Ausgabe 
25.10.1937
 
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Oer Brief der Mutter.

Von Rudolf Kreutzer.

Der Jnsanterieleutnant Peter Hagenberger stand in der frühen Däm­merung eines Maimorgens des Jahres neunzehnhundertsiebzehn m dem eingeebneten Laufgraben einer durch tagelange, feindliche Artillerte- beschießung verwüsteten Stellung des Chemin des Dames-Rückens bei Craonne in der Champagne. Er sollte, sobald das Licht des Tages es erlaubte, mit seiner Kompanie den in einzelne Granattrichter des Vor­feldes eingedrungenen Feind, Teile eines Zuavenregimentes, im Sturm­angriff aus den Stellungen werfen und das gewonnene Gelände bis zum Eintreffen der angeforderten und bang erwarteten Verstärkung halten. Die letzten Sterne waren schon verblaht, im Osten begann es allmählich zu dämmern, aus dem nebligen, milchigen Dunst des herauf- kvmmenden Tages hoben sich die grauen, matten Stahlhelme, die aus­gepflanzten Bajonette schimmerten fahl zwischen den Schultern der in dichter Reihe stehenden Sturmtruppe. Der Leutnant Hagenberger stand an die Grabenwand gelehnt, übernächtig und fröstelnd, den Kragen hoch­geklappt und die Hände in den Taschen vergraben und wartete auf den Ausgang der Sonne, den er irgendwie ersehnte und von dem er doch im Grunde seiner Seele eine unüberwindliche Angst empfand. En dachte, daß der anbrechende Tag vielleicht der letzte sei in seinem Leben, vor ihnen lag ein heimtückischer, grausamer Feind und er wußte, daß der Austrag, der ihm zuteil geworden war, in eine Hölle führte.

Der Leutnant Peter Hagenberger war kein Mann, der vor dem Tode zitterte, er war ein tapferer Offizier, aber er brauchte oft lange Zeit zu dieser Tapserkeit und wenn er es bedachte, so war dies eigentlich schon immer so gewesen. Jedesmal, wenn er so im Graben gestanden war, das Sturmgepäck schräg über die Brust geschnallt, zwischen den fahl schimmernden Bajonetten, in der wie eine Schlange gekrümmten Reihe seiner Infanteristen, hinter der die Unteroffiziere aufgeregt hin und her liefen und letzte Befehle erteilten, jedesmal wenn er so gestanden war, fröstelnd und an eine Grabenwand gelehnt, hatte ihn jenes grauen- erfüllte, zitternde Gefühl ergriffen, hatte etwas an feinem Herzen ge­rissen, von dem er nicht einmal mit Bestimmtheit hätte sagen können.

schöne Stimme Eine ihrer RomanzenPartant pour la Syne wurde zu ihrer Zeit überall viel gesungen. Durch Napoleons Sturz und den Einzug der Verbündeten in Paris fand das tmmerwahrende .Fest e jähes Ende. Aber während sonst die Bonapartlsten in alle Winde zer­stoben nahm der Zar Alexander von Rußland Josephine und ihre schone Tochter unter seinen Schutz. Josephine starb bald darauf, aber Hortens durste sich auch des Schutzes Ludwigs XVIII. erfreuen, ©te machte sich freilich bald verdächtig, da ihr Haus als Sammelpunkt für unzufriedene Bonapartiften galt. Bevor aber etwas gegen sie entschieden wurde, kehrte Napoleon von Elba zurück. Es folgten die hundert Tage, Waterloo und die endgültige Abdankung Napoleons.

Es war Hortenfe, bei der der gestürzte Löwe in Malmaifon Zuflucht suchte wo er feine letzten Tage in Frankreich verbrachte und Abschied nahm, von feiner Familie, feinen Freunden, vom Leb en. Hortense war schon auf die Nachricht von der Katastrophe zu ihm nach Pansgeeit und im ersten Augenblick unfreundlich empfangen wordenWas hat man Ihnen erzählt?" herrschte er sie an.Daß Sie Unglück gehabt haben, Sire", erwiderte sie schlicht. Er ließ sich von dem sansten Zauber ihrer Gegenwart sofort versöhnen und sagte ihr, es wurde chm eine Freude sein, bei ihr in Malmaison zu wohnen. In den Tagen der nttnemeinen Auflösung tat ihre Ergebenheit, die ruckhaltos, schwester- lich-töchterlich war, ihm wohl, ohne d ahirge ndw el che Z artlich leiten zwi­schen ihnen gewechselt wurden. Sie drängte ihn, das Kostbarste, was sie besaß, ein Diamanthalsband von ihm, anzunehmen. Er gab schließ lich nach und schenkte ihr dafür den Ehering ihrer Mutter.

Als Napoleon fort war, war auch für Hortense in Frankreich kein Raum mehr. Sie reifte mit ihren Kindern, unterwegs mehrfach als Bonapartin" vom Pöbel bedroht, nach der Schweiz. Mehrere Städte I weigerten sich, sie aufzunehmen, bis sie endlich in Arenenberg Zuflucht sand, wo sie zurückgezogen nur noch der Erziehung ihrer Sohne lebte. Der ältere der Söhne, der an der Revolution in Italien teilgenommen hatte fiel dort 1831 bei Forst; mit dem »weiten reiste Hortense bald daraus heimlich nach Frankreich und suchte die Gnade Loziis Philipps zu gewinnen. Der König nahm sie zwar freundlichi auf, verweigerte aber die Erlaubnis zur Heimkehr nach Frankreich, so daß Hortense mit ihrem nun dreiundzwanzigjährigen Sohn ^nach Arenenberg zurucklehren mußte. Sie hatte ihre Söhne in der napoleonischen Tradition erzogen, aber sie sollte den zweiten Aufstieg der Familie Bonaparte zur Macht nicht mehr erleben. Im Gegenteil, der mißglückte Staatsstreich von Straßburg tm Jahre 1836, mit dem ihr Sohn versucht hatte sich an die Macht zu bringen, verschlechterte ihre Situation erheblich Loms Napoleon wurde nach Amerika abgeschoben, und nur ihren persönlichen Bitten rind Be­mühungen gelang es, ihm die Erlaubnis zur Rückkehr zu erwirken. Diese letzte Enttäuschung aber hatte ihr Strafte gebrochen. Sie war 54 Jahre alt aber vom Leben zermürbt. In ihrem Testament schrieb sie:Ich habe meinem Sohn keinen politischen Rat zu geben. Ich weiß, daß er seine Stellung kennt und alle Pflichten, die fein Name ihm auserlegt . Bald darauf, am 5. Oktober 1837, starb sie. Ihre Ueberrefte ruhen in der Kirche von Rueil, an der Seite ihrer Mutter Josephine.

Das lebensvollste Bild dieser Frau besitzen wir in ihren eigenen MemRren, deren drei Bände auch ein wichtiges Kulturdokument ihrer bewegten Zeit bilden. Sie war eine Frau, die für den Frieden und die Liebe geschaffen war, fchön und blumenhast wie ihr Name, leicht­sinnig und lebenslustig. Aber ihr ganzes Leben stand tm Banne des qroßen Korsen, wurde durch ihn in Tragik, Verwirrung und Resignation getaucht, empfing aber auch durch ihn einen Hauch von Heroismus und geschichtlicher Größe.

ob es wirklich Angst gewesen war. Schon oft hatte er versucht, mit feinen Kameraden darüber zu sprechen, zu erfahren, ob auch sie em Aehnstches empfunden hätten, aber noch jedesmal war er wieder davon zurückqefchreckt, er hätte nicht die Worte finden können und es war ihm auch gewesen, als müßte er etwas Unwürdiges, ja Schimpfliches von sich bekennen. Heute aber schien es ihm. als wäre es noch nie so schamlos aufdringlich und verächtlich gewesen, dieses schimpfliche Ge­fühl, das mit dem Worte Angst zu bezeichnen er sich tm Innern stets geweigert hatte, zu Unrecht, wie es schien, geweigert hatte, und es über­kam ihn ein heftiger Zorn über sich felbft und über feine Feigheit wie er es jetzt offen und ohne jede Beschönigung nannte, über feine Feig­heit, die ihm den Schritt ins Unbekannte lähmte und die grauenvollsten Bilder des Todes vor feine Sinne stellte.

Er griff in die Brufttafche feines Waffenrockes und holte eine Schachtel Zigaretten hervor, von denen er sich eine zwischen die Lippen steckte und zu rauchen begann. Als er aber die Schachtel zurück in die Brusttasche schob, griff feine Hand ein knisterndes Papier und es fiel ihm ein, daß heute Nacht, vor dem Abmarsch tn die Stellung, die Feldpost ausgegeben worden war und daß ihm sein Diener einen Bries überbracht hatte, den zu lesen ihm bis jetzt die Zett und auch das notwendige Licht gemangelt hatte. Er begann darüber nachzusinnen, wer wohl der Absender des Brieses jein mochte, er dachte an Kame­raden, deren viele verwundet in den Lazaretten lagen, dachte an feine Freundin die jetzt zu dieser Stunde irgendwo im weißen Bette schlief, in Heidelberg vielleicht ober in Rudesheim, und je mehr er darüber nackst)achte, desto stärker erwachte in ihm das Verlangen, den Brief her­vorzuholen und zu lesen, wuchs in ihm die Ungeduld nach dem Aufkom­men des ersten Tageslichtes. Schon Hoden sich, ungewiß und schattenhast, die nahen Dinge der Umgebung aus dem grauen Dämmer, das z^- splitterte Astwerk eines zerschossenen' Baumstumpfes, das gespenstische Gewirr des zerfetzten Drahtverhaues vor den Gräben, aber es war noch immer zu dunkel um zu lesen und der Leutnant Peter Hagenberger stand immer noch an die Grabenwand gelehnt, und indem er an seiner Ziga­rette zog und an sein ungewisses Schicksal dachte, fiel ihm ein, daß das, was er als Angst, ja selbst als Feigheit vor sich selbst empfand, er nie­mals hätte vielleicht empfinden müssen, wenn nicht in jeder Lage seines Lebens an der Front sein Herz wie mit geheimen Faden an die Heimat gebunden gewesen wäre. Man müßte ganz allein sein hier und nur auf sich gestellt, dachte er. Immer ist es, als ob die zu Hause hinter einem stünden und zusähen, ob man es auch richtig macht, ob einem nicht die Angst am Herzen frißt. Er warf die Zigarette in den Graben und zertrat die Glut: Es ist nicht die Angst der Kreatur, dachte er, die natürliche, begreifliche, es ist die Angst, nicht in Ehren bestehen zu können vor den unsichtbaren Augen, die einem über die Schulter

^°Es" war heller geworden inzwischen, und er konnte in die Gesichter von ein paar Infanteristen sehen. Sie starrten zu ihm her, fragend und fast verwundert und eines Befehls gewärtig, der sie m dos Un- aeroiffe in die Hölle, führen sollte. Der Leutnant Hagenberger erschrak, er blickte auf die Armbanduhr, die Zeit war da, er hatte jetzt wohl das Kommando geben und aus dem Graben springen müssen. Aber der Bnef fiel ihm ein, hastig griff er in die Tasche und holte ihn hervor und da er ihn nahe vor die Augen hielt, erkannte er auf dem Umschlag die Schrift es war nicht die Schrift der Freundin in Heidelberg ober Rudes- jjeim es war die Schrift der Mutter, und er riß den Umschlag ab und begann mühsam im matten Schein des Frührotes zu lesen. Es waren Glückwünsche, die ihm die Mutter schrieb, Glückwünsche zu einer Kriegs­auszeichnung, die ihm verliehen worden war in diesen Wochen, wegen seines tapferen und umsichtigen Verhaltens vor dem Feind in jener mörderischen Offensive, die seit den Tages des April über die Stel­lungen des Winterbergs und des Dornenweges brauste und in der sich der Feind den Durchbruch durch die deutschen Stellungen zu erzwingen gehasst hatte Der Leutnant Hagenberger lächelte, es überkam ihn ein Gefühl der Liebe und der Rührung bei dem Anblick der etwas unbeholfenen und zitterigen Schrift, aber plötzlich blieben feine Augen an einem Satze haften den er zum zweiten Male lefen mußte.Mein lieber Sohn , stand da geschriebenich könnte Dir sagen, daß ich stolz bin auf Dich und auf die Ehre, die Du Deiner alten Mutter machst. Allein Ich denke, daß in dieser Welt der Pflicht, in der ihr alle lebt, ihr nicht so sehr des Stolzes und der Ehre bedürftig seid, als des Gefühls der Liebe. Darum mein lieber Sohn, sollst Du mir glauben, daß es mich freut, wenn Di, mir Ehre machst, daß aber Deine Mutter immer Deine Mutter bleiben wird, selbst wenn Du einmal meinst, ihr Unehre zu machen. Gott er­halte Dir Dein tapferes Herz, doch wenn Dich je der Mut verlassen sollte, so denke an diese Worte Deiner Mutter."

Als der Leutnant Hagenberger den Bries wieder zusammenfaltete, sah er aufschauend die Blicke seiner Mannschaften auf sich gerichtet. Er schob den Brief in die Tasche und schwang sich über die Grabenwand und sein Rui war so hart und hell, fast jubelnd, daß seine Jnsanteristen mitten im Sprunge verwundert nach ihm schauten. Sie rannten über den Drahtverhau, über das Trichterfeld, sie stürmten vorwärts, sie sahen nicht, daß mancher von ihnen fiel, und nicht mehr aufstand, sie horten Schreie und schrien selbst, Schüsse peitschten und Blitze flammten vor ihren Gesichtern und dann brach es wie ein Gewitter über sie herein, und der Leutnant Hagenberger schlug mit den Fäusten um sich, sah em Messer blitzen über sich, schoß aus seiner kleinen Pistole um sich her, fiel zu Boden und raffte sich wieder auf und bann, auf einmal, waren sie in den Trichtern und sahen den Feind in rasender Flucht nach rück­wärts laufen. , ,

Eine Weile später saß der Leutnant Peter Hagenberger, noch mit dampfendem Atem und mit schweißübergossenem Gesicht, aber mit einem Lächeln des Glücks auf den Lippen in einem der eroberten Trichter uno las noch einmal, diesmal ohne Mühe und im Glanz der aufgegangenen

| Sonne den Brief feiner Mutter.

Derantwortlich: Dr. Hans Thyriot. Druck und Verlag: Brühlsche Universitätsdruckerei «.Lange, Gießen.