Ausgabe 
26.7.1937
 
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Behutsam öffnete er die Tür und stand starr. Ihm zugewandt war das geliebte Gesicht, Heitang, die Aprikosenblüte. Sie saß vor einem Webstuhl, darin das Schiffchen hin und her zuckte. Durch den S uhl floß ein Regen bunter Seidensäden, Farbenstrahlen wie aus Festlaternen. Ein Stück des farbigen Gewebes bedeckte den Schoß der Seidenweberin: ein überbuntes Schmetterlingsmuster hatte sie in ihren Stoff hinem- ersunden und hineingewoben. Der kam ihm sehr bekannt vor.

Herr Wang!" sagte sie errötend, und der Webstuhl horte auf zu weben...

Erntetage.

Von Wilhelm Luetjens.

Auf weiten Feldern brütet der Sonne Last.

Die braunen Kühe ruhen trag, umflirrt vom Mittagsglast. Das ist die Zeit des Reifens, die sommerliche Zeit

Des Frühlings Blüten, kaum verweht, sind weit.

Du fühlst, wie deine Tage in Sommers Glut vergehn wie Sang und Sage, und ruhig pulst dein Blut. Du mußt dein Selbst ergreifen, eh es wie Flugsand dir zerrinnt Die Wolken ziehn, die Mühlen treibt der Wind.

Die Wolken gehn im Blauen, die Mühle mahlt das Korn. Wenn schwer die Halme fallen, war der Sommer nicht verlorn.

Der Abend leuchtet lange nach, die Nacht träumt kurze Zeit Schon steht das Feld dem Sensenschnitt bereit.

Vogesenfeldzug 1915.

Ein Bild vom Ausbruch.

Bon Hans Brandenburg.

Bon allen Seiten schaute der ernste Bergwald in das Städtchen, aus dem endlose seldgraue Kolonnen zum Kampf in das Gebirge hineinzogen. Sie marschierten im Schutze der Abenddämmerung zwischen dem alten Rathausbogen und einem großen steinernen Kruzifix, das auf dem dunkel­blauen Hintergrund der Berge ruhte, auf dem sich die Truppen bewegten: Fußsoldaten, Pferde, Maultiere und Esel, Geschütze, Munitionswagen, Packwagen und Feldküchen, am Schluß ein Pater in seiner Kutte, aber in soldatischer Mütze mit violettem Rand, sowie ein großer Trupp mit dem roten Kreuz aus weißer Armbinde und mit Hunden, die dasselbe Zeichen trugen.

Noch blieben viele Truppen in dem Städtchen zurück, aber sie sahen den Abrückenden nach mit der Gewißheit, ihnen bald folgen zu müssen. Und mit diesem Ausblick verband sich für manchen eine kurze Rückschau.

Vorüber die Wochen der Ruhe in den großen und kleinen Nestern jenes Elsaß, das abseits lag vom Kriegsschauplatz. Vorüber das Bum­meln durch die vom Abendlicht beschienenen Gassen und Plätze, die ihre Häuser wie Kulissen aufstellten, Häuser, deren Dachfirste manches Storchnest krönte, und die sich unten in behäbigen Toreinfahrten öffneten; blühende Oleander in großen Kübeln vor allen Türen ragten oft bis zum Giebel hin­auf, der Lauf des Baches, überall von Gruppen waschender Frauen und Mädchen belebt, führte einen durch das winklige Labyrinth der Stadt, und lief man sich dennoch öfter in einer Sackgasse fest, so machte man gern Halt gleich wie in einer lieblichen Verzauberung. Aus den Fenstern aber klang Geigenmusik und Klavierspiel, ein Hauch herzlicher, alt­fränkischer Bildung ging von den Häusern aus, der einen auch in ihrem Innern anwehte, wo die Bücher von Zöglingen offenlagen, und wo außer­dem die Katze im niemals stylenden Großvaterstuhl schnurrte und abends vor dem Schlafengehen neben dem Napf, aus dem der Kaffee gelöffelt wurde, eine Schüssel frischgepflückter Johannisbeeren stand. Den jungen angehenden Gelehrten und Freunden schöner Künste unter den Kriegern geschah wohl gar das Glück, daß ihnen in solchem Quartier Goethes Jugend leibhaftig entgegentrat in einer Friederike von Sesenheim, die in der zeitgemäßen, sachlich strengen Nonnentracht einer Krankenschwester nur noch anmutiger ihnen die Zukunft aus den Händen deutete mit Worten traulichster Mundart und unermüdlich in Rätsel- und Pfänder­spielen war. Herzliche Unbefangenheit und sinnliche Frische und Unschuld strömte ihnen da entgegen, und Soldaten, denen vielleicht ihr letztes Fest beschieden war, wurde ein kleiner, sonst jetzt verpönter Tanz nicht ver­wehrt, zu dem eine Mundharmonika das Orchester und ein Besenstiel, am Zimmerboden kratzend, den Brummbaß machte.

Vorüber die schwülen Tage verstohlener Kirschenernte in den reich- gesegneten Gipfeln eines noch weit kleinstädtischeren Ortsidylls. Aber

hier fangen und spielten sogar die Wirtstöchter klassische Musik, wahrend ihre alte Mutter, auch eine rechte Fremden- und Soldatenmutter, voll Würde hinter dem Schenktisch thronend, die Kaffeetassen mehrmals nach, füllte, ohne den Preis zu erhöhen. Das Leben schlief in Hitze und Sommer- träumen ein, und sogar das betende Nönnchen auf der Bank zwischen den steilen Lilien des Klostergartens. Nur die Soldaten übten auch hier in der Ruhe ohne Pause ihre Kriegstüchtigkeit, und abends mischten sie sich unter die Mädchen, von denen manche schon Soldatenbraut war, und manche es zu werden hoffte. Es wurde da auch einmal höchst unschuldiger- weise eine nach dem Krieg zu erwartende französische Erbschaft einer alten Tante, deren verstorbener Gatte Kammerdiener von Mae Mahon gewesen, ins Feld geführt. Doch auch davon abgesehen, tischten selbst die armen Kleinhäusler am Ortsrande auf, was Küche und Keller nur irgend noch hergaben. Hier aber redete bei allem schon der ferne Kanonendonner ein gedämpftes Wort mit und lockte auch manchmal aus den Kamerad- fchaftsgefprächen ein banges Echo, wenn man müde vom Dienst und übersatt vom erlaubten Naschen, unter den Fruchtbäumen in der Abend- schwüle liegend, zu den murmelnden Vogesen hinübersah und in der Dämmerung die letzte Pfeife glomm.

Vorüber die Marschtage, zu deren Beginn sich der Saum des Ge­birges so lichtblau über die Ebene schwang, die so üppig von dem in Eins wachsenden Wein, Getreide und aller sonstigen Feldsrucht strotzte, daß man im Süden zu (ein glaubte. Nachts ging es durch schlafende Ortschaften, hinter denen sich die schwarzen Kuppeln der stummen Bäume über den weißlich schimmernden Kornfeldern wölbten. Da waren auf Sturzwellen verwegenen Tatendranges, die aus mancher jungen Brust strömten, ächzende, sußwunde Müdigkeit und stumpfer Gleichmut gefolgt, und zuletzt traumloser Schlaf In Eisenbahnwagen, die von der letzten größeren Stadt in dies Tal hinaufkletterten.

Nun sah man im letzten Etappenort, abmarschbereit unter Abmar- schierenden, aber auch unter Einmarschierenden. Denn hier vollzogen sich die Ablösungen und sammelten sich die Verstärkungen. Es war ein ständiges Gehen und Kommen von Fuhrwerks- und Mannschaftskolonnen, das besonders bei Nacht anschwoll und sich schallend in den engen Gassen staute. Die Eintreffenden, wenn sie von der Front kamen, waren ruhe­bedürftig, ja übermüdet. Schlafzimmer, Schreibstuben, Ställe und Heu­boden überfüllt, alle Tore und Türen von den Quartiermachern mit Belegstärken in Kreideschrift bedeckt; es entstanden Kämpfe um die Unter­künfte, niemand wollte die schwererrungene gutwillig räumen, Stäbe mußten übergeordneten Stäben weichen, unter deren neuer Aufschrift die frühere erlosch. Streitfälle entstanden zwischen dem Recht des zuerst Mahlenden und dem Recht der höheren Charge und noch zwischen anderen Rechten, Rufen und Schelten kam durch die Nacht, Türen wurden auf- gestoßen, und zwei elektrische Tischlampen blitzten einander grell und zornig an. Stundenlang wurde Wache gehalten vor irgendeinem schmutzigen, von Fliegen wimmelnden Loch, das man sich nicht entreißen lassen wollte. Schmutz und das schlimmste liebel, die Fliegenplage, ließen sich nicht bekämpfen, wo Menschen und Tiere, Schlafstreu und Küchen fo zusammengedrängt waren.

Wurde es Tag, so zogen die feindlichen Flieger bis hierher ihre Kreise, von platzenden Schrapnells verfolgt. Das Tal, an dessen einem Hange das Städtchen aufstieg und in das sich Waldzug um Waldzug von beiden Flanken hereinschob, lag in der Sonne, und in der Sonne lag das sehr schon gewölbte Massiv, mit dem es, nicht weit von hier, abschloß. Aber dessen Waldblößen rauchten deutlich sichtbar von den Wolken ein­schlagender Granaten, es war ein böser Wetterwinkel.

Aus ihm herüber sausten die Geschosse mit ihrem heulenden abschwellen­den Pfeifen auch oft genug bis hier herüber, hinweg über die Dächer und manches Mal in sie hinein. Waren gleich Blindgänger in großer Zahl darunter, so genügte doch einer von ihnen, wenn er durch mehrere Zimmer fuhr, Wände und Schränke durchbohrend, Einrichtungen zertrümmernd und mit feinem Luftdruck Fenster mitsamt der Ummauerung aus den Fugen pressend, zu töten und ein Heim zu verwüsten.

Man konnte sich hier in manchen Augenblicken auch als Soldat unge­mütlich fühlen und schon aus einer leichten Unsicherheit heraus den Wunsch haben, näher an den todspeienden Wall heranzukommen, wie man an eine Mauer möglichst heraygeht, über die mit Steinen geworfen wird. So sagte wenigstens einer im Scherze. In Wirklichkeit mochte man endlich Taten tun, statt hier qualvoll wartend auf der faulen Haut zu liegen.

So schon zog die Landstraße durch das reiche Tal feindwärts, dahin unter üppigen Walnußbäumen, unter denen jenseits der Gräben Zelte aufgeschlagen waren, Kochstellen brannten und Pferde und Maultiere grasten. Immer näher ging es da hinten an die wetternden Gipfel heran, und wie es droben aussah, das sollten auch die in der Talstadt Harrenden bald kennenlernen: Zurückgedrängte, aber um so zähere Grenzwacht aus deutschem Boden mit schwachen Kräften, weil sich die Hauptkämpfe im Osten entwickelten, einem wütend feuernden, auf Gebirgskrieg geübten Gegner gegenüber: ein endloses Ringen um jede Fußbreite Bodens und immer um die gleichen Stellungen, die man wechselnd behauptete und wechselnd sich entriß; jeder Waldhang ein einziges Minenfeld, aufgepflügt und voller kahl und astlos geschossener Baumgespenster; und auf, den Hohen dieses gemordeten Hochwaldes, von seinen zersplissenen Strünken überragt, hoch über blauen Tälern und nebelbrauenden Schluchten. Schützengräben im Felsenboden, vom Hauch der Verwesung erfüllt. Wahr­lich, blutige Heldenopfer für das Vaterland fielen auch hier genug, aber ohne von dem Glanze der großen Entscheidungen verklärt zu sein.

War die Nacht dunkel, so fliegen die Lichtgespenster der Leuchtkugeln zum Himmel auf ober huschten diejenigen der Scheinwerfer durch bte Finsternis. Es geschah auch, daß die elsässischen Dorfglocken die großen Siege im Osten zu den westlichen Feinden emporsangen. Doch niemals schwieg der Wetterwinkel. Ost dröhnte er wie eine große Kesselpauke, bis er plötzlich in einer Nacht, als durch die Stille nach dem Derrasseln des Wagentrotts erwachte, wie ein Riestnamboh donnerte. Das war das Sturmzeichen zum Aufbruch der Reserven.

ertnttoorllich Dr. Hans Thhriot. Druck und Berlar: Drühl'sche Univerlitäts-Duch- und Steindruckerei, 2L Lrnae, Diebe»-