Ausgabe 
25.10.1937
 
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Siebzehn Kastanien.

Eine herbstliche Geschichte von Eberhard Meckel.

Manche Menschen werden, wenn das Jahr immer mehr in den Herbst gerät und sich von draußen mit einem trüben und von eiligen Wolken befahrenen Himmel im Fenster zeigt, melancholisch. Sie bekommen dann, wie man zu sagen pflegt, ihren herbstlichen Koller, gegen den nichts hilft als ein planlos stürmisches Lausen über die Felder und in die Wälder. Auch Peter wurde eines Tages, eines grauen windigen Tages, da es die Blätter scharenweise an den Scheiben vorübertrieb, plötzlich in dieser Art erfaßt; kurz enischlossen warf er seine Studierbücher hin, griff sich den Hut vom Haken und marschierte, von nichts getrieben als von dem Gefühl, sich die vergangene, endgültig vergangene Sommer­zeit von der zwanzigjährigen «Seele laufen zu müssen, in ungewisser Richtung los.

Der Weg führt ihn aus der Stadt hinaus, rechts und links standen große Kastanienbäume, und sooft der schwere Arm des Sturmes in das Geäst brausend griff, platschten die stacheligen Kugeln herab, öffneten sich beim Aufprall auf den Boden mit leisem Knall, und heraus rollte aus feinem weißen Gehäuse der rotbraune Inhalt, fettig glänzend, frisch wie eine verlockende Frucht. Ab und zu wurde Peter an Kopf und Arm unsanft von den fallenden Kastanien getroffen; gedankenlos hob er, wie er es als Kind getan, im Weitergehen eine Anzahl der großen und kleinen Dinger auf und steckte sie zu sich in die Tasche.

Er war noch nicht weit gelangt, stapfte mürrisch zwischen Gärten und Lauben dahin, als auf einmal aus einem offenen Tor mit viel Gebell ein Hund hervorschoß, offenkundig in der Absicht, sich auf den eiligen und dadurch verdächtigen Wanderer zu stürzen. Peter, eine Sekunde wehrlos, erinnerte sich des aufgelesenen harten Gutes in der Tasche und wozu hat man Kastanien", dachte er geschwind holte ein paar hervor, warf sie blitzschnell zur Abwehr und traf mit einer genau die Schnauze des wütenden Tieres, das sichtlich ernüchtert nun schleunigst wieder kehrtmachte und sich mit Geheul dahin zurückzog, woher es ge­kommen. Und schon wollte der Sieger in jäh aufwallendem bubenhasten Gefühl des Triumphes über die Kreatur weitergehen, da erreichte aus nächster Nähe eine scheltende weibliche Stimme demütigend fein Ohr: Pfui, man wirst nicht gleich mit Steinen einen Hund, der keinem Menschen etwas tut!"

Peter wandte sich betroffen um und sah an einem Zaun, zwischen Dahlienbüschen hervorgetreten, ein junges Mädchen stehen, das ihn mit erzürnten Blicken maß.Entschuldigen Sie", sagte Peter, höflich den Hut vom Kopfe rückend, so daß (oh, er wußte die Wirkung) sein dunkel­blonder Schopf wie eine Lockenflut ihm ins Gesicht fiel,entschuldigen Sie, es waren keine Steine, die ich warf, sondern Kastanien." Und, mit einem Schritt die empörte Ruferin erreichend und nun dicht vor ihr stehend, wobei er ihr in bas von ihm mit ehrlicher Ueberraschung wahr­genommene, jetzt schon weniger böse dreinschauende, bezaubernd hübsche Gesicht blickte, fügte er lächelnd hinzu:Hätte ich allerdings geahnt, daß es 3f)r Hund ist, ich hätte mich gerne von ihm beißen lassen".

Für ein paar Augenblicke fiel nun fein Wort zwischen beiden, die sich nur schweigend teils neugierig, teils zurückhaltend betrachteten; dabei fand Peter das Mädchen immer reizender, und auch ihr gefiel er nicht übel, nein. Schließlich bemerkte sie, um die schon ein wenig peinliche Pause zu überbrücken, mit leisem Spott:Sie haben wohl noch mehr Kastanien" und wies mit der Hand aus seine prall gefüllte Rocktasche. Soviel Sie wollen", gab Peter zurück,das heißt, solange der Vor­rat reicht", und begann die Kastanien eine nach der andern hervor­zukramen und ihr einzeln zu geben. Das Mädchen nahm sie zwischen hre kindlichen Finger;siebzehn haben Sie!", rief sie aus. als eine iebzehnte indianerrote Kugel nach einigem Suchen ans Tageslicht ge­ordert ward,siebzehn, genau so viele, wie ich alt bin'.Das paßt ja ausgezeichnet", meinte Peter und unterdrückte schnell eine achtzehnte und letzte, die ihm eben noch in die Hand geraten war, indem er sie wieder in die Tiefen der Tasche zurückfallen ließ.Ich schenke Sie Ihnen alle", erklärte er großmütig,tragen Sie sie immer bei sich in der Tasche, dann haben Sie ein Jahr lang kein Rheumatismus! , und druckte bei der Uebergabe der siebzehnten Kastanie ein klein wenig mehr als unbedingt nötig war, die Hand seiner apfelbackigen Ausschimpsenn.

Aber ich habe gar keine Taschen", ließ die sich mit gemachter Be­trübnis vernehmen; die Beleidigung, die darin lag, ihr mit siebzehn Jahren Rheumatismus zuzutrauen, schien sie überhort zu haben.Ich würde sie sonst immer gewiß tragen, well sie von Ihnen sind! ergänzte sie den Satz und blitzte ihr Gegenüber aus ihren dunklen Augen an wie mit einem Feuer. Das leise schelmische Zucken, das dabei gemischt sein sollte, mißlang jedoch; sie war eben noch unerfahren auf dem Gebiet weiblicher Koketterie, stellte Peter, der alles wohl bemerkte, mit Ge­nugtuung für sich selbst fest; um nichts in der Welt hatte er diesen Blick weggegeben, der freilich mehr Kompliment für ihnenthielt, als seinem Studentenherzen gut tat. Denn er wollte nun übermütig roeröen roie ein junger Gaul; in plötzlicher Erinnerung jedoch an den Grund eines herbstlichen Äusmarsches lieh er fein Gesicht von Schwermut umfloren.

Das Mädchen hintenn Zaun nahm das sogleich wahr, Bestürzung spiegelte die glänzende Tiefe ihrer Augen und teilnehmend fragte sie, ob ihm etwas fehle.Die Sonne, der Sommer! , Peter leiden­schaftlich hervor und ging in derbe Verwünschungen des f^noöen 5)6^- stes über, der alles kahl mache und melancholisch, einsam, wüst und leer.

Wieso wüst und leer?" ward ihm zur Antwort; zwei .zierliche Hände wiesen auf die Büsche von Dahlien und Herbstastern, Chrysan­themen und anderen bunten Blumen umher.Es ist eine törichte nung, der Herbst sei häßlich"; sie rühre nur daher, daß man sich ge­wöhnt habe, immer nur vom Sterben in der ^tur zu sp ch statt daran zu denken, wie jetzt schon Im Grunde sich °lles insgeheim wieder rüste, nach der Winterruhe in neuen Bluten und Blattern auf- zuerstehen.Wie mit dem Regen ist es , fuhr sie fast aufge gt s

von dem man schon die kleinen Kinder lehrt, er bedeute schlechtes und häßliches Wetter." Würde man ihnen jagen, auch Regen fei schönes Wetter, und ginge diese Meinung in alle Menschen über, stünde es sicher anders und fröhlicher auf der ganzen Welt! Nein, der Herbst macht nicht wüst und leer, traurig und einsam", bekräftigte sie noch einmal energisch das Ende ihrer langen Rede und, wie zum Beweis, riß sie von den nächsten Büschen an Blumen ab, was ihr unter die Finger kam und gab sie ihm:Sind sie nicht herrlich? Das gibt es eben nur im Herbst!"

Davor mußte sich Peter endgültig geschlagen bekennen;sie hat eigent­lich recht", dachte er,man kann die Welt auch so betrachten, und das ist sicher nicht schlechter!" verflogen war mit einem Male seine herbstliche Riedergeschlagenheit, und Fröhlichkeit gewann wieder die Oberhand in ihm.Jawohl, es stimmt, was Sie sagen!" sagte er, und ehe sich das Mädchen hinter dem Zaun versah und sich wehren konnte, hatte es einen Kuß mitten auf den Mund bekommen.

Darf ich mir noch öfters Blumen abholen?" fragte er gar nicht verlegen» wobei er es aber doch für ratsamer hielt, schnell zwei Schritte zwischen sich und die von dem stürmischen Uebersall Verdutzte zu legen und sich langsam wieder zum Gehen zu wenden. Die Bewegung, die ihm von der immer noch Sprachlosen als Antwort ward, konnte Drohung bedeuten oder Verheißung. Peter aber, sich nun endgültig ent» sernend, nahm sie als Verheißung; wie verzaubert dünkte ihm nun der Herbst, wo man mit einem hübschen Mädchen übern Zaun reden, von ihm Blumen geschenkt bekommen und ihr selbst einen Kuß stehlen konnte. Vergessen war alles, was ihn vorhin hinausgetrieben hatte. Im tüchtigen Ausschreiten in der Richtung nach Hause zu seinen Studierbüchern spürte er die vorhin unterdrückte Kastanie in der Tasche: Er nahm sie hervor und, indem er die vorhin gehörten Worte laut wiederholte:Nein, der Herbst macht nicht wüst und leer, traurig und einsam!", warf er sie hoch in die Luft. In ihrem Rostbraun schien sich der. ganze Glanz der Jahreszeit zu spiegeln ...

Oie Mutter Napoleons 111.

Von Annemarie von Puttkamer.

Es sind in diesem Monat hundert Jahre her, daß in ihrer Villa in Arenenberg in der Schweiz Hortense Beauharnais starb, die Stieftochter und Schwägerin Napoleons, lange Jahre von Napo­leons Gnaden Königin von Holland, Mutter Napoleons Hl. Der Glanz der Kronen, der durch die Che ihrer Mutter mit Napoleon auch auf sie fiel, hat der Tochter des Vicomte de Beauharnais kein Glück ge­bracht. Als Kind hatte sie die unglückliche Ehe ihrer Eltern mitange« sehen, später die Schrecken der Revolution erlebt, die ihren Vater, ob­gleich er anfangs ein begeisterter Parteigänger der Revolution war, zuletzt doch aufs Schafott schickte, ihre Mutter ins Gesängnis brachte. Schlimme Jahre für Hortense und ihren Bruder Eugene! Bessere Tage kamen erst, als ihre Mutter den General Bonaparte heiratete. Don nun an erhielt Hortense eine sehr sorgfältige Erziehung, die den be­weglichen Geist des schönen, begabten Mädchens vielseitig bildete. Mit 17 Jahren war Hortense die Zierde der ersten Gesellschaft des Kon- ulats. Böse Zungen behaupteten, daß sie ihrem Stiefvater allzstnahe tünde. Jedenfalls war ihr in den Familienplänen Napoleons eine be- timmte Rolle zugedacht. Anstatt sie ihrem Herzen folgen zu lassen, las sie zu dem General Duroc zog, verheiratete er sie mit 19 Jahren mit feinem Bruder Louis.

Schlechter konnten zwei Ehegatten nicht zueinander passen: Louis Bonaparte war eigensinnig, brutal, unappetitlich und mißtrauisch; Hor­tense weich, zärtlich, liebebedürftig und musischen Geistes. Der Cha­rakter ihres Gatten entsprach ihr ebenso wenig wie das nebelige Klima des Haag, wohin sie übersiedeln mußte, als der Kaiser seinen Bruder zum König von Holland machte. Der Ehe entsprossen in den ersten Jahren zwei Söhne, von denen Napoleon den ältesten zu adoptieren und als seinen Nachfolger zu erziehen wünschte. Louis widersetzte sich jedoch standhaft allen solchen Absichten, die geeignet gewesen wären» den umlaufenden Gerüchten nur neue Nahrung zu geben. Uebrigens starb der Knabe in zartem Alter. Nach seinem Tode entfloh Hortense für längere Zeit dem traurigen Hof des Haag und suchte im sonnigen Savoyen Genesung und Abwechslung. Dort stieß ihr ein furchtbares Erlebnis zu: ihr« Jugendfreundin, die Generalin Broc, die zu Hortense geeilt war, um ihr Gesellschaft zu leisten, versank bei einem Spazier­gang vor den Augen der Königin in einem Abgrund, aus dem sie nicht lebend geborgen werden konnte.

Napoleon versuchte, zwischen dem Ehepaar zu vermitteln, er schrieb nach beiden Seiten mahnende Briefe, und auf seine Bemühungen hin kam tatsächlich eine Aussöhnung zustande, die allerdings nur von kurzer Dauer war. Dieser Aussöhnung verdankte ein Dritter Knabe sein Leben, ein Achtmonatskind, das |o zart war, daß es nur durch die größten Anstrengungen der Aerzte am Leben erhalten werden konnte Aber gerade dieses Kind war es, dem von allen Erben napoleonischen Blutes die größte weltgeschichtliche Bedeutung beftimmt war. Als Napoleon III. sollte er das zweite Napoleonische Kaiserreich errichten und verspielen und dadurch mittelbar auch ein Wegbereiter der deutschen Einigung werden.

Nach der Scheidung Josephines lebte Hortense meistens in Malmaison bei ihrer Mutter, zeigte sich aber auch viel am Hof. Ihre Bitte, auch ihre Ehe fcheiden zu lassen, fand bei Napoleon kein Gehör. So blieb ihre tiefste Herzensbindung, die Beziehung zum Grasen von Flahaut, un- gesetzlich. Der Sohn, der dieser Beziehung enfiproh, spielte spater im Zweiten Kaiserreich als Herzog von Morny neben seinem Halbbruder eine bedeutende politische Roll«. Hortense, nach wie vor als eine der schönsten Frauen Frankreich gefeiert und stets von einem Schwarm von Künstlern und Dichtern umgeben, teilte ihre Tage zwischen ihrer glück­lichen Liebe, einer leidenschaftlichen Blumenpflege sowohl in Ma maison als auf ihrem eigenen Besitzungen, die der Kaiser ihr geschenkt batte, und dem Dichten und Komponieren von Liedern für Flahauts berühmt