GieheiierZamilienbliitter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang (937
Freitag, den 26. Februar
Nummer (6
Dee GieOSirs
Vornan von Theodor Kontane
10. Fortsetzung.
solche alte Jungfern mit einer Granatbrosche haben immer eine merkwürdig hohe Meinung von ihrer Familie. Freilich auch andre, die kluger sein sollten. Unsere Leute gefallen sich nun mal in der Idee, sie hingen mit
Fortbestände der göttlichen Weltordnung aufs engste zusammen. In Wahrheit liegt es so, daß wir sämtlich abkommen können. Ohne die Czakos geht es nun schon gewiß, wofür sozusagen historisch-symbolisch der Beweis erbracht ist."
„Und die Rex?"
„Vor diesem Namen mache ich halt."
„Wer's Ihnen glaubt. Aber lassen wir die Rex und lassen wir die Czakos, und bleiben wir bei den Stechlins, will sagen bei unserm Freunde Woldemar. Die Tante will ihn verheiraten, darin haben Sie recht."
„Und ich habe wohl auch recht, wenn ich das eine heikle Lage nenne. Denn ich glaube, daß er sich seine Freiheit wahren will und mit dem Bewußtsein auf den Celibataire lossteuert."
„Ein Glauben, in dem Sie sich, lieber Czako, wie jedesmal, wenn Sie zu glauben anfangen, in einem großen Irrtum befinden."
„Das kann nicht fein."
„Es kann nicht bloß fein, es ist. Und ich wundre mich nur, daß gerade Sie, der Sie doch sonst das Gras wachsen hören und allen Gesellschaftsklatsch kennen wie kaum ein zweiter, daß gerade Sie von dem allen kein Sterbenswörtchen vernommen haben sollen. Sie verkehren doch auch bei den Tylanders, ja, ich glaube, Sie da letzten Winter mal kämpfend am Büfett gesehen zu haben."
„Gewiß."
„Und da waren an jenem Abend auch die Berchtesgadens, Baron und Frau, und im lebhaftesten Gespräche mit diesem bayerischen Baron ein distinguierter aller Herr und zwei Damen. Und diese drei, das waren die Barbys."
„Die Barbys", wiederholte Czako, „Botschaftsrat oder dergleichen. Ja, gewiß, ich habe davon gehört; aber ich kann mich jedenfalls nicht erinnern, ihn und die Damen gesehen zu haben. Und sicherlich nicht an jenem Abend, wo ja von Vorstellen gar keine Rede war, die reine Völkerschlacht. Aber Sie wollen mir, glaube ich, von eben diesen Barbys erzählen."
„Ja, das wollt ich. Ich wollte Sie nämlich wissen lassen, daß Ihr Celibataire seit Ausgang vorigen Winters in eben diesem Hause regelmäßig verkehrt."
„Er wird wohl in vielen Häusern verkehren."
„Möglich, aber nicht sehr wahrscheinlich, da das eine Haus ihn ganz in Anspruch nimmt."
„Nun gut, so lassen wir ihn bei den Barbys. Aber was bedeutet das?"
„Das bedeutet, daß in einem solchen Hause verkehren und sich mit einer Tochter verloben, so ziemlich ein und dasselbe ist. Bloß eine Frage der Zeit. Und die Tante wird sich damit aussöhnen müssen, auch wenn sie, wie beinah gewiß, über ihr Herzblatt bereits anders verfügt haben sollte. Solche Dinge begleichen sich indessen fast immer. Unser Waldemar wird sich aber mittlerweile vor ganz andere Schwierigkeiten gestellt sehen."
„Und die wären? Ist er nicht vornehm genug? Oder mankiert vielleicht Gegenliebe?"
„Nein, Czako, von .mankierender Gegenliebe', wie Sie sich auszudrücken belieben, kann keine Rede sein. Die Schwierigkeiten liegen in was anderm. Es sind da nämlich, wie ich mir schon anzudeuten erlaubte, zwei Komtessen im Hause. Nun, die jüngere wird es wohl werden, schon weil sie eben die jüngere ist. Aber so ganz sicher ist es doch keineswegs. Denn auch die ältere, wiewohl schon über dreißig, ist sehr reizend und zum Ueberfluß auch noch Witwe — das heißt eigentlich nicht Witwe, sondern richtiger eine gleich nach der Ehe geschiedene Frau. Sie war nur ein halbes Jahr verheiratet, oder vielleicht auch nicht verheiratet."
„Verheiratet, oder vielleicht auch nicht verheiratet", wiederholte Czako, während er unwillkürlich sein Pserd anhielt. „Aber Rex, das ist ja hochpikant. Und daß ich erst heute davon höre und noch dazu durch Sie, der Sie sich von solchen Dingen doch zunächst entsetzt abwenden müßten/ Aber so seid ihr Konventikler. Schließlich ist all dergleichen doch eigentlich euer Lieblingsfeld. Und nun erzählen Sie weiter, ich bin neugierig wie ein Backfisch. Wer war denn der unglücklich Glückliche?"
„Sie meinen, wenn ich Sie recht verstehe, wer es war, der diese ältere Komtesse heiratete. Nun dieser glücklich Unglückliche — oder vielleicht auch umgekehrt — war auch Graf, sogar ein italienischer (vorausgesetzt, daß Sie dies als eine Steigerung ansehn), und hatte natürlich einen echt italienischen Namen: Conte Ghiberti, derselbe Name wie
der des florentinischen Bildhauers, von dem bfi> berühmten Türen herrühren."
„Welche Türen?"
„Nun, die berühmten Baptisteriumtüren in Florenz, von denen Michelangelo gesagt haben soll, ,sie wären wert, den Eingang zum Para- diese zu bildens Und diese Düren heißen denn auch, ihrem großen Künstler zu Ehren, die Ghibertischen Türen. Uebrigens eine Sache, von der ein Mann wie Sie was wissen müßte."
,La, Rex, Sie haben gut reden von .wissen müssen/ Sie sind aus einem großen Hause, haben mutmaßlich einen frommen Kandidaten als ßefjrer gehabt und sind dann auf Reisen gegangen, wo man so feine Dinge wegkriegt. Aber ichl Ich bin aus Ostrowo/
„Das ändert nichts."
„Doch, doch, Rex. Italienische Kunst! Ich bitte Sie, wo soll dergleichen bei mir Herkommen? Was Hänschen nicht lernt, — dabei bleibt es nun mal. Ich erinnere mich noch ganz deutlich einer Auktion in Ostrowo, bei der (es war in einem kommerzienrätlichen Hause) schließlich ein roter Kasten zur Versteigerung kam, ein Kasten mit Doppelbildern und einem Operngucker dazu, der aber keiner war. Und all das kaufte sich meine Mutter. Und an diesem Stereoskopenkasten, ein Wort, das ich damals noch nicht kannte, habe ich meine italienische Kunst gelernt. Die .Türen' waren aber nicht dabei. Was können Sie da groß verlangen? Ich habe, wenn Sie das Wort gelten lassen wollen, ne Panoptikumbildung "
Rex lachte. „Nun, gleichviel. Also der Graf, der die ältere'Komtesse Barby heiratete, hieß Ghiberti. Seiner Ehe fehlten indes durchaus die Himmeltüren, — soviel läßt sich mit aller Bestimmtheit sagen. Und deshalb kam es zur Scheidung. Ja, mehr, die scharmante Frau (.scharmant' ist übrigens ein viel zu plebejes und minderwertiges Wort) hat in ihrer Empörung den Namen Ghiberti wieder abgetan, und alle Welt nennt sie jetzt nur noch bei ihrem Vornamen."
„Und der ist?"
„Melusine."
„Melusine? Hören Sie, Rex, das* läßt aber tief blicken."
Unter diesem Gespräch waren sie bis an den Cremmer Damm herangekommen. Es dunkelte schon stark, und ein Gewölk, das am Himmel hinzog, verbarg die Mondsichel. Ein paarmal indessen trat sie hervor, und dann sahen sie bei halber Beleuchtung das Hohenlohedenkmgs, das unten im Luche schimmerte. Hinunterzureiten, was noch einmal flüchtig in Erwägung gezogen wurde, verbot sich, und so setzten sie sich in einen munteren Trab und hielten erst wieder in Kremmen vor dem Gasthause zum „Markgrafen Otto". Es schlug eben neun von der Nikolaikirche.
Drinnen war man bald in einem lebhaften Gespräch, in dem sich Rex über die in der Stadt herrschende Gesinnung und Kirchlichkeit zu unterrichten suchte. Der Wirt stellte der einen wie der andern ein gleich gutes Zeugnis aus und hatte die Genugtuung, daß ihm Rex freundlich zunickte. Czako aber sagte: „Sagen Sie, Herr Wirt, Sie haben da ein so schönes Billard: ich habe mir jüngst erst sagen lassen, wenn's wirklich flott gehe, so könne man's im Jahr bis auf dreitausend Mark bringen. Natürlich bei zwölfstündigem Arbeitstag. Wie steht es damit? Für möglich halt ich es."
Nach dem Eierhäuschen.
11. Kapitel.
Die Barbys, der alte Graf und seine zwei Töchter, lebten seit einer Reihe von Jahren in Berlin, und zwar am Kronprinzenufer, zwischen Alsen- und Moltkebrücke. Das Haus, dessen erste Etage sie bewohnten, unterschied sich, ohne sonst irgendwie hervorragend zu sein (Berlin ist nicht reich an Prioathäusern, die Schönheit und Eigenart in sich vereinigen), immerhin vorteilhaft von seinen Nachbarhäusern, von denen es durch zwei Terrainstreifen getrennt wurde; der eine davon ein kleiner Baumgarten, mit allerlei Buschwerk dazwischen, der andere ein Hofraum mit einem zierlichen, malerisch wirkenden Stallgebäude, dessen obere Fenster, hinter denen sich die Kutscherwohnung befand, von wildem Wein umwachsen waren. Schon diese Lage des Hauses hätte demselben ein bestimmtes Maß von Aufmerksamkeit gesichert, aber auch seine Fassade mit ihren zwei Loggien links und rechts ließ die des Weges Kommenden unwillkürlich ihr Auge darauf richten. Hier, in eben diesen Loggien, verbrachte die Familie mit Vorliebe die Früh- und Nachmittagsstunden und bevorzugte dabei, je nach der Jahreszeit, mal den zum Zimmer des alten Grafen gehörigen, in pompejifchem Rot gehaltenen Einbau, mal die gleichartige Loggia, die zum Zimmer der beiden jungen Damen gehörte. Dazwischen lag ein dritter großer Raum, der als Repräsentations- und zugleich als Eßzimmer diente. Das war, mit Ausnahme der Schlaf- Und Wirtschaftsräume, das Ganze, worüber man Verfügung hatte; man wohnte mithin ziemlich beschränkt, hing aber sehr an dem Hause, so daß ein Wohnungswechsel, oder auch nur der Gedanke daran, so gut wie ausgeschlossen war. Einmal hatte die liebenswürdige, besonders mit Gräfin


