Ausgabe 
26.11.1937
 
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Ein halbes Jahr la« dazwischen; wie fragt ihr hatte ich das I verbracht? Bejammerte ich jeden Tag und jede Stunde, die mir ferne von ihr vergingen, und zitterte ich vor Ungeduld, sie zu suchen und zu ihr zu gelangen? (Kein Schatten davon, kein -auch Ich war ahnungs­los wo" sie weilte, ob überhaupt noch in der Stadt.) Fragte ich mich tausendmal, ob auch in ihr etwas vorging an jenem Abend, ab sie meiner gedachte, und prüfte ich ebensooft ihre Haltung, ob irgendein Zeichen für mich sprach? Gab ich mich der Verzweiflung hin erschoß ich im Traum ihren Verlobten, verglich ich meinen und ihren Stand, ihre Hohe und meine Tiefe, und starrte ohne Trost in den Abgrund?

Wohl wohl es kam vor, es gab Augenblicke des Erzitterns und gab Minuten fliegenden Traums, in denen sie mir erschien, neben mir sitzend; und ich sah die Bewegung ihres Halses und Kopfes wieder . io daß mir der Atem ausblieb, mit der sie mir anzeigte, daß ich ihre Hand nicht in alle Ewigkeit festhalten konnte Dann bebte meine Welt vom Herzen aus in Wogen von Angst und Gluck, und von unbe­antwortbaren Fragen regnete ein Sternschnuppenschwarm. An trüben, grauen Tagen, in der schleichenden Oede des Dienstes, in der Leere des Kameradengeschwätzes, an einsamen Nachmittagen da sank auch ich I itim uniformierten Gemachte aus Lehm herab, das in seiner hilsiosen I Tonigkeit übel knirschte. Allein, das war's nicht, was galt. Sondern was galt in jenen Monaten, war das Glück allein, daß sie lebte und war, mir ein Gold in den Adern, eingerieselt aus ihrer durch meine Hand. Sie, wie der Märztag kühl, unanrührbar wie solch ein Tag ein Wesen von unermeßlich andrer Art, weiblich, noch hundertmal zarter gebildet, als ich derbe und stark war, im Vergleich zu mir gar kein Mensch: daß sie war und ich es wußte, und daß sie nun unbegreiflickerweise in meiner Sphäre war, ein in mir schwebendes Wunder seht, liebe Kinder, das war's. Das erfüllte mich ganz; das erhob mich auch in den schatten­losen Raum einer fraglosen, glänzenden Freude. Ich war em Stuck ge­wesen und heil geworden, war teer gewesen und nun gefüllt. Ich liebte, ich war ein Mensch. Davon bekam mein Tag feinen Sinn, der Morgen einen Glanz, der Abend eine Tiefe, und der StaWienst, das Exerzier­reglement und die Reitvorschrist, das wurde alles durch das eine Licht richtig und gut und ein nötiger Dienst am Leben. ,Was geschiehet, es fei alles gesegnet dir, alles zur Freude gewandt.' Ja, und em Hufnagel im sonnigen Sand, das Aufflattern einer Mähne, ein Steigbügel und eine Schnalle am Sattelgurt winkten mir eine Gemeinsamkeit zu, in der ich ihrer froh war wie sie meiner. . ,

Unsere Dinge in Licht und Schatten sind, wie bte Sonne sie zeigt. Wer entzündet aber die Sonne? Dein Auge. Und wer öffnet dein Auge? Dein Herz. Ziehe dein Herz groß, so wachsen alle Dinge ihm nach.

Das aber gibt einer Freude den vollkommenen Schimmer, wenn über ihre eine andere, ahnbare, höher mögliche Freude sicht. Das war die Ahnung eines Wiedersehens und da ging ich an ihrer Seite. Jener Knirps war nun unter seine Kameraden gereiht, und wir brauchten ja nicht die Ausstellung der Klassen und den Abmarsch abzuwarten. Also machten wir uns davon, plötzlich zusammen in einer Befreithett von Gesellschaft und Menschen, die selbstverständlich war wie Natur. Warum ging sie mit mir? Nun, sie tat es. Es genügte doch wohl, daß sie neben mir war wenn ich sie euch beschreiben soll: in einem grünen flachen Hütlein, das dazumal allerliebst' genannt wurde und von der hinten aufgetürmten Frisur fast stell nach vorn in die Stirn faß. Darunter war ihr Gesicht 'm Schatten eines roten Sonnenschirms, umhaucht und zart von dem Schatten. Ihr Kleid endlich, von feinem weißen Wollstoff, hoch am Halse geschlossen, hatte dort eine grüne Rüsche und grüne Aerrnel- auffchläge und grüne Bandrosetten links und rechts neben den Knien. Dort hatte es die neueste Mode in vielen Falten querüber gespannt, und dort wie an Hüften und Brust umschloß es die Gestalt äußerst und plastisch knapp, so daß sie die Knie kaum und die Füße nur zu kleinsten Schritten bewegen konnte. Dabei kamen unter den schlängelnden Rock- volanls kleine Knvpsstiesel hervor, die goldengrün, von Goldkäferleder, schimmerten, bis der Staub des Weges sie weihte. Dies war nun an einem glühenden Augusttage die weibliche Kleidung. Kinder

Ich mochte wirklich, daß ihr uns gehen sähet keinen jungen Kriegs­gott und Nike an feiner Seite mit dem purpurnen Sonnenschirm, sondern so wie wir waren und immer sein werden, sie in ihrer verschollenen Tracht und mich in dem Räuberzivil aus grauem Kammgarn, das schon von Schulbänken blank war, so bekleidet von unserer Zeit. Kleider machen keine Leute, aber Leute sind sie ohne die Kleider auch nicht. Und sehet auch unendlich rund um uns her die Sommerweiten der Wiesen und des bräunenden Korns, rote Tupfen des Mohns, und vor uns ferne das kleine hügelrunde Wäldchen des Tiergartens mit fonne- glühenden Wipfeln, unten in rote Mauer gefaßt, und über allem die glühende, tiefe Bläue der Kuppel: ewige Gestalten sind es doch, die ihr seht, menschenklein unter dem Sommerhimmel, von Anfang her ein Paar, myriadenmal fchon verwandelt in Tracht und Gestalt, um in andrer Gestalt myriadenmal den gleichen Erdweg zu gehen.

Sie ging neben mir rechts, und sie war auch neben mir links. Rechts wirklich mit Sonnenschirm und Hut, links ein zarter Schemen, ohne Hut und mit bloßen Schultern, weder gehend noch sitzend schwebend wie vor einem halben Jahr an der Tafel und mit der angehobenen Hand, die von meiner umschlossen war. So blieb es den Nachmittag lang, da ich keine Minute von ihrer Seite wich, bis wir bei den Wettspielen der Jungens, von einem Platz zum andern schlendernd, zu den Pri­manern gelangten, die eben zum Diskus griffen. Da erging es mir denn, wie es dem Odysseus erging bei den ruderliebenden Phäaken. Sie waren zwar nicht wie jene gymnos, das heißt leicht bekleidet und mit Wacholderöle gesalbt, sondern nur ohne Rock und Weste in ihren langen Anzughosen und Trägern, mit der einzigen sportlichen Aus­rüstung brauner Turnschuh. Was sie taten, stand auch in keiner Be­ziehung zu Weltrekorden, und wer von ihnen Sieger würde, wußten sie vorher^ Auch verhöhnten sie mich nicht wie den fremden Dulder, aber sie reichten mir höflich die schwerste der eisernen Scheiben ich kannte sie, benutzt wurde sie niemals, und ich warf recht gerne den Rock ab.

Und wahrlich, ein Schauer zog über alle, die es mit ansahn, wie die Scheide aus meiner Rechten gen Himmel stieg und stieg und irgendwo niederkam ungesehn in den Wipfeln der Eichen.

Es war ganz still nach dem Wurf, und ich erblickte, als ich mich um- drehte, zwei furchtsam geweitete Augen. Im nächsten Nu war ich und ^Senn^meine Kraft war fort mit dem Wurf. Ich hatte mit der äußersten Wucht meines Armes mich selber fartgeschleudert und lag da wohl unter den Eichen. Ich selber war nicht mehr bei mir; an meiner Stelle stand etwas, eine lange taumlige Kraftlosigkeit, die fröstelte m der Sonne. Umher war Gebraufe, Gesichter flimmerten, Kinder Frauen, fremde Jünglinge in Hemd und Hose, die sich bewegten; der Ohnmacht nahe bewegte ich mich selber fort.

Ich glaube nicht, daß ich von da an noch ein Wort gesprochen habe, nicht mit ihr, die unaufhörlich neben mir war, immer unter den Men­schen, bei diesem, bei jenem Geschehen, zu dem kein Bezug mehr war, stehend fitzend, gehend, immer beisammen, immer stumm, in einer Sinn­losigkeit aller Sinne so bewegte ich mich in meiner Schwache, auf zitternden Knien, als hätte man mich im letzten Atemzug vor dem Er­trinken gerettet. Nun, die Fragen, die Fragen! Warum war sie denn immer bei mir? Warum entfernte sie sich nie? Warum war sie von der Station mit mir gegangen? War sie denn an mich gebunden? War ihre rechte Hand auch immer in meiner? Warum hatte sie damals jene Kopf- beroegung gemacht?

Und ihr Gesicht hatte es sich nicht verändert? Zwar hatte ich die Kraft gerade hineinzufehn lange verloren. Aber ich sah es doch immer­fort neben mir, und so unverändert blaß und gekühlt es war, atmete es nun eine Süße aus, die mir den Atem verschlug, ja, die es eigentlich war, die mich fo schwach machte. Ja, war es nicht doch verändert? War nicht in feiner Kühle, war nicht an Wimpern und Mund, ja in der Stille ihres Blickes etwas gefchehn, das allem eine andre Bedeutung gab ein Verstummtsein in der Stille, Befangenheit in der Blasse, und im Wimpernschlag, in den Nasenflügeln, in den ruhigen Bogen der Brauen sogar innerft ein Zittern? Mein Gott!

Plötzlich lag ihr Gesicht an meiner Brust. Ein tiefer Seufzer mitten unter der geschäftigen Menge standen wir einsam im Wald, es rauschte langsam, sie sank, immer sank sie ihr todblasses Gesicht war mit geschlossenen Augen dicht unter meinem ... Nein, um uns her war die Menge und ein Gesetz. Sowenig ich die Kraft hatte, einen tausend­jährigen Eichbaum zu entwurzeln, so ritz ich sie und mich nicht heraus.

Wir gingen umher niemand kannte uns hier; ein Schritt, und wir waren jenseits des Treibens in der Stille, wir gingen weiter, wir mären allein. Diesen Schritt muhte ich tun aber nein, immer am Rande der Gefahr, immer drehten wir um. Warum blieb sie denn neben mir? Es war grausenvoll, ich zerfiel in Stücke, ich troff von Liebe und Feuerangst. Die Kinder rannten schon mit Papierfackeln und Lampions, ungeduldig sie anzuzünden. Es dämmerte nun, der Himmel über den Eichbäumen war golden geworden. Primaner und Sekundaner eilten geschwellt umher, schwenkten ihre Mützen vor Mädchen und schrieben ihre Namen in die Tanzkarten ein. Wir hielten vor dem abgelegenen offenen Tanzzelt, unter dem es fchon dunkel war; in der leeren Mitte standen auf dem Podium die Pulte und Jnfttumente der Musikkapelle, große Trommel und Baß, Kinder fliegen daran herum ein fernes, sonder­bares Sein war das, und dahinter dunkelte der Wald. Warum sprach sie niemals ein Wort? Warum faßte ich nicht nach chrer Hand? Da tönten Stimmen, wir drehten um, wir mutzten in das Getümmel vor dem Forsthaus zurück.

Es dunkelte nun; wir fanden uns wieder am Tisch ihres Schwagers ein, meine Lehrer faßen da, Graubärte, sie jagten:Nun, General? Da waren mir getrennt; sie faß, nur halb mir zu sehn, ich dachte: jeßt stehe ich auf; wird sie dann auch aufstehn, dann dann ... Aber ich blieb sitzen, wechselte Worte und lachte. Auf einmal war ich auf ge­standen. Gott im Himmel, sie war auch aufgestanden.

Aber da bumm! ein Kanonenschlag, es war Nacht, Laternen brannten, Lampions schimmerten rot und weiß, eine dunkle brausende Menge rollte über den Platz, ein Raketenzischen, und über die Baum­wipfel schossen goldene Schlangen in den Nachthimmel hinein. Wir liefen beide unter der Menge und standen bann eingekeilt, sie vor mir, während goldene und feurige Garben sprühten, im Kreis die Gesichter aufleuchteten, Feuerstreifen aus der Nachthöhe sanfte blaue Sterne laut­los zwischen die Sterne fäeten. *

Es muß etwas geschehen jetzt sonst wird es zu spät nach dem Feuerwerk fahren sie heim du mußt es tun du du mußt sie jetzt wegbringen ...

Während das mit sinnloser Angst in mir kreiste, hatten wir uns wieder aus dem Gedränge gelost, und da war das wieder Ulrike Softe Krosigk, die vor mir stand, von mir weg schauend, und deren Gesicht, deren ganze Gestalt jetzt aufleuchtete, hell angeschienen von einem riesigen flammenden L m den Lüften, das die Nacht taghell werden ließ, unter Die Bäume, alle Menschen erleuchtend, die Beifall schrien. Ich

Gruppen auf dem Rasen, brennendklar, lichtumflossen und Schatten werfend und da stand ihr Schwager, feinen Knirps auf der Schulter, der winkte ... , . .

Wir gingen langsam zu unferm Tisch zurück, wo sonst niemand war. An den andern Tischen rüsteten sich Erwachsene und Kinder zum Gehen; unfern an der langen Tafel der Lehrer halfen sie ihren Frauen von den Stühlen, von denen aus sie dem Feuerwerk zugefehn hotten Nie­mand kannte oder beachtete uns ... Ich würgte ein Wort in der Kehle.

Sie trug an ihrem linken Handgelenk einen samtenen Beutel, foge- nannten Pompadour, in dem sie ihr Taschentuch, auch wohl einen Kamm verwahrte. Das kleine Tuch nahm sie jetzt heraus, führte es an Die Sippen, tupfte leicht, einmal und noch einmal, ließ die Hand wiever sinken nun tat sie es wohl in den Beutel zurück? Ich blickte an- I gespannt hin, es war ungeheuer wichtig. (Fortfetzung folgt.)