^Siebolb stieß mich an: „Zwei Gedecke!" las ich ihm von den Lippen.
Mit Bestürzung sah ich, baß er recht hatte. Geschirr, Besteck und Gläier alles war doppelt vorhanden, als ob zwei Pionen an der Mahlzeit teilgenommen hätten. Wen hatte Avila zu Gast gehabt? War es ein Besuch, der sich wieder entfernt hatte, ober hatten etwa Furcht und Mißtrauen den Buchdrucker bewogen, einen Freund, einen Wachter, einen Beschützer in das einsame Haus zu nehmen?
Mackte dieser Umstand etwa Siebold bedenklich, so daß er seinen Man nun aufgeben ober verschieben wollte? Ich sah ihn an, unb er Schüttelte ben Kopf nein er war ber Meinung: nun waren wir einmal hier unb unter Beginnen fällte burch kein Hindernis vereitelt werden
Der Schlasraum lag links vom Wohnzimmer. Als ich äum letztenmal über diese Schwelle getreten war, hatte ich lachend mein ®Iu£
Armen getragen, nun kam ich wieder, um es mir mit einem Handstreich
Das"'Laternenauge hatte ich mit der Hand bebecft, um Avila nid)t eher au wecken als bis wir ganz über ihm waren. Ich leitete nur soviel von dem Schein auf den «oben, baß wir an die Betten "»schleichen konnten. Nun ließ ich ben gebämpften Schimmer hoher gleiten, fanbte ihn flach über das Lager hin.
Ich sah die beiden Betten aufgeworfen, zerwühlt unb leer.
Die fianb sank mir herab, ungehemmt überschüttete Licht die beißen Betten __ sie waren aufgeworfen, zerwühlt und leer. Wild fPra»9 dn
Strahl in den Raum. Der Kleiderfchrank klaffte offen, Martinas K eider waren herausqerisfen, lagen auf dem Boden, hingen über Stühlen, Svitzentücher, Mantillen, Wäschestücke ... alles wie in Hast hmgeschleu dert als wäre die Besitzerin zu jähem Verlassen gezwungen gewesen.
Martina . Martina war hier gewesen. Sie war hier gewesen, fte hatte mit Avila eine Mahlzeit geteilt, hatte vielleicht hier geschlafen und "'"sie"war hier gewesen, und ich hatte nichts davon gewußt ...
Halb bewußtlos lieh ich es geschehen, daß mir Glebow die Laterne aus der Hand nahm und in die Winkel des Raumes leuchtete. Vielleicht suchte er weitere Spuren des Geschehenen, vielleicht dachte er, daß uns Avila kommen gehört hatte und sich irgendwo verborgen hielt.
Ja. wo war Avila? Wo mochte er fein? Er war mir plötzlich un- wichtig geworden, nun, da ich mich davon überzeugt hatte, daß Mar na hj„ gewesen war, und daß mich in meiner Stumpfheit keine Ahnung davon benachrichtigt hatte.
Siebold verließ das Schlafzimmer, durchschritt das Wohnzimmer und wandte sich zur Tür, die in den Nebenraum rechts führte. Ich ToIS« ihm betäubt und blieb an bem Tisch stehen an bem Martina wohl noch heute abenb gesessen hatte. Von welchem dieser Teller mochte sie gegessen, aus welchem biefer Gläser getrunken haben? Welche dieser Gerate waren burch ihren Mund geweiht und gesegnet, welche durch ben bes Feindes ""Ä'SÄ'fe »w«l«
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pelkammer, in der allerhand entbehrliche und außer Gebrauch gestellt Dinge aufbewahrt wurden, eine öde Gegend des Hauses, die man auf Geheiß des Hausherrn ungenützt ließ.
Siebold verschwand hinter der Tür, und Miguel und ich blieben im Dunkeln zurück. Es war, als sei bie Finsternis, die in meine Seele geworfen war, nun feindlich auch um mid) auf gemauert, -'n Begräbnis aller meiner Hoffnungen. Von fern her suhlte; ich den^rud. ber Sreun beshanb, bie meine ergriffen hatte unb mit Stoßen bes Blutes Anteil nähme tröftenb in mich einflietzen lassen wollte.
Licht brach roieber herein. In ber Tür stand Siebold und winkte uns au kommen. Was konnte er in der Rumpelkammer gefunden haben? ° Da waren Stöße alter Kupferplatten, zerbrochene Möbel, verrostetes Eisenaeug unb allerhand Kisten.
lieber ben Rand einer der Kisten, ganz hinten an ber Wand hingen ,wei menschliche Beine. Siebold senkte den Lichtkegel in das Innere der Kiste Der Körper, ber zu ben Beinen gehörte, war ba hineingestopsi, seltsam zusammengeknickt, verbreht unb verschoben.
Es war ber Buchdrucker Avila, der da in die Kiste Qepferdjt war, tot, erwürgt durch den Strick, der ihm noch den Hals umschnurte.
Und mit einemmal wußte ich: auf dem Grunde meiner Setie batte Mord gelegen. Und Mord war emporgeftiegen, hatte in der Welt ver Wirklichkeit Gestalt gewonnen und den Mann erwürgt. Da lag er, sein Mund war verstummt und für immer geschlossen, kein Mittel war imstande, ihm das Geheimnis zu entreißen, wo ich Martina zu suchen halt.
Er war aus dem Leben gelöscht, aber er hatte dafür gesorgt, daß tmr mein Glück so ferne war wie je. .
„Nein, Francesco", fagte Siebold, „nicht du ... Sie ist uns wiede j zuvorgekommen."
„Sie?" fragte Miguel, „das Lowengesicht?
„Wer sonst? Die Zähne sind ihr noch nicht ausgebrochen Ick had es gewußt. Isabel Calderana ist erkannt und machtlos. Aber ie W noch eine andere Maske, eine andere Stiften,3, sie hat ein DoppelgE Aber welches ist dieses andere Gesicht? Noch immer tappe ich m gelbe" Nebel, ich bin wie blind für vieles. Das da aber weiß ich: ihr Wett, Francesco, um den Mann stumm zu machen, der uns heute »erraten hätte, was wir wissen wollen."
..Und Martina ist dagewesen", brach es aus mir hervor. „Sie war zurückgekehrt."
Siebold streckte den Arm aus und machte eine kleine Bewegung meiner Stirn, als wolle er etwas wegwischen. .'Berstehst du n,ch. Francesco, daß diese Rückkehr nur vorgetauscht werden soll. Es soll oe Ansckein erweckt werden, als fei Martina bagemefen mit dir «ls war- ber Mann dazugekommen unb als hattest bu bie Gelegenheit ergr lse^ dich feiner zu entledigen. Erkennst du nicht in diesem teuflischen Pta die Klaue der Singbogmo?"
(Fortsetzung folgt.)
ihn vor bem Aergsten behüten zu wollen, diesen Menschen, der mich meiner ^Geliebten beraubt hatte; fie war, nachdem mir nun auch Iw feplja den Weg zu ihr freigegeben hatte, nach einem höheren als
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Uftalfen versehen^ unb Siebold trug ein Bündel, in dem Eisen an Eisen flirr e Nach all' der Mutlosigkeit und Seelenzerflossenheit ber letzten Wochen war ich nun wieder kalt und hart. Es war wirklich ds hatte ich nun, da endlich etwas geschehen sollte, in meinen früheren Menscken aurückaefunden. Nicht ein Bedenken war in mir, keine Regung des Mitleids kein Zögern, einem andern vielleicht Qualen öuzufugen, n die meinen zu enden. Wenn mein Herz, als wir in der Calle de las Carretas ankamen heftig pochte, so war es nicht durch die Erregung vor dem, was uns jetzt bevorstand, so stürmisch b°wegt, Iondern durch die Erinnerung an Vergangenes und das Gluck, daß ich nun binn n fnraem Gewißheit über Martina haben werde. .
Stille und Dunkelheit machten das Haus der Geliebten zu einem
Stück der Nacht. , , ,
ftnlt du ben Schlüssel? fragte Siebold. <
Ich steckte den Schlüssel ins Schloß. Es ließ sich nicht << Verändert sah ich mich nach Siebold um. Was war da geschehen? Ach, ]
gewiß war es sw Avilas Mißtrauen hatte ihm graten, bas Briefe ,
änbern au lassen kein Zweifel, er vermutete ober wußte, baß ich einen ,
Schlüssel besah. Aber bas konnte uns kein ernsthaftes Hinberms fern, wir würben uns schon einen Zugang zu Avilas Festung verschaffen, Siebolb hatte schwierigere Dinge möglich gemacht. ,
Er packte bie Klinke an, drückte sie nieder, und die Tur ging aus.
Sie war unversperrt", sagte er erstaunt, daß wir Avilas Haus offen fanden. Er gehörte nicht zu den Menschen, die in so unruhigen I Zeiten nicht Darauf bedacht gewesen wären, Heim und Eigentum vor ftreunben au schützen. Aber was ging s uns an, ba standen wir im Hausflur, und bas flache Laternchen Siebolds stieß aus dem runden Auge fein Strahlenbündel gegen Wände, Türen und Treppe. Behutsam öffnete ich die Tür zu Avilas Kanzleizimmer, mehr aus übertriebener ©rünblic^eit, als weil ich vermutet hätte, ihn wirklich dort zu finden. Vielleicht auch deshalb, weil ich das feltfame Vergnügen der Spannung, das ich empfand, mir genußreich verlängern wollte. Avila, dieser Mensch ber Martina vor mir besessen, der sie mir durch all die Iahr^ meiner Unbekanntheit mit ihr vorenthalten hatte, war es, auf den sich mC Siebolb” Singbogmo war mir zu fremd und fern Und wenn es Isabel Calderana war, die uns übelwollte und uns nachstellte, ich konnte sie nicht fo hassen wie Avila, ich hatte sogar etwas wie eine Scheu vor ihr. Gut, die versolgte uns, und wir muhten uns ihrer erwehren, und ich wollte es zufrieden fein, wenn es fo war, wie Siebold behauptete, daß fie nun machtlos geworden sei. Es war jedoch etwas in mir, das wich hinderte, in die Urgründe ihrer Feindschaft gegen uns einzudringen, manchmal sprach sogar eine Stimme, die sie rechtfertigen wollte. Sie hatte die Erbschaft einer Sterbenden übernommen, sie vollzog eine Rache, es war ein — heiliges Amt. Das war alles so dunkel und verwogen, daß ich nur ungern daran dachte. Aber hatte ich nicht trotzdem sogar in diesen Tagen ein Bild von ihr zu malen begonnen, um den Eindruck sesizuhalten, wie sie mir damals entgegengetrtien war im schwarzen Kleid mit den roten Schuhen, das Schultertuch ledoch halb über das Gesicht gezogen, daß nur die eine Hälfte einer leblos starren Maske zu fehen war? Indem sie sich uns halb enthüllte, wurde sie uns I aum noch größeren Geheimnis. . ,,
Mit Avila aber lag alles klar unb offen am Tage. Ja, er hatte mir bie Frau, bie mir bestimmt war, genommen, ehe uns bas Schicksal zusammengesührt hatte, er hatte sie mir >?un »um zweitenmal geraubü Solange er lebte, war er mein einziger wirklicher Fernb. Ich wollte ihn nicht qerabe töten, aber ich wollte ihn unschädlich machen. Ich war bereit, Siebolb in allem beizustehen unb vor keiner Grausamkeit zuruck- ,zuschrecken. Avila sollte gezwungen werben, bas Versteck Martinas zu verraten, unb vielleicht konnte man ihm, wenn man ihn nun schon einmal in ber Gewalt hatte, auch bie Zustimmung bazu entreißen, baß er Martina frei unb mir zurückgab, bem sie seit jeher nach bem ewigen Ratschluß ber Allmacht gehörte. .
Dieser Gedanke hatte sich meinen andern erst in dem Augenblick auqesellt, als wir bas Haus betreten hatten, er war plötzlich in mir auf» aeftanben unb hatte alle anberen in den Hintergrund gedrängt. Ma war umstellt, er konnte uns nicht entrinnen, nun brauchte ich nichts ju übereilen und konnte die Wonne, den Strick um seinen Hals zuzu- ziehen, langsam genießen. , ... , ,
Im Kanzleizimmer war Avila nicht, was hatte er hier mitten in der Nacht auch tun sollen. Auch die anderen Kammern des Erdgeschosses waren leer. Hinten am Hof lagen die Schlafräume des Mozo und der alten Dienerin Dort hatten wir nichts zu suchen, wir wußten jedes Geräusch au vermeiden, das alte WeibleiN hatte einen leisen Schlaf.
Ich kannte hier jeden Fußbreit Boden, behutsam führte ich die Treppe hinan unb mied sede knackende Stufe, oft genug war ich diesen Weg geschlichen. Nun standen wir vor ber Tür zum Wohnzimmer, lautlos drückte ich die Klinke nieder und sandte den suchenden Strahl der Laterne voraus, die ich Siebolb abgenommen hatte
Beim Betreten bes Raumes hatte mich eine plötzliche Angst überfallen. War es nicht möglich, baß Avila überhaupt nicht daheim war konnte er nicht ganz gut in Geschäften oder aus einem andern Grund vom fiaus abwesend fein? . , ,, _ ,
Aiifatmend sah ich, daß ich nichts zu befurchten hatte. Der Tisch war gedeckt, die Heberrefte einer Mahlzeit standen herum, Avilas wohl- bekannte strohgeslochtene Zigarrentasche lag neben der Halbleeren Wem-


