wo, halb wie das gute Gewissen, halb wie die göttliche Weltordnung, Uncke stand und durch seine bloße Gegenwart den Gemütszustand bet,.. Domina wieder beschwichtigte. Nur von Zeit zu Zeit sah sie fragend) sorschend und vorwurfsvoll auf ihren Bruder.

Dieser wußte genau, was in seiner Schwester Seele vorging. Es er­heiterte ihn ungemein, aber es beunruhigte ihn doch auch. Wenn diese Gefühle wuchsen, wohin sollte das führen? Die Möglichkeit einer schreck­lichen Szene, die sein Haus mit einer nicht zu tilgenden Blamage be­haftet hätte, trat dabei vor seine Seele.

Der Himmel hatte aber ein Einsehn. Schon seit einer Viertelstunde lag ein grauer Ton über der Landschaft, und plötzlich fielen Flocken, erst vereinzelte, dann dicht und reichlich. Den Weg bis Globsow fortzusetzen, daran war unter diesen Umständen gar nicht mehr zu denken, und so brach man denn auf, um ins Schloß zurückzukehren. Auch auf einen Be­such in der Kirche, weil es da zu kalt sei, wurde verzichtet.

29. Kapitel.

Der Heimweg war gemeinschaftlich angetreten worden, aber doch nur bis an die Dorfstraße. Hier teilte man sich in drei Gruppen, eine jede mit verschiedenem Ziel: Dubslav, Tante Adelheid und Armgard gingen auf das Herrenhaus, Uncke und Rolf Krake auf das Schulzenamt, Waldemar und Melusine dagegen auf die Pfarre zu. Waldemar freilich nur bis an den Vorgarten, wo er sich von Melusine verabschiedete.

Lorenzen, so lang er Waldemar und Melusine sich seiner Pfarre nähern sah, hatte verlegen am Fenster gestanden, kam aber, als das Paar sich draußen trennte, so ziemlich wieder zu sich. Er war nun schon so lange jeder Damenunterhaltung entwöhnt, daß ihm ein Besuch wie der der Gräfin zunächst nur Verlegenheit schaffen konnte; wenn's denn aber durch­aus fein mußte, so war ihm eine Tete-a-Tete mit ihr immer noch lieber als eine Plauderei zu dritt. Er ging ihr denn auch bis in den Flur ent­gegen, wap ihr hier beim Ablegen behilflich und sprach ihr weil er jede Scheu rasch von sich abfallen fühlte ganz aufrichtig seine Freude aus, sie in feiner Pfarre begrüßen zu dürfen.Und nun bitt ich Sie, Frau Gräfin, sich's unter meinen Büchern hier nach Möglichkeit bequem machen zu wollen. Ich bin zwar auch Inhaber einer Putzstube, mit einem dezenten Teppich und einem kalten Ofen; aber ich könnte das gesund­heitlich nicht verantworten. Hier haben wir wenigstens eine gute Tempe­ratur."

Die immer die Hauptsache bleibt. Ach, eine gute Temperatur! Ge­sellschaftlich ist sie beinah alles und dabei leider doch so selten. Ich kenne Häuser, wo, wenn Sie den Widersinn verzeihen wollen, der kalte Ofen gar nicht ausgeht. Aber erlassen Sie mir gütigst den Sofaplatz hier; ich fühle mich dazu noch nicht ,alte Same1 genug und möcht auch gern en vue der beiden Bilder bleiben, trotzdem ich das eine davon schon so gut wie kenne."

Die Kreuzabnahme?"

Nein! das andre."

Die Lind also?"

Ja."

So haben Sie das schöne Bild in der Nationalgalerie gesehn?"

Auch das. Aber doch freilich erst seit ganz kurzem, während ich von Ihrer Aquarellkopie schon seit ein paar Monaten weiß. Das war auf einer Dampfschiffahrt, die wir nach dem sogenannten Eierhäuschen mach­ten, und der Ausplauderer über das Bild da vor mir war niemand anders als Ihr Zögling Waldemar, auf den Sie stolz fein können. Er freilich würde den Satz umkehren, oder sage ich lieber, er tat es. Denn er sprach mit solcher Liebe von Ihnen, daß ich Sie von jenem Tag an auch herzlich liebe, was Sie sich schon gefallen lassen müssen. Ein Glück nur, daß er sich draußen verabschiedet hat und nicht hören kann, was ich hier sage ..

Lorenzen lächelte.

Sonst hätten sich diese Bekenntnisse verboten. Aber da sie nun mal gemacht sind und man nie weiß, wann und wie man wieder zusammen­kommt, so lassen Sie mich darin sortsahren. Waldemar erzählte mir Pardon für meine Indiskretion von Ihrer Schwärmerei für die Lind. Und da horchten wir denn auf und beneideten Sie fast. Nichts benei­denswerter als eine Seele, die schwärmen kann. Schwärmen ist fliegen, eine himmlische Bewegung nach oben."

Lorenzen stutzte. Das war doch mehr als eine bloß liebenswürdige Dame aus der Gesellschaft.

Und um es kurz zu machen", fuhr Melusine fort,Waldemar sprach bei dieser Gelegenheit wie von Ihrer ersten Liebe" (und dabei wies sie lächelnd auf das Bildchen der Lind)so auch von Ihrer letzten nein, nein, nicht von Ihrer letzten; Sie werden immer eine neue finden, sprach also von Ihrer Begeisterung für den herrlichen Mann da weit unten am Tajo, von ihrer Begeisterung für den Joao de Deus. Und als er ausgesprochen hatte, da haben wir uns alle, die wir zugegen waren, um den ,Un Santo' geschart und einen geheimenBund geschlossen. Erst um den ,Un Santo' und zum zweiten um Sie selbst. Und nun frag ich Sie. wollen Sie mittun in diesem unserm Bunde, der ohne Sie gar nicht existierte? Mir ist manches verquer gegangen. Aber ich bin, denk ich, dem Tage nahe, der mich ahnen läßt, daß unsre Prüfungen auch unsre Segnungen sind und daß mir alles Leid nur kam, um den Stab, der trägt und stützt, fester zu umklammern. Ich darf leider nicht hinzusetzen, daß dieser Stab (möglich, daß er sich einst dazu auswächst) das Kreuz sei. Meiner ganzen Natur nach bin ich ungläubig. Aber ich hoffe, sagen zu dürfen: ich bin wenigstens demütig."

Wenigstens demütig", wiederholte Lorenzen langsam, zugleich halb verlegen vor sich hinblickend, und Melusine, die Zweifel, die sich in der Wiederholung dieser Worte ziemlich deutlich aussprachen, mit scharfem Ohre heraushörend, fuhr in plötzlich verändertem und beinah heiterem Tone 'art:Wie grausam Sie sind. Aber Sie haben recht. Demütig. Und daß h mich dessen auch noch berühme. Wer ist demütig? Wir alle sind im

letzten doch eigentlich das Gegenteil davon. Aber das darf ich sagen, ich habe den Willen dazu."

Und schon der gilt, Frau Gräfin. Nur freilich ist Demut nicht genug; sie schafft nicht, sie fördert nicht nach außen, sie belebt kaum."

Und ist doch mindestens der Anfang zum Bessern, weil sie mit dem Egoismus aufräumt. Wer die Staffel hinauf will, muß eben von unten an dienen. Und soviel bleibt, es birgt sich in ihr die Lösung jeder Frage, die jetzt die Welt bewegt. Demütig sein heißt christlich sein, christlich in meinem, vielleicht darf ich sagen in unsrem Sinne. Demut erschrickt vor dem zweierlei Maß. Wer demütig ist, der ist duldsam, weil er weiß, wie sehr er selbst der Duldsamkeit bedarf; wer demütig ist, der sieht die Scheidewände fallen und erblickt den Menschen im Menschen."

Ich kann Ihnen zustimmen", lächelte Lorenzen.Aber wenn ich, Frau Gräfin, in Ihren Mienen richtig lese, so sind diese Bekenntnisse doch nur Einleitung zu was anderem. Sie halten noch das Eigentliche zurück und verbinden mit Ihrer Aussprache, so sonderbar es klingen mag, etwas Spezielles und beinah Praktisches."

Und ich freue mich, daß Sie das herausgefühlt haben. Es ist so. Wir kommen da eben von Ihrem Stechlin her, von Ihrem See, dem Besten, was Sie hier haben. Ich habe mich dagegen gewehrt, als das Eis aufgeschlagen werden sollte, denn alles Eingreifen oder auch nur Einblicken in das, was sich verbirgt, erschreckt mich. Ich respek­tiere das Gegebene. Daneben aber freilich auch das Werdende, denn eben dies Werdende wird über kurz oder lang abermals ein Gege­benes fein. Alles Alte, soweit es Anspruch darauf hat, sollen wir lieben, aber für das Neue sollen wir recht eigentlich leben. Und vor allem sollen wir, wie der Stechlin uns lehrt, den großen Zrsammenhang der Dinge nie vergessen. Sich abschliehen heißt, sich einmauern, und sich einmauern ist Tod. Es kommt darauf an, daß wir gerade das be­ständig gegenwärtig haben. Mein Vertrauen zu meinem Schwager ist unbegrenzt. Er hat einen edlen Charakter, aber ich weiß nicht, ob er auch einen festen Charakter hat. Er ist feinen Sinnes, und wer fein ist, ist oft bestimmbar. Er ist auch nicht geistig bedeutend genug, um sich gegen abweichende Meinungen, gegen Irrtümer und Standesvorurteile wehren zu können. Er bedarf der Stütze. Diese Stütze sind Sie meinem Schwager Waldemar von Jugend auf gewesen. Und um was ich Sie jetzt bitte, das heißt: .Seien Sies ferner'.

Daß ich Ihnen sagen könnte, wie freudig ich in Ihren Dienst trete, gnädigste Gräfin. Und ich kann es um fo leichter, als ihre Ideale, wie Sie wissen, auch die meinigen sind. Ich lebe darin und empfind es als eine Gnade, da, wo das Alte versagt, ganz in einem Neuen aufzugehn. Um ein solches .Neues' handelt es sich. Ob ein solches .Neues' fein soll (weil es fein muß), ober ob es nicht fein soll, um diese Frage dreht sich alles. Es gibt hier um uns her eine große Zahl vorzüglicher Leute, die ganz ernsthaft glauben, das uns lieberlieferte das Kirchliche voran (leider nicht das Christliche) müsse verteidigt werden wie der salomonische Tempel. In unserer Obersphäre herrscht außerdem eine naive Neigung, alles .Preußische' für eine höhere Kulturform zu halten."

Genau wie Sie sagen. Aber ich möchte doch, um der Gerechtigkeit willen, die Frage stellen dürfen, ob dieser naive Glaube nicht eine ge­wisse Berechtigung hat?"

Er hatte sie mal. Aber das liegt zurück. Und kann nicht anbers fein. Der Hauptgegenfatz alles Modernen gegen das Alte besteht darin, daß die Menschen nicht mehr durch ihre Geburt auf den von ihnen einzu­nehmenden Platz gestellt werden. Sie haben jetzt die Freiheit, ihre Fähigkeiten nach allen Seiten hin und auf jedem Gebiete zu betätigen. Früher war man dreihundert Jahre lang ein Schloßherr oder ein Lei­nenweber; jetzt kann jeder Leinenweber eines Tages ein Schloßherr fein."

Und beinah auch umgekehrt", lachte Melusine.Doch lassen wir dies heikle Thema. Diel, viel lieber hör ich ein Wort von Ihnen über den Wert unsrer Lebens- und Gesellschaftsformen, über unsre Gesamt- anschauungsweise, deren besondere Zulässigkeit Sie, wie mir scheint, so nachdrücklich anzweifeln."

Nicht absolut. Wenn ich zweifle, so gelten diese Zweifel nicht so sehr den Dingen selbst, als dem Hochmaß des Glaubens daran. Daß man all diese Mittelmaßdinge für etwas Besonderes und Ueberlegenes und deshalb, wenn's sein kann, für etwas ewig zu Konservierendes an« sieht, das ist das Schlimme. Was mal galt, soll weiter gelten, was mal gut war, soll weiter ein Gutes oder wohl gar ein Bestes [ein. Das ist aber unmöglich, auch wenn alles, was keineswegs der Fall ist, einer gewissen Herrlichkeitsvorstellung entspräche. ... Wir- haben, wenn wir rückblicken, drei große Epochen gehabt. Dessen sollen wir eingedenk sein. Die vielleicht größte, zugleich die erste, war die unter dem Sol­datenkönig. Das war ein nicht genug zu preisender Mann, seiner 3eit wunderbar angepaßt und ihr zugleich voraus. Er hat nicht nur bas Königtum ftabiliert, er hat auch, was viel wichtiger, die Fundamente für eine neue Zeit geschaffen und an die Stelle von Zerfahrenheit, selbstischer Vielherrfchast und Willkür Ordnung und Gerechtigkeit gesetzt. Gerechtigkeit, das war sein bester .rocher de bronze'."

Und bann?"

Und bann kam Epoche zwei. Die ließ, nach jener ersten, m-t lange mehr auf sich warten, und das feiner Natur und feiner Geschichte nach gleich ungeniale Land sah sich mit einem Male von Genie durchblitzt/

Muh das ein Staunen gewesen sein."

Ja. Aber doch mehr draußen in der Welt als daheim. Anstaunen ist auch eine Kunst. Es gehört etwas dazu, Großes als groß zu be­greifen ... Und dann kam die dritte Zeit. Nicht groß und doch auch wieder ganz groß. Da war bas arme, elend,e, halb dem Untergange verfallene Land nicht von Genie, wohl aber von Begeisterung durch­leuchtet, von dem Glauben an die höhere Macht des Geistigen, des Wissens und der Freiheit."

Gut, Lorenzen. Aber weiter."

(Fortsetzung folgt.)