Ausgabe 
26.11.1937
 
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kolken

Grenzen der Menfchheki.

Vo-n 3. W. von G oeth«.

Steht er mit festen. Markigen Knochen Auf der wohlgegründeten, Dauernden Erde, Reicht er nicht auf, Rur mit der Eiche Oder der Rede Sich flu vergleichen.

Was unterscheidet Götter von Menschen? Daß viele Wellen Vor jenen wände Irr, Ein ewiger Strom: Uns hebt die Welle, Verschlingt die Welle, Und wir versinken.

Ein kleiner Ring Begrenzt unser Leben, Und viele Geschlechter Reihen sich dauernd An chres Daseins Unendliche Kette.

Wenn der uralte, Heilige Vater Mit gelassener Hai Aus rollenden Wol

Segnende Blitze lieber die Erde sät, Küß' ich den letzten Saum seines Kleides, Kindliche Schauer Treu in der Brust.

Denn mit Göttern Soll sich nicht meßen Irgend ein Mensch. Hebt er sich aufwärts Und berührt Mit dem Scheitel die Stern«, Nirgends haften dann Die unsichern Sohlen, Und mit ihm spielen Wolken und Winde.

rauflustig wie er, folgten, wurde aus der Prügelei im Handumdrehen eine Schlacht zwischen den Metzgern und Schiffern, der mehr als ein Rippenstück zum Opfer fiel.

In den Ständen waren Frauen und Kinder mit Marktkörben gewesen, deren Hilfegeschrei in die Gassen von Bingen hinein scholl, als ob die Kosaken schon durch den Strom schwämmen. Die Gesellen und Lehrlinge in den umliegenden Werkstätten sprangen im Schurzfell heraus, und wer von den Meistern etwa beim Wein saß, ließ sein Glas stehen. Durch den Zuzug der Handwerker wurden die Schiffer bald überwältigt und in eine Flucht geschlagen, die sich über Kähne und Laufbretter unter den Steinwürsen und dem Hohngeschrei der Sieger unglücklich genug vollzog.

Unterdessen waren auch schon die französischen Stadtsoldaten alarmiert worden; als sie die Harmlosigkeit dieser Volkserhebung erkannten, rückten sie mutig vor. Sie sanden auf dem Schlachtfeld, wo die Metzger ihre verwalkten Fleischbestände vor allzu hilfreichen Händen schützten, als einzigen Verwundeten auf dem nassen Boden den Holländer dasitzen, dem augenscheinlich ein Arm lahmgeschlagen war und der mit der ungeschick­ten Linken seinen toten Schnürpudel streichelte. Er ließ das Tier auch nicht aus der Hand, als sie ihn aufstöberten und gefangen ins Stadt­haus abführten.

Da aber hatte der Lärm eine merkwürdige Wirkung gehabt. Der Kommandant der kleinen Besatzung, der ehemals Gemeindeschreiber in Avignon gewesen war und kaum ein Wort Deutsch verstand, hielt gerade die Feier eines nationalen Jahrestages ab, mit goldenen Schnüren und Orden auf seiner geblähten Brust. Mitten in seine Rede hinein kam der Lärm, und da die zur Feier befohlenen Stadtherren allerlei ahnten, mochten sie es nicht günstig finden, noch auf welscher Seite getroffen zu werden; während der blahgewordene Kommandant ans Fenster trat und die ©einigen ihm nachdrängten, benutzte einer nach dem anderen die Gelegenheit zur Tür, so daß die Franzosen in dem Stadthaussaal wie auf einem sinkenden Schiff blieben und bänglich genug auf den Markt­platz hinunter sahen, wo eine vielfache Uebermacht den einzigen Gefange­nen mit dem toten Schnürpudel unter dem Arm eskortierte.

Gerade hatten sie den Holländer eingelocht und der Korporal stand vor dem Kommandanten, Meldung zu machen, als der Spektakel den zweiten Anlauf nahm. Die Schiffer, erbittert von ihrer Niederlage und durch Gerüchte von Toten und Gefangenen gereizt, kamen wieder mit Waffen, wie sie der Augenblick gab, seltsamen Geräten aus vergangenen Kriegen und Schützensestflinten, doch immerhin kriegerisch genug, den Bingern Eindruck zu machen, so daß der Haufe sich geschlossen in die Stadt hinein drängen konnte. Als sie in einer rasch wachsenden Menge von Neugierigen gegen das Stadthaus anrückten, wollte der Zufall, daß gleichzeitig die zur Feier bestellten Böllerschüsse aus der alten Burg Klopp abgebrannt wurden, die nun wie Schlachtendonner klangen.

Die Stadtsoldaten hatten schon zum Mittag abgeschnallt, als der neue Lärm sie überraschte; sie hielten es angesichts dieser Bewaffnung für klüger, sich im Wachtlokal zu verschanzen, und liehen die Menge zur Treppe hinauf drängen. Nur der Korporal oben im Saal, der ein schwarzer Lothringer war, schlug sein Gewehr auf die Schisferknechte an, die, von der Masse der Nachdrangenden vorwärts genötigt, auf den er­schrockenen Kommandanten den Eindruck einer gefährlichen Entschlossen­heit machten. Er rief die Waffe des Korporals mit einem scharfen Befehl zurück und sah ergeben zu, wie sich der Saal statt mit wohlgekleideten Stadtherren mit bewaffneten Gestalten füllte, die zum Aeußersten ge- rüstet schienen. Der Knecht des Schiffers, wieder ein Holländer, machte den Sprecher, und obwohl die Bingener feine Sprache kaum mehr ver­standen als die Franzosen, nickten sie herausfordernd zu jedem Wort.

Der Kommandant fand in der Eile keinen Dolmetscher und stand fassungslos vor dem Aufruhr; so tat er, was auch sonst in Ratlosigkeiten seine Gewohnheit war: er holte seine Schnupftabaksdose aus blankem Messing hervor. Es war nur eine Gebärde der Verzweiflung, doch vor der drohenden Menge sah sie wie eine Kaltblütigkeit aus, die bald genug eine seltsame Fügung bewirkte; denn als er, noch immer ratlos, feiner Gewohnheit folgend Dem nächsten zuerst eine Prise anbot, war das Der Schuhmacher Osterwind, den die Bingener Den Franzosenfresser hießen und Der Die unvermutete Ehre mit einem unbedachten Dankblick aus seinen wässerigen Trinkeraugen zu würdigen wußte. Irgend ein Funke Der Einsicht mochte Den KommanDanten leiten, als er mit Der gleichen Höflichkeit weiterging; unD weil es kleinbürgerliche Leute waren, wah­rend Der Schreiber von Avignon mit golDenen Schnüren und Orden fast einen leutseligen Landesfürsten vorstellte, spitzten sich die Singer, einer nach Dem anDeren. So wanDerte Der KommanDant mit seiner Mesftng- dose Den Kreis ab bis zu Dem hitzigen Knecht Des HollänDers, Der schließ­lich nichts als seinen Schiffer wollte und Darum Die Höflichkeit auch nicht verweigerte. Als man sich aber erst einmal auf Die Prise und den Dazu­gehörigen Kratzfuß geeinigt hatte, oerschwanDen Die Schützenflinten von selber hinter Dem Rücken.

Es war Der Tag Der Vergeltung noch nicht, es war nur eine Seifen» blase Durch einen SchnürpuDel aus Der Stimmung kommender Ereignisse gezogen und mit einer Prise zum Platzen gebracht; Denn als der erste Nieser kam, prustete auch schon verstohlenes Gelächter, Das balD zur all­gemeinen Heiterkeit anschwoll, als einer nach Dem anderen, nicht gewohnt zu schnupfen, zu niefen anfing, und also statt der Flinten sich Die Na en der Anführer lösten. Bald konnten Die Schisferknechte mit dem befreiten Holländer abziehen, der seinen Schnürpudel nicht weniger kopfschüttelnd unter Dem Arm trug, als Der KommanDant noch immer seine Tabaks­dose in Der HanD hielt. Die Binger aber, einmal aus ihrem Gewerbe- fleiß gestört, fanben Den Weg zur Arbeit an diesem Tag nicht mehr zuruck- aus Der Jahresfeier Der Franzosen rourDe em AbschieDssest für Die Welschen, wie es ein WitzbolD nannte. Und wenn Der KommanDant seine gestörte Ansprache auch nicht vollenDen konnte, saßen ihrer m Den Wirtschaften genug, Die Den Schaden mit anderen Reden wettmachten, während Der befreite HollänDer Das Laufbrett Des Schiffes vom Ufer abgezogen hatte unD oerDüfterten Gemüts feinen SchnürpuDel in Den

Oer Pudel und die Tabaksdose.

Von Wilhelm Schäfer.

Wilhelm Schäfer rourDe mit dem Rheinischen Literatur­preis 1937 ausgezeichnet.

Indessen die großen Dinge geschehen, wollen Die kleinen auch ihren Schritt machen, und manchmal sind sie im Eifer den großen voraus. Zu der Zeit, da Die Franzosen Das linke Rheinufer noch im Namen des Kaisers regierten, obwohl Der HerdstwinD von 1813 schon in den Blättern rauschte, Da in Den Berichten einzelner Flüchtlinge schon Der Kanonen­donner von Leipzig über Den Rhein Drohte unD also Das Land non Den Sturmzeichen Der kommenden Ereignisse unruhig war: trat eines Mor­gens in Bingen ein holländischer Schiffer mit seinem Hund ans Ufer, Der wenig von diesen Zeitläuften wußte und am Metzgerstand leDiglich ein Pfündchen Fleisch oder zwei einzukaufen gedachte. Er wollte sich gerade mit einem graubärtigen Kahlkopf, Der mit Dem Hackmesser an [einer Fleischbank hantierte, über ein mageres Rippenstück einigen, als der Händel übel gestört wurde. r.

Denn unterdessen hakte der schwarze Schnurpudel Des HollänDers sich am Nachbarstand mit einer Bratwurst kurzer bedient. Als Das He^ gefchrei hinter ihm herkam, hielt Der Kahlkopf fein Hackmesser noch in Der HanD; obwohl ihn Der HanDel nichts anging, weil es nicht seine Bratwurst war, mochte er aus eigener Erfahrung einen Zorn auf Hund haben, Die mit einer Wurst im Maul Davonrennen wollen: mit einem bösen Fluch warf er Das Hackmesser nach Dem £wr unD fraf esfo quer ins Kreuz, daß es augenblicklich mit gebrochenem h nsank.

Schiffer, dem fein SchnürpuDel auf langen Fahrten vertraut w'e ein Mensch gcroorDen war, unD Der ihn unter Dem lchE°L^fser lautlos fallen und sterben sah, wurde augenblicklich von Wut gepackt er warf Dem Metzger fein Rippenstück mitten ins Gesicht, unD zwar so wuchtig, Daß Der Getroffene betäubt unter seine NeWbank zu liegen kam.

Das alles aber geschah blitzschnell und Die Dabetftanbe b rooUten erft zu lachen beginnen, als schon, die Wurst zu retten, Der zweite Metzger ankam und seinen Nachbarn hinsinken sah; 'hm fuhr Der einmal entfachte Zorn in Die Fäuste und Dem baumlangen HollänDer an Die! ©urgel Während die beiben sich balgten, wöbe, der Stand schon halb memander brach, kam auch Der Kahlkopf roieDer zu sich unD Die von Den anderen Ständen sprangen ihm bei, Den Holländer zu oerbleuen, ' g5 dem Zorn Der vereinigten Metzger auf Dem näßlich n ßnedit

wäre nach seiner Gemütsart Dabei geblieben, menn mch s «m m - gerade mit anderen Schifferknechten aus einer We'Nw,rtfchaft kommeno, schon im Dampf eines hitzigen Bretzenheimers gf Mctzaerfäuften hin- fah er Den Flachskopf feines Schiffers unter d°n Metzgerfauften Ym sinken, als er auch schon hinzu fxrang; unD da ihm Die Mameraoen,