Schwäbische Kunde.
Von Ludwig Uhland.
Als Kaiser Friedrich lobesam Zum heil'gen Land gezogen kam, Da mußt er mit dem frommen Heer Durch ein Gebirge wüst und leer. Daselbst erhub sich große Not, Viel Steine gab's und wenig Brot, Und mancher deutscher Reitersmann Hat dort den Trunk sich abgetan; Den Pferden war's so schwach im Magen, Fast mußt' der Reiter die Mähre tragen. Nun war' ein Herr aus Schwabenland, Von hohem Wuchs und starker Hand; Des Rößlein war so krank und schwach. Er zog es nur am Zaume nach;
Er hätt' es nimmer aufgegeben Und kostet's ihn dos eigne Leben. So blieb er bald ein gutes Stück Hinter dem Heereszug zurück. Da sprengten plötzlich in die Quer' Fünfzig türkische Reiter daher; Die Huben an, auf ihn zu schießen. Nach ihm zu werfen mit den Spießen. Der wackre Schwabe forcht' sich nit. Ging seines Weges Schritt vor Schritt, Ließ sich den Schild mit Pfeilen spicken Und tat nur spöttlich um sich blicken. Bis einer, dem die Zeit zu lang. Auf ihn den krummen Säbel schwang: Da wallt dem Deutschen auch sein Blut, Er trifft des Türken Pferd fo gut, Er haut ihm ab mit einem Streich Die beiden Vorderfüß zugleich.
Ssls er das Tier zu Fall gebracht. Da faßt er erst fein Schwert mit Macht, Er schwingt es auf des Reiters Kopf, Haut durch bis auf den Sattelkopf, Haut auch den Sattel noch zu Stücken Und tief noch in des Pferdes Rücken. Zur Rechten sieht man wie zur Linken Einen halben Türken heruntersinken. Da packt die andern kalter Graus, Sie fliehen in alle Welt hinaus. Und jedem ift's, als würd' ihm mitten Durch Kopf und Leib hindurchgefchnitten. Drauf kam des Wegs 'ne Christenschar, Die auch zurückgeblieben war, Die sahen nun mit gutem Bedacht, Was Arbeit unser Held gemacht.
Von denen hat's der Kaiser vernommen. Der ließ den Schwaben vor sich kommen; Er sprach: „Sag' an, mein Ritter wertl Wer hat dich solche Streich gelehrt?" Der Held bedacht' sich nicht zu lang': „Die Streiche sind bei uns im Schwang'; Sie sind bekannt im ganzen Reiche: Man nennt sie halt nur Schwabenstreiche."
Ludwig Uhland.
Zu seinem 150. Geburkskage am 26. April.
Von Annemarie v. Puttkamer.
In feinem poetischen Nekrolog auf Uh land s Tod sagt Emanuel @eibek
„Wie stand mit seinem keuschen Psalter Im jüngren Schwarm er stolz und schlicht, Ein Meister und ein Held wie Walther Und rein fein Schild wie fein Gedicht."
Der Hinweis auf die Gestalt Walthers, des Sängers von der Vogelweide, drängt sich einem bei der Betrachtung Ludwig Uhlands in mehr als einer Beziehung auf. Uhland selbst hat die innere Verwandtschaft lehr stark empfunden, und eine seiner ersten Forschungsarbeiten, die einen großen Teil seines Lebenswerkes ausmachen, galt dem ritterlichen Dickster. Was beide am engsten verbindet, war das, was (Seibel nit den Worten andeutet: „Ein Meister und ein Held ...", „und rein ein Schild wie fein Gedicht". Es war nicht nur der Adel der Ge- innung und die aufrechte männliche Haltung, es war die Art, wie beide n ihrer Zeit standen, wach, unerschrocken, kämpferisch. Beide waren politische Dichter im höchsten Sinne des Wortes. Freilich, wer flüchtig ihr Werk durchblättert, dem scheint das Politische nur einen verhältnismäßig geringen Raum einzunehmen, aber es stand so sehr im Mittelpunkt ihres Wesens, daß es auch mittelbar bis ins rein Lyrische, bis in sj 'chlichteste Ballade hinein, jedes Wort durchformte.
.. ' 'iß. auch die Gegensätze zwischen dem Dichter des 13. und dem
'9. Jahrhunderts liegen auf der Hand. Die lyrische Süßigkeit Walthers, gerade das „Minnesängerhafte", fehlt Uhland. Der nüchterne ^>hn einer nüchternen Zeit war nämlich bis zur Eckigkeit und Härte mnd in einem Maße verschlossen, daß oft der Eindruck einer gewissen -Trockenheit entsteht und tatsächlich auch im persönlichen Umgang ent- lltand. Seine nächsten Freunde — Gustav Schwab, Justinus Kerbt er, Paul Pfizer — bezeugten, von seinen persönlichen Erlebnissen »nd Gefühlen eigentlich nie etwas erfahren zu haben, und Uhland
tadelte als alter Mann den übermäßigen Subjektivismus der jungen Generation, die sich selbst zu wichtig nähme. Er selber nahm sich ganz und gar nicht wichtig, sondern trat völlig zurück hinter den sachlichen Ausgaben seines Lebens. Entsprechend verläust sein Dasein in einer einfachen Kurve, in das nur die Politik einige Verwicklungen bringt.
Als Sohn eines mittleren Universitätsbeamten in Tübingen entschloß er sich, wie es scheint ohne rechte innere Beteiligung, zum Studium der Rechtswissenschaft. Ebenfalls ohne wirkliche Anteilnahme und sogar entgegen der innersten Neigung scheint es gewesen zu fein, daß er nach anderthalb unerfreulichen Jahren im württembergischen Staatsdienst sich 1811 unter die Stuttgarter Advokaten aufnehmen ließ. Wie er selbst (einen Eltern brieflich mitteilte, bestimmte vor allem der Wunsch nach persönlicher Unabhängigkeit und Selbständigkeit diese Berufswahl Die Abhängigkeit hatte er besonders schmerzlich im Jahre 1813 empfunden, wo sie ihn daran verhinderte, persönlich an dem Freiheitskampf des deutschen Volkes teilzunehmen, den er nur mit feinen Liedern begleitete, xim Jahre 1815 erschien, nachdem fein Name bereits durch zahlreiche Veröffentlichungen in Zeitschriften bekannt geworden war, die erste Sammlung seiner Gedichte bei Cotta, die bereits viele seiner schönsten Balladen enthält.
Im nächsten Jahr wurde er zum erstenmal in das politische Leben seiner Zeit aktiv hineinbezogen und bald darauf, d. h. sobald er durch Vollendung seines 30. Lebensjahres dazu fähig war, in die verfassunggebende württembergische Ständeversammlung gewählt, wo er zur ausgesprochenen Opposition gehörte. In derselben Eigenschaft finden wir ihn auch 1820 im ersten württembergischen Landtag. In dieses Jahr fällt auch feine Verheiratung mit Emilie Vischer aus Kalw. Bezeichnend ist, daß Uhland zu seiner eigenen Hochzeit sich verspätete, weil er eine wichtige Abstimmung im Landtag nicht versäumen wollte. Auf die Dauer freilich fühlte er sich von dem parlamentarischen Betrieb enttäuscht, der seine besten Kräfte aufzehrte, ohne dem Land wirklich zu dienen, so daß er nur aus Pflichtgefühl bis zum Ende der sechsjährigen Wahlperiode ausharrte und eine Wiederwahl ablehnte.
Eine um so größere Freude bedeutete es für ihn, als ihm wenige Jahre darauf der Tübinger Lehrstuhl für deutsche Literatur angeboten wurde. Am 3. Mai 1830 hielt er seine Antrittsvorlesung. Hier endlich war er vollkommen in seinem Element, bei den Gegenständen, denen von Jünglingstagen an seine größte Leidenschaft gehört hatte. Seine Vorlesungen über das Nibelungenlied, über altdeutsche Poesie, über germanische Sagengeschichte waren die Frucht zwanzigjähriger Studien, hier war auch der Quell, an dem feine Muse sich nährte, wie auch sene politische Haltung ganz von selbst aus der innigen Verwurzelung in der deutschen Vergangenheit heraufwuchs. Dennoch sollte er schon nach wenigen Jahren dieses Amt wieder verlieren. In den politischen Erregungen des Jahres 1833 hatte er sich, im begeisterten Gedanken an das kommende gesamtdeutsche Vaterland, um das es zu kämpfen galt, zu einer neuen Landtagswahl bereit finden lassen. Die Regierung aber, die feine Wahl ungern sah, verweigerte ihm den dazu notwendigen Urlaub. Da glaubte er es seinen Wählern schuldig zu sein, fein Amt niederzulegen, um feinen Sitz in der Kammer einnehmen zu können. In dieser Landtagsperiode bis 1838 war es, daß Uhland, längst berühmt als Dichter, nun auch als Vorkämpfer für die Einheit und Freiheit Deutschlands einen Namen von gutem Klang bekam. Nach Ablauf der Wahlperiode folgte ein Jahrzehnt der stillen Zurückgezogenheit in Tübingen und der eifrigen Studien, nur von zahlreichen Reifen durch ganz Deutschland, Oesterreich und die Schweiz unterbrochen.
Da rief ihn die Revolution des Jahres 1848 von neuem in die erste Reihe der Kämpfer. Es war nach Lage der Dinge selbstverständlich, daß ' Uhland alsbald seinen Platz in der Paulskirche einnahm. Seine Stellungnahme hier bezeichnet am besten ein Wort, das er einer Kundgebung, die ihn als „Freiheitsmann" feierte, entgegnete: „Ja, die Freiheit wollen wir, welche Einheit schafft". Seine Vorstellung von der unteilbaren Einheit des großen deutschen Vaterlandes machte ihn zum leidenschaftlichen Gegner der sogenannten „kleindeutschen Lösung", die Oesterreich aus dem Reichsverband ausschließen wollte. Ebenso heftig aber sprach er sich auch — und damit setzte er sich in Gegensatz zu vielen feiner nächsten Freunde — gegen das Erbkaisertum aus, vollends gegen die Möglichkeit, die Kaiserkrone einem der regierenden deutschen Fürsten zu übertragen — wobei damals schon viele an Preußen dachten. Nach seiner Ueberzeugung sollte das Oberhaupt des Deutschen Reiches wählbar fein, dieses höchste Amt aber dem besten Deutschen offenstehen und nicht Vorrecht einer Dynastie fein. Bei vielen und gerade bei den politisch befähigsten Köpfen seiner Zeit galt Uhland mit diesen Vorstellungen als ein unklarer, alles staatsmännischen Denkens barer Ideologe. Und tatsächlich waren seine Ideen das genaue Gegenteil von dem, was zunächst in der Reichsgründung von 1870 Wirklichkeit werden sollte und damals wohl auch allein Wirklichkeit werden konnte. Aber wie so oft war der scheinbare Phantast, dessen Phantasien aus einem weiteren Zusammenhang stammen, als sie der eigenen Gegenwart faßbar sind, der Träumer von heute, zugleich der Prophet von übermorgen. Uhland war es, der in einer vielberufenen Rede vorn 23. Januar 1849 das berühmt gewordene Wort sprach: „Glauben Sie mir, es wird kein Haupt über Deutschland leuchten, das nicht mit einem vollen Tropfen demokratischen Oeles gesalbt ist" Auch, als es längst klar geworden, daß eine parlamentarische Versammlung nicht die Stätte fei, die zur Wiege des Deutschen Reiches werden könne, hielt Uhland es für feine Pflicht, auszuharren, und so gehörte er zu jenem zufammengeschmolzenen Häuflein des „Rumpfparlaments", das zuletzt in Stuttgart durch gewaltsame Auflösung ein klägliches Ende fand
Die 13 Jahre, die ihm als Lebensrest nach verblieben, gehörten völlig privaten Studien der geliebten deutschen Vergangenheit. Als Uhlands wichtigste Werke auf diesem Gebiet seien hier neben der schon erwähnten Monographie über Walther von der Vogelweide noch genannt der „Mythos von Thor", „Sammlung alter hoch- und niederdeutscher Volkslieder", „Beiträge zur schwäbischen Sagenkunde" und „Beiträge zur deut- chen Heldensage". Der Dichter, der Gelehrte und der Politiker waren in ihm zu unlösbar lebendiger Einheit verschmolzen. Als poetische Frucht


