Ausgabe 
26.2.1937
 
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egoß, die sonst stumm in den Kummer, ihr Lachen und ihre

Wer. Die kleinen Pflanzen falteten ihre Blättchen, die weich und skttz waren wie die Händchen winziger Kinder, neigten das bunte Köpfchen zur Seite und schlummerten auch ein.

Da war es wieder Nacht, und der blaue Himmel wachte allein, hoch und still. Die Erde aber redete ununterbrochen mit dem grünen Rauschen, das ihr Gott geschenkt hatte. Sie redete schon allenthalben mit ihm, denn es waren kleine Flügelein von dem ersten Baum ausgegangen, die in sich lebendiges Rauschen trugen. Die flogen überall umher, und fanden sie einen Ort, wo gut zu wohnen schien, sänket, sie nieder und wuchsen und rauschten, wie es sein mußte, Haid hatten alle Erhebungen der Erde ihr Rauschen. Die hohen Berge ein mächtiges, tiefes, das wie Brausen klang; die Hügel ein mildes, singendes, und es war, als trügen sie die Flügel der Wildtaube, die über dem Neste kreist. Die Luft jedoch lag noch immer über die Ebene hin und schlief, und niemand war da, der das viele Rauschen nahm und forttrug. Da floh es auf die Erde nieder und gab seinen Geist auf. Es wurde ein schwarzer, schwerer Schatten, der über den Berg hinunterrieselte.

Er kam bis an das Wasser und fiel hinein. Als er aber die lebendigen Wellen berührte, bekam er seinen verlorenen Geist wieder, verwandelte sich, und wurde, was er gewesen: ein fröhliches Rauschen. Die Wellen freuten sich, auch eine Stimme zu haben, und ließen ihre Seele hinein­fließen. Die Wasser haben ein tieferes, vielfältigeres Inneres als die Erde, und ihr Rauschen war bald ein Schluchzen, bald ein Singen, und manchmal redete es mit den dunklen, unbegreiflichen Lauten eines uranfänglichen Tiefsinnes.

So trugen die Wasser das Rauschen aus dem Gebirge, immer weiter in das Land hinein und noch viel, viel weiter. Sie glänzten und zitterten vor Glück, so oft sie die tiefen Augen des Himmels auf sich ruhen fühlten.

Aus den Bächen wurden Flüsse, aus den Flüssen Ströme. Es kam zuletzt so viel Rauschen zusammen, daß es die wandernden Wasser kaum zu ertragen vermochten. Sie blieben stehen und bildeten das unabsehbare Meer. Das Rauschen der ganzen Erde lag darüber hin. Darunter atmet« die Brust des endlosen Wassers in ruhigen tiefen Stößen nach dem Takt der Gestirne, die in den Höhen vorüberzogen.

So ist es geblieben bis auf den heutigen Tag der unrastoollen Men­schenzeit. Noch immer wiegt das Rauschen sein Gefieder über den Meeren. Wer es hört, den ergreift es in tiefer Brust; denn die Seele kennt gar wohl die Fittiche des ewigen Herrn.

Mutter.

Don FritzGränh.

Nur als Schwingung erreichst du mich, Gruß der Verstummten, Aus den endlosen Räumen herübergeweht.

Ach woher? Aus welcher der lockend vermummten Fernen, an denen die Reise vorübergeht?

Doch ich schwinge, schwinge mit dir, der Vergangenen, Reiner Ton im betäubenden Brausen der Zeit, Und es schwindet die Zeit wie der Raum des Gefangenen, Den ein wissender Traum befreit.

Die Geschichte vom tauschen.

Eine Legende von Hermann Stehr.

Das Licht war von der Wimper des Ewigen geglitten, und nach der langen, langen Finsternis wandelte die Erde in die Schönheit der Sonne durch den Raum. Die frohe Erde genoß ihr junges Glück, und der Um­fang ihrer Seligkeit wuchs und baute sich als leuchtender blauer Kreis in die Unendlichkeit des Weltalls. Als Gott der Herr das sah, sagte er zu sich:Siehe, nun hat auch die Erde ihren Himmel".

Die freundlichen Gedanken des Ewigen sanken zur Erde nieder, und ihre willige Scholle schuf daraus die zarten Leiber der kleinen Pflanzen, die ihre Blätter um sich ausbreiteten und dann ihr buntes Gesicht zum Himmel 'wendeten, Gott entgegen, ohne zu ermüden, solange über dis Sonne nicht die Nacht des Schlafes kam. Wenn aber das Dämmern immer dichter das Licht verhüllte, so legten sie ihr Köpfchen auf die Blätter und warteten geduldig, bis das Auge der Sonne wieder auf­ging. Darauf begannen sie von neuem chren stummen Dienst. Sie er­hoben ihre Blätter, die süß und weich waren wie die Händchen winziger Kinder, und wenn sie ihr Gesicht wendeten, so erbebte ihr Leib in

Stralsund.

Von H. W. Ludwig.

Eines der interessantesten Beispiele deutscher Städteentwicklung stellt das Schicksal der mehr als 700 Jahre alten Stadt Stralsund dar, deren Altstadt noch heute, geschmückt mit den Wahrzeichen mittelalterlicher Baukunst, fast das gleiche Bild zeigt wie vor mehreren Jahrhunderten. Zwar sind die Mauern gefallen, die die Stadt einst schützend umgaben, an ihre Stelle ist ein grüner Baumgürtel getreten, der das Stadtinnere schirmend umrahmt. Wo einst die reichbeladenen Schiffe der Hansa vor Anker gingen, ist heute ein Landeplatz für Wasserflugzeuge; von hier geht auch das Trajekt ab, das Schiff, das die Eisenbahnzüge über Altefähr nach Saßnitz bringt. Ein schmuckes kleines Seebad bietet den Bade­lustigen Erholung und Erfrischung.

Die Stadt zählte bereits im Jahre 1540 etwa 40 000 Einwohner. Diese Zahl hat sich bis auf den heutigen Tag unverändert erhalten. Einst, in der Blütezeit des Hansabundes, die hoffnungsreichste Stadt der Ostsee, ist Stralsund mit dem Hinwelken des Bundes auf feinem Stand stehengeblieben und bedeutet heute nicht mehr als eine ansehnliche Mittelstadt, ausgezeichnet durch die Reize ihrer besonderen Ortslage und die Bauwerke vergangener Kunstepochen. Das Schicksal der Weltent­wicklung hat sie eine Zeitlang in den Mittelpunkt der Geschehnisse gerückt und dann wieder achtlos beiseite stehen lassen und ihren einstigen Ruhm der Vergessenheit anheimgegeben.

Gegen Ende des 12. Jahrhunderts war Stralow, wie Stralsund ursprünglich hieß, nur ein wendisches Fährdorf gewesen, umgeben von Busch und Wald, durchbrochen von Bächen und Teichen. Der Name Stralow rührt anscheinend von dem wendischen WortStrala", der Pfeil, das Geschoß, her. Wie ein Pfeil bringt die südöstlich gelegene Insel Strela, der Stralow seinen Namen verdankte, in den Sund vor, jenen Meeresarm, der Pommern und Rügen trennt daher: StralsundI

Im Jahre 1209 gründete der wendische Fürst Jaromir I. die Stadt und gab ihr im Wappen einen Strahl oder eine aufwärtsgebogene Pfeil­spitze. Jaromir sorgte für die Ausbreitung deutscher Kultur und deutschen Gewerbefleißes. Unter seiner Leitung errrichtete die aus eingewanderten niedersächsischen Kaufleuten, Handwerkern, Schiffern und Fischern bestehende Bevölkerung an beliebigen Plätzen, ohne einen bestimmten Straßenplan, Fischerhütten und Lehmhäuser, die in ihrer Art an Pfahl­bauten erinnerten. Inmitten des Ortes wurde mit dem Bau einer Kirche begonnen, von der bereits die Grundmauern standen, als die raub» gierigen Pommern 1210 die Stadt überfielen und bis auf die Grund­mauern, hinter die sich die Bewohner geflüchtet hatten, die ganze Stadt zerstörten.

Der nachfolgende Fürst Witzlaw I. ließ die Stadt neu erbauen, nach einem bestimmten Plan angelegt. 1234 verlieh er Stralsund lübisches ' Recht. Selbständige Verwaltung und Rechtspflege waren die Folge, die Grundlagen für die Entwicklung deutschen Bürgertums waren damit gegeben. Bald aber begann die Stadt Lübeck auf ihre Nachbarin eifer­süchtig zu werden und überfiel 1249 Stralsund trotz desfür ewige Zeiten geschlossenen Bundes", plünderte und zerstörte die Stadt voll­ständig, entführte die angesehensten Bürger und lieh sich erst nach vier­jährigem Kampf zu einer Einigung herbei.

Es verging eine geraume Zeit, bis die Stadt neu erstand. Wald und Busch wurden gerodet, Aecker und Gärten angelegt, und die Stadt selbst weitläufiger und schöner erbaut als zuvor, zum erstenmal uma-ben von sestungsartigen Wällen und Türmen. Vier schmale Dämme führten von

großer Freude.

Aber nichts hatte eine Stimme auf der ganzen, weiten Gotteserde. Wie ber glühende Traum einer stillen Seele rann Tag um Tag von den Bergen. Die BKrfser rechten lautlos Welle an Welle. Regungslos hing das schimmernde Tuch der Luft über der Erde, und selbst das Ge­wölk des Himmels wandelte geräuschlos seine Farben und schlüpfte stumm aus Gestalt in Gestalt. Das dauerte Tag um Tag und Nacht um Nacht und wurde nicht anders. Der Atem der Erde geriet ins Stocken und lag sengend in ihrem geheimen Munde. Die Hitze der Lust stieg, das Auge der Sonne rötete sich an seiner eigenen Glut. Das Gewölk des Himmels zitterte wie im Fieber, und wenn die Pflanzen ihre Blätter in die Wasser senkten, um sie zu kühlen, wurden sie schwarz und ver­welkten; denn auch die Wellen waren warm geworden und gingen chren Weg mit glasig-irren Augen.

Die Erde leidet an ihrer Inbrunst", sagte nachdenklich die ewige Vorsicht zu sich." Ich will ihr eine Stimme geben, daß sie sich nenne. Sie soll entzweit sein in sich. Ihre Seele gehe einher zwischen dem Ruf des Mundes und ihrem Wesen immerdar."

Also sprach der Herrgott, der sah, daß sein Frieden auf Erden eine Krankheit geworden war, erhob sich von seinem Sitze, sank auf die Kraft seiner Flügel und eilte durch das Weltall. Der Donner seiner Schwingen erfüllte den Raum, und die Säulen des Seins bebten. Die Welten zitterten bei seinem Vorüberflug wie Küchlein unter dem Ge­fieder des Adlers. Als die Fittiche des Ewigen über der Erde hinftrichen, rüttelte er sie, daß eine Deckfeder sich daraus löste. Sie sank hernieder und bohrte sich druntem mit ihrer Spitze in den Boden, der den Abhang eines Berges bedeckte. Wurzeln liefen alsbald aus von ihr, und das Land tränkte sie mit feinen Säften, die darin auf und nieder stiegen und ihre Form wandelten nach den Gesetzen der Erde. Ihr schimmernder Schaft wurde ein Stamm, Hari wie Stein und rissig anzusehen gleich dem Felsen. Ihre Fahne aber verwandelte sich in ein grünes Gefieder. Das hob und senkte sich an tausend Aesten und Zweigen. Ehe sich drei­mal der Morgen erneut hatte, war das Rauschen heimisch geworden auf der Erde, die dahinein ihre Seele ergoß, die sonst stumm in den Tiefen gelegen hatte, ihr Glück und ihren Kummer, ihr Lachen und ihre schwere Weisheit, und allemal, wenn das Rauschen seine grünen Schwin­den rührte, klang es, als strichen die Fittiche des Unnennbaren vorüber.

Nun war der erste Baum erschaffen, und die Luft stand um ihn und lauschte erstaunt, was seine grünen Zungen redeten. Sie war in jener Zeit schon, wie heute, sehr schwatzhaft, und konnte nichts bei sich be­halten. Nachdem sie eine Weile schweigend zugehort hatte, belud sie sich mit so viel Rauschen, als sie zu tragen imstande war, und eilte davon, um ihren leiblichen Schwestern, den Wolken, zu melden, was sich Neues ereignet hatte. Die standen fernab am Himmel in lautwser Blasse

Die Luft stieg immer höher. Als das Rauschen die Weiten des Welt­alls füllte, dehnte es sich zu einem großen Braufen und war kaum mehr zu bändigen. Die Wolken konnten ein Bangen nicht bemeiftern, ihr Herz pochte so gewaltig, daß sie am ganzen Leibe zitterten. Endlich würben sie ganz grau vor Schrecken unb flohen am Himmel bafjm. 2)te £uft schrie ihnen aus Leibeskräften zu, sich doch nicht zu fürchten. Die Wolken aber wollten nicht hören, fonbern eilten ohne Umsehen immer weiter. Der Schweiß troff nur so von ihnen unb fiel in großen Tropfen zur Erbe. Zuletzt konnten sie nicht mehp, lagen wie erschlagen unb fielen daraus erschöpft ganz hinter die Berge. , ...

Die Luft hatte das Rauschen unterdes auch verloren. Sie ließ sich miß­mutig in die Ebene nieder. Nach einigem Brüten aber raffte sie sich auf und war heiterer als sonst; denn sie hat eine gar leichte Seele. Wahrend sie hin und her ging, probierte sie, ob das Rauschen nachzumachen sei. Allein, so sehr sie sich auch zusammennahm, sie brachte nichts heraus, als einen langen, verschwommenen Ton. Der flog nur weniges "der die blauen Blumen des Ginsters. Außer den kleinen Bluten vernahm ihn nur noch die Sonne mit ihren allgegenwärtigen Strahlen. Sie wurde von dem eintönigen Summen der Lust so müde, daß sie vergaß, die Dämmerung von ihren Augen zu verscheuchen und vorzeitig emschttef. Qn«crl

Der Gesang der Lust ging auch gemach m em traumhaftes Lallen