.