Ausgabe 
26.4.1937
 
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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Nummer 32

Montag, den 26. April

Jahrgang 1937

Der Gterhlin

Roman von Theodor Fontane

25. Fortsetzung.

mit- nicht

Aber die großen Verluste ..

Ja, die Verluste waren groß, das ist richtig. Aber Verluste, Frau Gräfin, das is eigentlich gar nichts. Natürlich wen es trifft, für den is es was. Wer ich meine jetzt das, was man dabei so das Atorallsche nennt: und darauf kommt es an, nicht auf die Verluste, nicht auf viel oder wenig. Wenn einer eine Böschung raufklettert und nu steht er oben und schleicht sich ran, immer mit nem Pulversack und nein.Zunder in der Hand, und nu legt er an, und nu fliegt alles in die Lust uni) er mit. Und nu ist die Festung oder die Schanze offen. Ja, Frau Gräfin, das is was. Und das hat unser Pionier Klinke getan. Der war moral, ch. Ich weiß nicht, ob Frau Gräfin mal von ihm gehört haben, aber dafür leb ich und sterb ich: immer bloß das Kleine, da zeigt sich s, was einer kann. Wenn ein Bataillon ran muß un ich stecke mitten brtn, za, was will ich da machen? Da muß ich mit. Und baff, da lieg ich. Und nu bin ich ein Held. Aber eigentlich bin ich keiner. Es ist alles bloß ,Muß , und solche Mußhelden gibt es viele. Das is, was ich die großen Kriege nenne. Klinke mit seinem Pulversack, ja, der war bloß was Kleines, aber er war doch groß. Und ebenso (wenn er auch unser Feind war) dieser Rolf Krake."

So ging historisch-retrospektiv das Gespräch an der Tete, wahrend Dubslav und Uncke, die den Zug abschlossen, mit ihrem Thema mehr in der Gegenwart standen. ,

Is mir lieb, Uncke. Sie mal wieder zu treffen. Seit Rheinsberg hab'ich Sie nicht mehr gesehn. Ich denke mir, Torgelow is nu wohl schon im besten Gange. So wie Bebel. Ich kriege natürlich ,eden Tag meine Zeitung, aber es is mir immer zu viel und das große Format und das Sünne Papier. Da guck ich denn nich immer ganz genau zu. Hat er denn schon gesprochen?" .

Ja, Herr Major, gesprochen hat er schon. Aber mch viel Un war auch kein rechter Beifall. Auch nich mal bei seinen eignen Leuten.

Er wird wohl die Sache noch nicht recht weghaben Ich meine das, was sie jetzt das Parlamentarische nennen. Das chadt: aber nichts u ist eigentlich egal. Wichtiger is, wie ste hier '"unserm Ruppiner Winkel, in unserm Rheinsberg-Wutz über ihn denken. Sind sie denn da mit ihm zufrieden?" .. u

Auch nicht, Herr Major. Sie sagen, er sei zweideutig.

Ja Uncke io heißt es überall. Das is nu mal so, das ,s nicht zu ändern.' In Frankreich heißt es immer Sleich .Verrat. und hwr sagen sie .zweideutig'. Da war auch einer von uns, den ich nicht nennen w , -ja k? y... u-d i=

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so gebildet. Aber is es auch richtig?

-z- toon ricktig Herr Major. Herr Major denken immer das Gute von nem Menschen, weil Sie G viel zu Hause sitzen "Nst^meinen, das Aber wer so rum kommt wie ich. Alle lugen si . s m'er[a6 sagen sie nich, und was sie sagen, das meinen ste nid). Is kein Berkay sie jetzt .politisches Leben' nennen.

J°tt',^^'nn^"iner^sich ^i'ns^olitische'^weideuE muß^ich SjÖriÄ' S Ml das kann einen

mitunter leid tun. So bloß als Mensch. g:e t0

Aber, lieber Uncke, was is denn eigentlich los? We " hört, da sollte man ja wahrhaftig glauben, es g g z

3a, das war es, Frau Gräfin, ein ganz eigenes Gefühl. Und unter erscheint mir der Rolf Krake noch im Traum. Und ,s auch zu verwundern. Denn Rolf Krake war wie ein richtiges Gespenst. Und wenn solch Gespenst einen packt, ja, da ist man weg ... Und dabei bleib ich, Frau Gräfin, sechsundfechzig war nicht viel und siebzig war auch nicht viel."

in der Welt draußen, da klappt nich immer alles. Aber so im Schoß der Familie ..."

Jott Herr Major, das is es ja eben. In diesem Schoß der Familie, da is es ja gerad am schlimmsten. Und sogar in dem jüdischen Schoß, der doch immer noch der beste war."

Beispiele, Uncke, Beispiele."

Da haben wir nu hier, um bloß ein Beispiel zu geben, unfern guten alten Baruch Hirschseld in Gransee. Frommer alter Jude...

Kenn ich. Kenn ich ganz gut, beinah zu gut. Nu, der hat nen Sohn, und mit dem is er mitunter verschiedner Meinung. Aber dagegen is doch nicht viel zu sagen; das is in der ganzen Welt so. Der Alte hangt noch am Alten, und der Junge, nu, der is eben ein Jungscher und bramar­basiert ein bißchen. Ich weiß nicht recht, zu welcher Partei er sich halt, er wird aber wohl für Torgelow gestimmt haben. Nu, mem Gott, warum nicht? Das tun jetzt viele. Darau muh man sich gewöhnen. Das is eben das Politische."

Nein Herr Major. Herr Major wollen verzeihn, aber bei diesem Isidor is es nicht das Politische. Komme ja jeden dritten Tag hm und seh den Alten in seinem Laden und höre, was er da red t und reo t. Und der Junge red't auch und red't immer vons .Prinzip. Das Prinzip is ihm aber egal. Er will bloß mogeln und den Alten an die Wand drucken. Und das ist das, was ich das Zweideutige nenne."

Armgard, Woldemar und Tante Adelheid hatten die Mitte genommen. Als sie bis in die Nähe der Seespitze gekommen waren, immer unter einem verschneiten Buchen- und Eichengange hin, wurden sie durch ein Geräusch wie von brechenden kleinen Aesten aufmerk am gemacht und ihr Auge nach oben richtend, gewahrten sie, wie zwei Eichhörnchen über ihnen spielten und in beständigem Sichhaschen von Baum zu Baum sprangen. Die Zweige knickten, und der Schnee stäubte hernieder. Armgard mochte sich von dem Schauspiel nicht trennen, lachte, wenn die momentan ver- schwundenen Tierchen mit einem Male wieder Zum Vorschein kamen, und gab ihre Beobachtung erst auf, als die Domina, nicht direkt unfreundlich, aber doch ziemlich ungeduldig und jedenfalls wie gelangweilt, zu Gr be­merkte- Ja, Komtesse, die springen; es sind eben Eichhörnchen. Einige Minuten später hatten alle die Bank erreicht, von der aus man den besten Blick auf den zugefrorenen See hatte. Das Eis zeigte sich hoch mit Schnee bedeckt aber in feiner Mitte war doch schon eine gefegte Stelle, zU der Dom Ufer her eine schmale, gleichfalls freigeschaufelte Straße hmuber- führle Engelke legte die Decken über die Bank, und die Damen, die von dem halbstündigen und zuletzt etwas ansteigenden Wege müde geworden waren nahmen alle drei Platz, während sich Rolf Krake und Uncke wie Schildhalter zu beiden Seiten der Bank aufstellten. Dubslav dagegen placierte sich in Front und machte, während er einen landläufigen Fuhrer- ton anschlug, den Cicerone.Hab die Ehr, Ihnen hier die große Sehens­würdigkeit von Dorf und Schloß Stechlin zu präsentieren unfern See, meinen See, wenn Sie mir das Wort gestatten wollen Alle möglichen berühmten Naturforscher waren hier und haben sich höchst

Über den See geäußert. Immer hieß es: ,es stehe wissenschaftlich fest. Und das ist jetzt das Höchste. Früher sagte man: ,es steht m den Akten. $d) lasse dabei hingestellt sein, wovor man sich tiefer verbeugen muß.

Ja" sagte Melusine,das ist nun also der große Moment. Orientiert binich. Aber wie das mit allem Großem geht, ich empfinde doch auch etwas von Enttäuschung."

Das ist weil wir Winter haben, gnädigste Gräfin. Wenn Sie die offene Seefläche vor sich hätten und in der Vorstellung stunden: ,jetzt bildet sich der Trichter und jetzt steigt es heraus, so wurden Sie mut- maßlich nichts von Enttäuschung empfinden. Aber letzt! Das Eis macht still und duckt das Revolutionäre. Da kann selbst unser Uncke nichts no­tieren. Nicht wahr, Uncke "

Uncke schmunzelte.

Im übrigen sehe ich zu meiner Freude und das verdanken wir wieder unserm guten Kluckhuhn, der an alles denkt und alles oorsieht -, baß die Schneeschipper auch ein paar ihrer Pickäxte mitgebracht haben. Jcb tariere bas Eis auf nicht dicker als zwei Fuß, und wenn sich die Leute dranmachen, so haben wir in zehn Minuten eine große Lune, und der Hahn, wenn er nur sonst Lust hat, kommt aus feiner Tiefe herauf. Befehlen Frau Gräfin?"

Um Gottes willen, nein. Ich bin sehr für G^e Geschichten unb bin alücklick baß die Familie Stechlin diesen See hat. Aber ich bin Zugleich auch abergläubisch und mag kein Eingreifen ins Elementare. Die Natur bat ieüt den See überdeckt; da werd ich mich also hüten, irgendwas ändern zu wollen. Ich würde glauben, eine Hand führe heraus und ^'Illde'lhW war bei diesen Worten immer gerader und läi^er geworden und rückte mit Ostentation von Melusine weg, mehr der Banklehne zu,