Oer Hausgöhe.

Volksweise.

Und welche Frau ein Götzen hat, Die schläft wohl ohne Sorgen;

Er wäscht die Tisch, er wäscht die Bänk, Das tut er alle Morgen.

Sie gab ihm ein Besen in sein Hand, Das Haus sollt er ihr kehren;

Wiewohls der Götze nicht gerne tät. Noch dürft er sich nicht wehren.

Und wenn der Götze essen wollt, So tät sie ihm bald geben, Sie gab ihm nichts als Sauerkraut, Und Wassersuppe daneben.

Sie nahm ein Prügel in die Hand, Dazu zween harte Steine, Sie schlug den Götzen vor den Kopf; Noch ourft er ihr nicht weinen.

Sie nahm ein Strick in ihre Hand Und band ihm alle viere, Sie hing den Götzen an die Wand Und ging danach zu Biere.

Und da es kam an den dritten Tag, Das Fräulein kam zu Haufe;

Sie nahm den Götzen von der Wand, Er sollt ihr lernen mausen.

Sie gab ihm ein Korb in seine Hand, Nach Pilzen sollt er laufen;

Der Götze war von Flandern, Er sprach: Frau! Ich will wandern. Bleib bei Euch nun nicht mehr.

Oie Seidenwebenn.

Ein Faltermärchen von Friedrich Schnack.

Wang, ein junger Gelehrter aus der Provinz Schen-Hri hatte auf einem Nachtfest in den Gärten seiner Heimatstadt ein junges Mädchen kennengelernt, zu dem er auf den ersten Blick in Liebe entbrannt war. Sie hatte den schönen Namen Heitang und war die Tochter der Frau Jen, deren Gatte als General beim Einmarsch in die südlichen Provinzen gefallen war. Frau Jen war eine sehr geachtete Dame, die der Präfekt zu jedem großen Stadtfest persönlich einlud, denn der Name des gefal­lenen Generals hatte noch immer einen weiten Nachklang. Wang nannte das Mädchen in seiner Verliebtheit Aprikosenblüte. Wie er gehört hatte, wohnte sie fünf Li von der Hauptstadt entfernt in einem kleinen Land­haus.

Auf dem Fest blühten über der Aprikosenblüte Hunderte von bunten Pavierlaternen, und ihre Farbenkugeln, ihre Licbtwände und mondänen Wölbungen waren bemalt mit Glückszeichen: Freude, langes Leben, Heiterkeit. In der milden Nachtluft schienen sie zu schweben. Und sie, Heitang, darunter, angeschimmert von diesen reichen Feststernen.

Der junge Gelehrte war seit jener Nacht ein anderer Wang, als zu­vor, eh? noch die Liebe sein Herz verwirrt hatte. Eng wurde ihm die Studierstube, öde der Schreibtisch und langweilig die Bücherei. Lieber 0(5 Zeile um Zeile den Honig der Weisheit zu saugen, schickte er seine Blicke zum Fenster hinaus in die grünen Bäume des Stvdtgartens. Die großmeisterlichen Wortblumen in den Büchern, die Redesaat der Staatslenker: wie fad erschienen sie ihm, wie grau, da ihm eine andere Blüte, eine zartere, im Sinn flammte, eine Blume aus der Provinz Schen-Hri, eine lebendige Avrikosenblüte in jener erleuchteten Nacht.

Unruhevoll verlieh er sein Haus, ging durch die Stadt, schlenderte durch den Stadtgarten, rief sich die verflossenen glänzenden Stunden in die Erinnerung und war so vertieft in sein Mädchentraumbild daß er, ohne es recht zu merken, das Stadttor hinter sich lieh und sich in die Felder verlor. ... ,

Er wanderte wohl an die fünf Li, und als er die fünf kleinen Meilen zurückgelegt hatte, »eh er sich am Weg unter einem schattigen Baum nieder. Wundervoll still war es hier. Es war wohl der stillste Ort in der ganzen Provinz Schen-Hri, so kam ihm vor. Wie angenehm die r.uft, gewürzt mit reinen Düften! Niemand in den Feldern, nur die Geister idez Mittags und der Blumen, die Schmetterlinge. Sie flogen dahin und ^dorthin auf der Suche nach Blumen und frohen Geistern. Sie fanden, was sie suchten und glichen nicht dem jungen unruhigen Wong, der luchte, was er nicht finden konnte. _ , , , .

Ach, wär er doch, auch ein Schmetterling! So sah er, sann und wünschte. Cs war nicht zu verwundern, dah seine Hande ins Gras lanken und seine Lider sich schlossen: einen Augenblick nur. Und zugleich öffnefen seine inneren Augen die Lider und blickten rundum. Ginen Augenblick nur. Und er sah: mitten in der Wiese stand em innges Mad- ichen. Es war ein Sommermädchen, angeloht vom grünen Feuerwerk der Gewächse und roten und blauen Sternen. Die wiegten sich Yin mnb her, wie sich die Laternen auf dem Nachtsest schwankend bewegt Hotten Der junae Herr Wang konnte ihr Gesicht nicht gut erkennen: die ziehenden Wolken bedunkelten es mit ihren eilenden Schatten, die Gräser umzuckten es mit Blitzen, es schien von Augenblick zu Augem d»ck sein Aussehen zu wandeln. Doch Wangs Gedanken änderten sch «nicht so leicht, er erriet nicht den Sinn und wahren Ausdruck des Mädchengesichtes. Ihr Gewand leuchtete zart wie Aprikosenhaut Nun Hob sie rasch den Arm, in der Hand hielt sie schräg einen kleinen Jadestab,

sie schien ein Zeichen in die Luft zu geben: lauter schwoll das Gesumm der Insekten, eine wunderbare Geistermusik. Feine gläserne Bogenstriche schwirrten, winzige Gongschläge hallten, und zauberhafte Bläser durch­stickten die Bläue mit Klängen von Metall und Glanz. Das Mädchen schlug einen blitzschnellen Kreis mit dem Jadestab. Es war ein dunkel- lustiger Ring, Herr Wang konnte kaum mit den Augen der Bewegung folgen. Der Stab beschrieb längst andere Figuren.

Sehr schön war dies anzusehen. Ein entzückendes Mädchenspiel. Und jetzt? Was geschah da? Mit einem Nu erhoben sich aus den Wiesen alle Schmetterlinge, der mädchenfrohen Geisterbeschwörung folgend. Die Falter jagten auf, dicht wie Wolken von Gold und Feuer und blau wie der Rauch der Dampfer auf dem Flusse; an allen Enden und Ecken des Feldes huschten sie empor, die Mittagsgaukler sammelten sich in Scharen, und kaum dah sich Wang ein wenig über ihre Erregung gewundert hatte, waren sie schon zu einem Flügelschleier über dem Kops des Mädchens zusammengewoben und ausgebreitet. Aber der Taktstock rih sie mit sich, rote eine Fahnenstange das Fahnentuch im Winde mit sich reißt. Hinter der blitzenden Spitze schwebten sie her, die flink in die Bläue ritzte, und alsogleich flatterten in den Luftfurchen die Falter wie Streifen wild- bewegter Blumen und farbige Regentropfen: blaue, gelbe, braune, rote Schmetterlinge. Atemlofe Luft! Sie schwebten wie die Glückszeichen: Freude, langes Leben, Heiterkeit über der Spielerin. Wie sehr bestaunte Wang den Tanz der Geister, das Fest über den Gräsern, den Jnsektenrausch.

Heftiger taktierte das Mädchen, immer schneller folgten die Geflügelten den Tanzgedanken der Schmetterlingsmeisterin, zuletzt gewahrte Wang nur noch verschwommene Streifen und Flammen über dem Jadestab. Und noch erstaunlicher war, daß auch die Gräser sich bogen, die Blumen wankten und das Laub floß, eingestimmt in die heftige Bewegung. Da spürte Wang, wie der geheimnisreiche Wirbel auch tn seinem Herzen zu kreisen begann: die Bildnisse von Mädchen, Wiese und Landschaft rollten rund um seine Seele; ihr Strom ergriff ihn, der Stab winkte, und Herr Wang war eingeordnet in den strahlenden Reigen, den sich das sonderbare Mädchen ausgedacht hatte.

Der junge Gelehrte entbreitete seinen gelben Mantel. Die beiden Seidenschöße flatterten hernieder, der schöne rote Kragen schimmerte: Herr Wang sah mit einem Insektenblick, der das Bild der Umwelt millionenfach zerlegte und spiegelte, dah er sich in einen schönen, nur etwas schwerfälligen Falter verwandelt hatte. Mitten unter den Falter­gefährten flog er, dem Jadestab folgend, an den blitzenden Mädchenaugen vorüber, die ihn beglänzten wie der Doppelstern einer unerreichbaren Blüte.

Flugfreude, 0 Falterglück! Wang wollte ein wenig philosophieren über den Rausch der Bewegung und nachdenken, wie es kam, daß ein Falter glücklich war, wie er selber glücklich sich fühlte. Was schreiben darüber die alten Meister?, wollte er fragen. Aber es gelang ihm nicht, die Gedanken mit Schärfe zu setzen. Die alten Meister schrieben nichts darüber, nicht ein einziges Blumen- und Farbenwort stand über die Flugfreude in den Büchern. Nicht auch konnte er einen Sah philosophieren, die hohe Empfindung lieh sich zu keiner anderen Empfindung in Beziehung setzen. Wang wurde ängstlich. Er wähnte abzustürzen, flatterte lächerlich ungeschickt und lieh sich rasch auf den Jadeftab nieder, den das Mädchen plötzlich zu Boden geworfen hatte.

Heute ging es aber gar nicht gut, glaubte er zu hören. Das soll Schmetterlingsgeift fein? Wang machte sich winzig klein. Deuteten nicht Kräuier und Halme auf ihn?

Ich werde es euch vormachen, sagte sie.

Sie bewegte die Hände, hob die Arme, schwang sich empor und schwebte vor dem Himmel, ein rötlicher Aprikosenfalter, in ganz kunstvollen Schleifen, Windungen und Kapriolen. Regungslos umstanden sie in den Lüften die schwebenden Schmetterlinge. Wang auf seinem Jadestäbchen schaute berückt empor. Er sah eine Schmetterlingsgöttin, die da tanzte. Ihre luftige Flügelschrift suchte er zu entziffern. Was für einen Gedanken webte sie in den blauen Stoff des Himmels mit flinken Flügelschlägen? Wang verstand sich auf die schwierigsten Schriften. Mühelos entzifferte er: Ich liebe dich ... Ach, dachte er, sie schreibt eine Botschaft. Sie hat das kostbarste Briefpapier, Aetherseide . . Und er buchstabierte voll Eifer: Mein Geliebter ...

Gleich einer kleinen Springwelle hüpfte das Mädchen auf und nieder, und ihre Figur besagte dem Schriftgewandten: O Wang, warum kommst du nicht ... Er verwunderte sich, erbebte und fühlte, daß seine Flügel erzitterten. Und da war ihm jäh, als spielten sich all diese geschmeidigen sehnsuchtsvollen Tänze in seinem Herzen ab, und die Schmetterlinge wären seine Liebesgedanken. Indes zogen die Falter hinter der Tanz- meifterin her, und ehe ihre Farbenschleife einen Bogen gewölbt hatte, huschte Wang auf, um sich dem letzten Falten anzuschließen. Er war der allerletzte und war zugleich der erste, der dicht vor dem Mädchengeist segelte. Blind vor Wonne jagte er dahin bis er mit dem Flügel plötstich an einen Ast anstreifte ...

Ganz verwirrt blickte er auf: er stand auf dem Weg, ein junger Gelehrter, ohne Falterflügel, mit einem Mantel angetan. Er war ein paar Schritte weitergegangen von feinem Rafenfleck, auf den er sich vor einem Augenblick niebergelaffen hatte, und befand sich auf einem schmalen, gelben Weg, am Rande der Wiese, dicht vor einem Zaun und einem kleinen Landhaus. Unbekannt war ihm die Gegend. Noch nie war er hier gewesen.

Eine Schar bunter Falter durchschwirrte den Garten, strich an den Fenstern hin, und ihre Flügel spiegelten in den Scheiben. Wie töricht! schalt er sich. Wie ein Mondsüchtiger, mit verwirrtem Herzen, laufe ich am hellen Tage umher. Hinter feinen eigenen Vorwürfen klangen die Vorwürfe seiner Lehrmeister, deren Bücher zu Haus auf feinem Schreib­tisch lagen, und sie murrten: Verliebte sind wie. Narren. Sie vergessen die Wirklichkeit und verlieren sich in Traumländern ...

Aergerlich nestelte Herr Wang seinen Mantel vom Dornenstrauch und trat in das Haus, um sich nach dem weiteren Weg zu erkundigen. Er tlopfte, eine helle Frauenstimme rief: Herein!